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Spitzensport-Reform

Der Mehrkampf ums Geld hat begonnen

Von Michael Reinsch, Berlin
 - 12:41

Mehr Gold, das ist das Ziel der Reform des Spitzensports. Doch um das Projekt realisieren zu können, erwarten die Verbände Vorleistungen: mehr Geld. Auf knapp 13 Millionen Euro beziffert der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) den Bedarf für eine Anschubfinanzierung, dazu kommen drei Millionen für die fünf Sportarten, die im August neu ins Programm der Olympischen Spiele aufgenommen wurden. Die Summe soll sich schon im Budget des Bundesinnenministeriums 2017 wiederfinden. Letzte Chance, sie einzustellen, ist die Bereinigungssitzung des Haushaltsausschusses in der Nacht zum 11. November. Das Problem: Noch ist das Konzept nicht einmal im Sport vollständig akzeptiert, noch sind Details schleierhaft. Doch mit dem Geld und dem Gold scheint es wie mit der Henne und dem Ei: Ist das Geld nicht versprochen, könnten die gar nicht so wenigen Skeptiker bei der Hauptversammlung des deutschen Sports am 3. Dezember in Magdeburg gegen die Reform stimmen. Wie aber sollen andererseits Parlament und Ministerium Millionenbeträge für die neue Welle im Sport in den Haushalt einstellen, wenn ihr die Verbandspräsidenten noch gar nicht zugestimmt haben?

Viel ist also derzeit von Geld die Rede, als Anschub, als Trost, als Lockmittel. Das macht erst recht deutlich, dass der finanzielle Rahmen der gesamten Reform nebulös ist. Innenminister Thomas de Maizière beteuert, dass der Staat nicht Geld sparen, sondern die Organisation effektiver machen wolle. Gebe es genügend Medaillenkandidaten, solle sogar mehr Geld fließen als die derzeit rund 160 Millionen Euro aus seinem Etat. Als die Sportdirektoren der Verbände hochrechneten, wie die Unterstützung im hypothetischen Fall aussehen müsste, falls all ihre Athleten Medaillenkandidaten wären, kam eine stattliche Summe zusammen: 65 Millionen Euro jährlich, eine Vergrößerung der Sportförderung um 40 Prozent.

Weil im August Skateboard und Surfen, Karate und Klettern sowie Baseball ins olympische Programm aufgenommen worden sind, zu einem Zeitpunkt, als der Haushalt 2017 längst aufgestellt war, müssen die Verbände das Geld vom Bund 2017 nach jetzigem Stand durch 35 statt 30 teilen. Die Aussicht auf eine vorzeitige Reform-Dividende wird nicht größer dadurch, dass DOSB-Präsident Alfons Hörmann bei einer öffentlichen Anhörung des Sportausschusses zur Reform am Mittwoch in Berlin ankündigen musste, dass er im Dezember in Magdeburg nicht die vollständige Reform zur Abstimmung vorlegen könne. Die Reduzierung der mehr als 250 Olympia- und Bundesstützpunkte sowie die Schaffung eines wissenschaftlichen Verbundsystems, in das Hochschulen einbezogen werden sollen, ist in den verbleibenden sechs Wochen nicht zu erledigen. „Das ändert nichts daran, dass die Gesamtkonzeption der Schwerpunkt der Versammlung sein wird“, sagte Hörmann: „Man kann nur über das abstimmen, was vorliegt.“

Von Übergangsjahren ist keine Rede

Jetzt schon zu zahlen, dürfte dem Staat auch deshalb schwerfallen, weil die Reform erst vom 1. Januar 2019 an umgesetzt werden soll. Von Übergangsjahren, wie 2017 und 2018 intern schon bezeichnet werden, ist öffentlich nicht die Rede, im Gegenteil: Die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio beginne im kommenden Jahr mit Strukturgesprächen, kündigte der DOSB an. Er werde schon mal ohne das viel diskutierte Potential-Analysesystem (PotAS) anfangen.

