Tour de France

Das Tagebuch des Jonas Rutsch

Von Jonas Rutsch
19.07.2021
, 15:31
Debütant Jonas Rutsch ist 23 Jahre alt, stammt aus Erbach und fährt für EF Education-Nippo.
Debütant Jonas Rutsch ist 23 Jahre alt, stammt aus Erbach und fährt für EF Education-Nippo. An dieser Stelle berichtet er regelmäßig über die Tour de France und seine Erlebnisse dort.

Das Tagebuch von Jonas Rutsch von der Tour de France wird an dieser Stelle regelmäßig aktualisiert. Aufgezeichnet werden seine Berichte von Alex Westhoff.

Tag 1: Nach der Teampräsentation lag ich abends im Hotelbett und habe gedacht: Jonas, das hast du nicht schlecht gemacht. Der Haufen Arbeit, der dahintersteckt, hat sich ausgezahlt. Nun wird es also wahr, meine erste Tour de France. Ich empfinde gerade eine Mischung aus Neugierde, Respekt und Vorfreude auf die kommenden drei Wochen. Ich bin am Mittwoch mit dem Zug angereist von meinem Wohnort Wiesbaden nach Brest, wo der Grand Départ der diesjährigen Tour stattfindet.

Achteinhalb Stunden Zugfahrt – mir macht das nichts aus, weil ich dabei gut die Beine hochlegen, den Kopf freikriegen und viel schlafen kann. Seitdem ich nach der Tour de Suisse erfahren habe, dass mich mein Team EF Education-Nippo für die Frankreich-Rundfahrt nominiert, ist viel Schonung angesagt. Es ist im zweiten Profijahr meine erste dreiwöchige Rundfahrt.

Die Anspannung hält sich bei mir wirklich noch in Grenzen. Das mag daran liegen, dass ich mich zu 100 Prozent gut vorbereitet fühle – es hätte mit den guten Ergebnissen zuletzt nirgends besser laufen können. Nun ja, dass ich mir bei der Tour de Suisse bei einem Sturz eine Rippe gebrochen habe, ist blöd. Aber das merke ich eigentlich nur, wenn ich tief gehen muss, also ungefähr ab Puls 160 beim Atmen. Das wird mich aber nicht davon abhalten, jeden Tag 150 Prozent meines Leistungsvermögens anzubieten, um das zu tun, was das Team von mir verlangt.

Klar, es wird viel Neues und Unerwartetes auf mich einprasseln. Dass hier bei der Tour alles größer und schneller, intensiver und extremer ist als bei jedem anderen Radrennen, habe ich schon in den ersten Stunden hier registriert. Alle scheinen nur eine Herangehensweise zu kennen: All in. Die erfahrenen Tour-Teilnehmer, mit denen ich spreche, raten mir, es zu genießen und alles aufzusaugen.

Tag 3: Meine größte Erkenntnis von den ersten Tour-Tagen ist: Man bekommt hier nichts, aber wirklich gar nichts geschenkt. Jede Position im Feld muss man sich mit vollem Einsatz erkämpfen und verteidigen. Da gilt wirklich: Tritt oder stirb. Von den Klassikern her kannte ich das schon, dass das Feld wie festgefahren ist, dass kein Durchkommen mehr ist. Aber bei den Rundfahrten, an denen ich bislang teilgenommen habe, gab es immer mal Lücken, durch die man huschen konnte. Nicht so bei der Tour. Die anderen wollen einen quasi von links und rechts überrollen und nach hinten abdrängen, da gilt es, mit viel PS dagegenzuhalten. Am Sonntag habe ich es dennoch mal geschafft, meine Jungs aus dem Team vorne zu positionieren – und bin dann auch 15 Kilometer an der Spitze des Peloton gefahren.

Die Tour de France im Fernsehen anzuschauen, hat mich als Kind einst zum Radsport gebracht. Mein erstes Radrennen wollte ich deshalb auch unbedingt in einem Gelben Trikot bestreiten. Daran habe ich aber in dem Moment, als ich das Feld angeführt habe, nicht gedacht. Da ging es nur darum, meinen Job zu erledigen.

