Neue Ära im Eishockey

High Noon in Sankt Petersburg

Von Bernd Schwickerath und Marc Heinrich
25.09.2021
, 09:08
Showdown in Russland: Franz Reindl will Präsident der IIHF werden.
Eishockey ist sein Leben: Nun will Franz Reindl bei der Wahl des Weltverbands-Präsidenten René Fasel beerben, der fast drei Jahrzehnte an der Spitze stand.

Auf diesen Moment haben seine Gegenspieler lange warten müssen. Nach fast drei Jahrzehnten an der Spitze des Internationalen Eishockey-Verbandes (IIHF) tritt René Fasel ab. Der Schweizer, ehedem Zahnarzt und in seinen Anfangstagen als Schiedsrichter noch ein Mann des Ausgleichs, gehört seit Jahren zur Riege der illustren wie umstrittenen Strippenzieher, die den Reichtum des Verbandes mehrten, seinen Ruf aber nicht eben verbesserten.

Fasel war eine treibende Kraft hinter der Vergabe der WM an Belarus. Zu dessen diktatorisch regierendem Herrscher Alexandr Lukaschenko pflegte er noch freundschaftliche Beziehungen, als der Protest der Opposition auf den Straßen in Minsk längst mit Gewalt niedergeschlagen wurde. Erst nach politischem Druck und Initiativen der IIHF-Sponsoren, die um ihr Ansehen fürchteten, knickte Fasel im Frühjahr ein und entzog Belarus die Titelkämpfe. Auch zu Wladimir Putin pflegt er engen Kontakt, nicht mal die Aufdeckung des russischen Staatsdoping-Programms konnte dem etwas anhaben. Fasel setzte sich stets für eine zuvorkommende Behandlung seines Duz-Freundes ein. Passenderweise findet der Kongress, auf dem sein Nachfolger gewählt wird, in Sankt Petersburg statt. Als aussichtsreicher Anwärter gilt Franz Reindl. Der Bayer aus Garmisch-Partenkirchen zählt zur fünfköpfigen Schar der Kandidaten. Neben dem früheren Nationalspieler haben der Franzose Luc Tardif, der Belarusse Sergej Gontscharow, der Däne Henrik Bach-Nielsen und der Tscheche Petr Briza ihre Hüte in den Ring geworfen.

„Der Eishockeysport hat es verdient, dass wir die Zukunft besser gestalten als die Vergangenheit“, begründete Reindl im Gespräch mit der F.A.Z. sein Engagement. Sollte er gewählt werden, würden „Sport und Politik nicht mehr so strikt“ getrennt betrachtet wie bislang. „Bei der Vergabe von Weltmeisterschaften werden wir die Kriterien verschärfen und genauere Bedingungen benennen, wer sich zur Wahl stellen darf“, kündigte der 66-Jährige an, der Eishockey „sein Leben“ nennt. Als Stürmer gehörte er 1976 zum olympischen Bronze-Team in Innsbruck. Er war Trainer und Manager beim SC Riessersee. Beim Deutschen Eishockey-Bund (DEB) hatte er über Jahrzehnte mehrere Posten inne, auch den des Generalsekretärs, zudem leitete er als Organisationschef drei WM-Turniere. Seit sieben Jahren sitzt er im IIHF-Council, der mächtigen Entscheidungsinstanz des Weltverbands. Seit 2014 leitet Reindl als Präsident die Geschicke des DEB, dessen Verhältnis zu den Profiklubs sich stark verbessert hat.

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Sportlich kann sich die Bilanz ebenso sehen lassen: Besserer Nachwuchs, die Männer-Nationalmannschaft kletterte in der Weltrangliste vom 13. auf den 5. Platz, und die Frauen, die lange ein Schattendasein fristeten, nehmen regelmäßig an A-Weltmeisterschaften teil. Doch kurz bevor die Männer zuletzt im Juni um ihre erste WM-Medaille seit fast 70 Jahren kämpften, wurde Reindl mit Schlagzeilen konfrontiert, die ihm nicht gefallen konnten.

Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel berichtete, dass er zum einen als ehrenamtlicher Präsident die Verbandsgeschäfte führte, darüber hinaus aber bis Juli 2020 auch bezahlter Geschäftsführer einer DEB-Tochter war; der DEB Eishockey-Sportgesellschaft mbH, die seit den 1990ern die Bewerbungen und die Veranstaltungen von Heim-Weltmeisterschaften übernimmt. Die Tochter gehörte bis 2018 zu 50 Prozent der Agentur Infront, die auch den DEB vermarktet. Demnach war Reindl also Präsident eines Verbandes, der bis heute mit Infront Geschäfte macht, und gleichzeitig Geschäftsführer einer Firma, an der Infront eine Beteiligung besaß.

Über den Sommer meldeten Vertreter aus den Landesverbänden Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein, Thüringen und Hessen dazu wiederholt Ge- sprächsbedarf an. Ein Kritikpunkt: Die Geschäftsverquickung sei den Mitgliedern nie im Detail kommuniziert worden. Sie forderten die Offenlegung der Verträge und GmbH-Bilanzen.

Reindl verneinte stets einen Interessenskonflikt, betonte stattdessen, die Vorgänge seien anschaulich dargelegt worden. „Wir halten die Vorwürfe für konstruiert und unzutreffend und weisen diese klar zurück“, teilte auch Claus Gröbner, der DEB-Generalsekretär, der F.A.Z. mit. Er verwies darauf, dass das Präsidium die Fragen „vollumfänglich, transparent und unter Verweis auf die Protokolle vorheriger Mitgliederversammlungen“, bei denen sämtliche Aspekte behandelt worden seien, schriftlich beantwortet habe. Zudem legte Gröbner Wert auf die Feststellung, „dass die Vertreter der weitaus größeren Zahl der Landesverbände sich ausdrücklich von der Vorgehensweise der fragestellenden Landesverbände distanziert haben“.

Mittlerweile ist nach Informationen der F.A.Z. auch die Ethikkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes mit der Angelegenheit befasst. Ob all das auf das Abstimmungsverhalten der IIHF-Delegierten Einfluss haben wird, ist offen. Reindl hat sich in seinem Wahlkampf von Kommunikationsexperten und Anwälten beraten lassen. Am diesem Samstagmittag weiß er, ob es sich ausgezahlt hat. Der Urnengang ist für 12 Uhr angesetzt: High Noon in Sankt Petersburg.

Quelle: bers./mah.
Autorenporträt / Heinrich, Marc
Marc Heinrich
Sportredakteur.
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