Rutsch bei der Tour de France

„Wir haben den Laden aufgemischt“

Von Jonas Rutsch
25.07.2022
, 17:46
Hat alles gegeben: Jonas Rutsch startete bei seiner zweiten Tour de France.
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Der deutsche Radprofi Jonas Rutsch berichtet regelmäßig über seinen Start bei der Tour de France. Nach dem Finale erklärt er, warum er auf der Schlussetappe nochmal „alles in die Pfanne geschmissen“ hat.
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Das Tagebuch von Jonas Rutsch von der Tour de France wird an dieser Stelle regelmäßig aktualisiert. Aufgezeichnet werden seine Berichte von Alex Westhoff und Michael Eder.

Tag 25: Das Tour-Finale in Paris war noch mal ein guter Tag für mich, ein toller Abschluss. Ich habe auf den Champs-Élysées eine Ausreißergruppe initiiert, und das hat funktioniert. Richtig geplant hatte ich das nicht. Aber ein bisschen natürlich schon. Ich hatte ja schon vorher gesagt, dass wir in Paris noch mal richtig Rennen fahren werden. Das haben wir dann auch getan. Ich glaube, es wird dem ein oder anderen noch eine ganze Weile in Erinnerung bleiben, wie gut das geklappt hat. Und das war das Ziel.

Die Chance, auf den Champs Élysées bei der Abschlussetappe aus einer Ausreißergruppe heraus ein Ergebnis zu fahren oder sogar zu gewinnen, ist sehr gering. Auf der anderen Seite ist es aber auch die einzige Chance, die sich meinem Team oder einem Fahrer wie mir geboten hat. Im Massensprint sind wir nicht so stark, wir haben keinen Sprinter, das heißt, wir hätten im Finale keine Chance gehabt. Dann muss man eben einen Weg finden, den Sprint zu umgehen. Und dafür habe ich alles in die Pfanne geschmissen, was ich habe. Ich habe die Gruppe initiiert und dann auch starke Mitstreiter gefunden, die auch absolut alles gegeben haben.

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Der „last man standing“ an meiner Seite war Max Schachmann. Zusammen haben wir den Laden noch mal aufgemischt und es denen hinten so schwer gemacht wie möglich. Es war brutal hart. Darauf muss man sich vorher mental einstellen, wenn man so was vorhat. Man muss sich drauf vorbereiten, dass es noch einmal eine Stunde oder anderthalb richtig wehtun wird. Dann fährst du die ganze Zeit am Limit. Es war quasi unser zweites Zeitfahren zum Tour-Abschluss.

Das Feld hat uns erst eingeholt, kurz nachdem die Glocke für die letzte Runde geklingelt hat. Wir haben danach noch öfter gesagt bekommen, dass es hinten ganz schön geklemmt hat. Da war nicht mehr viel. Die sind hinten an der Spitze mit sechs Mann gefahren, und vorne waren wir am Anfang fünf, dann vier, dann drei und dann eben nur noch zwei. Ich glaube, einen Sprinter wie Dylan Groenewegen, der gewinnen wollte, haben wir neutralisiert. Der musste sein ganzes Team aufopfern, um uns zurückzuholen. Dann war am Ende des Tages keiner mehr übrig, um für ihn den Sprint zu forcieren.

Aufmerksamkeit per Ausreißergruppe: Jonas Rutsch in Paris
Aufmerksamkeit per Ausreißergruppe: Jonas Rutsch in Paris Bild: Reuters

Die Power für die Ausreißaktion kam bei mir aus dem Mentalen. Jeder Rennfahrer war vor dem Finale drei Wochen Rad gefahren. Keiner war mehr ultraheiß drauf, noch mal alles aus sich raus zu holen. Wenn man sich aber darauf einstellt, dass man noch mal alles aus sich rauskratzt, dann hilft das ungemein.

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Die Stimmung auf den Champs-Élysées und die Zuschauermassen, das ist natürlich eine ganz besondere Szenerie, auch die Emotionen, die da mitschwingen, aber in der Zeit, die du vorne bist, ist es einfach nur hart. Da kriegst du nicht viel von der Außenwelt mit. Hört sich blöd an, aber der schöne Teil hat dann eigentlich erst angefangen, nachdem wir eingeholt worden waren. Dann war der Fluchtversuch beendet und ich bin ganz entspannt die letzte Runde gefahren und konnte sie genießen, konnte alles aufsaugen, was da los war. Ich habe eine Cola aus dem Auto gekriegt und habe sie mir schmecken lassen. Noch ein Schulterklopfer, und dann sind wir ins Ziel gekommen.

