Bach macht Druck auf den DOSB

Attacke aus Lausanne

EIN KOMMENTAR Von Anno Hecker
18.05.2021
, 22:09
DOSB-Präsident Alfons Hörmann und IOC-Präsident Thomas Bach, hier 2013
Der mächtigste Mann im Weltsport, IOC-Präsident Thomas Bach, kommt erst aus der Deckung, wenn er sicher ist, einen Treffer zu setzen. Jetzt hat er einen Brief an den DOSB geschrieben. Es ist eine große Schadensmeldung.

Seit einer Woche arbeitet die Ethikkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) im Fall Alfons Hörmann. Sie will herausfinden, ob anonym erhobene Vorwürfe gegen den Präsidenten, die zu einer „Kultur der Angst“ im Dachverband des Deutschen Sports geführt haben sollen, der Wahrheit entsprechen. Dazu befragt das Gremium Menschen in unterschiedlichen Funktionen des Sports.

Einer hat sich selbst gemeldet: Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Er ist in „großer Sorge“. Und zwar um die „Glaubwürdigkeit und damit auch die Funktionsfähigkeit“ des DOSB, heißt es in einem am Dienstag publik gewordenen Brief des deutschen Fecht-Olympiasiegers von 1976 an den Dachverband des deutschen Sports.

Der Vorwurf: Respektlosigkeit

Nicht, dass sich Bach zu einem Urteil expressis verbis hinreißen ließe. Das passiert ihm nicht. Aber eine Art unaufgeforderte Fall-Schilderung ließ er sich nicht nehmen: dass der DOSB bis heute den Brief von Kirstin Kloster Assen, der Vorsitzenden der „Future Host Kommission“ im IOC, unbeantwortet ließ. Sie hatte Hörmann am 26. März geschrieben, er möge „Fehlinformationen“ stoppen lassen. Dazu muss man wissen, dass der DOSB das IOC für die plötzlich erscheinende Vergabe der Sommerspiele an Brisbane am 1. März kritisiert hatte und behauptete, vom Prozedere überrascht worden zu sein. Das IOC erklärte daraufhin, die Deutschen sehr wohl informiert zu haben. Frau Assen machte allerdings einen Fehler. Die Treffen fanden nicht im Februar, sondern im Januar statt. Nun wartet sie seit gut sieben Wochen auf Antwort.

Bachs Erinnerungsschreiben dokumentiert also aus seiner Sicht, was Hörmann auch von anderen seit Jahren vorgeworfen wird: Respektlosigkeit. Der IOC-Chef geht in seinem Brief aber noch einen Schritt weiter, als er mit Blick auf den Streit „im wohlverstandenen Interesse des DOSB“ erklärt, es bedürfe einer „Heilung, zumal“ die Stellung des DOSB „in den internationalen Sportorganisationen leider weiter gelitten hat“. Das ist zweifellos eine große Schadensmeldung aus der Feder jenes Mannes, der dank seines gewaltigen Netzwerks am besten weiß, wie es um die Bedeutung des DOSB in der großen Welt steht: erschreckend.

Bach lässt an dieser Stelle nicht mehr seine bekannte formale Zurückhaltung erkennen, mit der er zu Anfang des Schreibens um „Aufklärung“ bittet und um „gegebenenfalls notwendige Konsequenzen möglichst noch vor den Sommerspielen in Tokio“. Solche Offensiven sind in der mehr als vierzigjährigen sportpolitischen Karriere des Tauberbischofsheimers abzuzählen, wenn überhaupt. Er kommt erst aus der Deckung, wenn er sicher ist, einen Treffer zu setzen, zu siegen. Der mächtigste Mann im Weltsport wird niemals offiziell erklären, dass er Hörmanns Stil für unwürdig und ihn als Präsidenten des DOSB für gescheitert hält. Sein Brief aber sagt nichts anderes.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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