Die Auftaktetappe am Samstag war das hektischste Radrennen, an dem ich je teilgenommen habe. Man hat gespürt, wie viel Druck auf den Fahrern und Teams lastet. Und dann hat es ja zwei Mal grausam gekracht bei den Massenstürzen. Beim ersten, dem von der Zuschauerin verursachten, bin ich als einer der wenigen im Feld noch um das Schlachtfeld drumherum gekommen. Beim zweiten kurz vor dem Ziel hatte ich mehr Glück als Verstand. Ich bin irgendwie auf einem Bein auf dem Rad geblieben und durch das Gemetzel gekommen. Das waren schockierende Szenen.

Man hört erst das Quietschen der Reifen und Bremsen und dann das Geschepper und die Schreie. Man muss sich das Fahren im Feld wie ein Blindflug vorstellen – man sieht quasi nichts außer den Vordermann und die Nebenleute. Mit meiner Länge von 1,97 Metern habe ich im Vergleich zu den allermeisten anderen Profis immerhin das Glück, so ein bisschen oben drüber schauen zu können. Nach den Massenstürzen lagen natürlich die Nerven blank bei den Fahrern. Das merkte man daran, dass bei jedem Reifen- oder Bremsenquietschen hinten im Feld sofort Ausweichmanöver gefahren wurden. Schutzreflexe, aus Angst vor dem nächsten Crash.

Tag 4: Der Montag war sicher nicht mein schönster Tag auf dem Rad. Und für viele andere bei der Tour auch nicht. Vom Start weg passierten überall Stürze. Da fährst du dann vorbei und kannst nur von Glück sagen, dass du nicht selbst drin liegst. Aber zehn Kilometer vor dem Ziel hat es mich dann auch erwischt. Als es Topfavorit Primoz Roglic auf die Straße gehauen hat, war ich knapp dahinter – ich hatte keine Chance, noch drumherum zu kommen.

Ich bin über meinen Lenker abgeflogen und mit der rechten Schulter aufgekommen. Die ist einmal raus- und dann wieder reingesprungen. Ich lag dann auf dem Rad von irgendjemand anderen, der das Teil dann sofort hektisch unter mir hervorziehen wollte. Dem habe ich deutlich gesagt: Jetzt gib mir mal eine Sekunde! Er hat dann sein Rad irgendwie unter mir rausgewurschtelt. Ich habe erstmal zwei Minuten auf der Straße gesessen und bin dann wieder auf den Sattel geklettert und weitergefahren.

Auf dem Weg ins Ziel habe ich Jungs gesehen, die noch immer auf der Straße lagen. Unser Team-Doc hat dann am Abend einen mobilen Scan gemacht und konnte einen Schlüsselbeinbruch leider nicht ausschließen. Ein Röntgengerät war leider nicht verfügbar. Es war eine schmerzhafte Nacht. Die Schulter ist jetzt mit einem Tapeverband versehen, um das Gelenk zu stabilisieren – die Schulter fühlt sich aber instabil an. Ich steige am heutigen Dienstag wieder aufs Rad, am Abend soll dann geröntgt werden. Natürlich wird es während der Etappe wehtun. Aber wichtiger ist zunächst, ob ich in der Lage bin, ein Rad zu steuern. Wenn dem nicht so ist, steige ich ab und lasse es sein. Jetzt, so kurz vor dem Start der Etappe, versuche ich die Emotionen auszublenden. Zu viel drüber nachzudenken, ist gerade nicht förderlich.

Tag 7: Wie es sich anfühlt mit lädierter Schulter in Zeitfahrposition auf dem Rad zu sitzen? Ganz ehrlich, Pardon: beschissen. Da liegt die Volllast auf der Schulter. Bei dem 27,2 Kilometer langen Zeitfahren am Mittwoch wollte ich nur irgendwie schnell von A nach B kommen. Ich konnte die Zeitfahrposition aber gar nicht die ganzen 34 Minuten, die ich gebraucht habe, halten, sondern musste mich zwischendrin aufrichten. Nach meinem Sturz am Montag musste ich ja bis Dienstagabend auf meine Diagnose warten. Die Schulter ist zum Glück nur ausgekugelt, und dort, wo das Schlüsselbein ansetzt, hat sich etwas verschoben. Im Training hatte ich mir diese Verletzung vor zwei Jahren schon mal zugezogen.