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Im Rückblick ist es natürlich auch schön, dass man weiß, da haben Millionen von Leuten zugeschaut. Eine größere Bühne als Paris kriegst du nicht. Und ich war ja bestimmt auch nicht der einzige, der sich in einer Fluchtgruppe präsentieren wollte. Wenn du das schaffst, hast du schon mal was gewonnen. Und es gab ja während der ganzen Tour leider keinen deutschen Etappensieg. Zweimal knapp vorbei. Es war deshalb auch noch mal wichtig, dass wir den deutschen Radsport ein bisschen präsentieren konnten. Ich denke, Max und ich haben das ganz gut hingekriegt, weil wir ja die letzten zwei Überlebenden in der Fluchtgruppe waren.

Wenn ich mein Fazit von dieser Tour ziehen soll, dann muss ich sagen, es war unglaublich hart. Es war die schnellste Tour, die jemals gefahren wurde. Ich bin stolz darauf, dass ich bis Paris gekommen bin und am Sonntag noch mal so fahren konnte, wie ich gefahren bin. Persönlich war es eine schwierige Tour für mich. Weil ich in der ersten Woche gestürzt bin und damit ein bisschen zu kämpfen hatte.

Ich war auch nicht zu hundert Prozent gesund, körperlich ziemlich angeknockt. Die erste Woche war deshalb sehr schwierig für mich, einfach weil ich nicht auf dem Level war, auf dem ich gehofft hatte zu sein. Ich habe mich dann aber gefangen und gegen Ende wurde es immer ein Stück besser, da sind die Beine ein bisschen aufgegangen. Diese drei Wochen haben mich wieder ein Stück weiter gebracht, haben mich stärker gemacht. Jetzt habe ich meine zweite Tour in der Tasche und noch einen vollen Rennkalender vor mir. Ich denke, dass ich noch einiges feiern kann in diesem Jahr. Ich hoffe es.

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Tag 22: Der Donnerstag in den Pyrenäen war noch mal ganz besonders brutal. Bis dahin war es eigentlich gegangen. Aber am Donnerstag bin ich nach 50 Kilometern mit van Aert in einer kleinen Welle in eine Fluchtgruppe vorgefahren vor dem ersten Berg und, boah, da habe ich mir anscheinend total den Zahn gezogen, weil ich einfach zu sehr in den roten Bereich gegangen bin. Wir hatten aus der Mannschaft schon zwei Leute vorne, und ich hatte darauf gehofft, dass ich die ein bisschen unterstützen kann und dass die hinten uns vielleicht fahren lassen, weil kein Team daran Interesse hätte, uns zurückzuholen. Aber dem war nicht so.

Quick-Step ist hinterher gefahren wie die Teufel. Dann hatten wir letztlich unten am Anstieg nur 30 Sekunden. Das war nicht, was ich mir vorgestellt hatte. Ich hatte gedacht, wir fahren mit einem Polster von zwei Minuten in den Anstieg, dann machst du für die beiden deine Arbeit und dann wirst du irgendwann zurückfallen und dann sammelt sich hinten eine Gruppe und du fährst weiter mit den anderen Leuten, die ihre Arbeit erledigt haben.

Aber so gab es dann eine große Explosion in der Gruppe. Irgendwann bin ich von der Gruppe mit dem Gelben Trikot eingeholt worden, mit den ganzen Favoriten fürs Gesamtklassement. Ich habe mich kurz drangehängt, konnte aber auch nicht lange mitfahren, vielleicht drei Kilometer, weil ich mich richtig ins Laktat geschossen hatte davor.

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Dann musste ich erst mal eine Gruppe finden, mit der ich die Etappe zu Ende fahren konnte. Die habe ich gefunden, dann war’s auch besser, aber dieser erste Berg, der hat richtig weh getan. Ich habe keine Ahnung, wie die Berge hießen, die dann noch kamen, ich wollte einfach nur noch ins Ziel. Auch die Abfahrten waren sehr schwierig, Straßen teilweise mit losen Steinen auf dem Asphalt. Man hat das ja auch gesehen beim Sturz von Pogacar.

© Eurosport

Es ist die Frage, ob so etwas notwendig ist. Oder ob man da vielleicht woanders hinfahren könnte. Denn wenn man so am Anschlag oben auf einem Berg ankommt und dann muss man irgendwelche Viehtriebe runterfahren, ist das natürlich schwierig. Auf jeden Fall musste ich mich auf der Abfahrt voll konzentrieren, konnte aber irgendwann wieder einen Rhythmus finden.

