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Hinz-Silber bei Biathlon-WM

„Ein Wahnsinnstag für mich“

Von Claus Dieterle, Antholz
Aktualisiert am 18.02.2020
 - 18:45
Silberner Moment: Vanessa Hinz widmet ihre Medaille der ganzen Familie.
Endlich allein da oben: Vanessa Hinz tritt bei der Biathlon-WM aus dem Schatten und wird Zweite im Einzel. Es ist ein Herzschlagfinale, bei dem am Ende 2,2 Sekunden den Ausschlag geben.

Sie liest am liebsten Psychothriller. Da mögen ihr zwar manchmal die Haare zu Berge stehen, aber verglichen mit dem, was Vanessa Hinz am Dienstag im realen Biathlonleben an Spannung aushalten musste, ist ihre Lektüre eher harmlos. Da ist die 27 Jahre alte Bayerin bei den Weltmeisterschaften in Antholz im 15-Kilometer-Einzel quasi über sich hinausgewachsen, hat sich erst beim 19. von 20 Schüssen die einzige Strafminute erlaubt und hat dann unter dem Höllenlärm der vorwiegend deutschen Zuschauer alles aus ihrem Körper herausgeholt.

Und als sie über den Zielstrich flitzte, blinkte die „Eins“ hinter ihrem Namen auf. Aber wer mit der Startnummer 25 ins Rennen geht und noch 75 Starterinnen hinter sich weiß, für den beginnt dann der nervenaufreibendste Teil des Tages. Das bange Warten, vor allem auf Dorothea Wierer, den Biathlonstar aus dem Antholzertal, begann. Und die 29 Jahre alte Skijägerin aus Rasen nutzte trotz zweier Strafminuten den Zeit- und Heimvorteil. In einem Herzschlagfinale, bei dem am Ende 2,2 Sekunden den Ausschlag gaben. Da sage noch einer, der Einzel-Wettbewerb, bei dem die Norwegerin Marte Olsbu Røiseland Dritte wurde, sei der Langweiler im Biathlon-Programm.

Dorothea Wierer hat ihr zweites WM-Gold, und die deutschen Frauen haben ihre zweite Silbermedaille. „Ich habe eher gezittert, dass es überhaupt für eine Medaille reicht“, sagte Vanessa Hinz später. Sie wäre auch mit Bronze glücklich gewesen. So oder so: Ihre erste individuelle Medaille bei einer WM „fühlt sich großartig an“.

Die Frau ist ein sehr emotionaler Typ, die ihren Gemütszustand selten verbirgt. Im Negativen wie im Positiven. „Ich habe mich lange zusammenreißen können, aber als ich dann meine Schwester im Publikum gesehen habe, war es damit vorbei“, sagte sie. Dann flossen Freudentränen. Für Vanessa Hinz steht die Familie über allem, auch über dem Sport, und sie weiß eben, „wie die zu Hause mitfiebern und mitleiden“.

Wobei sie bislang meistens leiden mussten. „Aber die haben immer zu mir gestanden, und deswegen ist die Medaille auch für meine Familie.“ Was sie später noch aufs ganze Team ausweitete. Aber eines genoss die Bayerin, die mit der Staffel schon drei WM-Titel gewonnen hat, ganz besonders: „Ich habe das heute ganz alleine geschafft.“ Am Tag zuvor hatte Vanessa Hinz ihre Chancen eigentlich ganz realistisch eingeschätzt: „Ich bin das ganze Jahr noch nicht auf dem Podium gestanden. Es wäre jetzt vermessen zu sagen, ich will hier eine Medaille holen.“

Sie hat in ihrer gesamten Karriere erst zweimal als Einzelkämpferin auf dem Podium gestanden. 2019 in Kontiolahti sogar auf der obersten Stufe. Aber die Saison war bislang schwierig, erst in Ruhpolding ist die Form allmählich zurückgekommen. Und das Gefühl, wieder richtig konkurrenzfähig zu sein. Schon der fünfte Platz in der Verfolgung „war für mich ein sehr großer Gewinn, auch wenn man immer nur an Medaillen gemessen wird. Aber daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt, dass ich das für mich mache.“

Sie hat ja immer im Schatten anderer gestanden. Erst Laura Dahlmeier, dann Denise Herrmann oder Franziska Preuß, die am Dienstag Zwölfte und Fünfte wurden. „Die Vanessa ist eben ein Wettkampftyp“, sagte Frauentrainer Kristian Mehringer freudestrahlend. Aber alles andere als eine Trainingsweltmeisterin. Vor allem das stumpfe Kilometerfressen ist ihre Sache nicht. „Ich kann schon den Berg hochfahren, wenn man mir sagt, ich krieg oben einen Kuchen“, sagt sie. Und es kann auch vorkommen, dass sie den Trainingsplan mal links liegenlässt und nach Gefühl trainiert.

Vanessa Hinz ist die große Individualistin im deutschen Team. Eine, die mal ausscheren muss aus dem Trott, die ihre Freiheiten braucht. Im Kleinen, wenn sie zwischendurch mal auf Shopping-Tour geht, oder im Großen, wenn sie den Rucksack schultert und allein in ferne Länder reist. Es ist ihre Art, sich zu belohnen. Sie hat sich über die Jahre ihre Nische im Biathlonzirkus geschaffen, aus der sie am Dienstag mit einem Schlag ins Rampenlicht befördert wurde. Jetzt kann sie endlich das selbst erleben, was sie bei der Siegerehrung für Denise Herrmann auf der Medal Plaza noch aus der Distanz beobachten musste: selbst da oben zu stehen, sich feiern zu lassen, das volle Programm: „Vize-Weltmeisterin: Allein, wenn man es ausspricht, ist es tolles Gefühl. Ein Wahnsinnstag für mich.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dieterle, Claus
Claus Dieterle
Sportredakteur.
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