Volleyball in Iran

Leere Versprechungen, gefährliche Verdächtigungen

Von Christoph Becker
26.02.2016
, 13:19
Nachdem Frauen beim Beach-Volleyballturnier auf der iranischen Insel Kisch ausgegrenzt wurden, gerät der Weltverband ins Zwielicht: Warum werden die Frauen im Stich gelassen?

„Frauen dürfen rein? Aber Sie nicht.“ Was Frauen beim ersten Beach-Volleyballturnier der World Tour auf der iranischen Insel Kisch zu hören bekamen, dürfte den Internationalen Volleyball-Verband FIVB und das Internationale Olympische Komitee noch länger beschäftigen. Thomas Bach, der Präsident des IOC, hatte auf der Abschlusspressekonferenz der Jugend-Winterspiele in Lillehammer vergangenes Wochenende davon gesprochen, bezüglich des Geschehens auf Kisch gebe es „sich widersprechende Informationen“, man wolle der Sache auf den Grund gehen, gemeinsam mit der FIVB.

Dafür sorgt nun auch ein offizielles Protestschreiben, das die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch Bach und Ary Graça, dem Chef des Volleyballweltverbandes, in diesen Tage zustellt. Insbesondere Graça und sein Verband müssen sich kritische Fragen gefallen lassen: Wie kann es sein, dass entgegen den Versprechen des iranischen Volleyballverbandes Frauen der Eintritt verwehrt wurde auf Kisch? Was hat der Weltverband für diese Frauen getan? Wieso fühlen sich Frauen, die beim Turnier zuschauen wollten, von der FIVB im Stich gelassen? „Thomas Bach muss endlich einschreiten“, fordert Minky Worden, Direktorin von Human Rights Watch. Denn während Bach noch in Lillehammer davon sprach, dass es grundsätzlich positiv sei, dass auf Kisch erstmals Frauen beim Volleyball in Iran zuschauen durften, ist inzwischen deutlich geworden, dass sich beim Auftaktturnier der World Tour offenbar eine für einige Frauen riskante Scharade abgespielt hat, deren Aufführung der Weltverband nicht verhindern konnte oder wollte. „Unentschuldbar naiv“ sei das Vorgehen der FIVB auf Kisch gewesen, sagt Worden, mit jedem Schritt habe der Verband iranische Frauen im Stich gelassen.

Rückblende: Die FIVB hatte das Turnier nach Iran vergeben, weil der iranische Volleyball-Verband versichert hatte, am Eingang werde „niemand abgewiesen, gleich welchen Geschlechts“. Ein Versprechen, das wider die Rechtslage in der Islamischen Republik gegeben wurde, denn Frauen ist das Zuschauen bei Volleyballspielen seit 2012 ebenso verboten wie seit der Islamischen Revolution 1979 beim Fußball. Reformbemühungen der moderaten Regierung um Präsident Rohani waren vor der an diesem Freitag stattfindenden Parlamentswahl am Widerstand konservativer Gruppen gescheitert. Die FIVB verließ sich auf das Versprechen - obwohl sie schon bei den Weltligaspielen in Teheran im Juni 2015 negative Erfahrungen gemacht hatte.

„Die Leute, vor denen wir die meiste Angst haben“

Auf Kisch verließen sich die örtlichen Sicherheitskräfte auf die geltende Rechtslage. So hieß es vom ersten Turniertag an für zahlreiche Frauen: Kein Zutritt. Eine eigens vom Festland auf die Insel gereiste Anhängerin schildert das Geschehen in einer E-Mail so: „Das Taxi setzte mich direkt am Eingang ab. Ich ging darauf zu, da sah ich einen Mann in Zivilkleidung mit einem Funkgerät, wie es hierzulande nur Angehörige der Sicherheitskräfte haben. Er fragte mich: „Wohin wollen Sie?“ Ich sagte: „Zum Spiel.“ Er sagte: „Das ist verboten.“ Der Mann habe einen schwarzen Anzug und ein Hemd getragen, auf seiner Stirn sei der Abdruck des schiitischen Gebetssteins Mohr zu sehen gewesen. Eine Beschreibung, die auf einen Angehörigen der Freiwilligen-Miliz der Basidsch passt, die insbesondere bei vielen jüngeren, urbanen Iranern schlimme Erinnerungen an die blutige Niederschlagung der Proteste nach der Präsidentenwahl 2009 weckt.

Aber selbst wenn der Mann am Eingang zum Volleyballstadion lediglich ein frommer Freiwilliger ohne Kontakt zur Miliz gewesen sein sollte - der Mann machte Eindruck. „Dieses Walkie-Talkie, diesen Abdruck auf der Stirn“, heißt es in der Mail, „tragen die Leute, vor denen wir die meiste Angst haben, die Leute von der verdeckten Staatssicherheit.“

Wo war der Weltverband?

