Sieg bei Tour de France

Der große Coup des Nils Politt

Von Michael Eder, Nimes
08.07.2021
, 19:30
Erster im Ziel: Nils Politt gewinnt die zwölfte Etappe der Tour de France.
Für das deutsche Team Bora-hansgrohe geht es auf der zwölften Etappe drunter und drüber. Peter Sagan verabschiedet sich aus der Tour de France. Nils Politt gelingt der größte Sieg seiner Karriere.
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Einer, Peter Sagan, hat sich aus der Tour de France verabschiedet, ein anderer, Nils Politt, hat den größten Sieg seiner Karriere bejubelt. Für das deutsche Team Bora-hansgrohe ging es auf der zwölften Etappe der Frankreich-Rundfahrt über 160 Kilometer von Saint-Paul-Trois-Châteaux nach Nimes drunter und drüber. Im Ziel lagen sich am Ende alle in den Armen. Die Erleichterung war groß.

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Endlich ein Ergebnis zum Anfassen auf der Siegertribüne, endlich ein Aufblendlicht am Ende des Tunnels. Vergessen für ein paar lange Augenblicke die Enttäuschungen, die mit der Tour, dem Saisonhöhepunkt, einhergegangen waren. Peter Sagan, der Star, der zum achten Mal das Grüne Trikot des Punktbesten nach Paris tragen wollte, früh gestürzt und nur mit größten Schmerzen noch so lange weitergefahren, bis es am Donnerstag nicht mehr ging. Lennard Kämna schon vor der Tour krankgemeldet, nicht in der Lage, sich die Tour anzutun in diesem Jahr.

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Emanuel Buchmann eingesprungen, aber nach seinem Sturz beim Giro und einer improvisierten Vorbereitung keine Hilfe in den Bergen für Kapitän Wilco Keldermann, der sich trotzdem tapfer schlägt als Sechster der Gesamtwertung. Nun also Politt, der alle Probleme und Nöte des Teams erst einmal wie ein Zauberer verschwinden ließ. Er siegte nicht irgendwie, nicht mit Glück oder um Haaresbreite, er siegte als Solist, so wie dies die tempoharten Puncheure am liebsten tun, die Männer mit der großen Lunge und dem zähen Willen durchzukommen auf langen Fluchten in schwierigem Gelände.

Ein Sieg wie aus dem Bilderbuch

Politt hatte sich früh mit zwölf Weggefährten aus dem Feld verabschiedet und mit ihnen sein Heil in der Flucht gesucht. Vierzig Kilometer vor Nimes war nur noch ein Häufchen übrig, und dann, zwölf Kilometer vor dem Ziel, setzte der Mann aus Hürth alles auf eine Karte, hop oder top. Er attackierte mit einem explosiven Antritt und schaffte den Absprung.

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Ein Sieg wie aus dem Bilderbuch für solch wellige Etappen. 31 Sekunden betrug Politts Vorsprung vor Imanol Erviti (Movistar) und Harry Sweeny (Lotto Soudal) auf den Plätzen zwei und drei. Auch der 38 Jahre alte Sprint-Routinier André Greipel (Israel Start Up-Nation ) hinterließ einen glänzenden Eindruck. Er hatte den Sprung in die Ausreißergruppe geschafft und wurde am Ende Sechster. Im Gesamtklassement gab es in der Spitze keine Veränderungen. Der Slowene Tadej Pogacar führt sie souverän an.

Für den 27-jährigen Politt war es der größte Erfolg seiner bisherigen Karriere. Schon einmal, 2019, hatte er an einem ganz großen Sieg schnuppern dürfen, beim Frühjahrsklassiker Paris–Roubaix wurde er Zweiter. „Es ist ein Traum, bei der Tour eine Etappe zu gewinnen“, sagte er im Ziel. Als vor dem Start klar gewesen sei, dass Sagan wegen seiner Knieverletzung aufgeben musste, erzählte Politt, habe man die Renntaktik ein Stück weit ändern müssen. Nicht der dreimalige Weltmeister Sagan, in gesundem Zustand ein Spezialist für solche Etappen, stand nun im Mittelpunkt des Teams, sondern Politt, der auf eigene Faust fahren konnte. Wie er das tat, war eines Meisters würdig.

Eine Phase mit Seitenwind war das Sprungbrett der Gruppe, sich früh vom Feld zu lösen, und Politt war aufmerksam genug, diese Chance nicht zu verpassen. Er habe sich schon in den vorangegangenen Tagen gut gefühlt, sagte er. Nun brachte er das gute Gefühl auf die Straße. „Es waren zunächst ganz schön viele Sprinter in unserer Gruppe“, sagte Politt, „deshalb habe ich das Rennen schnell und hart machen müssen.“ Mit reinen Sprintern fährt man besser nicht auf die Zielgerade. Als Politt die meisten schon abgehängt hatte, kam dreizehn Kilometer vor dem Ziel per Funk die Ansage der Sportlichen Leitung, dass gleich noch eine Kuppe zu überfahren sei, die letzte Chance, sich abzusetzen. Politt ließ sich nicht lange bitten.

Quelle: F.A.Z.
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