Sieg bei der Tour de France

Planet Pogacar

Von Michael Eder, Saint-Emilion
18.07.2021
, 19:25
Der Meister: Tadej Pogacar
Ein Versprechen für die Zukunft, eine Erinnerung an die Vergangenheit: Der slowenische Radstar Tadej Pogacar und sein zweiter Sieg bei der Tour de France.

Er ist ein Versprechen für die Zukunft. Tadej Pogacar ist gerade einmal 22 Jahre alt. Ein Alter, in dem Radprofis gewöhnlich von einem Start bei der Tour de France träumen, als Lehrling. Pogacar aber fährt nun schon zum zweiten Mal in Gelb nach Paris. Zwei Siege beim größten Radrennen der Welt in diesem Alter! Und dies mit einem gewaltigen Vorsprung von mehr als fünf Minuten, wie soll das weitergehen?

Eddy Merckx, der seine erste Tour de France mit 24 Jahren fuhr, Bernard Hinault, Miguel Indurain und Jacques Anquetil gewannen die Frankreich-Rundfahrt je fünfmal. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, um Pogacar schon in drei Jahren in den Kreis dieser Champions aufsteigen zu sehen. Mit den Eindrücken dieser Tour im Hinterkopf ist die Frage, wer ihn in den nächsten Jahren überhaupt schlagen soll.

Erdrückende Überlegenheit

Vielleicht der Kolumbianer Egan Bernal, 24 Jahre alt, der die Tour 2019 gewann, mit diesem Sieg aber überfordert war und in dieser Saison nur noch ein Mann für den Giro d‘Italia war. Immerhin: Er gewann die Italien-Rundfahrt, vielleicht ein neuer Anfang für ihn. Oder Jonas Vingegaard, auch erst 22 Jahre alt, Zweiter hinter Pogacar diesmal, ein Newcomer aus Dänemark. Oder noch einmal ein Routinier? Einer der Alten? Da kommt fast nur noch Pogacars Landsmann Primoz Roglic in Frage, aber ob der 31 Jahre alte ehemalige Skispringer, im vergangenen Jahr von Pogacar im letzten Zeitfahren schwer geschlagen und diesmal wegen einer Sturzverletzung ausgestiegen, dazu noch einmal Kraft und Überzeugung aufbringen wird, ist ungewiss.

Ein Newcomer: Jonas Vingegaard
Ein Newcomer: Jonas Vingegaard Bild: Roth

Pogacars Überlegenheit ist erdrückend. Sein Vorsprung markiert einen Klassenunterschied zur Konkurrenz, auch zum Zweitplazierten Vingegaard. Das Gelbe Trikot holte sich der Slowene in den Alpen mit zwei Attacken am Col de Romme und am Col de la Colombière. Er siegte auch im ersten Zeitfahren. In Gelb gewann er in den Pyrenäen zwei extrem schwere Bergetappen in Folge, eine hinauf zum Col du Portet, die andere nach Luz Ardiden, das hat zum letzten Mal der große Bernard Hinault 1979 geschafft.

Neben dem Gelben Trikot sicherte sich Pogacar auch das gepunktete und das weiße, mit denen die Tour den besten Bergfahrer und den besten Jungprofi dekoriert. In seinem Alter hat nur der Franzose François Faber, Jahrgang 1887, mehr Tour- Etappen gewonnen als er. Überhaupt gewinnt Pogacar seit seinem ersten Tour-Sieg quasi jedes Rennen, bei dem er startet, allein elf in dieser Saison. Sein Siegeshunger ist so groß wie seine Klasse. Er sei der neue „Kannibale“, heißt es. Im Radsport ist das ein Ehrentitel, der einst Merckx verliehen wurde, dem Mann mit den 525 Siegen in Straßenrennen. Es ist keine Frage: Pogacar ist ein Versprechen für die Zukunft. Aber er ist auch anderes.

„Der Verdacht ist verdient“

Er ist eine Erinnerung an die Vergangenheit. „Er ist ein lebendes, atmendes, Rad fahrendes Testament für das Wunder des Lebens.“ Das schrieb USA Today 2002 über Lance Armstrong nach dessen viertem Tour-Sieg. Heute weiß man: alles nur Schall und Rauch. Doping. Armstrong gewann die Tour sieben Mal, und keiner seiner Siege ist heute mehr als eine Peinlichkeit. Nun kurbelt also wieder ein Fahrer mit einer ebenso vollkommenen Überlegenheit durchs Peloton, das neue Wunder des Radsports. Man darf, man muss es mit Zweifeln behaften.

