Sport als Lebensretter

Guttmann als Vater der Paralympics

Von Amir Wechsler, Berlin
06.09.2021
, 14:16
Visionär: Ludwig Guttmann
Ein „German Doctor“ initiiert für seine Patienten ein Bogenschießen. Es ist die Geburtsstunde der Stoke Mandeville Games, aus denen 1960 die Paralympics hervorgehen. Es wird eine Erfolgsgeschichte.
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Wolkenverhangen ist der Nachthimmel über Niederschlesien, als ein kleiner, untersetzter Mann aus einem der Breslauer Lichtspielhäuser tritt. Es ist der 30. März 1933, ein Donnerstag, und für den Arzt Dr. Ludwig Guttmann einer seiner selten gewordenen zeitigen Feierabende. Als er sich gemeinsam mit seiner Gattin Else nach dem Besuch der Spätvorstellung auf den Heimweg in die Gutenbergstraße 36 begibt, läuft ihm ein befreundeter Kollege in die Arme und berichtet fassungslos von einem soeben erlassenen Berufsverbot für jüdische Ärzte.

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Zwei Tage später, wie überall im Land, säumen an diesem 1. April 1933 auch in Breslau SA-Posten die Einkaufsstraßen und Flaniermeilen, hält Guttmann seine eigene Kündigung in den Händen. Auf der Grundlage des nationalsozialistischen „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ wird der leitende Oberarzt der Abteilung für Nervenkrankheiten und Hirnchirurgie des Städtischen Wenzel-Hancke-Krankenhauses und Privatdozent für Nervenheilkunde an der Friedrich-Wilhelms-Universität Breslau seiner Ämter enthoben.

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Guttmann ist damals 33 Jahre alt. Fotografien aus jener Zeit zeigen einen jungen Mann mit sorgsam gestutztem Oberlippenbart und rechtsgescheitelt-lockigem Haupthaar, der verschmitzt in die Kamera lächelt, die gütigen Augen hinter den kreisrunden Gläsern einer Nickelbrille hervorblickend. Mit 33 ist er bereits eine Koryphäe auf seinem Fachgebiet, gilt als einer der besten Neurochirurgen im Land.

Wegweisend wird eine Begegnung

Als er am 3. Juli 1899 in Tost geboren wird, ist in dem oberschlesischen Städtchen etwa jeder zehnte Einwohner jüdisch, so auch die deutsch-patriotisch gesinnte Familie Guttmann. Der Vater, Bernhard Guttmann, ist Destillateur und Inhaber der örtlichen Spirituosenfabrik und entstammt ebenso wie seine Ehefrau Dorothea einer Breslauer Landwirtsfamilie. Ludwig besucht das Humanistische Gymnasium im benachbarten Königshütte, wo er sich bereits früh als begabter Sportler auszeichnet. Anfang 1917 als kriegstauglich gemustert, legt Guttmann die Notreifeprüfung ab und wird noch im selben Jahr als Hilfssanitäter im Königshütter Knappschaftslazarett verpflichtet.

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Wegweisend wird dort die Begegnung mit einem verunglückten und in der Folge querschnittgelähmten Minenarbeiter, dem der eilig visitierende Arzt keinerlei Überlebenschancen einräumt. Bald darauf stirbt der Verletzte. Querschnittlähmungen sind zu dieser Zeit gleichbedeutend mit einem Todesurteil: Komplikationen wie infizierte Druckgeschwüre und aufsteigende Harnwegsinfekte führen innerhalb weniger Wochen zum Tod, nur etwa jeder zehnte Patient überlebt den Querschnitt länger als ein Jahr.

Der Krieg ist noch nicht vorüber, als sich Guttmann im April 1918 zum Medizinstudium einschreibt, das ihn an die Universitäten von Breslau, Freiburg im Breisgau und Würzburg führt. Nachdem er es 1924 mit der Promotion abgeschlossen hat, bildet er sich in Breslau und Hamburg zum Nervenarzt und Neurochirurgen weiter und durchläuft eine steile Karriere in Klinik und Wissenschaft, bevor seine Laufbahn im Frühjahr 1933 durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten eine jähe Zäsur erfährt.

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Noch im Juli 1933 übernimmt Guttmann die Leitung der Nervenabteilung des Breslauer Israelitischen Krankenhauses, dessen Ärztlicher Direktor er 1937 wird – zu einem Zeitpunkt, an dem bereits Tausende ins rettende Ausland geflüchtet sind, in Breslau jedoch noch jeder vierte Mediziner Jude ist. Den rund 3000 im Land verbliebenen jüdischen Ärzten, unter ihnen Guttmann, wird im darauffolgenden Jahr per Erlass der „Vierten Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ mit Wirkung vom 30. September 1938 die Approbation entzogen. Als im Deutschen Reich rund sechs Wochen später die Synagogen brennen, veranlasst Guttmann, Schutz suchende Männer unter fiktiven Vorwänden in seiner Klinik stationär aufzunehmen, und bewahrt so mindestens sechzig Breslauer Juden vor Inhaftierung und Konzentrationslager.

