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Biathlon-WM in Antholz

„Doro“ Wierer und der große Kult

Von Claus Dieterle, Antholz
Aktualisiert am 20.02.2020
 - 12:56
Das Gesicht des italienischen Biathlon: Dorothea Wierer feiert ihren WM-Titel im Einzel über 15 Kilometer
Mit ihrer Leistung in Antholz avanciert Dorothea Wierer zum idealen Türöffner für Biathlon in Italien. Sogar der Ministerpräsident ist begeistert. Und auch abseits von Loipe und Schießstand weiß „Doro“ zu überzeugen.

Sogar Giuseppe Conte ist infiziert. Per Twitter hat Italiens Ministerpräsident Dorothea Wierer zu ihrem zweiten WM-Titel bei den Biathlon-Weltmeisterschaften in Antholz beglückwünscht. Aber das ist noch nicht alles: „Ich freue mich, ihr am Samstag persönlich zu gratulieren“, heißt es weiter: „Wir sehen uns in Antholz.“Italiens Staatschef beim Biathlon? Vor ein paar Jahren hätte er vermutlich nicht mal gewusst, was das ist. Wie die meisten Italiener.

Aber Doro, wie sie die 29 Jahre alte Skijägerin aus Rasen im Antholzertal nennen, scheint nicht nur sportlich derzeit kein Limit zu kennen. Sie sorgt auch dafür, dass die Wahrnehmungsgrenze zwischen dem alpinen Norden und dem großen Rest der Republik allmählich verschwindet. Selbst auf der Titelseite der fußballlastigen „Gazzetta dello Sport“ prangt ihr Konterfei: „Sempre Doro.“ Das staatliche Fernsehen Rai berichtet zwar nur auf seinem Sportkanal live von den Wettkämpfen, verzeichnet aber mit im Schnitt 535.000 Zuschauern rekordverdächtige Zahlen. Und – das ist neu – Rai uno und Rai tre bringen Zusammenfassungen vom Tage. Rai-Südtirol präsentiert täglich sogar ein WM-Studio. Noch nie haben so viele italienisch-sprachige Zuschauer, zum Teil aus Sizilien, den Weg nach Antholz gefunden. „Es ist inzwischen Kult bei betuchten Italienern, zum Biathlon zu gehen“, sagt ein Kenner der Szene. Sieht aus, als sei Biathlon in Italien angekommen. Alles wegen Doro.

Es ist längst „ihre“ WM. Sie war auch vorher erfolgreich, mit zwei olympischen Bronzemedaillen und dem Gesamtweltcupsieg vergangene Saison, was die aparte 29-Jährige mit Glamourfaktor zur idealen Werbefigur für die WM gemacht hat: Sie sieht zudem blendend aus, das Permanent-Make-up ist jeder Situation gewachsen, sie macht überall bella figura, auch im Bikini, kann sich gut verkaufen, bedient die sozialen Medien verlässlich, aber manchmal auch nur, weil die Sponsoren das so wollen, spricht gut Italienisch – was auch daran liegt, dass ihr Mann, Langlauftrainer Stefano Corradini, aus Cavalese stammt. Und sie legt Wert auf ein bisschen dolce vita neben dem Sport. Mag sein, dass der Zickenkrieg mit Teamkollegin Lisa Vittozzi, die ihr wegen einer alten Geschichte Egoismus vorgeworfen hat, das mediale Interesse noch einmal gesteigert hat.

Wie dem auch sei: Doro Wierer ist im Grunde der ideale Türöffner für Biathlon in Italien. Zumal sie jetzt, mit zweimal Gold und einmal Silber in der Tasche, auch sportlich zum Superstar der WM geworden ist. Und alle bewundern, wie sie mit dem immensen Druck fertig geworden ist, eine ruhige Hand und einen klaren Kopf bewahrt hat. Und die Energie. Weltmeister im eigenen Land kommen selten zur Ruhe. Aber seit ihrem ersten WM-Titel, in der Verfolgung, hat sich eine innere Wandlung vollzogen. „Da ist ein Riesenrucksack von mir abgefallen“, sagt Dorothea Wierer. „Es war, als wäre ich plötzlich ein anderer Mensch.“ Erleichtert, befreit. Jetzt ist sie auch daheim wieder Everbodys Darling.

Ende vergangener Saison waren die Antholzer gar nicht gut auf ihre Doro zu sprechen. Da haben sie ihr zu Ehren einen großen Empfang organisiert, weil sie von der WM in Östersund einen ganzen Medaillensatz mitgebracht hatte, aber Frau Wierer hat abgewinkt. Und als sie dann doch kam, war sie nach kurzer Zeit verschwunden. Noch mehr ins Abseits manövrierte sie sich, als sie im Frühjahr den Sponsor wechselte und sich schon mal mit dem Hubschrauber zum Weltcup nach Oberhof fliegen ließ. „Jetzt hat sie die Bodenhaftung verloren“, hieß es treffend.

Vergeben, vergessen. Zumal sich Dorothea Wierer im Moment ihres größten Triumphs bescheiden gibt. Zum Vergleich mit der italienischen Schwimm-Diva Federica Pellegrini sagt sie: „Ich fühle mich viel kleiner als sie.“ Und was ihre Mission angeht, Biathlon in Italien salonfähig zu machen, setzt sie ganz auf das Fernsehen: „Ich hoffe, dass die Weltcuprennen bald im nationalen Fernsehen übertragen werden und nicht nur im Sportkanal der Rai. Nur dann haben wir eine Chance, noch mehr in die italienischen Wohnzimmer zu kommen.“ Aber dann müsste sie schon bis Peking 2022 weitermachen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dieterle, Claus
Claus Dieterle
Sportredakteur.
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