Sorgen im Eisschnelllauf

Pechstein und der schwierige Generationswechsel

Von Christoph Becker
07.02.2019
, 12:42
Der juristische Kampf von Claudia Pechstein nach ihrer Doping-Sperre droht auf der Zielgerade verloren zu gehen. Bei der WM will sie nur in zwei Rennen an den Start gehen. Die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft versucht derweil, eine Zukunft für den Sport aufzubauen.

Am Dienstagnachmittag, siebenundvierzigeinhalb Stunden vor dem Beginn der Einzelstrecken-Weltmeisterschaft der Eisschnellläufer in Inzell, verschickte das Internationale Sportschiedsgericht Cas eine Nachricht, die Claudia Pechstein, demnächst 47 Jahre alt, ins Mark traf. Ihre Beschwerde gegen das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte wurde abgelehnt, die erstinstanzliche Entscheidung in Straßburg ist rechtskräftig. Die besagt, dass das Schiedsverfahren vor dem Cas Rechtsschutz gewähre, obwohl Claudia Pechstein dort im Prozess gegen ihre Doping-Sperre kein einwandfreies Verfahren hatte – die Öffentlichkeit war ausgeschlossen, die Athletenvereinbarung nicht freiwillig unterschrieben. Schadenersatz: 8000 Euro.

Claudia Pechstein aber begehrt vier Millionen, als Entschädigung für die zwei Jahre Doping-Sperre und die Feststellung, dass der Cas nicht unabhängig sei. Vor exakt zehn Jahren, am 7. Februar 2009, waren ihre Blutwerte aufgefallen, beim Weltcup in Hamar. Die Internationale Eislauf-Union vermutete Doping, sperrte sie. Claudia Pechstein bewies, dass ihre Retikulozytenwerte von einer ererbten Blutanomalie bestimmt werden. Vom Deutschen Olympischen Sportbund gab es eine Entschuldigung, aber der juristische Kampf droht auf der Zielgerade verloren zu gehen.

Letzte Ausfahrt Karlsruhe, Bundesverfassungsgericht. Auf die Ablehnung der Beschwerde in Straßburg reagierte Claudia Pechstein auf „Facebook, wo sie unter anderem ankündigt, entweder zu sterben oder zu siegen, dass „es noch lange nicht vorbei“ sei, dass „jede Träne, die mich dieser Kampf gekostet hat, es wert war, vergossen zu werden“. Und dass sie nun Rat vom „besten Mentaltrainer der Welt“, ihrem Partner Matthias Große brauche, ob sie in Inzell starten werde. Donnerstagmittag um zwölf war die Entscheidung gefallen: Sie startet in Inzell, aber nur über 5000 Meter am Samstag und im Massenstartrennen am Sonntag.

Hätte Claudia Pechstein ganz verzichtet, wäre der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft ein Viertel ihrer WM-Starterinnen ausgefallen. Denn in den vier Tagen von Inzell werden fünf deutsche Männer und vier Frauen um 16 Titel laufen.

Es sind schwierige Jahre für die DESG, mindestens seit Sotschi 2014. Damals gab es keine Medaillen bei Olympia, vergangenes Jahr in Gangneung auch nicht. Während die Deutschen in Korea in nahezu jeder Sportart von Erfolg zu Erfolg rannten und sprangen, stellte sich bei den Eisschnellläufern die Frage, ob sich da eine Sportart leise und erfolglos durch die Hintertür verabschiedet. Cheftrainer Jan van Veen warf das Handtuch, Robert Bartko gab als Sportdirektor auf. Matthias Kulik ist der neue Sportdirektor, seit November. Er ist 34 Jahre alt, zwölf Jahre jünger als seine bekannteste Athletin.

Kulik denkt positiv. „Im Herrenbereich haben wir eine absolut positive Entwicklung“, sagt er. „So erfolgreich waren wir höchstens vor der Wende.“ Der Sprinter Nico Ihle und der Langstreckler Patrick Beckert werden bis zu den Olympischen Spielen 2022 in Peking wohl weitermachen. Keiner von beiden ist im Weltcup in diesem Winter aufs Podest gelaufen, also spricht Kulik nicht von Medaillen. Sie sollen „mit dem Heimvorteil an die positiven Tendenzen“ anknüpfen. Ihle ist 33 Jahre alt, Beckert 29, zu alt für Planung über Peking hinaus. Aber da sind noch Joel Dufter, 23, und Hendrik Dombek, 21. „Noch nicht absolute Weltspitze, aber erste Ansätze“, sagt Kulik.