Von dieser computergestützten Evaluierung distanzierte sich Hörmann am Mittwoch überraschend. Dieses Werkzeug sei Wunsch des Innenministeriums gewesen, sagte er. Die Verbände hätten sie zähneknirschend akzeptiert. PotAS soll die Basis für die Einstufung von 130 Disziplingruppen ins staatliche Fördersystem bilden. Wer Goldmedaillen verspricht, wird demnach optimal unterstützt (Gruppe 1), wer keine Aussicht auf Erfolg bei Olympischen Spielen hat, verliert den Anspruch auf Staatshilfe (Gruppe 3).

Das Innenministerium will im kommenden Jahr eine PotAS-Kommission mit acht Beschäftigten aufbauen und dafür gut 500000 Euro einsetzen. „Dies ist ein erster Aufschlag nach bestem Wissen und Gewissen“, sagte der Leiter der Abteilung Sport im Innenministerium, Gerhard Böhm. „Die Attribute (für die Einschätzung der Sportarten) sind nicht in Stein gemeißelt.“

Hörmann und de Maizière begannen vor gut anderthalb Jahren hinter verschlossenen Türen mit dem Entwurf der Reform des deutschen Spitzensports. Vor drei Wochen stellten sie das Ergebnis, das in fast einem Dutzend Arbeitsgruppen entstand, Journalisten und dem ohne Öffentlichkeit tagenden Sportausschuss vor. Hörmann scheint nun mit dem Abrücken von PotAS auf Kritik der Verbände zu reagieren; sie befürchten vor allem Bürokratie. „Wenn wir PotAS als mathematische Grundlage für das Strukturgespräch einsetzen, hat der Sport kein Problem damit“, sagte Hörmann: „Wenn der Computer aber Förderbescheide ausdrucken sollte, wäre das für uns alle inakzeptabel.“

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Optimalförderung für alle, das sollte und könnte Ziel und Ergebnis der Reform sein – in ferner Zukunft. In der Gegenwart gewinnen zehn von dreißig Sportarten achtzig Prozent der Medaillen; die Sportlerinnen und Sportler von sechzehn Verbänden kehrten von den Spielen in Rio undekoriert zurück. Der mit einer Goldmedaille (aus Seoul 1988) ausgezeichnete Ruderer und Volkswirt Wolfgang Maennig sprach sich in der Anhörung dafür aus, erfolglosen Verbänden die Zuwendung zu kürzen, damit sich im Sinne der Athleten Strukturen änderten. Damit scheint er einen Nerv zu treffen. Die Überzeugung herrscht vor: Es muss etwas passieren. Doch der mögliche komplette Ausschluss ganzer Sportarten aus dem Fördersystem, die Ausrichtung des Spitzensports auf olympische Medaillen allein und die mathematische Projektion der Perspektive einzelner Athleten werden kritisiert. „Für eine Kulturnation ist nicht die Zahl der Medaillen entscheidend, sondern sie will Athleten, die ihren Sport überzeugend vertreten“, hielt der Philosoph Gunter Gebauer den Anhängern der Reform im Sportausschuss vor: „Wer nur am Gewinn von Medaillen interessiert ist, landet in unerfreulicher Nachbarschaft.“

Trainer fürchten um ihren Nachwuchs

Frank Hensel, der scheidende Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, forderte, der deutsche Sport solle sich aus der Falle befreien, nur Medaillen zu fordern. Wie der Leiter des größten deutschen Olympia-Stützpunktes, Harry Bähr aus Berlin, wie die Potsdamer Kanutin Franziska Weber forderte auch er eine Aufwertung der Trainer. Sie und ihre Athleten seien nicht zu trennen, sagte er und warnte vor Rekrutierungsproblemen. Falls es für Trainer bei mangelnder Ausbildung, krass unterschiedlicher Bezahlung und fehlender beruflicher Perspektive bleibe, würden potentielle Kandidaten wohl lieber Lehrer werden.

Gerhard Böhm aus dem Innenministerium forderte die Abgeordneten auf, Änderungsvorschläge zur Reform beim Ministerium einzureichen. Der DOSB hat eine E-Mail-Adresse für Fragen und Anregungen eingerichtet: Leistungssportreform@dosb.de.

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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