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Fußball-Weltmeisterschaft 2022

Qatar wieder im Zwielicht

Von Christoph Hein, Singapur
 - 22:12

In Moskau warben sie noch mit Kunststoff-Kamelen, heimischem Essen und Volkstänzen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Qatar. Nun aber sind die Qatarer abermals ins Zwielicht geraten: Zunächst wurde das Emirat dafür kritisiert, Gastarbeiter für den Bau der Stadien und Hotels auszubeuten. Dann wurden zwei Jahre lang Bestechungsvorwürfe untersucht. Nun heißt es, Qatar solle sich unfairer Mittel bedient haben, um in der Bewerbungsphase Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen. Die Geheimoperationen richteten sich dabei wohl besonders gegen die Mitbewerber Amerika und Australien.

Dort schlagen die Wellen nun hoch. Australien war während der Wahl 2010 durch die Exekutive des Fußball-Weltverbandes (Fifa) als erstes Land ausgeschieden, dann folgten Japan und Südkorea, und erst auf den letzten Metern verloren die Amerikaner gegen Qatar. Nun aber berichtet die Londoner Zeitung „The Sunday Times“, die Araber hätten über Monate Foul gespielt. Die „Sunday Times“ hatte auch schon versucht, die Bestechungsvorwürfe gegen den Fifa-Repräsentanten Qatars, Mohamed bin Hammam, mit Dokumenten zu belegen. Nun habe ein Informant ausgepackt, heißt es. „Emails eines ,Whistleblowers‘ zeigen, wie die Bieter eine Firma für Öffentlichkeitsarbeit und frühere Agenten des (amerikanischen Geheimdienstes) CIA (...) bezahlten, um falsche Propaganda über ihre Hauptgegner Amerika und Australien auszustreuen.“

Bei der amerikanischen Agentur soll es sich um Brown Lloyd Jones (BLJ) handeln, die heute als BLJ Worldwide firmiert. Der „Sunday Times“ liegt eine E-Mail von Michael Holtzman, dem Präsidenten von BLJ in New York, vom Mai 2010 vor. Darin gibt er einem der führenden qatarischen Berater unter dem Stichwort „Strategie“ einen Bericht über den Zwischenstand. „In den vergangenen vier Monaten haben wir an einer umfassenden Kampagne gearbeitet, den Ruf der Kandidaten für 2018/2022 zu beschädigen, insbesondere den von Australien und den Vereinigten Staaten.“ Dazu zählte laut Holtzman: „Anwerben von Journalisten, Bloggern und hochrangigen Persönlichkeiten in jedem Markt, um Fragen zu stellen und negative Aspekte der jeweiligen Gebote in den Vordergrund zu rücken. Dutzende Artikel sind in Amerika, Australien und internationalen Medien erschienen, die diese Bewerbungen blamieren und unterminieren.“ Auch habe man „den Kopf der Vereinigung der Sportökonomen angestellt, um eine grundlegende Studie zu schreiben“, wie verlustreich die Ausrichtung für Amerika wäre. Gemeint sein dürfte die „Nordamerikanische Vereinigung der Sportökonomen“, die 2009 und 2010 von Brad Humphreys geführt wurde. Der Professor der Universität in Alberta hatte im Juni 2010 einen kritischen Bericht über die Kosten von Weltmeisterschaften im Magazin „Forbes“ veröffentlicht. Er wird im Bericht der „Sunday Times“ nicht namentlich genannt, allerdings ist die Rede davon, „ein Professor“ habe für die negative Studie 9000 Dollar erhalten. In Australien wurde unter anderem eine Gruppe junger Rugby-Spieler engagiert, die als Zuschauer gegen die Weltmeisterschaft der Fußballer „Down Under“ protestieren sollten. Bei all dem ging es darum, ein negatives Klima im eigenen Land gegen die Bewerbung zu erzeugen. Das Ziel dabei war, weltweit den Eindruck zu schaffen, dass das jeweilige Land nicht einmal auf die Unterstützung der eigenen Bevölkerung zählen könne. Die aber will der Weltfußballverband Fifa vor einer Vergabe sehen.

Die Drecksarbeit erledigen Andere

Stimmen die Vorwürfe, hätte Qatar in seiner Kampagne die Regeln des Verbandes gebrochen. In ihnen nämlich wird ausdrücklich festgestellt, dass sich keine Bieternation „schriftlich oder mündlich“ über Gebote oder Gegenkandidaten äußern darf. Nur hätte die Drecksarbeit in diesem Fall nicht Qatar selber gemacht – es scheint, als habe das Land oder mit ihm verbundene Funktionäre außenstehende Agenturen beauftragt. Dem stellvertretenden Führer des qatarischen Gebotsteams, Ali al-Thawadi, allerdings sei bekannt gewesen, dass es eine Vereinbarung gebe, die anderen Kandidaten mit Schmutz zu bewerfen, schreibt die „Sunday Times“.

Sie zitiert Lord David Maxim Triesman, den früheren Vorsitzenden des englischen Fußballverbandes, mit der Aufforderung an die Fifa, den neuen Vorwürfen unbedingt und schnell auf den Grund zu gehen. „Sollte sich zeigen, dass Qatar die Fifa-Regeln gebrochen hat, dann können sie die Weltmeisterschaft nicht ausrichten.“ Allerdings verfolgt Triesman offensichtlich auch englische Interessen: „Unter solchen Bedingungen wäre es für die Fifa nicht falsch, England ins Auge zu fassen. Wir bieten die Möglichkeiten.“ Qatar wäre die erste muslimische und arabische Nation, die jemals eine Fußball-Weltmeisterschaft ausrichtet.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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