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Bobpilotin Kim Kalicki

Die Senkrechtstarterin im Eiskanal

Von Martin Wolff, Wiesbaden
Aktualisiert am 21.02.2020
 - 09:29
Duale Karriere: Kim Kalicki ist Polizistin und Bobpilotin.
Ihre Oma findet es „megacool“, ihre Mutter „zu gefährlich“. Die Nachwuchs-Bobpilotin Kim Kalicki macht rasant Karriere und startet nun sogar bei der Weltmeisterschaft. Die Strecke hat es in sich.

Wie aus dem Nichts ist die Wiesbadenerin Kim Kalicki vor Weihnachten in die absolute Weltspitze der Bobpilotinnen geschossen. Auf einer der schwierigsten Bahnen der Welt. Danach musste sie wieder zurück in den Europacup. Weil die Konkurrenz in Deutschland so groß wie nirgendwo sonst ist. Über den Umweg Junioren-Weltmeisterschaft hat es die Zweiundzwanzigjährige dennoch zur WM in Altenberg geschafft, die an diesem Freitag beginnt. Nicht zuletzt weil sie fast immer zu den Startschnellsten zählt.

Schnell rennen. Das war schon immer ihr Ding. Schon auf dem Pausenhof ihrer Wiesbadener Grundschule: „Da war ich schneller als die Jungs. Das änderte sich erst, als die ihren Testo-Schub kriegten.“ Also erst nachdem sie den meisten von ihnen zwei Jahre lang auch beim Fußballspielen der Jugendmannschaft von Wiesbaden-Schierstein davongelaufen war – als einziges Mädchen im Team. Da war Kim Kalicki erst sieben und acht Jahre alt. Drei Jahre später zogen sie die Bundesjugendspiele zur Leichtathletik. Fortan Sprints statt Fußball. Inklusive Hürden. Mit 14 meisterte die lebhafte Läuferin die 80 Meter Hürden in 11,83 Sekunden. Damals Hessen-Rekord in ihrer Altersklasse. Aufgestellt im Trikot der TuS Eintracht Wiesbaden, für die sie auch 2017 noch flott rannte: 12,3 Sekunden über 100 Meter.

Da allerdings war die Abiturientin im Herzen längst schon Bobpilotin. Ganz gezielt in die Spur gebracht von ihrem Leichtathletik-Trainer, der wiederum mit dem Trainer der ehemaligen Weltklasse-Pilotin Sandra Kiriasis befreundet war: „Hast du mal Lust, Bob zu fahren?“ Klar hatte sie Lust, „weil es mir irgendwie spannend vorkam“. Was dann als Anschubtest in Winterberg angekündigt war, wurde für die damals Siebzehnjährige ganz unverhofft zu einer Testfahrt an den Lenkseilen eines Monobobs. Denn Bundestrainer René Spies setzte längst gezielt auf Pilotinnen, die nicht nur großartiges Fahrgefühl mitbringen, sondern auch athletisch höchste Ansprüche erfüllen.

Die Zeiten, in denen ehemalige Rodlerinnen wie Susi Erdmann und Sandra Kiriasis dank ihrer langjährigen Erfahrungen im Eiskanal als Bobpilotinnen siegen konnten, obwohl sie athletisch nicht mal annähernd mit ihren Anschieberinnen mithalten konnten, waren längst vorbei. Top-Athletinnen wie die zweimalige Olympiasiegerin Kaillie Humphries hatten die Ära der sprintstarken Pilotinnen eingeläutet. So liefen die Deutschen plötzlich chancenlos hinterher. Umschulung der stärksten Anschieberinnen zu Pilotinnen hieß die erste Gegenmaßnahme. Erfolgreich absolviert von der 29 Jahre alten Stephanie Schneider, die vergangene Woche den Gesamt-Weltcup gewann – nach fünf Jahren als explosive Anschieberin. Ein quälend langer Weg an die Lenkseile.

Kim Kalicki ist dieser Umweg erspart geblieben. Dank der für Fahranfängerinnen optimal geeigneten damals neuen Monobobs. Zwar startete Kalicki bei der Jungfernfahrt 2014 erst in Kurve neun, doch „trotzdem war ich vorher sehr, sehr, sehr, sehr aufgeregt“. Was folgte, war einfach nur atemraubend. „Genauso, wie ich mir das ausgemalt hatte.“ Nach vier Wochen war die gebürtige Wiesbadenerin so weit: Start von ganz oben. Und nur vier Monate später durfte sie schon als Spurbob bei der WM ran.

Vier Jahre Europacup – dann schlug vor Weihnachten ihre ganz große Stunde: Ausgerechnet auf einer der gefährlichsten Bobbahnen der Welt, in Lake Placid, raste sie mit ihrer Wiesbadener Anschieberin Vanessa Mark direkt bei ihrem Weltcup-Debüt auf Rang drei – als zweitbeste Deutsche hinter Stephanie Schneider und noch vor Olympiasiegerin Mariama Jamanka. Zu Hause in Wiesbaden fieberten am Fernseher Oma und Vater mit. „Die finden das megacool. Meine Mutter dagegen kann sich das nicht angucken, zu gefährlich, meint sie.“

Dann hat sie eine Woche später aber noch Größeres von ihrer waghalsigen Tochter verpasst. Abermals in Lake Placid. Statt vor dem selbst geschürten Erwartungsdruck einzuknicken, legte die 1,73 Meter große Kalicki noch einen drauf: Rang zwei hinter Superstar Kaillie Humphries. Vor Schneider und Jamanka. Eigentlich unfassbar, dass sie danach zurück in den Europacup geschickt wurde. Mit Willkür oder Ungerechtigkeit aber hatte das nichts zu tun. Jamanka war als Olympiasiegerin vom Bundestrainer gesetzt, und in den verabredeten Ausscheidungsrennen um die zwei übrigen Weltcupplätze setzten sich zum Jahreswechsel Schneider und Laura Nolte durch. Noch so eine junge Senkrechtstarterin mit Monobob-Werdegang. In vier der fünf auf Lake Placid folgenden Weltcup-Rennen raste die Einundzwanzigjährige aufs Treppchen.

Dass Kim Kalicki nun erstmals gemeinsam mit ihr gegen die Besten der Besten an den Start gehen darf, hat sie ihrem Triumph bei den Juniorinnen-Weltmeisterschaften vor knapp zwei Wochen zu verdanken. Damit sicherte sie dem deutschen Verband einen vierten WM-Startplatz für Altenberg. Und den darf selbstverständlich sie einnehmen. Dass die vier Läufe in einem Eiskanal stattfinden, der ähnlich gefährlich wie der von Lake Placid ist, erschreckt die gerade in Wiesbaden zur Polizeikommissarin ausgebildete junge Frau keineswegs: „Hier muss man hellwach sein. Das liebe ich.“

Quelle: F.A.Z.
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