Leichtathletik-Chef Coe

Die Spurenelemente des Präsidenten

EIN KOMMENTAR Von Michael Reinsch
Aktualisiert am 15.09.2020
 - 11:01
Sebastian Coe: Geschäft mit sich selbst gemacht?
Zu viel Geld ausgeben ist eine Spezialdisziplin der Leichtathletik – sogar an sich selbst. Die neuen und die alten Wege des Verbands-Präsidenten Sebastian Coe.

Wie vor Jahr und Tag versprochen, hat World Athletics einen Jahresbericht veröffentlicht. Alle Welt kann nachlesen, dass der Weltverband der Leichtathleten über seine Verhältnisse lebt. Bei Erträgen von 51 Millionen Dollar (43 Millionen Euro) gab er im vergangenen Jahr 67,8 Millionen Dollar aus (57,11 Millionen Euro): Macht gut 17 Millionen Dollar Verlust (14,1 Millionen Euro). Für 2018 kommen die Prüfer gar auf ein Defizit von 27,6 Millionen Dollar (23 Millionen Euro).

Schäden der weiteren Vergangenheit behandelte der Strafprozess gegen den einstigen Verbandspräsidenten Lamine Diack. Obwohl das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Kernsportart der Sommerspiele alle vier Jahre mit rund 40 Millionen Dollar (33,7 Millionen Euro) an Fernseh- und Vermarktungseinnahmen beteiligt: So kann der seit fünf Jahren von Sebastian Coe geführte Verband nicht weitermachen. Der Geldsegen Olympias ist, wie die Spiele von Tokio, auf 2021 verschoben; der Verband nimmt einen olympischen Überbrückungskredit in Anspruch. Die Rücklagen schrumpfen. Neue Strukturen zu schaffen hatte einen hohen Preis. Die Abschaffung des Namens IAAF beendete demonstrativ die Ära Diack, die Jahre von Verschwendung und Korruption.

Vergleichsweise mikroskopisch

Zwei Details des Berichts lassen nun aufmerken. Das Budget für Förderung und Entwicklung ist um fast eine Million auf 15,4 Millionen Dollar gestiegen (13 Millionen Euro) – Zahlungen, die immer auch unter dem Verdacht stehen, sie dienten weniger der Entwicklung als dem Zweck, sich die Zustimmung von Kleinstverbänden zu erkaufen.

Der zweite Posten ist vergleichsweise mikroskopisch. Umgerechnet 130.000 Euro zahlt World Athletics für den Arbeitsplatz eines Assistenten in London, wenn er dort dem Präsidenten zeitweise zuarbeitet. Der Schreibtisch befindet sich in den Räumen der Complete Leisure Association. Sie gründete Coe als Athlet zur Selbstvermarktung. Ihr Verkauf an die Großagentur Chime nach den Olympischen Spielen von London 2012 machte Coe zum Multimillionär. Chime erhielt nach eigenen Angaben Aufträge im Wert von 30 Millionen Pfund (35 Millionen Euro nach damaligem Kurs) vom Organisationskomitee der Spiele, deren Aufsichtsratsvorsitzender Coe war. Anschließend wurde Coe Vorstandsvorsitzender von Chime Sports Marketing, bis seine Berufung ins IOC im Juli ihn in den Aufsichtsrat wechseln ließ.

Dass Complete Leisure nun im Finanzbericht seines Verbandes auftaucht, bedeutet gewiss nicht, dass Coe sich bereichert hat. Aber das Geschäft mit sich selbst wirkt wie ein Spurenelement, wie man es in dieser Organisation nie wieder finden wollte.

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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