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Jelena Issinbajewa

Die Allzweckwaffe des Kremls

Von Friedrich Schmidt, Moskau
 - 14:54
Glänzt gern für Putin: Jelena Issinbajewa

Russlands politische Vertreter erbringen derzeit Höchstleistungen: Sie gestalten auf Geheiß von Präsident Wladimir Putin die Verfassung um. Das bedeutet Sitzungen, Staatsfernsehauftritte, Stress. Es geht vordergründig um Verankerungen von Rentenanpassungen und Mindestlohnniveau, dem Sieg im Zweiten Weltkrieg oder dem Nuklearmachtstatus. Im Wesentlichen aber wohl um die Frage, welchen Posten Putin nach dem Ende seiner Amtszeit 2024 beziehen, in welcher Form er Land und Leuten erhalten bleiben will, ob als Oberhausmitglied auf Lebenszeit oder als Staatsratsvorsitzender oder beides oder anders. Doch derlei entscheidet sich hinter den Kulissen, wie wesentliche Abschnitte der Reform ohnehin Kreml-Sache sind.

Immerhin ist garantiert, dass auf der Reformbühne niemand aus der Reihe tanzt: Nur Stunden nachdem Putin in seiner Rede zur Lage der Nation Mitte Januar die Änderungen angekündigt hatte, tauchte schon eine „Arbeitsgruppe“ dazu auf. Deren 75 Mitglieder weisen sich allesamt durch Kremltreue, hingegen nur die wenigsten von ihnen durch juristischen Sachverstand aus. Vertreten sind neben Putins Politpersonal auch die Künste mit Musik, Schauspiel und Literatur (wobei der Schriftsteller Sachar Prilepin auch für Moskau in der Ostukraine kämpfte) sowie der Sport. Letzterer durch den sowjetischen Eiskunstlaufstar Irina Rodnina (die indes auch Duma-Abgeordnete und Führungsmitglied der Machtpartei „Einiges Russland“ ist) sowie Jelena Issinbajewa. Die frühere Stabhochspringerin wurde nach ihrer triumphreichen aktiven Zeit noch aktiver: 2014 war sie Bürgermeisterin des Olympischen Dorfes von Sotschi, seit 2016 ist sie Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, von Dezember 2016 bis Mai 2017 war sie Präsidentin der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada. Abgelöst wurde sie seinerzeit auf Betreiben der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, denn Issinbajewa hatte das russische Staats-Doping-System konsequent und emotional geleugnet.

Tränen im Kreml wegen Russlands Leichtathleten

Im Juni 2016 brach sie vor Putin im Kreml gar in Tränen aus und klagte, Russlands Leichtathleten seien „ohne Beweise, gemein und grob“ und „ohne jede Chance, sich zu rechtfertigen“ von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ausgeschlossen worden. Auch an anderer Front glänzte Issinbajewa für Putin, besuchte Russlands syrische Luftwaffenbasis und rühmte den Startlärm der zu Bombenangriffen aufbrechenden Kampflugzeuge als „Wiegenlied“. So war die neue Rolle als Verfassungsgestalterin nur folgerichtig, wiewohl Issinbajewa zu Beginn ihrer Arbeitsgruppentätigkeit im Januar noch anderwärtig gebunden war: Ihr Instagram-Account zeigte sie bei den Olympischen Jugend-Winterspielen in Lausanne mit Athleten und Medaillen.

Aber am vergangenen Donnerstag schlug Issinbajewas Stunde, als die Arbeitsgruppe wieder mit Putin zusammenkam, dieses Mal gleichsam beim Präsidenten zu Hause in dessen Residenz in Nowo-Ogarjowo westlich von Moskau. „Guten Tag, Wladimir Wladimirowitsch!“, begann Issinbajewa, als sie an die Reihe kam. „Vor allem danke für meine Aufnahme in der Arbeitsgruppe. Ich habe die Verfassung unseres Landes gelesen, das ist wichtig, weil es dafür bisher keine Veranlassung und keine Notwendigkeit gab. Und jetzt verstehe ich, dass das ein sehr wichtiges Buch ist, und jeder muss es lesen, ich habe sehr viel Interessantes erfahren.“ Danach fragte Issinbajewa – „Ich bitte gleich um Verzeihung, ich bin kein Jurist“ – Putin nach Möglichkeiten, den Kommunen direkt Staatsgeld zu geben, damit sie Sportstätten selbst reparieren könnten und nicht auf die jeweilige Regionalregierung, „die damit gar nichts zu tun hat“, oder Sponsoren warten müssten.

Geld von Roman Abramowitsch

Bei Letzteren mag Issinbajewa an den Milliardär Roman Abramowitsch gedacht haben. Dem hatte die damalige Athletin, als sie den damaligen Ministerpräsidenten Putin 2010 zur Vergabezeremonie der Fußballweltmeisterschaft 2018 nach Zürich begleitete („Er gibt uns ein sehr gutes Gehalt, Autos und hübsche Appartements in Moskau“, sagte sie bei der Gelegenheit über ihren Gönner) von unzumutbaren Zuständen in ihrer alten Trainingshalle in ihrer Heimatstadt Wolgograd geklagt; Issinbajewa selbst wohnte damals in Monte Carlo. Abramowitsch spendierte der Wolgograder Halle daraufhin Reparatur und Heizung.

Issinbajewas Frage an Putin war völlig legitim und der Präsident antwortete seiner Getreuen, die Verfassungsänderungen sollten auch die Finanzierung und Vollmachten der Kommunen regeln. Doch aus Berichten russischer Nachrichtenwebsites und Kommentaren in Internetforen sprach vor allem Häme über Issinbajewas Geständnis, die Verfassung nicht gelesen zu haben. Am Freitag kam Putins Sprecher, Dmitrij Peskow, der Geschmähten zur Hilfe, schließlich stand letztlich die Personalauswahl des Kreml in Frage. Issinbajewa wisse genau um „die Bedürfnisse und Nöte des russischen Sports, einer äußerst wichtigen Seite im sozialen Leben des Landes, insgesamt in der staatlichen Tätigkeit“. Dass das Arbeitsgruppenmitglied die Verfassung nicht gelesen habe, halte der Kreml nicht für ein Problem, denn die Mehrheit des Landes habe sie ebenfalls nicht gelesen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt/ Schmidt, Friedrich
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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