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IOC-Erklärung für Athleten

„Letztlich geht es um die UN-Menschenrechte“

Von Michael Reinsch
 - 09:01
Die Athleten sorgen für das Spektakel – aber welche Rechte sollen sie haben? Die neue IOC-Erklärung ist umstritten.

Lenka Dienstbach-Wech, 42 Jahre alt und Unfallchirurgin in Frankfurt, ist ehemalige Weltmeisterin im Achter und Athletensprecherin im Welt-Ruderverband. Sie hat die Erklärung der Athletenrechte durch das Internationale Olympische Komitee (IOC), das am Dienstag in Buenos Aires verabschiedet wurde, mit formuliert.

Wie sind Sie in die Lenkungsgruppe geraten?

Ich bin Vorsitzende der Athletenkommission im Welt-Ruderverband Fisa. Meine letzten Olympischen Spiele waren die von Peking 2008. Im nächsten Jahr bin ich raus aus der Athletenkommission, dann rücken junge Leute nach. Auf dem Forum für Athletensprecher, das das IOC alle zwei Jahre veranstaltet, wurde 2017 in Lausanne die Initiative für die Athletenerklärung vorgestellt. Die IOC-Athletenkommission hätte gern eine solche Charta. Athletenvertreter haben auf einem Workshop Themen entwickelt, die dafür wichtig sind: Rechte und Pflichten der Athleten. Dann wurden Plätze in der Steuerungskommission ausgeschrieben. Ich habe mich beworben und bin reingewählt worden.

Welche Kompetenz haben Sie eingebracht, und wie viel Zeit haben Sie aufgewandt?

Ich war von 1995 bis 2008 Athletin auf hohem Niveau, kann also aus großer Erfahrung schöpfen, nicht nur aus der eigenen, sondern auch aus dem, was ich von anderen Sportlerinnen und Sportlern erfahre. Meine Erfahrung als Ärztin habe ich im Bereich des Schutzes der Athleten vor Gewalt und Missbrauch, ihrer physischen wie mentalen Gesundheit eingebracht. Seit dem ersten Treffen 2017 hatten wir monatlich Videokonferenzen und wöchentlich E-Mail-Kontakt.

Am Wochenende haben Menschenrechtsorganisationen und Athletenvertreter, auch die aus Deutschland, die Erklärung der Athletenrechte kritisiert und gefordert, dass sie nicht verabschiedet werde. Können Sie das verstehen?

Ich hatte erwartet, dass es Kontroversen und Kritik gibt; wir haben auch unter uns viel diskutiert. Überrascht hat mich die sehr ablehnende Haltung. Wir haben versucht, ein Dokument zu erstellen, das weltweit allen Athleten gerecht wird, egal aus welchem Land, egal aus welcher Sportart sie kommen.

Haben Sie den Eindruck, es ist gelungen?

Dies ist ein lebendiges Dokument. Es ist nicht so, dass wir es verabschieden und sagen: Das ist es für die nächsten fünfzig Jahre. Wir sind uns einig, dass dieses Dokument mindestens alle vier Jahre überarbeitet und, wenn nötig, aktualisiert wird. Uns ist es wichtig, dass dies nicht statisch ist, sondern transparent und beweglich. Es soll sich entwickeln.

Warum haben Sie es nicht veröffentlicht? Bis Montag war es nirgendwo zugänglich, was auch Kritik an Ihrem Verfahren ausgelöst hat: Es sei intransparent.

Ein Dokument in der Entwicklung ist zunächst ein Arbeitspapier. Das wird in keiner Organisation geteilt, weil dann sofort Kritik kommt. Wir wollten uns die Zeit nehmen, verschiedene Expertise zu nutzen und Menschenrechtsorganisationen, Verbände und vor allem Athleten zu konsultieren. Der Vorgang war praktisch von der Geburtsstunde an transparent, denn jeder war aufgerufen, teilzunehmen. Das war ein öffentlicher Vorgang. Nun, da das IOC zugestimmt hat, kann man das Dokument runterladen.

Athleten und Menschenrechtler beklagen, dass die Erklärung unausgereift sei und mehr schade als nütze, zumal das IOC die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte selbst nicht implementiert habe.

Den Vorwurf, der Text sei unausgereift, kann ich nicht teilen bei der Arbeit und den Konsultationen, die da drinstecken. Ich bin überzeugt, dass wir ein gutes Dokument haben – was nicht heißt, dass es nicht noch besser werden kann. Wer jetzt kritisiert, hat den Zeitpunkt verpasst, mitzuwirken. Mehr als viertausend Athleten haben sich bemüht, durch die Fragebögen zu gehen und wertvolle Informationen beizusteuern. Das war ein öffentlicher Prozess, und dass sie da nicht mitgewirkt haben, finde ich schade.

Sie hatten keinen Kontakt?