Am schlimmsten war der zweite Berg, der war grausam und unrhythmisch. Ultrasteil, dann mal wieder flach, dann wieder ultrasteil. Ich war echt froh, als ich im Ziel war, aber dann ging es noch weiter. Wir mussten noch den Berg runter fahren zu den Bussen, mit einer Trillerpfeife im Mund. Das ist wirklich gefährlich mit den ganzen Fans, die auf dem Rad anreisen und dann mit einem da runterfahren, manche sind total übermotiviert. Das ist nicht so ohne. Da kann auch noch ein Sturz passieren nach dem Rennen.

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Und dann ist man zurück im Hotel. Die letzte Unterkunft ist schön gewesen. Es gibt vom Veranstalter eine Art Punktesystem. Die Hotels werden mit Punkten bewertet, und am Ende sollen alle Teams auf den gleichen Standard kommen. Natürlich hast du auch mal ein Hotel, wo wenig Platz ist und ziemlich warm. Aber da sinken auch die Ansprüche gegen Ende der Tour, weil du dann schon froh bist, wenn du ein Bett hast und deinen Kopf irgendwo ablegen kannst. Das Schlafen wird immer schwieriger hinten raus in der dritten Tour-Woche, weil der Körper einfach weiter arbeitet, irgendwann ist es die Summe der Belastung, die einen auch nachts auf Trab hält.

Man kann sagen, das Schlimmste haben wir jetzt hinter uns. Es war wirklich brutal dieses Jahr. Normalerweise ist es bei mir so, dass die Beine hinten raus besser werden. Das war auch so bis Donnerstag. Ich war auf der ersten Etappe ja gleich gestürzt, und rückblickend hat mich das ziemlich viel gekostet. Weil gerade in einem solchen Etappenrennen steckst du einen Sturz nicht so einfach weg, weil der Körper dann eine Baustelle mehr hat, die er bearbeiten muss, wo er doch genug damit zu tun hätte, sich zu erholen vom Radrennen an sich.

Das hat mich meine erste Woche ein bisschen gekostet. Danach ging es peu à peu besser. Aber ich bin jetzt definitiv froh, dass wir Paris immer näher kommen. Dann sieht man endlich seine Familie, seine Freundin, vielleicht auch ein paar andere bekannte Gesichter wieder, dann fällt einfach sehr viel Druck von einem ab.

Hat einiges erlebt: Jonas Rutsch bei der Tour de France, hier während der 17. Etappe in den Bergen
Hat einiges erlebt: Jonas Rutsch bei der Tour de France, hier während der 17. Etappe in den Bergen Bild: AFP

Essen ist auch ein großes Thema. Ich kann mittlerweile diese ganze Kohlenhydratkost nicht mehr sehen. Sie hängt mir zum Hals raus. Ich bin froh, wenn ich bald wieder mal eine Pizza essen kann und vielleicht mal auch einen Wein trinken, oder ein Bier, nicht immer nur Iso-Getränke, um die Leistung hoch zu halten. Das ist alles so pappsüß, boah. Nudeln und Reis, jeden Tag dasselbe. Morgens Haferschleim. Irgendwann reicht es.

Tag 18: Der Ruhetag ist etwas anders gestartet, als ich mir erhofft hatte. Ich bin davon wach geworden, dass die Dopingkontrolleure an meine Hotelzimmertür geklopft haben. Wichtig war am Montag aber vor allem, dass wir mal einen Tag der Hitze entgehen konnten. Denn die Temperaturen sind brutal. Den Bürgern wird geraten, bei diesen Temperaturen drinnen zu bleiben und sich möglichst wenig anzustrengen und wir fahren drei Tage lang während der heißesten Stunden des Tages mit einem 45er Schnitt Fahrrad. Das ist fahrlässig in meinen Augen.

Dazu gibt es ja strenge Regeln, welche die Übergabe und Entsorgung der Flaschen regeln. Man bekommt schnell Punktabzüge in der Rangliste des Radsport-Weltverbandes – und für viele Teams geht es um jeden Punkt im Abstiegskampf. Das gipfelt darin, dass jeder Fahrer den ganzen Tag damit beschäftigt ist, das an Flüssigkeit in sich hineinzuschütten, was er kriegen kann. Und sich Eis zu besorgen und in den Nacken zu schmeißen, um es irgendwie ins Ziel zu schaffen.