Wie ein Amboss: Jonas Rutsch fährt mit Schmerzen weiter.
Wie ein Amboss: Jonas Rutsch fährt mit Schmerzen weiter. Bild: dpa

Auf Schmerzmittel habe ich aber nur in der ersten Nacht zurückgegriffen. Im Rennen bin ich kein Freund davon, weil ich meinen eigenen Körper spüren will. Schmerzen sind ja Signale an Dich, die sagen: es geht noch oder lass es sein. Diese zu unterdrücken führt in meinen Augen zu nichts Gutem. Bei der Flachetappe am Dienstag habe ich ausgetestet, ob ich anständig den Lenker festhalten, steuern und bremsen kann. Es ging besser als erwartet. Meine Beine sind sogar ganz gut. Denn auch das Zeitfahren ist mir auf Rang 43 als zweitbester Deutscher ja ganz gut gelungen.

Aber zwischenzeitlich hat es sich angefühlt, als ob mir einer mit einem Amboss auf die Schulter drischt. Ich habe jede Unebenheit auf dem Asphalt gespürt und manchmal dachte ich: Jetzt haut‘s mich auf dem Auflieger zusammen. Besonders bei den beiden „Speed Bumps“ auf der Strecke. Über den einen sind wir, weil es leicht bergab ging, mit Tempo 60 gefahren. Da habe ich echt die Luft angehalten.

Wir sind den Zeitfahrkurs vorher im Team abgefahren. Als ich im Starterzelt war vor dem Zeitfahren hat es pünktlich angefangen zu regnen. Was bei diesem technischen Kurs mit vielen engen Kurven ein ziemlicher Nachteil ist. Einmal bin ich tatsächlich fast wieder abgeflogen vom Rad. Ich hatte mir eine Kurve, die spitz zulief, nicht richtig gemerkt. Da hatte ich echt mehr Glück als Verstand, dass ich auf dem Sattel geblieben bin. Ich war froh, als es vorbei war. Denn eines ist ja klar: Noch ein Sturz und es ist wohl Feierabend für mich bei der Tour. Aber auch ohne weiteren Abflug werde ich weiter ehrlich und realistisch reinhorchen in die Schulter. Es ist zwar die Tour, meine erste Tour, aber ich will meinen Sport längerfristig ausüben.

Die letzten Nächte waren besser. Ich bin zumindest nicht mehr aufgewacht mit Schmerzen in der Schulter. Es geht also aufwärts bei mir. Und am Wochenende sind wir auch schon in den Alpen angelangt. Da geht es dann auch auf der Strecke aufwärts.

Tag 10: Da war ich aber froh, als mir am Sonntag im Ziel in Tigne (2107 Meter) unser Teambetreuer sofort Gummibärchen hingehalten hat. Die habe ich mir regelrecht in den Mund geknallt – so dermaßen unterzuckert war ich. Es war zwar ein ungemein harter, aber ein sehr guter Tag für mich.

Es fühlte sich an wie „Heavy-Weight“-Radfahren. Man war nass bis auf die Knochen, die Klamotten waren so vollgesogen, als ob man in einen See gesprungen wäre. Und dazu diese Kälte! Unter zehn Grad. Da friert jeder erbärmlich. Die Frage ist nur, ob man sich davon einlullen lässt und gedanklich jammert, was es nicht besser macht. Oder ob man es ausblenden kann im Wissen, dass an solchen Tagen jeder im Peloton leiden wird. Es ging am Sonntag über vier Alpen-Gipfel – bei den Abfahrten habe ich richtig geschlottert, weil man auf diesen steilen, kurvenreichen und nassen Straßen dann kaum noch treten konnte. Da habe ich fast auf den nächsten Anstieg gehofft, um wieder ein bisschen wärmer zu werden.

Ich weiß, warum ich bei dieser Tour bin und was meine Aufgabe ist. Es gilt unseren kolumbianischen Kapitän Rigoberto Uran zu unterstützen. Bei solchen Alpen-Etappen wie am Wochenende lässt es sich nicht planen, welcher Helfer wie lange noch bei ihm bleiben kann. Man hat ja gesehen, wie viele Fahrer bei diesen Bedingungen einen, ich nenne es mal: Motorplatzer hatten oder regelrecht erfroren sind auf dem Rad. Wenn man einmal leer ist, ist man leer – dann geht nichts mehr.

