Interview

"Schöne Sprünge sind wie eine Sucht"

05.12.2003
, 13:33
Hannawald: „Millionstelsekunde entscheidet über kurz - oder Granate”
Sven Hannawald im F.A.Z.-Sportgespräch über Angst, Diäten, Teamgeist und Popkultur. Ein Karriereende auf dem Höhepunkt der Laufbahn hält der Skispringer für „Quatsch“. „Solange es gutgeht, koste ich es aus.“
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Auch Sven Hannawald ist kein junger Hüpfer mehr - seit einem Monat ist der gebürtige Sachse, den so viele für einen waschechten Schwarzwälder halten, 29 Jahre alt. Mit der Nationalmannschaft Olympiasieger und Weltmeister, gelangen ihm seine größten Einzelerfolge von Flugschanzen: 2000 und 2002 wurde er Skiflug-Weltmeister. Bei der Vierschanzentournee 2001/2002 gelang Hannawald Historisches: Als erster Springer gewann er alle vier Wettbewerbe - und damit natürlich die Gesamtwertung.

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Die Saison hat mit dem Sturz des Österreichers Morgenstern in Kuusamo dramatisch begonnen. Leidet Ihre Arbeitsmoral unter so einem Vorfall?

Nein. Das sind zwar Dinge, die die Konzentration ein wenig ablenken, aber ich schaue dann, daß ich so schnell wie möglich wieder in Form komme. Die Konzentration richtet sich auf die nächsten Wettkämpfe.

Hannawald mit Freundin Suska
Hannawald mit Freundin Suska Bild: dpa

Die Jury wurde in Kuusamo heftig dafür kritisiert, daß sie die Springer am Sonntag bei gleich schlechten Bedingungen noch mal starten ließ. Wissen die Funktionäre überhaupt, was wirklich oben los ist?

Sie haben einen schwierigen Job, den ich nicht haben möchte. Ich will mich nicht in die Reihe der Klugschwätzer stellen, ich halte mich raus.

Aber die Jury entscheidet darüber, wie hoch Ihr Gesundheitsrisiko ist. Gab es nie Entscheidungen, die Sie aufbrachten?

Oft ist es zweifelhaft, ob man starten kann oder nicht. Wir Springer hätten in Kuusamo gut auf den zweiten Wettbewerb verzichten können. Ich frage mich aber ganz allgemein: Warum überhaupt Kuusamo? Wir fahren jedes Jahr dahin und haben jedes Jahr dieselben Probleme mit dem Wind. Mir leuchtet nicht ein, warum man immer wieder diese Orte auswählt, von denen man weiß, daß dort schwierige Bedingungen herrschen. Zumindest sollte man mehr Tage einplanen.

Haben Sie Lieblingsschanzen?

Klar ist, daß ich mich nie mit einer 90-Meter-Schanze anfreunden werde. Je weiter es runtergeht, um so schöner.

Wann wissen Sie, daß Ihr Sprung gut ist?

Direkt beim Absprung, wenn das Gefühl, das einem die Schanze gibt, direkt erwidert wird.

Was meinen Sie mit "Gefühl, das die Schanze gibt"?

Jede Schanze hat eine gewisse Charakteristik. Kuusamo war relativ flach vom Anlauf her. Da wird man durch die Anfahrtsgeschwindigkeit nicht so sehr zusammengedrückt. Man merkt sofort, welchen speziellen Druck die jeweilige Schanze auf den Körper aufbaut. Und den Druck kann man erwidern mit seinem Körper. Es gibt verschiedene Arten von Schanzen: Oberstdorf, mit großem Druck, oder die alte Schanze in Innsbruck, die hat sehr großen Druck fabriziert. Die neueren Schanzen sind eher flacher, da muß man sich den Druck eher künstlich erzeugen. Man muß die Schanze fühlen und herausfinden, wie sie lebt - in Anführungszeichen.

Wie erleben Sie den Absprung?

Da kommt es auf jede Millionstelsekunde an.

Millionstelsekunde? Das ist doch nicht zu steuern?

Man meint es steuern zu können. Wenn man gut in Form ist, hat man auch das im Griff. Diese Millionstelsekunde entscheidet über kurz - oder Granate.