Von der FIVB war in diesem Moment am Eingang nach Darstellung der Augenzeugin niemand zu sehen - verwunderlich, angesichts der sporthistorischen Bedeutung, die man beim Verband mit Sitz in Lausanne der eigenen Standortwahl für das Turnier nach den Versprechen des iranischen Verbandes beigemessen hatte. Hätte der Verband nicht einen eigenen Repräsentanten an den Eingang stellen müssen, um zu sehen, ob die Iraner ihr Versprechen einlösen? Ohnehin war von den oberen Verbandsoffiziellen vom Genfer See während der fünf Tage von Kisch niemand zu sehen. Gleichwohl versandte der Verband - von Lausanne aus - schon am Dienstag Pressemitteilungen, welch großer Erfolg der eigenen Politik beschieden sei: Frauen seien im Wesentlichen zugelassen worden. Die Abweisungen seien „kleinere Missverständnisse gewesen; und: bei einer größeren Gruppe, die abgewiesen worden war, sei man nicht sicher, ob es sich nicht um eine „politische Aktion“ gehandelt habe. Man habe dahin gehend eine Untersuchung eingeleitet.

Unklar ist, ob der Verdacht der „politischen Aktion“ von der FIVB selbst kam oder ob die iranischen Sicherheitskräfte diesen zuerst äußerten. Eine entsprechende Nachfrage dieser Zeitung hat die FIVB nicht beantwortet, auch der derzeitige Status der Untersuchung bleibt unklar. Die Frauen, die abgewiesen wurden und im Nachhinein von der Verdächtigung erfuhren, sind jedenfalls empört. „Ich kann überhaupt nicht beschreiben, wie ich mich gefühlt habe, nachdem ich von diesem Vorwurf erfahren habe. Die FIVB lebt hier nicht. Ich schon“, schreibt eine der Zurückgewiesenen. „Es ist ziemlich einfach, aus so etwas den Vorwurf der Propaganda gegen die Islamische Republik zu stricken. Vielleicht sind es einfach dahingeschriebene Worte, aber hier sind Leute schon für viel weniger verurteilt worden.“ Auf den Vorwurf der Propaganda gegen die Islamische Republik stehen in Iran Gefängnisstrafen.

Handverlesene Gäste unter dem Zelt

Gleichwohl durften Frauen das Geschehen verfolgen, sogar vom Spielfeldrand aus. In sozialen Netzwerken tauchten einige Bilder auf, die Frauen in dunkler Kleidung unter einem Zeltdach nahe dem Center Court zeigten. Auffällig: Etliche von ihnen trugen Akkreditierungen an gelben Kordeln um den Hals. Das Nachrichtenportal „IranWire“ berichtet, der Sicherheitschef der Insel, Alireza Isadbachsch, sei beauftragt worden, rund 15 Frauen auszuwählen, die bei den Spielen zuschauen dürften. Unter ihnen seien Ehefrauen und Töchter von Beamten auf der Insel gewesen. Frauen, die am Eingang abgewiesen wurden und wissen wollten, wieso diese zuschauen dürften, sei gesagt worden, es handele sich um Journalistinnen und Gäste. Die Frage, ob und wann die FIVB von dieser angeblichen Vorzugsbehandlung erfahren habe, wurde vom Verband bislang nicht beantwortet.

„Aber die FIVB will doch bitte der Welt nicht erzählen, dass darunter Gleichberechtigung zu verstehen ist“, sagt Minky Worden. Sie fordert vom Weltverband eine Garantie, dass Frauen im kommenden Sommer zu Weltligaspielen der Nationalmannschaft Karten kaufen können und eingelassen werden, ohne Angst haben zu müssen. „Anderenfalls muss der Verband Iran die Spiele entziehen.“ IOC-Präsident Bach sagte in Lillehammer: „Die olympische Charta ist eindeutig. Olympische Spiele könnten in einem Land mit einer solchen Rechtslage niemals stattfinden.“ Die Bemühungen der FIVB seien gleichwohl ein Schritt in die richtige Richtung gewesen. Die auf Kisch am Eingang zurückgewiesene Volleyball-Enthusiastin schreibt dagegen: „Dass der iranische Verband lügt, kann ich ja noch nachvollziehen. Aber was hat ein internationaler Verband davon? Ich bin wirklich enttäuscht.“

Nachtrag: Die FIVB antwortete am 26. Februar um 15:51 Uhr per Mail auf Nachfragen zum Geschehen auf Kisch. In der Antwort heißt es unter anderem, es habe „keinen Wert, in forensische Details zu gehen und zu diskutieren, was bei den Kish Island Open geschehen oder nicht geschehen“ sei. Es müsse reichen, dass der Verband mit dem sehr zufrieden sei, „was wir in Iran bislang erreicht haben“. Man wolle festhalten, dass man durch den Fortschritt, den das Turnier gebracht habe, sehr bestärkt sei. Darauf wolle man aufbauen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Christoph
Christoph Becker
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