Ich habe es tatsächlich geschafft, bis acht Kilometer vor dem Ziel bei „Rigo“ in der Gruppe der Favoriten zu bleiben. Die Aussicht auf den Ruhetag am Montag war Extramotivation, nochmal alles, was ich habe, in die Pfanne zu hauen. Erst auf den letzten steilen Rampen musste ich reißen lassen. „Rigo“ liegt jetzt auf Rang drei im Gesamtklassement. Am Sonntagabend hat er sich herzlich bei mir bedankt und mich gelobt. Er war überrascht, dass ich ihm trotz meiner Körpermaße in den Bergen so lange helfen konnte. Mit 1,97 Metern und 80 Kilogramm (beim Tour-Start waren es noch 81) wird aus mir natürlich kein Bergfahrer, nur weil ich jetzt mal schnell berghoch gefahren bin. Aber von ganz ungefähr kommt meine Leistung auch nicht.

Schon zu Juniorenzeiten ist mir der Name Bergziege verpasst worden – und ich habe ihn bis heute behalten. Und am Sonntag ist die Bergziege in mir mal wieder aufgeflackert. Auf solch schwierigem Terrain so lange mit der Gruppe der Tour-Favoriten mitfahren zu können, betrachte ich als schöne Bestätigung meiner Leistungsfähigkeit. Ein schönes Gefühl, zu wissen, dass ich auch mal vorne reinfahren kann. Und zu erleben, wie bei solchen Etappen immer schneller gefahren wird, je näher das Ziel kommt. Jeder will dem anderen wehtun, ihn zermürben bis er aufsteckt.

Mit meiner bei der dritten Etappen erlittenen Schulterverletzung ist soweit alles okay. Bei der Kälte in den Alpen war eh der ganze Körper taub. Aber immer wenn ich beim Klettern aus dem Sattel gegangen bin, habe ich es schon sehr deutlich gespürt. Und bin deswegen so viel sitzengeblieben wie möglich.

Tag 12: Ich sitze gerade im Bus, es geht zur nächsten Etappe, der Etappe nach dem Mont Ventoux. Das war ein harter Tag, eines der härtesten Rennen, das ich je gefahren bin. Zweimal über diesen Wahnsinnsberg, mehr als viereinhalbtausend Höhenmeter, das geht richtig auf die Knochen. Bei der ersten Auffahrt zum Gipfel ging es noch, die Strecke war anfangs nicht so megasteil, mehr so in der Art, wie ich gut raufkomme. Aber es war heiß und windig, und dann sechs Kilometer vor dem Gipfel kommt man in diese Mondlandschaft, und es wird steil und steiler. Mehr als zehn Prozent, das ist dann nichts mehr für mich.

Als ich zum ersten Mal oben war, habe ich an nichts mehr gedacht, außer, dass ich heil die Abfahrt runterkomme. Das sind 23 Kilometer, volles Tempo in der Gruppe, der Radcomputer hat einmal 108 Kilometer pro Stunde angezeigt. Da fühlt man sich dann doch ein bisschen unwohl, da ist man froh, dass man Scheibenbremsen hat.

Wahnsinnsberg: Jonas Rutsch (rechts) bei der 11. Etappe
Wahnsinnsberg: Jonas Rutsch (rechts) bei der 11. Etappe Bild: AFP

Ich war in der ersten größeren Verfolgergruppe, mit Rigoberto Uran, meinem Kapitän vom Team EF Education-Nippo. Mein Job war, möglichst lange bei ihm zu bleiben und ihn zu unterstützen, ihn ein bisschen aus dem Wind zu halten. Als wir zum zweiten Mal zum Ventoux hinaufkletterten, auf der härtesten Strecke, wo es von unten bis oben supersteil ist, habe ich nach, zwei, drei Kilometern abreißen lassen müssen, das war dann doch zu viel. Rigoberto ist ohne mich weiter. Ich habe mich mit anderen hochgequält. Die abgehängten letzten Helfer haben sich zusammengefunden, gemeinsam haben wir uns Meter für Meter weiter gekämpft.

Dann noch einmal die Abfahrt runter, dann hat es auch echt gereicht. Platz 34 war es am Ende, in der Gruppe, in der ich ankam, waren eine ganze Reihe prominenter Namen, Pierre Rolland zum Beispiel, Miguel Angel Lopez und auch Emanuel Buchmann und Patrick Konrad von Bora-hansgrohe. Manche haben mir gratuliert zu der Leistung, aber ich bin da eher zurückhaltend. Ich habe einfach meinen Job so gut gemacht, wie ich konnte, damit kann ich zufrieden sein. Ich habe Rigoberto, meinem Kapitän, ein bisschen helfen können. Er ist jetzt Zweiter in der Gesamtwertung, das ist ein tolles Zwischenergebnis. Grund zum Feiern ist das nicht, es gibt noch so viele schwere Etappen, darauf müssen wir uns konzentrieren.

