Tour de France

Slowenien, die neue Radsportnation

Von Michael Eder
06.09.2020
, 18:40
Der Ausflug in die Pyrenäen hat das Feld der Tour de France sortiert. Alaphilippe, Pinot und Buchmann müssen abreißen lassen. In Gelb fährt jetzt Primoz Roglic. Und es gibt noch einen zweiten Slowenen, der überrascht.

Die Tour de France – eine Tour de Slovenia. Primoz Roglic (Jumbo-Visma) und Tadej Pogacar (Team UAE), beide aus Slowenien, waren die herausragenden Fahrer dieses Wochenendes, als die Frankreich-Rundfahrt die Pyrenäen und damit ihre ersten Höhepunkte erreichte. Roglic, 30 Jahre alt und ehemals Weltklasse-Skispringer, nahm am Sonntag auf der neunten Etappe dem Briten Adam Yates (Mitchelton-Scott) souverän das Gelbe Trikot ab und führt die Gesamtwertung nun mit 21 Sekunden vor Egan Bernal (Ineos) an. Den Tagessieg holte sich Roglics bärenstarker, erst 21 Jahre alter Landsmann Pogacar. Er schlug Roglic im Sprint um ein paar Zentimeter, sicherte sich zehn Bonus-Sekunden und liegt nun als Siebter 44 Sekunden hinter dem Jumbo-Kapitän. Roglic und Pogacar sind die großen Sieger des Wochenendes. Zwei der großen Verlierer kommen aus Frankreich.

Favoritensterben. Kein schönes Wort, aber in diesem Fall mal gestattet. Als Julian Alaphilippe, der im vergangenen Jahr bei der Tour de France vierzehn Tage in Gelb unterwegs gewesen war, am Samstag in den Col de Peyresourde hineinfuhr, in die fast zehn Kilometer lange Steigung, fasste er offenbar einen Plan. Angriff! Und dann trat er an. „Wow!“, raunten die Experten, jetzt holt sich der Liebling der Franzosen mit einem wilden Angriff das Gelbe Trikot zurück, das er bei der zweiten Etappe erobert und auf der fünften wieder verloren hatte, weil er an der falschen Stelle eine Trinkflasche angenommen hatte. Jetzt, auf der achten Etappe, also der Konter. Aber der war schnell zu Ende. Alaphilippe sprintete ein paar Meter, dann fuhr er links hinaus und – adieu! – war fortan nicht mehr zu sehen in der Gruppe der Favoriten und verlor mehr als zehn Minuten. Gelb war verloren, und auch der vage Traum, die Tour vielleicht gewinnen zu können in diesem Jahr.

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Es ist viel passiert an diesem Wochenende. Der Ausflug in die Pyrenäen hat das Feld sortiert. Alaphilippe war nicht der einzige Verlierer. Sein Landsmann Thibaut Pinot, der im vergangenen Jahr – den ersten Tour-Sieg eines Franzosen seit 35 Jahren vor Augen – unter Tränen wegen einer Verletzung vom Rad steigen musste, büßte alle Chancen ein. Sein Waterloo erlebte er diesmal am vorletzten Berg, dem Port de Balès. Pinot weinte diesmal nicht, es war noch schlimmer. Er radelte im Kreis seiner Kollegen vom Team Groupama-FDJ als Ritter der traurigen Gestalt, resigniert, ausdruckslos. Sein Rücken schmerzte, hieß es später.

Emu und die Höhenschwäche

Auch Emanuel Buchmann, der Spitzenfahrer des deutschen Teams Bora-hansgrohe, erlebte schon am Samstag einen harten Tag und verlor mehr als eine Minute auf die Gruppe der Topfahrer um Roglic. Am Sonntag wurde es noch schlimmer. Wieder verlor er den Anschluss, wieder verlor er Zeit, diesmal mehr als vier Minuten. Auch Buchmann gibt Rätsel auf, oder vielmehr sein Team und dessen Strategie. Am Freitag, auf der siebten Etappe, hatte Bora-hansgrohe mit einer enormen Teamleistung und Kraftanstrengung das Feld zerlegt, um möglichst viele Sprinter zu isolieren und Peter Sagan, den schnellsten Mann im eigenen Team, zum Etappensieg zu führen. Das eine klappte nicht, Sagan sprang im Finish die Kette von den Ritzeln, das andere schon, das Feld zerriss wie ein mürbes Stück Papier.