Als Pogacar im Anstieg zum Col de Romme die Bestmarke um 29 Sekunden verbesserte, nannte ihn der französische Dopinganalytiker Antoine Vayer „Pogastrong“. Die von ihm ermittelten Wattzahlen seien vergleichbar mit jenen von Armstrong, erklärte er. Zweifel nähren auch die Tatsache, dass Pogacars Team UAE eine Reihe von Leuten in wichtigen Funktionen hat, die eine Vergangenheit in der Dopingszene aufweisen. Sportdirektor ist Neil Stephens. Der Australier war selbst Radprofi, fuhr für das dopingverseuchte Festina-Team und räumte 1998 ein, mit EPO gedopt zu haben, ungewollt natürlich, er habe es für ein Vitaminpräparat gehalten.

Ein Rennfahrer am Limit: Richard Carapaz
Ein Rennfahrer am Limit: Richard Carapaz Bild: AP

Einer der schärfsten Kritiker Pogacars in Frankreich ist der ehemalige Tour-Fahrer Stéphane Heulot, der Mitte der Neunziger ein paar Tage in Gelb fuhr und heute in der Nähe von Rennes ein Radsport-Trainingszentrum leitet. „Wir dürfen kein kurzes Gedächtnis haben“, sagte er gegenüber der Zeitung Le Parisien. „Ich bin logisch herausgefordert, wenn ich Pogacars Leistung sehe. Der Verdacht ist allgemein und verdient. Wir alle werden von der Vergangenheit beeinflusst.“

Die Vergangenheit. Er meint damit Fahrer wie Armstrong, Rijs, Ullrich und viele mehr. Er meint aber auch Leute wie Stephens und den Schweizer Mauro Gianetti, den Manager des UAE-Teams. Mit ihm ist Heulot 1998 in der französischen Equipe FdJ gefahren und hat erlebt, wie Gianetti nach Einnahme einer experimentellen Dopingsubstanz drei Tage im Koma lag. Später wurde Gianetti Manager des berüchtigten Saunier-Duval-Teams, das 2008 wegen Dopings von der Tour ausgeschlossen wurde. „Kommen Sie mir nicht mit großen Worten über Erlösung und Erneuerung“, sagte Heulot gegenüber Le Parisien. „Das habe ich schon nach der Festina-Affäre 1998 gehört.“

Im Armstrong-Style

Pogacar kontert die Zweifel an seiner Leistung mit Hinweisen auf ständige Dopingkontrollen. „Ich weiß nicht, was ich noch tun soll“, sagt er. „Ich könnte meine Wattdaten offenlegen, aber die könnten meine Konkurrenten gegen mich verwenden. Ich bin stark, das ist das Pech der anderen.“ Und Gianetti? Er sei „ein guter Mensch“. Und überhaupt sei Vergangenheit Vergangenheit und der neue Radsport ein tolle Sache.

Dass dieser Sport toll ist, steht fest. Ob in positiver oder negativer Hinsicht, ob großartig oder von Sinnen oder beides, wird die Zukunft womöglich klären. Was man heute sportlich sagen kann: Wie Pogacar fährt, das ist Armstrong-Style. Mit totaler Überlegenheit. Aber mit dem Unterschied, dass er dafür kein despotisches Regime braucht, wie Armstrong es installiert hatte. Pogacar braucht kein Spezialkommando zur Einschüchterung der Konkurrenz, kein Tyrannen-Habitus. Die Konkurrenzteams von Ineos-Grenadiers und Jumbo-Visma sind in jeder Beziehung besser besetzt als seine Mannschaft. Pogacar ist im Grunde ein Einzelkämpfer. Er hätte diese Tour vermutlich auch solo gewonnen, auf sich allein gestellt.

Nur einmal während dieser Tour sah es so aus, als könnte Vingegaard ihn abhängen. Das war bei der zweiten Auffahrt auf den Mont Ventoux, aber bei der folgenden Abfahrt war der Traum schon wieder vorbei. Für Pogacar blieb es eine Verschnaufpause ohne Bedeutung. Er ist die freundliche Version des Armstrong-Styles. Er fährt nicht giftig, er fährt entspannt in höchste Höhen. Ein junger, in sich ruhender Mann, der weiß, dass er viel besser ist als alle, die bei dieser Tour für ihn als Gegner in Frage kamen.

Nur einmal wurde er wütend, als es nach dem Start der 19. Etappe in Mourenx auf den ersten Kilometern gleich zu drei Stürzen kam. Den schwersten hatte Brent Van Moer vom Team Lotto-Soudal beim Versuch verursacht, auf der Außenbahn zu attackieren, hart am Straßenrand. Er zog mehrere Fahrer mit in den Sturz, darunter Thomas, aber auch Pogacars Teamkollege Vegard Laengen. Pogacar fuhr wütend an die Spitze und machte unmissverständlich klar, dass er als Patron dieser Tour eine solche Harakiri-Fahrweise nicht akzeptiere. Ein Sturz, das war der einzige Gegner, den er fürchtete.

Quelle: F.A.Z.
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