Jetzt geht es erst einmal weiter mit flachen Etappen, ob ich mich da ein bisschen erholen kann vom Mont Ventoux, das werden wir sehen, wie der Rennverlauf jeweils ist. Nach einer so heftigen Etappe wie der am Mont Ventoux versucht man im Ziel erst einmal, möglichst viele der Kalorien wieder reinzuessen, die man verloren hat. Man muss so schnell wie möglich in den Ruhemodus schalten. Schlafen ist ein wenig schwierig nach so einer großen Anstrengung, aber diesmal ging es ganz gut.

Nach der Etappe, die nach Tignes führte, hatte ich dagegen ganz schlecht geschlafen, wohl auch, weil unser Hotel weit oben in den Bergen war, das macht es umso schwieriger. Wenn man morgens aufwacht, geht es dann meist wieder ganz gut. Nur der Kopf tut weh, so als wäre man verkatert. Ob man da schon wieder Lust aufs Radfahren hat, das ist nicht die Frage. Das steht nicht zur Debatte. Man setzt sich in den Mannschaftsbus und fährt zum Start.

Tag 15: An diesem Montag ist Ruhetag. Nach vierzehn Etappen ein Tag Pause. Ruhetag bedeutet, ein bisschen mehr Ruhe als sonst, aber nicht Komplettruhe, weil es ja auch nebenbei noch was zu tun gibt außer Radfahren. Man muss die ganze Sache ja auch ein bisschen mit der Umwelt teilen. Und man muss auch am Ruhetag Radfahren, man muss den Motor am Laufen halten.

Das heißt, wir sind an diesem Montag auch aufs Rad gestiegen, zwei Stunden, natürlich mit verminderter Intensität. Einfach nur, um den Körper nicht einschlafen zu lassen, denn nach zwei Wochen Radrennen ist das einzige, was der Körper wirklich will: Ruhe. Und wenn man ihm zu viel Ruhe gibt, schaltet er in einen Modus, der nicht gut ist für die letzte Woche. Dann kann man ihn nicht mehr richtig ansteuern im Rennen.

Wie alle am Limit: Jonas Rutsch
Wie alle am Limit: Jonas Rutsch Bild: Imago

Also eine kleine Ausfahrt am Ruhetag und noch ein paar Intervalle, um Laktat zu bilden und dem Körper zu zeigen, dass es noch nicht zu Ende ist. Das System muss weiter auf Hochtouren laufen. Ich bin noch nie eine dreiwöchige Rundfahrt gefahren, diese enorme Anstrengung ist neu für mich, aber ich merke auch, dass es den anderen Fahrern nicht besser geht, das ist das Gute daran. Ich glaube schon, dass ich noch was im Tank habe. Wie viel genau, weiß ich nicht. Aber da ist schon noch was drin.

Zwei Wochen Tour de France sieht man mir und den anderen Rennfahrern an. Man sieht es an den Körpern, dass es eine ungeheure Belastung ist. Wenn man sich umsieht im Fahrerfeld, dann sieht man nur ausgezehrte Körper, das ist eigentlich ein Feld der Toten. Auch die Fahrer, die am Ende gewinnen, sind alle am Limit. Jetzt kommt es nur noch drauf an, wie viel du noch mobilisieren kannst und ein Stück weit an die Reserven zu gehen. Das ist einfach eine unglaublich harte Geschichte. Das ist drei Wochen Daueranspannung, für den Kopf und für den Körper.

Ich versuche, mich nicht dauernd damit zu beschäftigen. Erst wenn ich morgens im Teambus mein Etappenbuch aufgeschlagen habe, und wir den Tag besprechen, erst dann lege ich meinen Fokus auf das Rennen. Vorher versuche ich, so wenig wie möglich an Radfahren zu denken. Zwei Wochen mit dieser extremen Anstrengung bringen natürlich auch das Team eng zusammen. Gemeinsames Leiden verbindet. Ich bin echt happy, wie das funktioniert bei uns. Es macht mir neben der ganzen Schinderei auch eine Menge Spaß, mit den Jungs zu fahren.