Als Helfer bin ich nur dran, von hinten durchs Feld nach vorne zu fahren und dann wieder zurück, um Verpflegung ranzuschaffen. Das Höchste der Gefühle ist es, wenn die Rennkommissare dann noch eine Barrage aufmachen, dass also die Teamfahrzeuge hinter abgehängten Fahrern zurückbleiben müssen. Dann dürfen wir vom neutralen Materialwagen oder Motorrad Wasser annehmen. Diese Idee, das kann man sich gewiss gut vorstellen bei 40 Grad Celsius, hast du dann aber nicht alleine. Man legt sich fast auf die Schnauze, weil alle um die heiß begehrten Flaschen kämpfen. Was hinzukommt: Wasser hilft ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr, denn dann brauchst du isotonische Getränke. Sonst gehst du komplett in die Knie.

Die vielen Stürze am Sonntag sind in meinen Augen maßgeblich dadurch entstanden, dass viele Profis wie benommen fahren, nicht mehr wissen, wo oben und unten ist. Es liegt nicht daran, dass wir nicht Fahrrad fahren können, sondern weil der Körper an seine Grenzen stößt. Da sind Leute quasi kollabiert und vom Rad gefallen. Leute sind gestürzt, weil sie im Feld über Flaschen gefahren sind, die in der Hektik herunterfielen. So schnell kann man gar nicht gucken und reagieren.

1.7.2022 - Zoom-Grafik - Tour de France Etappen 2022
Infografik Tour de France Etappen 2022
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Für solche extremen Tage sind die Strukturen, die wir im Radsport haben, nicht ausreichend. Da sind solche Szenen, die wir erlebt haben, programmiert. Und daran gilt es sehr schnell etwas zu ändern. Da sollten sich Tour-Veranstalter und Weltverband etwas einfallen lassen. Wäre es nicht möglich gewesen, die Etappe am Sonntag nach Carcassonne etwas zu verkürzen? Ich habe es ja an mir selbst gemerkt: Irgendwann war mir schwummrig, dann kriegst du gar nicht mehr alles mit. Nur, bei Tempo 50 im Feld oder Tempo 90 in den Abfahrt musst du bei der Sache sein. Das ist elementare Basis von allem in unserem Sport.

Dazu hat das Coronavirus ja das ganze Peloton erreicht, auch wir hatten den ersten positiv getesteten Fahrer im Team, der ausscheiden musste. Viele Fahrer sind nicht gesund, weil der Körper in der dritten Woche am Limit und empfänglicher für Infekte ist. Das wird klar, wenn man sich umhört und auch sieht, wie viel gehustet wird.

Am Sonntag stand im Ziel sofort der nächst verpflichtende Coronatest an. Du kommst an und willst eigentlich nur trinken, trinken, trinken. Aber dann steht schon der Betreuer da und hält dir eine Maske hin und ein Arzt schiebt dir ein Stäbchen in die Nase, während die Presse schon auf Statements wartet. Nun geht es in die dritte Tour-Woche – ich bin gespannt. Vielleicht noch ein Wort zum Sport: Ich persönlich fühle eine ansteigende Form und hoffe, dass noch etwas geht für mich bei dieser Tour.

Tag 13: Das Wichtigste zuerst: Ich habe meine Beine wiedergefunden. Nach den vergangenen Etappen, wo ich echt gelitten habe, weil mir alles schwerfiel, hat mir der Ruhetag am Montag richtig gutgetan. Ich habe da nur eine Stunde lang trainiert, war kurz in der Sauna und habe sonst fast den ganzen Tag gepennt. Bei der ersten Alpenetappe am Dienstag habe ich dann den Negativtrend umkehren können. Das habe ich deutlich fühlen können, wie ich auf dem Rad gesessen habe, wie ich mich im Rennen gefühlt habe und was ich letztlich auch bewirken konnte.

Ich habe es mit initiiert, dass zwei unserer Jungs in die Ausreißergruppe des Tages gekommen sind. Am Schlussanstieg nach Megève habe ich dann das Tempo kontrolliert rausgenommen und bin ruhig ins Ziel gefahren. Unter anderem mit John Degenkolb, mit dem ich in Rhein-Main ja auch regelmäßig zusammen trainiere. Da galt es die Beine etwas zu schonen für die schweren folgenden Alpenetappen. Als wir dann über Funk gehört haben, dass unser Teamkollege Magnus Cort Nielsen die Etappe gewonnen hat, war die Freude riesig. Da ist auch einiges von mir abgefallen. Das Team hat nun weniger Druck, die Atmosphäre ändert sich. Jetzt ist der Etappensieg da, und wir können nun offensiv Radrennen fahren, so wie es der Style des Teams ist. Und was auch mir entgegenkommt und mir möglicherweise nun Chancen eröffnet.