Viel Lob für Bora-hansgrohe für diese Aktion. Aber am nächsten Tag, als Buchmann in den Pyrenäen Hilfe gebraucht hätte, starke, ausgeruhte Helfer, war da: nichts. Alaphilippe, Pinot, Buchmann – die Pyrenäen produzierten viele Verlierer. Auch Tom Dumoulin konnte man hinzu zählen. Der als Roglics Ko-Kapitän in die Tour gestartete Niederländer verlor ebenfalls Zeit und wird fortan eine neue Rolle spielen, als Edelhelfer von Roglic. Und Ineos, vormals Sky, die Supermannschaft der vergangenen Jahre? Nur noch ein Schatten ihrer einst imponierenden, erdrückenden Dominanz. Bernal wird, sollte kein Wunder geschehen, spätestens in den Alpen, wenn es in Richtung Entscheidung geht, auf sich selbst gestellt sein. Roglic hat mit Jumbo-Visma das deutlich stärkere Team – das hat die erste Tour-Woche in aller Deutlichkeit gezeigt.

Corona und die Ursachensuche

Woran das alles liegt? Warum kommen Alaphillipe und Pinot nicht einmal über die erste Woche, ohne abgehängt zu werden? Warum fährt Ineos hinter Bernal nur noch wie ein halbwegs ordentliches World-Tour-Team, aber nicht mehr wie von einem anderen Stern? Dass Buchmann keine starken Helfer hat, ist noch mit Sturzpech zu erklären. Maximilian Schachmann und Gregor Mühlberger waren wie ihr Kapitän in der Vorbereitung gestürzt und plagen sich noch mit Blessuren. Aber die beiden Franzosen und Ineos? Eine schlechte Nachricht für alle Defätisten: Das kann nicht mal an fehlendem Doping liegen, es gab während des Lockdowns ja wochenlang keinerlei Kontrollen. So gibt es nur eine Erklärung: Es wird an Corona liegen, manche Rennfahrer, manche Teams sind nicht gut durch die Zwangspause gekommen, ihnen fehlt es nicht nur an Rennkilometern, sondern auch an einem vernünftigen Formaufbau in schwierigen Zeiten.

Viele Verlierer also. Und die Gewinner? Primoz Roglic ganz vorn, nur er und der Kolumbianer Nairo Quintana konnten am Peyresourde der ersten Attacke des überragenden Pogacar folgen. Die zweite Attacke katapultierte den jungen Slowenen dann nach vorn. Er kam am Samstag 38 Sekunden vor der Gruppe um Roglic ins Ziel. Egan Bernal, der Überflieger vom vergangenen Jahr, zeigte Ansätze von Schwäche, bewies aber am Sonntag, dass mit ihm zu rechnen ist. Die Entscheidung über den Gesamtsieg wird nur über ihn fallen, und wohl auch erst in der letzten Woche, im Hochgebirge der Alpen, womöglich auch erst beim Zeitfahren mit einer Bergankunft am vorletzten Tag der Tour. Im Rennen um den größten Titel, den der Radsport zu vergeben hat, waren am Samstag neben Pogacar noch die zehn Fahrer in der Verlosung, die hinter ihm ins Ziel kamen: Roglic, Bernal, Yates, Nairo Quintana, Romain Bardet, Miguel Ángel López,, Mikel Landa, Guillaume Martin, Rigoberto Urán und Richie Porte. Am Sonntag dann die nächste Auslese: Es blieben in der Favoritengruppe: Roglic, Pogacar, Bernal und Landa. Das sind die Namen, die Kurs nehmen auf das Podium in Paris.

Quelle: F.A.Z.
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