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Russische Leichtathletik

Das IOC lässt Coe gut aussehen

Von Michael Reinsch
 - 11:00

Die Leichtathleten machen nicht mit bei der „Operation Schwamm drüber“. Ihre russischen Sportskameraden dürfen weiterhin nicht unter der Flagge ihres Landes antreten, aber sie dürfen als neutrale Athleten mitmachen. Das hält der Weltverband IAAF seit drei Jahren durch. Ihm gelingt damit eine erstaunliche Wandlung seines Ansehens. Noch vor vier Jahren war die Sportart, die sich für den Kern der Olympischen Spiele hält, zum Schmuddelkind des Weltsports geworden.

Da zeigte die russische Läuferin Julija Stepanowa in der ARD Handy-Videos, auf denen zu sehen war, wie hemmungslos in ihrer Heimat gedopt wird. Elf Monate später wurde am Verbandssitz in Monte Carlo der gerade abgetretene Verbandspräsident Lamine Diack verhaftet. Die Vorwürfe gegen den einstigen Strippenzieher aus Senegal haben so weitreichende Ermittlungen ausgelöst, dass bis heute nicht Anklage erhoben ist. Es geht um den Verdacht des Stimmenkaufs, der Geldwäsche und des Versuchs, positive Doping-Proben verschwinden zu lassen. Das ist, eigentlich, umso peinlicher, als IAAF-Präsident Sebastian Coe seinen Vorgänger kurz vor Razzia und Festnahme als Vorbild und Spiritus Rector hatte hochleben lassen.

Reinwaschung der Leichtathleten

Der Gewinn an Ansehen von Coe und Leichtathleten hat nicht allein mit der Neuaufstellung des Verbandes zu tun. Als der kanadische Jurist Richard McLaren die „Disappearing Positive Methodology“ beschrieb, das Verschwindenlassen von Doping-Befunden aus dem Moskauer Labor, lag auf der Hand, dass dies nicht nur Leichtathleten betreffen konnte. Dennoch schien das IOC überrascht, als knapp drei Monate vor den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro 2016 der nach Amerika geflüchtete Leiter des Labors, Gregorij Rodtschenkow, bestätigte: Er und seine Komplizen in Sport und Staat hatten in den meisten Sportarten manipuliert. Bei den Winterspielen von 2014 hatten sie die Welt betrogen, indem sie den Trick auch im Labor von Sotschi vollführten.

So begann die anscheinende Reinwaschung der Leichtathleten und ihres Präsidenten weit über das Maß hinaus, das sie aktiv beeinflussen konnten. Sie hatten den russischen Verband längst ausgeschlossen und standen als konsequent da, während das Internationale Olympische Komitee (IOC) herumeierte zwischen dem Versprechen seines Präsidenten Thomas Bach von „null Toleranz“ und seinem Bemühen, den russischen Athleten die Tür zu den Spielen offen zu halten. Die Idee, jeder Verband entscheide für sich, richtet ein heilloses Durcheinander an. 278 Russinnen und Russen starteten in Rio; Whistleblower Julija Stepanowa wurde vom IOC ausgeschlossen.

Das Verfahren zur Zulassung oder Nichtzulassung russischer Teilnehmer an den Winterspielen von Pyeongchang anderthalb Jahre später war nicht besser. Es hat die Sportgerichtsbarkeit zermürbt und ihr Ansehen untergraben. Die russische Eishockey-Mannschaft, die nach ihrem Olympiasieg die russische Hymne hinausbrüllte, machte den Status der „Olympischen Athleten aus Russland“ zur Farce.

Olympia zog dennoch einen Schlussstrich und nahm das russische olympische Komitee drei Tage nach Ende der Spiele wieder auf. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) folgte dem Beispiel im September. Im Vergleich wirken die Leichtathleten konsequent. Sie pochen darauf, dass der russische Verband, bevor er wieder mitspielen darf, die Bedingungen dafür erfüllt. So weit ist es gekommen: Dem Ansehen von Coe scheint sogar zuträglich, dass er als erster Leichtathletik-Präsident der Geschichte nicht Mitglied des IOC wird.

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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