US Open

Ein großer Tag für Kanada

Von Doris Henkel, Hamburg
08.09.2021
, 17:12
Steht schon im Halbfinale: Leylah Fernandez bei den US Open
Die kanadischen Tennisspieler Leylah Fernandez und Felix Auger-Aliassime sorgen für viel Furore bei den US Open. Beide stehen im Halbfinale. Und ein Ende ihrer Reise scheint noch nicht in Sicht.

Vor zwei Jahren meldete sich der Premierminister nach dem Finale, diesmal war er früher dran. „Großer Tag für das kanadische Tennis“, schrieb Justin Trudeau, „Glückwunsch an Leylah Fernandez und alles Gute für Felix Auger-Aliassime (FAA).“ Gut möglich, dass es den Regierungschef wie Millionen Zuschauer auf der ganzen Welt vor Begeisterung aus dem Stuhl katapultiert hatte, als er Fernandez schon wieder in großer Form bei den US Open siegen sah.

Und die guten Wünsche verhallten auch nicht ungehört; ein paar Stunden danach landete FAA ebenfalls in der Vorschlussrunde und meinte danach stolz und fast ein wenig gerührt: „Ich hätte nie gedacht, dass so ein Tag kommen würde. Ein kleines Mädchen und ein kleiner Junge aus Montreal, die im Halbfinale der US Open spielen. Aber wäre es nicht fantastisch, wenn wir auch beide ins Finale kämen?“

Wer will bei diesem mitreißenden, turbulenten Turnier noch irgendwas ausschließen? Nach den Siegen über Naomi Osaka und Angelique Kerber schlug Leylah Fernandez wieder zu, diesmal gegen die Nummer fünf, Elina Switolina (6:3, 3:6, 7:6). Vor allem im dritten Satz knallte es wie bei einem Feuerwerk; Switolina versuchte alles, aber die Kleine auf der anderen Seite war nicht zu erschüttern.

Und die kanadischen Parallelen zur jüngeren Vergangenheit sind bemerkenswert. 2019 stürmte Bianca Andreescu zuerst ins Finale und nach einem Sieg gegen Serena Williams zum Titel; auch sie war 19 Jahre alt, auch sie hatte nicht allzu viel Erfahrung mit Grand-Slam-Turnieren, und auch sie machte die fehlende Erfahrung mit einer doppelten Portion Mut und Entschlossenheit wett. Damals feierte das Land auf der anderen Seite der Niagara-Fälle den ersten kanadischen Einzel-Titel bei einem Grand-Slam-Turnier.

Nach dem Sieg gegen Switolina scherzte Leylah Fernandez, vielleicht sei ja der gute Ahornsirup an den kanadischen Siegen schuld, später betrachtete sie die Frage etwas ernsthafter und meinte: „Ich glaube, wir sind alle total hungrig, die Welt des Tennis zu verändern. Wir wollen Einfluss nehmen, und dieses Turnier beweist, wie gut wir uns auf alles einstellen können.“ In der Weltrangliste wird sie nach den US Open mindestens auf Platz 36 klettern – es ist gewissermaßen jene Art von Speed-Klettern, die kürzlich bei den Olympischen Spielen Premiere feierte –, gewinnt sie auch das Halbfinale gegen Aryna Sabalenka (Belarus), kommen noch ein paar Stufen dazu.

Den größten Sprung bisher machte allerdings die 18 Jahre Britin Emma Raducanu, unabhängig von Sieg oder Niederlage im Viertelfinale am Mittwoch gegen Belinda Bencic, die Olympiasiegerin aus der Schweiz. Dem 21 Jahre alten Felix Auger-Aliassime fehlt nur noch ein Sieg, um zum ersten Mal unter den Top Ten zu landen. Im Viertelfinale gewann er vergleichsweise schnell, weil der spanische Teenager Carlos Alcaraz zu Beginn des zweiten Satzes mit Schmerzen in den Adduktoren aufgab, was sicher auch eine Folge der beiden Fünfsatzspiele in den Runden zuvor war.

Der Kanadier ist nun der erste männliche Repräsentant eines 2000er-Jahrgangs im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers, aber die Entwicklung hatte sich abgezeichnet. Mit 18 war er der jüngste Spieler in 20 Jahren, der die Top 25 erreichte, danach trat er allerdings eine Weile auf der Stelle. Er sei manchmal etwas ungeduldig geworden, sagt „FAA“ und habe erst lernen müssen, Niederlagen zu akzeptieren.

Quelle: F.A.Z.
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