Die Tour ist ja gerade erst in ihrer zweiten Woche, und wir werden sehen, was noch alles passiert. Meine Beine sind jedenfalls wieder da – und das ist ja die maßgebliche Voraussetzung. Und dann kommt vielleicht Tag X, an dem ich mich mal in der Spitzengruppe befinde. Vorher stand bei uns bei EF Education-Easypost – wie bei vielen Teams – ein Etappensieg über allem. Nun ist das wichtigste Soll erfüllt für die Sponsoren, die ja reichlich Geld geben, damit ein Team in der ersten Radsportliga fahren kann.

Vorbei an Wald und Wiesen: Jonas Rutsch bei der Tour de France
Vorbei an Wald und Wiesen: Jonas Rutsch bei der Tour de France Bild: Picture Alliance

Es war zuvor eine fast durchgehend schwierige Saison für die gesamte Mannschaft. Viele Fahrer haben sich zu ungünstigen Zeitpunkten mit Corona infiziert – es war einfach der Wurm drin, auch bei mir persönlich. Der Etappensieg bei der Tour ist da ein richtiger Befreiungsschlag.

Der Start in Morzine am Dienstag hatte für uns einen Schreckmoment bereitgehalten. Ein Streckenposten wies unserem pinkfarbenen Teambus den Weg – und zack, da war der Bus festgefahren und blockierte die Straße. Er war vorne aufgesetzt, und wir kamen nicht mehr vor oder zurück, weil die Räder durchgedreht haben. Mit eilig herbeigeschafftem schwerem Gerät wurde der Bus dann bewegt. Da war ganz schön Chaos.

An diesem Donnerstag führt uns die Strecke nach einer heftigen Bergetappe ins Ziel hinauf nach Alpe d’Huez. Ich freue mich nicht auf die Plackerei, aber ich freue mich, das in meiner Karriere mal miterleben zu dürfen. Bisher habe ich ja nur im Fernsehen mitbekommen, was da am Berg abgeht, welche Massen an Fans da die Straße verengen. Ich hoffe, man bekommt im Rauch der ganzen Bengalos noch ausreichend Luft. Eine überragende Stimmung dürfte garantiert sein, zumal am französischen Nationalfeiertag.

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Tag 11: Ich habe die letzten Tage richtig gelitten bei der Tour. Das kenne ich so eigentlich nicht von mir, weil ich sonst zu den zäheren Burschen im Peloton gehöre. Ich hatte aber richtig zu kämpfen – natürlich an der enorm steilen Super Planche Des Belles Filles in den Vogesen am Freitag, aber auch sonst. Warum? Ich weiß nicht, woran es liegt, aber irgendetwas läuft gerade nicht hundertprozentig. Es sind keine Anzeichen von Krankheit zu spüren, aber mein Körper fühlt sich ziemlich ermüdet an. Das äußert sich im Rennen schon darin, dass ich Mühe habe, die Jobs zu erledigen, die ich zugeteilt bekomme.

Das fängt schon bei sonst ziemlich gewöhnlichen Dingen an: Mal eine Führung im Wind zu fahren oder bei der Verpflegung der Teamkollegen zu unterstützen beispielsweise. Im vergangenen Jahr, bei meiner Tour-Premiere, bin ich ausgangs der ersten Rennwoche besonders gut unterwegs gewesen. Aber wenn man sich im Peloton umschaut, dann leiden viele andere auch schon enorm. Wenn man beispielsweise den seit Jahren supererfolgreichen Mathieu van der Poel sieht, der bei einigen bisherigen Etappen als Mitfavorit galt und noch quasi gar nicht in Erscheinung getreten ist. Einen meiner Teamkollegen, den Portugiesen Ruben Guerreiro, hat es auch erwischt. Kein Covid, aber der war komplett angeschossen, fühlte sich schlapp, hatte Muskelschmerzen überall – bei ihm ging nichts mehr. Er ist am Sonntag nicht mehr zur Etappe angetreten, die uns nach einem Bogen durch die Schweiz ja die ersten richtigen Alpen-Anstiege mit Ziel in Châtel les Portes du Soleil bescherte.

Es ist einfach sehr, sehr mühsam gerade und ich bin heilfroh, dass an diesem Montag Ruhetag ist. Den kann ich gut gebrauchen, um mal durchzuschnaufen. Ich werde in Ruhe in mich hineinhören, um hoffentlich den Dingen auf die Spur zu kommen, die mich gerade bremsen. Und dann geht es hoffentlich wieder aufwärts! Im Moment geht es für mich darum, die Etappen einigermaßen schadlos rumzukriegen.

