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Potentialanalyse im Sport

Ein System, das Goldmedaillen vorhersagen will

Von Michael Reinsch, Berlin
 - 11:13

Am Donnerstag wird das Monster losgelassen. PotAS heißt es, verschlingt riesige Mengen von Daten und auch nicht wenig Geld. Dafür soll es sich als eine Art Goldesel erweisen. Zwar bringt es nicht selbst Medaillen hervor. Doch da es vorhersagt, welche Athleten in welchen Disziplinen das Zeug zum Sieg haben, weiß die staatliche Spitzensportförderung bald genau, auf welches Pferd sie setzen muss. Und bei welchen Sportlerinnen und Sportlern Hopfen und Malz verloren sind. Mit dieser Hilfe, über die kein anderes Sportsystem der Welt verfügt, dürfte Deutschland dank punktgenauer Förderung auch in den Sommersportarten bald die Spitze olympischer Medaillenspiegel und WM-Erfolgsbilanzen erobern.

Oder doch nicht? Gut möglich, dass sich das Ungetüm als Papiertiger und bürokratische Zumutung erweist. Denn was unter dem wissenschaftlichen Namen Potentialanalysesystem mit dem Flair der Unwiderlegbarkeit daherkommt, ist doch eigentlich allein die Kopfgeburt des Innenministeriums. Der nun scheidende Minister Thomas de Maizière hat ein Plus von einem Drittel der Medaillen eingefordert hat von den deutschen National- und Olympiamannschaften. Er hat, auch im Koalitionsvertrag, versprochen, dass der Spitzensport für seine Reform zu diesem Zweck „deutlich mehr Mittel“ erhalten werde. Darum rechnet der Sport mit der Aufstockung der Spitzensportförderung von derzeit rund 170 Millionen Euro um 63 Millionen in diesem Jahr, um 93 Millionen im kommenden und um 123 Millionen im Olympia-Jahr 2020. Seit diesen Ankündigungen ist das Amt bestrebt, dem Anspruch des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) bei der Hoheit über die Zuteilung des vielen Geldes etwas entgegenzusetzten.

Der Abteilung Sport im Ministerium ist es ein Dorn im Auge, dass die Strategen des DOSB bei der Zuteilung von Förderung, die doch eigentlich der Bund den einzelnen Fachverbänden gewährt, ein gewichtiges Wort mitreden und sich dabei auf ihre sportfachliche Kompetenz berufen. So deutlich wurde der Zwist, dass der Linken-Abgeordnete André Hahn höhnte, im Innenministerium sitze ein Abteilungsleiter, der bei allen Projekten des Sports den Daumen hebe oder senke; da solle doch besser das Parlament über Trainingslager und Mannschaftsaufstellungen entscheiden.

Wer zahlt, will Kontrolle

Deshalb also PotAS. Die Idee ist, anhand von 16 Hauptattributen, 53 Unterattributen und 151 Fragen so präzise und so objektiv Erfolgsprognosen zu erstellen, dass sich daraus die Zugehörigkeit zu einer von drei Fördergruppen ergibt: Die einen sind exzellent, die anderen haben Potential, und schließlich gibt es noch die ohne Potential. Der Bund gibt 600.000 Euro im Jahr aus für das Computerprogramm, die Leitung durch den Sportwissenschaftler Urs Granacher in Potsdam, die Beschäftigung von einem halben Dutzend Fachleuten am Bundesinstitut für Sportwissenschaft in Bonn sowie den Unterhalt einer Kommission, in der neben anderen die Fecht-Olympiasiegerin Britta Heidemann mitwirkt.

Doch Erwartungen, sie verfügten über eine Formel, mit der Super-Talente identifiziert und Olympiasiege vorhergesagt werden können, treten Granacher und seine Kommission entgegen. „Mit dem PotAS-Bewertungssystem werden keine Medaillen oder individuellen Karriereverläufe prognostiziert“, schreiben sie auf ihrer Website potas.de: „Der Grundgedanke ist somit nicht die Vorhersage sportlicher Erfolge, sondern im Wesentlichen die Betrachtung und die Bewertung der Rahmenbedingungen, die eine wichtige Voraussetzung für leistungssportliche Entwicklungen und Erfolge darstellen.“ Dazu ist dort das komplexe Verfahren einschließlich der Kriterien veröffentlicht – ein Maß an Transparenz immerhin, das im Spitzensport überrascht.

Der Traum von einem Talent-Kompass namens PotAS entpuppt sich also als Bewertungsinstrument von Rahmenbedingungen, welche die Verbände schaffen. Damit soll es Entscheidungshilfe geben. In zähen Verhandlungen hat der Sport erreicht, dass der Potentialanalyse die Strukturgespräche zwischen DOSB und Verbänden folgen sowie das Votum einer auf Einstimmigkeit festgelegten Förderkommission. Damit ist ausreichend Gelegenheit zur Korrektur. Schließlich fehlt PotAS bei der Bewertung von sportlichem Potential ein Faktor für Leistungen, die vermutlich unter Einfluss von Doping zustanden gekommen sind, an denen sich Athleten aber messen lassen müssen. Der Innenminister hat ein Veto-Recht.

Im Gegensatz zum heimlichen Vorbild Großbritannien und zur Drohkulisse DDR wollen Sport und Politik im Deutschland von heute nicht bedingungslos Kosten und Ertrag gegeneinander aufrechnen und damit teure Sportarten mit der Aussicht auf lediglich eine einzige Medaille – jede Mannschaftssportart von Hockey bis Basketball – a priori von der Förderung ausschließen. Es gilt, durch die Rahmenbedingungen die Wahrscheinlichkeit von sportlichem Erfolg zu erhöhen, die Chance von Talent zu maximieren, in Erfolgsmodelle zu investieren statt wie mit der Gießkanne zu fördern. An diesem Montag wird PotAS bei einer Pressekonferenz vorgestellt, an diesem Donnerstag wird es scharf gestellt: Dann sollen die Wintersportverbände online die Fragen nach Talent- und Qualitätsmanagement, nach Personalentwicklung und Verbandsführung, nach dualer Karriere und Athletenvertretung beantworten mit der Perspektive Winterspiele Peking 2022. Für die Sommerspiele wird wohl Paris 2024 den Horizont bilden.

In der Praxis bauten erfahrene Trainer Förderung und Struktur häufig um singuläre Talente auf wie etwa den Turner Fabian Hambüchen oder den Tischtennisspieler Timo Boll. Individuelle Lösungen sollen auch in Zeiten von PotAS möglich sein. Die Führung des Sports, so scheint es, sieht in PotAS weniger eine Innovation als vielmehr ein Kontrollinstrument des Ministeriums. Dies nimmt er hin, wenn denn dafür endlich Geld fließt. Das Monster ist lediglich ein kleines Übel: eine Kröte, die es zu schlucken gilt, damit die Förderung aufgestockt werden kann.

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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