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Biathlet Martin Fourcade

Die Gespenster sind vertrieben

Von Claus Dieterle, Antholz
 - 17:01
Martin Fourcade: Stammgast auf dem Siegerpodest.zur Bildergalerie

Von Statistik hält Martin Fourcade nicht viel. „Ich habe ja nicht mit Biathlon angefangen, um es in die Geschichtsbücher zu schaffen. Ich habe es gemacht, weil ich draußen in der Natur sein wollte“, sagt der 31 Jahre alte Franzose und fährt fort: „Aber wenn dann so eine Statistik auftaucht, musst du einfach stolz sein.“ Da hat er doch glatt die Biathlon-Legende Ole Einar Björndalen eingeholt mit dem WM-Titel im 20-Kilometer-Einzel: Es war sein elftes WM-Gold als Solist. Was die komplette WM-Sammlung angeht, steht es, inklusive Staffeln, immer noch 45 zu 27 für den norwegischen Trainer des chinesischen Teams. Aber Björndalen muss machtlos zusehen, wie sein Imperium allmählich ins Wanken gerät.

Das kümmert Fourcade im Moment herzlich wenig. Für ihn zählen ganz andere Dinge: Dass er etwas geschafft hat, woran er im vergangenen Winter mächtig gezweifelt hat: aus der tiefsten Krise seiner Karriere wieder auf die höchste Stufe zurückzukehren. Der letzte Beweis, dass die Gespenster der Vergangenheit endgültig vertrieben sind. „Letzte Saison war ich out“, sagt er. Keine Medaille bei der WM in Östersund, als er sich saft- und kraftlos über die Strecken quälte, Platz zwölf im Gesamt-Weltcup – für seine Verhältnisse unterirdisch. Und er musste hilflos mitansehen, wie der junge Norweger Johannes Thingnes Bö ihm wie selbstverständlich den Rang der Nummer eins ablief. „Deswegen bedeutet mir dieses Gold hier in Antholz mehr als manch anderer Titel.“

Wer sieben Jahre nacheinander den Gesamt-Weltcup gewinnt, muss sich irgendwann nahezu unschlagbar fühlen. Fourcade macht da kein Hehl draus: „Die ersten Jahre meiner Karriere waren ein Traum“, sagt er. Als Dauergast auf den Treppchen der großen Biathlon-Welt. „Und wenn ich mal nicht gewonnen habe, dann halt am Tag drauf.“ Das Gelbe Trikot wurde so etwas wie seine zweite Haut. Nach dem ersten Saisonrennen saß es fest auf seinen Schultern, und niemand konnte es ihm ausziehen. „Es wurde eine Selbstverständlichkeit“, sagt er.

Aber dann gab es diesen tiefen Bruch in seiner Karriere. Aus der Unverwundbarkeit direkt in die Frustration, in die Verzweiflung. Ein Siegertyp wird plötzlich auf Normalmaß reduziert: ein Albtraum. „Ich habe meine Stärke verloren, und ich habe plötzlich gemerkt, dass Biathlon schwierig ist.“ Es gab durchaus kleine Krisen in seiner großen Karriere: Mit 16 Jahren schmiss er die Brocken hin, weil er die Freunde vermisste und Angst hatte, seine Jugend zu verpassen. Dabei hatte er seiner späteren Gattin Hélène schon mit 14 Jahren gesagt: „Wenn du meine Frau wirst, wirst du mich öfter im Fernsehen sehen als in echt.“ Natürlich machte er weiter. Die zweite Delle gab es 2008 bei der Junioren-WM in Ruhpolding: Da dachte Fourcade, er könnte alles über seine Laufstärke regeln, aber am Ende stand er mit leeren Händen da.

Aber alles das war nichts im Vergleich zur Horrorsaison 2018/19. An der niemand anderer schuld war als er selbst. Nach seinen drei Goldmedaillen von Pyeongchang war er in Frankreich ein gefragter Mann, konnte der Versuchung nicht widerstehen – und rieb sich auf: als Botschafter für Olympia 2024 in Paris, als Promoter seiner Autobiographie, als Experte für ein Biathlon-Computer-Spiel, als Mitgestalter eines Biathlon-Holzgewehrs für Kinder. Und weil die Terminflut bisweilen bedenklich anschwoll, wurde er schon mal mit dem Hubschrauber vom Trainingslager zum nächsten Sponsor geflogen. Wenn die Kollegen nach den anstrengenden Trainingslagern die Füße hochlegten, war Monsieur Fourcade stets busy. Und er hat ja auch Frau und zwei Töchter.

Die Quittung: mangelnde Regeneration, hoher Substanzverlust. Die Teamkollegen, die er immer in Schach gehalten hatte, waren auf einmal deutlich besser als der Unbesiegbare. Immerhin hat er die richtigen Konsequenzen gezogen. Der Sport hat in dieser Saison wieder absolute Priorität. Und jetzt kann er Sätze sagen wie: „Ich bin so stolz, dass es mir gelungen ist, meine Zweifel und meine Albträume zu besiegen und wieder zurück zu sein.“

Wobei ausgerechnet sein größter Konkurrent und Nachfolger zum besten Aufbauhelfer geworden ist. Johannes Bö, der im Dezember den Weltcup nach Belieben dominiert hatte, legte im neuen Jahr wegen der Geburt von Söhnchen Gustav eine längere Wettkampfpause ein und überließ freiwillig Fourcade das Terrain. Und der nutzte die Abwesenheit des Norwegers, um sein verschüttetes Sieger-Gen wiederzuentdecken. Sogar in Antholz profitiert Fourcade noch davon, dass Bö seine Prioritäten anders gesetzt hat und nicht in Bestform antritt.

Wie dem auch sei: Das Selbstvertrauen des Franzosen ist zurück, er trägt wieder das Gelbe Trikot des Führenden im Weltcup. Aber Fourcade hat in der Krise einiges gelernt: Demut etwa, die Fähigkeit, Emotionen an sich heranzulassen, seine Erfolge zu teilen. Und sich für andere zu freuen: so wie beim Sieg seines jungen Teamkollegen und „Ziehsohns“ Emilien Jacquelin in der Verfolgung. Sieht fast so aus, als habe der Egomane Fourcade in der Spätphase seiner Karriere den Wert der Teamarbeit erkannt. „Wir praktizieren einen Individualsport, aber die Medaillen sind nichts ohne die Leute neben dir“, sagt er. „Die sind ein großer Teil dessen, wer du bist. Ich bin stolz, ihnen dieses Gold heute zu widmen.“ Solche Sätze wären ihm früher nie über die Lippen gekommen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dieterle, Claus
Claus Dieterle
Sportredakteur.
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