Seehofers Investment für Sport

Code Gold-Plan

Von Anno Hecker
09.12.2019
, 09:11
Horst, der Starke? August, der Gleichnamige, setzte aufs Pferd, Seehofer auf eine goldene Zukunft für und mit dem Sport.
Bundesinnenminister Seehofer überrascht mit dem Angebot, die Sportstätten im ganzen Land modernisieren zu wollen. So ein Milliardenprojekt soll der Gesellschaft dienen.
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Die Dinge müssen von Herzen kommen, sagte der Minister: „Damit sie gelingen können.“ Applaus für Horst Seehofer von einem Plenum, das ohne Herzblut bei der Organisation des Sports in Deutschland längst auf der Strecke geblieben wäre. Der Bundesinnen- und Sportminister von der CSU traf den Nerv der meisten Delegierten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) auf der Mitgliederversammlung am Samstag in Frankfurt, als er mit leichter Hand und lockerer Zunge eine große Perspektive anbot. Nein, nicht zuerst die Aussicht auf ein nationales Programm für Olympische Spiele in der Heimat. Nice to have, das wäre ganz schön. Seehofer scheint etwas anderes am Herzen zu liegen. Etwas größeres, neudeutsch „Nachhaltigeres“ für die Seele der (aktiven) Sportfreunde: einen goldenen Plan.

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Etwa den Goldenen Plan? Altgediente Sportfunktionäre, nicht die kleinste Gruppe unter den Gestaltern, leuchteten die Augen. Der „Goldene Plan“ ist das Code-Wort für die Entwicklung der jungen Bundesrepublik zur Sportnation. Dahinter steckte nicht Olympiagold, nicht das Drama von Sieg oder Niederlage im kollektiven Gedächtnis, sondern zuerst ein Sportstättenförderprogramm: der Sportplatz auf dem Dorf, das Schwimmbad um die Ecke, die Turnhalle, mit Segen von Kanzler Konrad Adenauer selig, 1953 von der Deutschen Olympischen Gesellschaft initiiert, von 1960 an umgesetzt. 37,4 Milliarden Deutsche Mark investierten die Steuerzahler und brachten sich damit segensreich in Bewegung. Von 1993 profitierten die fünf neuen Bundesländer vom Goldenen Plan Ost mit einem Investitionsvolumen in Höhe von 300 Millionen Euro.

Geber: Bundesinnenminister Horst Seehofer, hier bei der DOSB-Mitgliederversammlung in Frankfurt
Geber: Bundesinnenminister Horst Seehofer, hier bei der DOSB-Mitgliederversammlung in Frankfurt Bild: dpa

„Sie wissen“, rief Seehofer in den Saal, „zweimal hatten wir einen Goldenen Plan, das waren ganz erfolgreiche Operationen. Wir überlegen im Bundesinnenministerium, gemeinsam mit Ihnen einen neuen Goldenen Plan aufzulegen. (...) Ich bin bereit, in sehr überschaubarer Zeit, eine Konzeption zu entwickeln, wie so ein Plan realisiert werden kann.“ Und weil des Ministers Wunsch, wie er launig vortrug, in seinem Ministerium als Auftrag verstanden werde, entstand eine Bindung zwischen denen da oben in Berlin und jenen, die unten täglich sehen, wo der Schuh drückt. „Das wäre ein Ding, wenn eine Goldner Plan durchgesetzt werden könnte“, sagte Rolf Müller, Präsident des Hessischen Landessport-Bundes, und seit mehr als fünfzig Jahren im Vorstand eines Vereines: „Die (Vereine) haben ganz andere Sorgen als Olympia.“

Es gingen Herzen auf im Saal des Kap Europa. Weil Funktionäre mit intensivem Basis-Wissen von der Wirkung selbst kleiner Gaben auf die Stimmung in den Kernzellen des Sports überzeugt sind. „Sie glauben gar nicht, wie dankbar ein Vereinsvorsitzender schon für 1000 Euro ist“, erzählt Christoph Niessen, Vorstand des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen. Der Goldene Plan als brillanter Schachzug, Lethargie, Verdruss und Protestwählern mit einem Aufschwung zu begegnen? Seit vielen Jahren verweist der organisierte Sport auf marode Sportstätten, bittet um Hilfe bei Modernisierungen, skizziert die veränderten Interessen der Mitglieder vor dem Hintergrund anderer Bewegungsformen und die dringend nötige Anpassung.