Das ist natürlich auch mental nicht leicht zu verkraften. Weil die Tour mein Saisonhöhepunkt ist und vieles darauf ausgerichtet war. Und vor allem, weil nichts darauf hindeutete, dass es so kommen könnte. Und mir auch kein Fehler bewusst ist, den ich vielleicht gemacht habe. Vielmehr war die Vorbereitung prima gelaufen. Dreieinhalb Wochen Höhentrainingslager hatten angeschlagen, und sowohl bei der Tour de Suisse und auch bei den deutschen Meisterschaften im Sauerland bin ich schnell Fahrrad gefahren. Ich fühlte mich sehr bereit für die Tour.

Bei den drei Auftaktetappen in Dänemark war auch alles okay. Aber seitdem wir in Frankreich angekommen sind, habe ich zu kämpfen. Am Sonntagabend stand der für alle Fahrer und Betreuer aller Teams verpflichtende Corona-Test an. Wir tun alles dafür, dass wir uns nicht infizieren. Aber ausschließen kann bei der Tour sowieso nichts. Da spüre ich gerade nur zu gut am eigenen Körper.

Tag 6: Die Tour ist das härteste Radrennen der Welt. Und dazu, so sehe ich das, kann auch mal ein Ritt über Pflastersteine gehören. Nervös gefahren wird hier eh jeden Tag, jeder versucht sein Vorderrad in die kleinste Lücke zu stecken – auch wenn die Lücke schon nicht mehr da ist. Die fünfte Etappe war für die Zuschauer natürlich von Start bis Ziel ein Spektakel. Mein Fazit lautet: Ein sehr gelungener Tag für das Team, und Pleiten, Pech und Pannen für mich.

Gleich auf dem zweiten von elf Pflasterstein-Sektoren fahre ich mir das Vorderrad platt. Ich bin dann noch bis zum Ende dieses Pavé gerumpelt bis zu einem unserer Betreuer, der dort neue Laufräder bereithielt. Der Reifenwechsel hat natürlich seine Zeit gedauert, die man bei solch einer Etappe schlicht nicht hat. Ich setze also nach, mit allem, was ich habe – und kurz vor dem dritten Sektor macht sich meine (elektrische) Schaltung selbständig. Die hat angefangen, durch die Gänge zu springen. Vielleicht ist mir einer dagegen gefahren, ohne dass ich es mitbekommen habe. Dann war für mich jedenfalls endgültig Schicht im Schacht.

Bei solch einer Etappe geht es weit hinten mitunter noch chaotischer zu. Weil die Teamfahrzeuge vor uns so viel Staub aufgewirbelt haben, habe ich teilweise überhaupt nichts mehr gesehen. Da fragst du Dich: Kommt da eine Kurve oder kommt da keine? Ich war froh, dass einige Kilometer lang vor mir der mehrmalige Eschborn-Frankfurt-Sieger Alexander Kristoff rumpilotiert ist. Dessen Team hat so neongelbe Stellen am Trikot, die durch den Staub durchschimmerten, wenn man nahe genug dran war.

Bei der Tour kann man vor einer Etappe noch so viele Pläne schmieden. Wenn die Konstellation es nicht zulässt, die Beine nicht mehr können oder Pech hinzukommt, lösen die sich ganz schnell in Luft auf. Als ob sich bei vielen Fahrern die von den ersten, eher ruhigen Tour-Tagen gesparte Energie voll entladen hätte, ist von Beginn an Vollgas gefahren worden.

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Die Idee, uns vor dem Geschehen zu platzieren, ist zunächst sehr gut aufgegangen. Wir wollten sogar mit drei Mann in die Ausreißergruppe gehen, ich sollte einer davon sein. Ich habe es auch versucht, es aber leider nicht geschafft. Ich hatte einfach die Beine nicht. An anderen Tagen kannst du es mehrmals mit dem Brecheisen versuchen, in die Gruppe zu kommen. Das ist meist meine Taktik, weil ich gut darin bin, einfach loszufahren und die Gruppen selbst zu initiieren. Das ging an diesem Tag nicht.

Ich bin dann einmal einer Attacke eines anderen Fahrers gefolgt, habe aber schnell gemerkt, dass es mit mir vorne an der Spitze keine Zukunft haben wird. Manchmal ist es ja so, dass man zu Anfang einer Etappe ein bisschen schwere Beine hat und der Körper erst dann ins Rennen reinkommt. Während ich darauf vergeblich wartete, kamen dann die Defekte dazu. Was natürlich schade war, denn für diese Etappe hatte ich mir richtig etwas vorgenommen.

