US Open

Auch Doppel O greift an

Von Doris Henkel, Hamburg
05.09.2021
, 18:07
Oscar Otte ist weiter dabei bei den US Open.
Alexander Zverev und mehr: Drei deutsche Männer stehen im Achtelfinale eines großen Tennisturniers – das gab es zuletzt vor mehr als 20 Jahren. Und bei den US Open wollen sie mehr.

Sah nicht auch diesmal wieder vieles irgendwie selbstverständlich aus? Oscar Otte bewegte sich im Spiel, als kenne er alle Wege, und wenn er sich mal kurz verirrte, drehte er um, ging zum Ausgangspunkt zurück und startete den nächsten Versuch. So wie jemand, der seit Jahren bei großen Turnieren Stammgast ist und aus einem Schatz von Erfahrungen Zuversicht schöpfen kann. Vor dem Start der US Open hatte der 28 Jahre alte Kölner ganze zwei Spiele im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers gewonnen, doch nun legte er in einer Woche drei dazu und landete mit einem Sieg gegen den italienischen Routinier Andrea Seppi im Achtelfinale.

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Tags zuvor war Kollege Peter Gojowczyk nicht weniger überraschend auf der gleichen Ebene angekommen, und den beiden folgte Alexander Zverev. Drei deutsche Männer im Achtelfinale eines der großen Turniere – das ist mehr als 20 Jahre her. 1997 in Wimbledon waren es die Herren Becker, Stich und Kiefer, drei Jahre zuvor bei den US Open gehörten Michael Stich, Bernd Karbacher und Jörn Renzenbrink zum Trio.

Stich erreichte seinerzeit das Finale gegen Andre Agassi, und diesmal hat natürlich der Olympiasieger Zverev die Mannschaftsführung. Für den sah es allerdings gut eine Stunde lang gegen Jack Sock nicht zwangsläufig danach aus. Der Amerikaner rauschte mit Karacho durch den ersten Satz und machte fast keine Fehler, und Zverev meinte hinterher im Interview auf dem Platz: „Wenn er so weitergespielt hätte, hätte ich den Urlaub planen und nächste Woche in Südfrankreich eine gute Zeit haben können.“

Auch Zverev hat seinen Anteil

Doch von Beginn des zweiten Satzes an wurde Sock von Schmerzen im Oberschenkel geplagt, er konnte sich nicht mehr frei bewegen, und danach, so Zverev, sei es kein richtiges Spiel mehr gewesen. Zu Beginn des vierten Satzes gab der Amerikaner beim Stand von 6:3, 2:6, 3:6, 1:2 auf, Zverev verabschiedete sich nach getaner Arbeit in die Nacht. An diesem Montag wird er zum Spiel gegen den 20 Jahre alten Jannik Sinner wiederkommen, und das könnte eine höchst interessante Begegnung werden.

Vor knapp einem Jahr bei den in den Herbst verschobenen French Open hatte Zverev, ebenfalls im Achtelfinale, gegen den Südtiroler verloren, allerdings mit Fieber nicht in bester Verfassung. Ein paar Wochen später beim Hallenturnier in Köln gewann er in zwei Sätzen, aber wie auch immer – nach drei Runden, in denen sich die Aufregung in Grenzen hielt, verspricht Zverev eine extrem unterhaltsame Runde vier.

Der Coup der deutschen Kollegen entging ihm natürlich nicht. In gewisser Weise hat er ja einen Anteil an Ottes Aufstieg. Vor drei Monaten spielten die beiden in Paris gegeneinander, der Kölner traf zu Beginn jede Kugel und gewann die ersten beiden Sätze, und obwohl er das Spiel am Ende in fünf Sätzen verlor, war das ein großer Schritt; der Gedanke, einen der besten Spieler der Welt bei einem der größten Turniere der Welt über die volle Distanz beschäftigen zu können, wirkte wie Adrenalin.

Die nächste Dosis holte sich Otte in Wimbledon, als er auch gegen Andy Murray nur in fünf Sätzen verlor. Wann es auf dem Weg klick machte? Murray gab ihm nach dem Spiel auf dem Centre Court mit, er solle so weiterspielen, weiter arbeiten, dann kämen die Ergebnisse ganz sicher. Ottes Erklärung geht in eine ähnliche Richtung. Er sagt: „So blöd das jetzt klingt, für mich war es nur eine Frage der Zeit. Ich hab immer gut gespielt; in der Bundesliga, bei Challenger, auch auf der ATP Tour. Ich kann das jetzt aber besser und konstanter abrufen, wir haben mehr körperliche Arbeit im Training gemacht, den Körper besser eingestellt.“

„Dein Traum hat kein Verfallsdatum“

Zverev sagt über Otte, das sei einer der talentiertesten Typen, die es gebe, und dieser Typ wird am Montag versuchen, wieder einen aus der ersten Liga zu ärgern, den Italiener Matteo Berrettini, vor ein paar Wochen Finalist in Wimbledon. „Ich versuch da mal, ihm mit meinem Mischmasch ein bisschen weh zu tun“, sagt Oscar Otte, Markenname Doppel O, „ich denke, dass auf jeden Fall was drin ist.“

Vorher wurde er allerdings noch als Partner gebraucht. Weil sie an unterschiedlichen Spieltagen beschäftigt waren, hatte Otte Gojowczyk zuletzt vor dessen Spiel eingespielt und umgekehrt, und das sollte auch vor dem Achtelfinale des Münchners in der Nacht zum Montag gegen jenen Mann so sein, über den an einem knalligen, feurigen, extrem spannenden Wochenende in Flushing Meadows alle sprachen, Carlos Alcaraz. Der 18 Jahre alte Spanier schrieb mit seinem grandiosen Sieg in fünf Sätzen über Stefanos Tsitsipas die beste Geschichte der ersten Woche der US Open.

Der Grieche gab hinterher ebenso bedient wie beeindruckt zu, er habe noch nie jemanden gesehen, der den Ball so hart schlage. Für Tsitsipas selbst endete in der Begegnung mit der Zukunft der von Kontroversen begleitete Weg bei den US Open. Aber ein Weg ist nur ein Weg. Am Tag nach der schmerzhaften Niederlage teilte er mit: „Steh auf, klopf dir den Staub aus den Klamotten und fang von vorn an; dein Traum hat kein Verfallsdatum.“ Das wissen Otte, Gojowczyk und alle anderen ausdauernden, mutigen Herausforderer jetzt auch.

Quelle: F.A.Z.
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