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Biathlon-Weltcup

Zu zögerlich und ängstlich am Schießstand

Von Claus Dieterle, Ruhpolding
 - 12:32

Es hat Einzelgespräche gegeben am Abend nach dem nahezu kollektiven Blackout am Schießstand im 15-Kilometer-Einzel. Das sei zwar immer so nach einem Rennen, dass die Ergebnisse analysiert würden, sagt Laura Dahlmeier, aber diesmal gab es reichlich Diskussionsbedarf, reichlich Unzufriedenheit. Wenn eine schießstarke Mannschaft – und für die hält Bundestrainer Gerald Hönig seine „Mädels“ immer noch – im schießlastigsten aller Wettbewerbe im Durchschnitt 3,3 Fahrkarten produziert, wo doch jede mit einer Strafminute geahndet wird, dann ist etwas grundlegend nicht in Ordnung. Zumal auf einem von unzähligen Trainingsstunden wohlvertrauten Schießstand, der zudem als nicht sonderlich schwer gilt und auf dem an diesem Tag beste Bedingungen herrschten.

Vor einer Woche in Oberhof, als Nebelschwaden, Regen und böiger Wind aus wechselnden Richtungen die Schützinnen vor erhebliche Probleme stellte, wäre so ein schlechtes Ergebnis erklärbar gewesen. Aber in Ruhpolding? „Die anderen haben uns ja vorgemacht, dass man hier mit Null weggehen kann“, sagt Hönig. Allen voran die Südtirolerin Dorothea Wierer, die nicht nur absolut präzise, sondern auch extrem schnell geschossen hatte. Und „kontrolliert“, wie sie sagte, „das habe ich im Griff“. Genau dieses Gefühl scheint den deutschen Skijägerinnen in Ruhpolding abhandengekommen zu sein. Nicht allen, aber doch den meisten. Begriffe wie unsicher, zögerlich oder sogar ängstlich waren da zu hören. Oder Sätze wie: „Ich habe mich nicht wohl gefühlt.“ Und immer ging es um den Schießstand. Bei anderen wiederum herrschte einfach nur Ratlosigkeit. „Keine Ahnung, was da passiert ist“, hieß es bisweilen.

Der mögliche Heimvorteil wird schnell zum Nachteil

Bei der Ursachenforschung stieß man ganz schnell auf ein altes Thema, das alle Jahre wieder neu aufgelegt wird: auf diesen berühmt-berüchtigten ganz eigenen Charakter von Heim-Weltcups. Und darauf, dass die Last meistens die Lust überlagert. „Die Heimrennen bringen im Biathlon nicht unbedingt einen Heimvorteil“, sagt Hönig, „da muss man von einem Druckverhalten bei den Mädels reden. Es ist offensichtlich, dass die Schießergebnisse, die auf fremden Ständen geschossen werden, zu Hause nicht so leicht zu erreichen sind.“

Weil die Zuschauermassen in ihrer Begeisterung die Athleten zwar auf der Strecke bis ans Limit treiben, aber bei der feinmotorischen Präzisionsarbeit doch eher kontraproduktiv wirken. Wenn jeder Fehlschuss lautstark mit einem langgezogen-resignierenden „aahhh“ kommentiert wird, geht das sensibleren Naturen schon ans Nervenkostüm. Laura Dahlmeier gehört zwar nicht dazu, kennt aber eine andere Gefahr nur zu gut. „Vor den eigenen Fans und Freunden will man es besonders gut machen. Das kann der Tick zu viel sein.“ Das alles ist kein exklusiv deutsches Problem. „Wenn wir uns mit anderen Trainern unterhalten, geht es doch allen so“, sagt Hönig. Die Universität St. Gallen hat den Heimnachteil am Schießstand in einer Studie sogar wissenschaftlich belegt. Dorothea Wierer kann das als Athletin nur bestätigen. Die muss kommende Woche durch diese Mühle daheim in Antholz. Ein bisschen graut ihr davor, zumal sie – genau wie jetzt ihre deutschen Kolleginnen – dann abseits des Wettkampfprogramms noch viele andere Interessen befriedigen muss: Sponsoren, VIPs, Fanklubs, Medientermine. „Aber es ist die einzige Chance im Jahr, Biathlon in ganz Italien etwas bekannter zu machen“, sagt sie. Selbst Biathlon-Star Martin Fourcade hat nach dem Weltcup daheim in Le Grand Bornand gesagt: „Jetzt weiß ich, was die Deutschen immer durchmachen.“ Aber im Unterschied zu den DSV-Skijägern war bei ihm keine Heimschwäche auszumachen.

Nun war die Problematik vorher schon bekannt. Und Hönig war der Ansicht, dass er seine Mannschaft bestens auf die besondere Situation vorbereitet habe: „Locker draufloszuschießen wie im Training. Darüber haben wir vorher geredet, aber sie konnten es nicht eins zu eins umsetzen.“ Wobei die Zögerlichkeit für mangelndes Selbstbewusstsein spricht. Was Hönig deutlich mehr geärgert hat, war eine gewisse Schlampigkeit. Es gab extrem viele Fehler beim fünften Schuss. „Das gehört eher in den Bereich von Fahrlässigkeit.“ Flüchtigkeitsfehler, die man auf diesem Level nicht häufig machen darf. Laura Dahlmeier nimmt er trotz vier Fehlern von dieser Kritik aus. Weil sie nicht ins Raster passt. Sagt sie ja selbst: „Klar ist Platz 48 nicht mein Anspruch, aber meine Fehler waren nicht der Nervosität geschuldet.“ Woran die Trefferverlagerung nach rechts oben gelegen hat, war auch nach der Einzel-Analyse nicht klar.

Nicht unbedingt beruhigend vor dem Staffel-Wettkampf der Frauen am heutigen Samstag (14.30 Uhr im ZDF), bei dem es abermals auf die Treffsicherheit am Schießstand ankommen wird. Zu zögerlich und ängstlich sollte es dabei nicht zugehen im deutschen Lager. Sonst wird aus dem sogenannten Heimvorteil ganz schnell wieder ein großer Nachteil.

Quelle: F.A.Z.
Claus Dieterle
Sportredakteur.
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