Die Zeit, irgendetwas hinterherzutrauern, hat man bei der Tour eh nicht. Zumal nach solch einer zehrenden Raserei auf Kopfsteinpflaster. Das hatte hier natürlich wenig mit einem normalen Paris­–Roubaix im Frühjahr zu tun. Schließlich gibt es danach keine Pause, sondern wir müssen noch mehr als zwei Wochen weiter Fahrrad fahren. Meinen Handgelenken, Armen, Schultern und Nacken geht es nach der Rüttelpartie jedenfalls gut. Die Folgen des Sturzes am ersten Tour-Tag sind auch auskuriert. Ich bin da von Natur aus körperlich mit guten Werkzeugen gesegnet. Und die werde ich bei dieser Tour noch häufig brauchen.

Tag 4: So, die ersten drei Tour-Etappen sind bewältigt. Von den Zuschauermassen in Dänemark war es definitiv das Größte, was ich bisher als Rennfahrer erlebt habe. Zum Teil standen die Leute in Sechserreihen auf beiden Straßenseiten und haben uns angeschrien. Das war unglaublich, und da bleibt vieles von hängen in meinem Kopf. Wie die meinen dänischen Teamkollegen Magnus Cort Nielsen im Bergtrikot abgefeiert haben, war exorbitant.

Die beiden Etappen am Wochenende sind zwar nervös und auch mal stressig gefahren worden, aber nicht so hart, dass ich nicht auch mal einen Blick auf das stimmungsvolle Drumherum werfen konnte. Aber der Reihe nach: Los ging es ja am Freitag mit dem 13,2 Kilometer langen Einzelzeitfahren in Kopenhagen. Ich habe trotz Regen voller Lust und Energie losgelegt mit dem Ziel, weit vorne reinzufahren. Leider sind mir in einer Kurve beide Räder weggerutscht, und es hat mich voll hingehauen. Ich hatte mir vorher schon gedacht, dass es dort rutschig ist, zumal auch ein Teamkollege zuvor genau dort abgeflogen ist. Aber dass es dort so enorm glitschig war, hatte ich noch nicht einmal bei der Einfahrt in die Kurve gedacht. Aber dann war es dort leider etwas zu viel Risiko, das ich genommen habe.

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Leider hat es mir bei dem Sturz das Kettenblatt in die Hacke gehauen, was eine ziemliche Wunde verursacht hat. Und wenn man mit Tempo 40 auf dem Boden aufschlägt, dann verzieht es dir sowieso erst mal alles. Ich saß aber schnell wieder im Sattel. Wenn man überlegt, dass der Sturz sicher 30 Sekunden gekostet hat und ich am Ende nur 25 Sekunden hinter den Top 10 lag, wäre richtig was möglich gewesen beim Prolog. Schade drum. Aber das ist die Tour – da muss man jeden Tag sofort abhaken, weil es immer weitergeht.

Den Cut an der Wade und auch den ganzen Körper habe ich am Samstag noch ordentlich gespürt. Das war nicht so angenehm. Zumal ich mich im Etappenfinale noch komplett auspowern musste. Unser Kapitän Rigoberto Uran war kurz nach der Auffahrt auf die lange Brücke über den Großen Belt gestürzt. Wir haben sofort fast alle Mann nach hinten beordert, um ihn wieder ans Feld heranzufahren. Das war der pure Kampf! Da habe ich alles reingeschmissen, was ich hatte.

Zunächst haben wir auf der Brücke nicht mal die Rücklichter der Autokolonne sehen können. Und ich dachte zwischenzeitlich, dass wir den Anschluss nicht mehr schaffen. Aber letztlich haben wir es doch noch hinbekommen – mit einer ziemlich großen Gruppe von zunächst abgehängten Fahrern, die wir im Windschatten mitgezogen haben. Da hatten wir das Glück, das uns am Sonntag nicht mehr hold war. Da hat „Rigo“ dann 40 Sekunden auf die anderen Klassementfahrer verloren. Die Gesamtwertung mit ihm haben wir aber längst noch nicht abgeschrieben.

Tag 1: Die Vorfreude auf meine zweite Tour de France hat sich stetig aufgebaut. Am Mittwochabend bei der Team-Präsentation hier in Kopenhagen habe ich mir wieder vor Augen geführt, wie groß und wichtig dieses Rennen ist. Die dänischen Fans haben eine super Stimmung kreiert, so etwas habe ich noch nie erlebt – da galt es einfach, die Energie zu tanken und die Atmosphäre aufzusaugen.