Olympia? „Das ist für Kinder viel zu weit weg“

Bei den Frauen aber – „haben wir die Talsohle noch nicht durchschritten.“ Sagt Uwe Hüttenrauch. Er ist Trainer am Olympiastützpunkt Berlin-Hohenschönhausen, 63 Jahre alt, die Rente ist in Sicht. Im Herbst machte er seinen Unmut auf Pechstein-Art öffentlich, bei „Facebook“. „Meine Sportart ist dem Untergang geweiht“, orakelte er, aber wenn man ihn anruft, klingt er nicht frustriert. Ja, Peking werde ganz schwierig, „selbst 2026 funktioniert nicht“, vermutet er. „Aber das heißt nicht, dass wir hier nicht jeden Morgen mit frischem Mut an die Arbeit gehen.“ Die Probleme hätten sich lange angekündigt. „In den Neunzigern haben wir einfach weitergemacht, als wären wir noch in der DDR“, sagt er. Inzwischen sei es schwierig, die Kinder überhaupt vom Smartphone wegzubekommen, und die Motorik längst nicht mehr wie einst.

Zudem seien Kinder seit „Mitte der 2000er deutlich ich-bezogener“, viel weniger Teamplayer. „Aber grundsätzlich ist es doch so“, sagt Hüttenrauch: „Kinder wollen was erleben. Wenn ich denen nur Misserfolgserlebnisse biete, dann begeistere ich sie nicht. Wenn Eltern nur hören: Dein Kind darf nicht zum Wettkampf, weil es die Norm nicht packt – die kommen doch nicht mehr.“ Olympia? „Das ist für Kinder viel zu weit weg.“ Selbst für Jugendliche, sagt Hüttenrauch. „Denen wurde gesagt: Pyeongchang ist dein Ziel. Du musst zu Olympia. Nee, die brauchen doch Abstufung: Erstmal zur Deutschen Meisterschaft, dann Weltcup. Das war auch ein Problem der Trainer, dass da der Plan fehlte. Wir haben da zum Teil auch nur Floskeln.“ Inzwischen gehe es in Berlin ein bisschen bergauf. „Da sind erste Erfolge, die Mitgliederzahlen bei Schülern und Kindern steigen leicht.“

Sportdirektor Kulik helfen die Kinder wenig. Er spricht von „Löchern bei den Damen“: „Wir haben uns lange Zeit ausgeruht auf den Erfolgen, und die Erfolge haben nicht zugelassen, dass sich eine zweite Reihe bildet. Da war kein Platz, weil die Alten so stark waren. Die Sportler dahinter konnten sich nicht durchsetzen.“

Die Löcher kann Kulik nicht stopfen, er arbeitet am Generationswechsel bei den Trainern. „Die jungen Kräfte müssen an die Macht“, sagt er, „die müssen Unterstützung haben. Negative Stimmungen dürfen uns nicht runterziehen.“ Die jungen Trainer sollen „viel größeren Fokus“ auf die technische Ausbildung legen. „Die deutsche Domäne war immer die Physis, da wurde mangelnde Technik ausgeglichen. Die Niederländer laufen definitiv besser.“ Die in Deutschland erfolgreichen Wintersportarten haben sich zu technischen Fragen „viel früher Gedanken“ gemacht. „Da müssen wir über den Tellerrand schauen.“

Pechstein ist die Gegenwart des deutschen Eisschnelllaufs

Jenny Wolf, als Sprinterin fünf Mal Weltmeisterin, ist jetzt im Hauptamt als Wissenschaftskoordinatorin für die Trainer-Aus- und Fortbildung zuständig, für die „Ausrichtung bis zur Basis“, wie Kulik sagt, und die Vernetzung mit dem Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten und dem Institut für Angewandte Trainingswissenschaften. Kulik sieht die Strukturen in Inzell, Erfurt und Berlin „als unser Pfund“, auch in Zeiten der Leistungssportreform. „Wir werden weiter unterstützt.“ Hüttenrauch sagt, er habe Verständnis für die Reform, halte es aber für möglich, dass „wir immer weiter nach hinten marschieren“ in der Förderung. Dann, sagt er, könnte das Eisschnelllaufen „zum weißen Sport“ werden: „Wie Tennis. Gut wird, wer sich den Trainer leisten kann.“

Bei der Pressekonferenz des deutschen Teams am Mittwoch kritisierte Kulik den Zeitpunkt der Bekanntgabe der Ablehnung von Claudia Pechsteins Beschwerde: „Zwei Tage vor der WM ist solch eine Entscheidung des Gerichts für mich nicht nachvollziehbar.“ Die Gegenwart des deutschen Eisschnelllaufs ist Claudia Pechstein, demnächst 47. „Bei allem Respekt für ihre Leistung“, sagt Hüttenrauch. „Beeindruckend, wirklich. Aber von einer Medaille ist sie soweit weg wie die Erde vom Mond.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Christoph
Christoph Becker
Sportredakteur.
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