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Der Freiburger Kreis, die Vereinigung der größten Sportvereine des Landes, bewegte seine 186 Mitgliedsklubs, die Bundestagsabgeordneten ihrer Landkreise auf Missstände hinzuweisen. Sportvereine, die vor Jahren Sportstätten übernahmen, um Ganztagsangebote bieten zu können, sind überfordert, wenn sie Sanierungen alleine tragen müssen. Die Botschaft ist angekommen. „Nur mit erstklassigen Sportstätten könne wir Breitensport und Spitzensport als tragendes Element unserer Gesellschaft erhalten“, sagte Seehofer. Nicht dieses Wort zum Sonntag, sondern die am Samstag formulierte Aussicht auf eine mittelfristige Bescherung überraschte die Kärrner der deutsche Sportbewegung: Da geht ja was im ganz großen Stil. Der Goldene Plan ist ein Milliarden-Projekt.

Für eine erfolgreiche Umsetzung muss mehr dahinter stecken als ein Herz für den Sport. Etwa das politische Kalkül des früheren Ministerpräsidenten von Bayern, „auf all die gesellschaftspolitischen Fragestellungen der heutigen Zeit zu antworten“. So entstand ein Kontext etwa zur Rede des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) über die Bedeutung der gut 90.000 Vereine im Land als Klebstoff einer auseinanderdriftenden Gesellschaft. Kluge Politiker faseln beim Gedanken an den Sport nicht mehr von „der schönsten Nebensache der Welt“, sondern von „notwendigen Dingen“, von „Bewegungskultur“, von „Altersgerechtigkeit“ oder von der zunehmenden „Schwimm(un)fähigkeit“ der Kleinen, was auch als Symbol für einen Kampf ums Überleben gesehen werden soll.

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Hier und dort steht das Wasser bis zum Hals. Seehofer nimmt mit einem Goldenen Plan die Interessen des Sports auf in sein großes Bild von Gesellschaftspolitik. Mit Hilfestellung an der Basis Zufriedenheit fördern, das Abdriften der Unzufriedenen bremsen, den Klimaschutz mit der Sanierung der alten Sportstätten steigern, Integration einen Spielraum ermöglichen. Der erste Schritt dazu ist eine intakte Infrastruktur. Die Toilette muss wieder benutzbar und das Duschwasser warm sein.

Mittelfristig würde ein Goldener Plan nach Ansicht der Experten aus den Landessportbünden die Sportkultur im „Sportdeutschland“ von DOSB-Präsident Alfons Hörmann ändern. Denn es wird nicht vorrangig darum gehen, neue Fußballplätze nach Vorgaben der Verbände in voller Breite und Länge, neue Sporthallen mit allen Maßen für den Leistungssport zu bauen. „Der Bedarf“, sagt Jörg Ammon, der Präsident des Bayerischen Landessportverbandes, „hat sich verändert. Es reicht auch mal das Kleinfeld oder ein mittelgroßer Raum mit Duschen, um den Interessen zu genügen.“ Der LSB Nordrhein-Westfalen hat sich längst damit angefreundet, Sportlern ohne Mitgliedsausweis, den Kreativen im öffentlichen Raum wie all den Skateboardern, Parcoursfreaks, den Breakdancern Angebote zu machen, ohne Gegenleistungen zu fordern.

Von 2025 an werden Vereine wegen des dann gültigen Rechtsanspruches auf einen Ganztagsplatz in der Schule zur nächsten Reaktion gezwungen, falls sie im Rennen bleiben wollen. Die Kampfzone um Mitglieder und Spielraum wird noch größer. Parallel dazu gehen die Geburtenstarken Jahrgänge in Rente, wollen tagsüber Sport treiben, suchen Räume wie Trainer. Auf den Sport rollte ein enormes Beschäftigungsprogramm zu: „Wir haben dann“, sagt Ammon, „die fittesten Pensionäre und die unfittesten Kinder.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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