In den Ruhezeiten, die man seinem Körper und seinem Kopf gönnt, muss man schauen, dass man sie wirklich einhält und wirklich versucht runterzufahren. Nach dem Essen abends lege ich mich ins Bett, telefoniere mit meiner Freundin und meiner Familie, schalte dann alle Geräte aus, dehne mich noch eine Runde, nehme ein Buch in die Hand, lese noch ein bisschen und versuche dann einzuschlafen. Am nächsten Morgen erst kalt duschen, dann darf der Kaffee nicht fehlen, sonst werde ich ungemütlich. Und dann geht es weiter.

Es sind jetzt noch drei Etappen in den Pyrenäen, die erste an diesem Dienstag, und am Donnerstag die wohl schwerste über den Tourmalet. Dort haben vor dem Gipfel die Frankfurter Jungs von Guilty76 ein riesiges Graffito für mich auf die Straße gepinselt, ein Foto davon habe ich schon gesehen. Das ist eine verrückte Truppe, so eine Art Ultras des Radsports, die kommen extra aus Deutschland und malen die Pyrenäen voll. Ich finde cool, was die machen. Ich freu mich drauf, da drüber zu fahren.

Schlusstag: Schon oft habe ich das triumphale Tour-Finale in Paris vor dem Fernseher verfolgt. Und habe mich immer gefragt, wie sich das wohl anfühlt für die Rennfahrer nach drei Wochen durch Frankreich. Jetzt, wo ich es selbst erlebt habe, kann ich sagen: Vor dem Fernseher ist es auch schön, weil die Beine nicht so enorm wehtun. Auch die Schlussetappe ist keine Spazierfahrt. Auf den finalen Runden auf den Champs Elysées wird nochmal richtig Radrennen gefahren. Im Ziel war ich superhappy, richtig geflasht. Von der Kulisse, von den Leistungen, von allem. Aber ich war auch heilfroh, dass es vorbei war.

Superhappy: Jonas Rutsch hat es geschafft.
Superhappy: Jonas Rutsch hat es geschafft. Bild: Reuters

Jetzt habe ich meine erste Grand Tour im Sack, was sich richtig gut anfühlt. Die Tour de France war definitiv das Härteste, was ich in meinem Leben bislang gemacht habe. Man lebt drei Wochen in einem Rhythmus und unter einem Stress, den Außenstehende kaum nachvollziehen können. Ich habe viel Lob bekommen, auch von erfahrenen Rennfahrern, die erzählten, dass es bei ihrer ersten Tour nur ums Überleben und Ankommen ging, ich aber direkt schon ein bisschen was bewegen konnte. Dass ich im Hochgebirge mit meinen 1,97 Metern mitunter bis kurz vor dem Ziel in der Favoritengruppe mit all den leichten Kletter-Assen mitfahren konnte, hat mir vorher kaum jemand zugetraut. Es war toll, zu sehen und zu spüren, wie ich mich während dieser Tour weiterentwickelt habe. Wie ich mittlerweile ein breites Spektrum abdecke. Und dass ich auf einem Level angekommen bin, bei der Tour um einen Etappensieg mitfahren zu können.

Bei der 19. Etappe am vergangenen Freitag war ich in der Ausreißergruppe, die den Sieg unter sich ausgemacht hat. Ich bin eine Attacke nach der anderen gefahren. Aber wie die Gruppen zusammengesetzt sind, das ist auch Lotterie. Als ich mal ein paar Sekunden Vorsprung hatte, dachte ich schon, dass ich weggekommen wäre. Aber dann wurde das Loch von Trek-Segafredo, die mit drei Mann noch dabei waren, doch wieder zugefahren. Eigentlich habe ich nur eine einzige Konterattacke kassiert. Aber die hat gleich gesessen an einem Stück, an dem es leicht bergauf ging. Da hatte ich dann nichts mehr hinzuzusetzen. Echt schade, denn ich hatte alles darangesetzt, diese Etappe zu gewinnen. Ich habe, das ist klar, viel gelernt und manches auch lernen müssen in den vergangenen drei Wochen.

Am Sonntagabend haben wir mit dem gesamten Team noch in einem Restaurant gesessen. Nach Wochen, in dem man kein Bier gesehen und keinen Tropfen Alkohol gerochen hat, waren ein paar Gläser Wein ein Hochgenuss. Nächste Woche beginne ich im Rahmen meines Studiums bei der Hessischen Polizei mein zweites Praktikum. Aber zunächst geht es jetzt von Paris gemeinsam mit meiner Freundin direkt für ein paar Tage ins Elsass. Mein Rad habe ich dabei. Es ist immer gut, ein Rad dabei zu haben.

Quelle: F.A.Z.
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