Wir haben das nicht im stillen Kämmerchen betrieben. Es war bekannt, dass wir daran arbeiten. Athletenvertreter des deutschen Sports haben den Fragebogen ausgefüllt. Aber niemand aus der Athletenkommission hat mich kontaktiert. Andere haben das getan und Fragen und Kritik in unsere Diskussion eingebracht. Gelegenheit war da.

Welche Organisationen haben Sie kontaktiert?

Wir haben mit der Internationalen Arbeitsorganisation ILO gesprochen, mit dem Internationalen Gewerkschaftsbund, der International Organisation of Employers und im Sport mit der World Players Association.

Die Spielergewerkschaft und ihr Geschäftsführer Brendan Schwab kritisieren Sie nun scharf.

Aber sie waren involviert.

Wollen diejenigen, die Sie nun kritisieren, dasselbe wie Sie?

Jeder hat seine eigene Agenda. Letztlich dreht sich alles um die UN-Menschenrechte. Darauf basiert unsere Erklärung. Wir haben sie aber spezifisch für Athleten formuliert. Sobald sie ratifiziert und verfügbar ist, wird man sehen, dass wir auch gewisse Pflichten für Athleten formuliert haben.

Welche?

Zum Beispiel die, dass sie der Vorbildfunktion, die sie in der Gesellschaft haben, gerecht werden müssen. Unser Dokument ist sehr spezifisch auf Sportler ausgerichtet. Das muss weltweit passen und auch für diejenigen Sportler gelten, die nicht in einem Vertrag stecken, wie fast alle Sommersportarten außer den großen Spielsportarten, und die auch keine mächtige Gewerkschaft hinter sich haben. Wir haben auch an die gedacht, die mit Unterstützung der Sporthilfe oder anderer Förderer über die Runden kommen, die sich selbst vermarkten. Auch sie haben Rechte.

Die Athletenvertreter Deutschlands haben verlangt, dass das IOC ein Viertel seiner Einnahmen direkt an die Olympiateilnehmer auskehren solle. Wie stehen Sie dazu?

Die gegenwärtige Verteilung der Gelder zu überdenken ist eine gute Forderung, allerdings kann ich der pauschalen Forderung nach einem Viertel nicht zustimmen. Die Verbände profitieren direkt von den Einnahmen Olympias, schließlich haben sie Nachwuchs- und Jugendarbeit zu leisten. Man kann sicher darüber diskutieren, wie man Verbände dazu bringt, ihre Arbeit besser zu machen. Die Forderung hat eine gute Diskussion angestoßen. Die Vorstellung, dass Sportler ein Recht auf direkte Partizipation an den Einnahmen des IOC haben, unterschreibe ich nicht. Aber wir werden das sicher weiter diskutieren.

Hatten Sie den Eindruck, dass das IOC Sie als Feigenblatt benutzt, um sich darauf berufen zu können, es setze Wünsche und Forderungen der Athleten um?

Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir ein Feigenblatt waren. Das Steering Committee wurde von Sarah Walker geleitet, die Mitglied der Athletenkommission des IOC ist. Kirsty Coventry, die Vorsitzende der IOC-Athletenkommission, war bei einigen Telefonkonferenzen dabei. Die Idee zu der Erklärung kommt aus der Athletenkommission. Auch die Athletenkommission der Wada hat am selben Thema gearbeitet. Es kommt nicht vom IOC, sondern von den Athleten. Mein Eindruck war, dass auch die Dynamik bei ihrer Realisierung überwiegend von den Nichtmitgliedern des IOC kam. Wir in der Kommission haben die Geschäftsstelle des IOC genutzt. Aber dass wir von Offiziellen des IOC gesteuert worden wären, war nicht der Fall.

Wie war Ihr Verhältnis zu Becky Scott und den Athletenvertretern der Welt-Anti-Doping-Agentur bei deren Arbeit an einer Athletenerklärung? Haben Sie kooperiert oder konkurriert?

Das ist der blöde Punkt. Wir wollten kooperieren. Becky Scott war bei den ersten Treffen dabei. Die Wada-Athletenkommission hat dann aber gesagt, sie möchte etwas Eigenes auf die Beine stellen, und hat einen Entwurf beim Wada-Symposium im April in Lausanne vorgestellt. Das waren ähnliche Themen wie bei uns, der Schwerpunkt lag natürlich auf sauberem Sport und Anti-Doping, aber der Entwurf umfasste auch andere Athletenrechte. Leider eine Konkurrenz-Veranstaltung; wir hätten sie gern integriert.

Sie wollen, dass mit der Veröffentlichung der Athletenerklärung in Buenos Aires am Dienstag die Diskussion beginnt?

Absolut. Wir denken, dass dies ein guter Zeitpunkt ist, um die Grundrechte der Athleten zu stärken. Aber es ist zwingend, dass wir mit allen Beteiligten, hauptsächlich mit den Athleten, weiter daran arbeiten und nachbessern, wenn es notwendig ist. Dies ist nicht das Ende der Reise.

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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