1939 kommt er ins Vereinigte Königreich

Bald darauf muss sich Guttmann die Lebensgefahr eingestehen, die ein weiterer Verbleib in Nazideutschland zur Folge hätte, und entschließt sich zur Flucht. Im März 1939 trifft er gemeinsam mit seiner Ehefrau Else und den beiden Kindern Dieter und Eva im Vereinigten Königreich ein. Umgehend wird ihm dort dank seines internationalen Renommees ein Forschungsstipendium an der Universität von Oxford angetragen.

Ende 1943 beauftragt die britische Regierung Guttmann mit dem Aufbau eines National Spinal Injuries Centre, eines nationalen Zentrums für Rückenmarksverletzungen. Als er im Februar 1944 seine Arbeit als Ärztlicher Direktor des Stoke Mandeville Hospital in Aylesbury aufnimmt, hat sich die Lage paraplegischer Patienten seit dem Ersten Weltkrieg kaum verbessert: Nach wie vor beeinflussen Komplikationen den Krankheitsverlauf maßgeblich, die Sterblichkeitsrate ist weiterhin hoch, die Überlebensdauer nur in seltenen Fällen höher als zweieinhalb Jahre. Unter Medizinern gilt die Arbeit mit querschnittgelähmten Patienten als undankbar. Ein in den Fünfzigerjahren im Krankenhaus von Stoke Mandeville hospitierender deutscher Arzt weiß gar von einem Kollegen zu berichten, für den die zahlreichen Paraplegiker in seiner Klinik „kein Problem“ seien, „denn sie sterben bald“.

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In den folgenden Jahren entwickelt Guttmann im Stoke Mandeville Hospital einen revolutionären Ansatz zur Behandlung und Rehabilitation Querschnittgelähmter, der neben zahlreichen medizinischen Anwendungen den Sport sowie die Perspektive auf Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt in den Mittelpunkt stellt: Die physische Ertüchtigung soll Körperkraft und Selbstbewusstsein stärken, die Entstehung von Komplikationen vermeiden und die Genesung beschleunigen. Schon bald kann Guttmann aus seiner Klinik eine langfristige Überlebensrate von mehr als 90 Prozent berichten. Dabei setzt er seine neuartigen Methoden mit größter Beharrlichkeit um, was ihm seitens seiner Patienten den ebenso liebe- wie respektvollen Beinamen „Poppa“ – Papa – einbringt.

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Einen Tag bevor König Georg VI. in London die ersten Olympischen Sommerspiele der Nachkriegszeit für eröffnet erklärt, findet am 28. Juli 1948 auf dem Vorplatz des Stoke-Mandeville-Krankenhauses ein vom „German Doctor“ initiiertes Turnier statt, bei dem sich 16 seiner Patienten im Bogenschießen messen. Es ist die Geburtsstunde der fortan jährlich ausgetragenen Stoke Mandeville Games, aus denen von 1960 an die Paralympics hervorgehen sollen und deren Erfolgsgeschichte bis heute fortgeschrieben wird: 1964 traten bei den Paralympischen Sommerspielen in Tokio 375 Athleten aus 21 Ländern in neun Sportarten gegeneinander an. 57 Jahre später kamen zu den am Sonntag beendeten Paralympics in Tokio 4537 Athleten aus 163 Nationen und kämpften in 22 Disziplinen um die begehrten Medaillen.

„Menschen seines Schlags sind selten“

Ludwig „Poppa“ Guttmann – Nervenarzt und Neurochirurg, Visionär und Wegbereiter für Gleichberechtigung und Inklusion von Menschen mit Behinderung, Gründungsvater der Paralympics. Und: deutscher Jude. Bereits 1947 war Guttmann erstmals wieder nach Deutschland gereist. Er kehrt zurück in ein Land, das in Trümmern liegt. Ein Land, das durch den Eisernen Vorhang von seiner schlesischen Heimat getrennt ist. Ein Land, in dem die Mörder seines 1942 in Theresienstadt gestorbenen Vaters leben. Im hohen Alter befragt, wann er aufgehört habe, sich als Flüchtling zu fühlen, antwortet Guttmann mit einem entschiedenen „Never!“.

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Als er am 18. März 1980 im Alter von achtzig Jahren in Aylesbury stirbt, ist er von Papst Johannes XXIII. zum „de Coubertin der Behinderten“ erklärt (1960), von der Queen Mum zum Ritter geschlagen (1966), von Bundespräsident Gustav Heinemann mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern dekoriert (1972) und darüber hinaus mit so zahlreichen Würden und Ehrengraden bedacht, dass das Royal College of Physicians in der Denkschrift auf seinen „Fellow“ aus schieren Platzgründen auf die vollständige Nennung sämtlicher Auszeichnungen verzichten muss. „Men of his calibre are rare“, schließt der Nachruf auf Guttmann, „Menschen seines Schlags sind selten“.

Quellen: u. a. Bundesarchiv Berlin, Universitätsarchiv Freiburg, diverse Literatur.

Quelle: F.A.Z.
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