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Biathlon-Mekka Oberhof

Altersschwacher Grenzadler

Von Claus Dieterle, Oberhof
 - 11:46
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Der Spaß kam erst, als Martin Fourcade im strömenden Regen in die Arena am Grenzadler kam und die Atmosphäre in sich aufnahm. „Da habe ich gedacht, die Zuschauer hier harren bei dem Wetter alle aus, auch um dich zu sehen. Da musst du ran.“ Zwei Stunden später, nach getaner Arbeit – zehn Kilometer Sprint inklusive fehlerfreiem Schießen – und nach seinem 64. Weltcupsieg vor den Norwegern Emil Hegle Svendsen und Johannes Thingnes Bö, hatte Mister Biathlon aus Frankreich noch bessere Laune und sagte mit Blick auf die 12.400 Fans: „Wenn man die Begeisterung hier spürt, dann ist das die pure Motivation.“ Es klang fast wie eine kleine Liebeserklärung an den Ort, an dem am Samstag die Verfolgungsrennen bei Frauen (12.15 Uhr) und Männern (15 Uhr/ beides bei ARD und Eurosport) anstehen.

Der 29 Jahre alte zweifache Olympiasieger von Sotschi ist dieser Tage ohnehin beinahe allgegenwärtig in Oberhof. Überlebensgroß prangt der Franzose auf Plakaten am Straßenrand, so als wolle er die Biathlon-Fans im Thüringer Wald willkommen heißen. Natürlich hätte man als Werbefigur eher einen gestandenen Thüringer Spitzen-Biathleten wie Erik Lesser erwartet, immerhin Weltmeister und Olympia-Medaillengewinner, aber den Oberhofern kommt die unerwartete prominente Hilfe ganz gelegen. Sie setzen bei ihrer Bewerbung um die Weltmeisterschaft 2023 bewusst auf die internationale Karte, um Weltoffenheit zu signalisieren.

Auch die offiziellen Werbeplakate „Wir möchten dein Gastgeber sein“ sind in acht Sprachen verfasst. Aus dem Mund von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) hört sich das so an: „Wir laden die Welt für 2023 nach Oberhof, nach Thüringen ein.“ Das hat der bekennende Biathlon-Fan bei seinem schon obligatorischen Besuch des Weltcups gesagt. Die erforderlichen Gelder seien in den nächsten Haushalt eingestellt. Von rund 20 Millionen Euro für Baumaßnahmen ist die Rede, um die großen Pläne für eine komplette Neugestaltung der veralteten Arena am Grenzadler zu verwirklichen.

Eine Garantie, im September beim Kongress der Internationalen Biathlon-Union (IBU) den Zuschlag für die WM 2023 zu erhalten, gibt es nicht. Im ersten Bewerbungs-Anlauf – um die WM 2020 – war Oberhof krachend gescheitert. Vier Stimmen waren beim Triumph des Südtiroler Biathlonzentrums Antholz wie eine schallende Ohrfeige.

Früher war alles besser

Die damals ebenfalls unterlegenen Mitbewerber Nove Mesto und Pokljuka sind jetzt als Konkurrenten wieder mit im Ring. Allerdings wird einer von beiden schon die WM 2021 bekommen, die der russischen Stadt Tjumen wegen der staatlich orchestrierten Manipulationen bei den Spielen in Sotschi nachträglich entzogen worden war. Für 2021 hat sich Oberhof nicht beworben, weil Oberstdorf die nordische Ski-WM zu Gast hat.

Früher hätte man sicher sein können, dass Oberhof bei einer Kandidatur keinen Gegner zu fürchten braucht, aber an der einstigen Biathlon-Kultstätte, 2004 bei der letzten WM am Grenzadler das Nonplusultra im Biathlon, nagt der Zahn der Zeit. Man hat sich zu lange auf dem Lorbeer der Vergangenheit ausgeruht, sich wegen der stimmungsvollen Atmosphäre für nahezu unersetzlich gehalten. Man hat eine Zeitlang die Ermahnungen der IBU ignoriert, die längst ihren Anforderungs-Katalog an Weltcup-Ausrichter verschärft hat. Das Schneedepot, bei der Konkurrenz seit Jahren Standard, wurde erst im Herbst 2015 mit reichlich Verspätung fertiggestellt, und weil es leer blieb, gab es im Januar 2016 die nächste Watschen: Der Weltcup fiel aus – Schneemangel. Ruhpolding übernahm. „Der Ausfall ist uns ziemlich in die Knochen gefahren“, sagt Ramelow.

Es war ein Weckruf für die Region. Für alle, die lange nicht zur Kenntnis genommen hatten, dass andernorts wesentlich modernere Stadien mit deutlich besserer Infrastruktur – das gilt auch für Hotellerie und Gastronomie – entstanden sind. Nove Mesto, Antholz, Ruhpolding, Hochfilzen, Oslo sind längst viel weiter, selbst Le Grand Bornand in Frankreich steht inzwischen in puncto Zufriedenheit der Fans besser da, auch wenn dort die Streckenpräparierung noch Wünsche offen lässt.

Professionell ist auch in Oberhof längst nicht alles. Das 450.000 Euro teure Schneedepot ist eigentlich zu klein, und die Übersommerungsrate des kostbaren weißen Gutes fiel mit 40 Prozent deutlich kümmerlicher aus als erwartet. Jetzt soll eine neuartige Folie, mit der man beim Schneemanagement an der Streif in Kitzbühel gute Erfahrungen gemacht hat, für mehr Schneesicherheit im Mittelgebirge sorgen. Denn ohne Schnee läuft – zumal in Zeiten des Klimawandels – gar nichts.

Von Herbst 2018 an soll praktisch das komplette Areal umgekrempelt, auf höchsten Standard gebracht werden. Das Stadion bekommt ein neues Gesicht, die Tribünen werden komplett umgestaltet, die Strafrunde wird zwecks der besseren Sicht auf den Schießstand verlegt, das Tunnelsystem im Innenraum erneuert, das Regiegebäude vergrößert, die Laufwege verändert, damit sich Athleten und Zuschauer nicht mehr in die Quere kommen. Schon jetzt läuft alles unter dem Motto WM-Bewerbung. Der Weltcup 2018 steht unter besonderer Beobachtung. Wie sagt der Oberhofer Bürgermeister Thomas Schulz: „Bis Sonntag müssen wir liefern.“ Und das mitten im unwirtlichen Thüringer Nebel- und Regenwald.

Quelle: F.A.Z.
Claus Dieterle
Sportredakteur.
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