Die Tour zu fahren war immer mein Traumziel, da kommt auch bei meiner zweiten Teilnahme keinerlei Routine auf. Ich merke zwar, dass ich das alles, was vor einer Tour auf einen einströmt, schon mal hatte. Ich schaue auch nicht mehr mit großen Augen durch die Gegend. Aber dennoch lässt es mich natürlich nicht kalt. Diese ganzen Emotionen, die damit verbunden sind und die im Hinterkopf arbeiten, versuche ich aber klein zu halten.

Denn von diesem Freitag an geht es darum, schnell Fahrrad zu fahren. Drei Wochen lang schnell Fahrrad zu fahren. Und alle Emotionen, die man jetzt investiert, bedeuten auch einen Energieverlust. Und den sollte man vor 3354 knüppelharten Kilometern Rennstrecke, verteilt auf 21 Etappen in Dänemark und Frankreich, tunlichst gering halten. Es macht auf jeden Fall Sinn, sich vorzustellen, dass die Tour ein Rennen wie jedes andere ist. Auch wenn man auf Schritt und Tritt daran erinnert wird, dass es nicht so ist.

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Für mich war es in den vergangenen Wochen beruhigend zu wissen: Wenn ich gesund bleibe, fahre ich zur Tour. In Sachen persönliche Ziele für die kommenden drei Wochen möchte ich mich noch bedeckt halten und erst mal schauen, wie ich reinkomme und wie es rollt. Es wird, so viel ist sicher, eine sehr hektische erste Woche werden. Weil die Tour eben die Tour ist und dort Rad gefahren wird wie bei der Tour üblich: Jeder will sich von seiner besten und stärksten Seite präsentieren. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit von (Massen-)Stürzen, unabhängig davon, ob die Straßen schmal sind, wir auf Pflastersteinen fahren oder der Wind bläst.

Als Team EF Education-EasyPost wollen wir vor allem auf Etappensiege fahren. Aber natürlich wollen wir auch unseren Mann fürs Klassement, Rigoberto Urán, bestmöglich beschützen. Dafür haben wir ein schlagkräftiges Team am Start. An den Süden, an Alpe d’Huez und Galibier und so weiter, denke ich noch kein Stück. Ich habe erst mal einen Job hier im Norden zu erfüllen.

Meine Form ist jedenfalls gut, die Beine fühlen sich prima an. Bei der deutschen Meisterschaft voriges Wochenende im Sauerland kam ich auch schon gut in Fahrt. Rang vier bei dem bergigen Zeitfahren war voll in Ordnung. Und auch beim Straßenrennen lief es gut, da konnte ich meinen Motor noch mal aufheulen lassen. Das war voll in Ordnung, obwohl ich wie erwartet der Übermacht vom Team Bora-hansgrohe allein nicht trotzen konnte.

Zuvor war ich in der Schweiz bei der Tour de Suisse unterwegs. Einen guten Hinweis auf meine gute Verfassung hat die zweite Etappe gegeben, bei der ich in der Spitzengruppe lange um den Sieg mitgefahren bin. Erst am letzten Berg konnte ich einer Attacke nicht mehr folgen – dann bin ich kurz vor dem Ziel noch vom Feld eingeholt worden. Die ganze Rundfahrt war ein sehr gelungener Test.

Nur hat bei der Tour de Suisse das Corona-Thema wieder voll eingeschlagen im Peloton, und ganze Teams sind abgereist. Als ich eines Morgens im Teamhotel zum Frühstück runtergegangen bin, saß ich mit dem Kollegen Neilson Powless allein am Tisch. Der Rest hatte sich coronabedingt verabschiedet. Am Ende ist es aber trotzdem gelungen, seinen vierten Platz im Klassement zu verteidigen. Was für mich natürlich sehr viel Arbeit bedeutet, da ich fünf Fahrer ersetzen musste.

Vor dem PCR-Test am vergangenen Montag, den man absolvieren musste, um bei der Tour dabei sein zu können, hatte ich ehrlich gesagt ein bisschen Bammel. Da hingen viele, viele Arbeitsstunden auf dem Rad dran. Ich war dreieinhalb Wochen am Stück, also echt lange, im Höhentrainingslager. Dreieinhalb Wochen täglich viel Rad fahren und dann bestmöglich ausruhen – und dann wieder von vorne.

In Andorra kenne ich die Bergstraßen nunmehr so gut wie im heimischen Odenwald. Ich habe dort auch gut Gewicht verloren, ohne dabei an Power einzubüßen. Im Vergleich zu meiner letztjährigen Tour de France gehe mit aktuell 80 etwa drei Kilogramm leichter ins Rennen, was mir in den Bergen zugutekommen wird. Ich hoffe mal, dass mein Spitzname „Bergziege“ dann Programm sein wird.

Quelle: F.A.Z.
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