Wie nahe waren Sie dem perfekten Sprung?

Da gab es einen Sprung in meiner Supersaison. Es war der 2. Dezember 2001 in Neustadt. Da bin ich im Probe- oder Qualifikationsdurchgang mit 145 Metern Schanzenrekord gesprungen. Der Sprung war nahezu perfekt. Aber das kann man nicht planen. Ein Österreicher hat mal einen schlauen Spruch gemacht: Gute Sprünge macht man, perfekte Sprünge passieren. Da müssen die Bedingungen stimmen. Ähnlich gut ging es beim dritten und vierten Springen der Vierschanzentournee 2001/2002. Da bin ich hintereinander in Innsbruck und Bischofshofen Schanzenrekord gesprungen.

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Das war wohl Ihre Traumphase?

Ja. Da war ich extrem gut drauf. Das ist die Motivation, die mich über Wasser hält. Jede Saison fängt mit der Jagd nach dem geilen Gefühl an. Man hofft, daß sich so schnell wie möglich wieder eine Granate meldet. Das ist Gänsehaut pur, das will man so oft wie möglich erleben, dem fiebere ich entgegen. Kein Laie kann sich das vorstellen: Wenn man nahezu den perfekten Sprung erwischt hat, vergeht die Zeit vom Absprung bis zur Landung wie in einem Nebeltraum; ganz langsam in Zeitlupe. Man kennt das von manchen Filmen, wenn die Slowmotion alles extrem verzögert darstellt.

Gibt es einen Suchteffekt?

Ja, sonst hätte ich wahrscheinlich schon längst aufgehört.

Wie groß ist der Faktor Angst? Gibt es einen Kitzel des Horrors?

Es gibt Respekt. Falls Angst dabeisein sollte, ist es besser, von der Schanze runterzugehen, dann wird es gefährlich. Respekt gehört dazu, er fördert die Konzentration. Konzentration ist eh alles. Wenn man es so lölölö macht, kann man es vergessen.

Kehrt die Angst manchmal für drei, vier Tage nach einem Sturz ein?

Nein. Man hat nur ein mulmiges Gefühl. Dann kommt es auf die Art des Sturzes an, ob man länger oder kürzer braucht, um wieder gute Sprünge zu schaffen. Aber der innere Antrieb kommt automatisch: Weil man schon mal das Schöne erlebt hat, das ist die Sucht.

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Haben Sie für Ihren Sport schon mal gehungert?

Sicherlich gucken wir in unserem Sport aufs Gewicht. Und ich gebe ehrlich zu, daß es Zeiten gab, in denen ich auch mal diesen Weg eingeschlagen habe. Gerade als es nicht lief, habe ich bei meiner Größe und den zig Kilo Übergewicht nichts anderes gesehen. Damals hatte ich noch nicht die professionelle Einstellung von heute und ernährte mich auch von Fast food oder so. Da gab es beim Essen dann manchmal den Weg ganz oder gar nicht. Und manchmal gab es auch den Weg der Diät.

Fürchten Sie das Loch nach der Karriere?

Überhaupt nicht. Ich freue mich schon auf das ruhige Familienleben mit Freundin, Kindern, Eltern, Geschwistern, Oma und Haus. Alles, was auf der Strecke bleibt, wird nachgeholt. Ich investiere viel ins Skispringen und kriege viel heraus. Wenn ich merke, es kommt nicht mehr genug heraus, dann höre ich auf. Ich halte es für einen Quatsch, wenn es immer heißt, ein Sportler sollte auf dem Höhepunkt seiner Karriere aufhören. Dann ist es doch am schönsten. Trainieren, trainieren, trainieren wie Nachbars Lumpi - dann geht es gut, und ich soll aufhören? Das kapiere ich nicht, da wäre ich doch blöd. Solange es gutgeht, koste ich es aus.

Kennen Sie die Probleme Ihrer Mannschaftskollegen? Wie groß ist das Vertrauen, können Sie sich gegenseitig weiterhelfen?

Nee, das gab es nur früher. Wenn einer wirklich auf der Stelle tritt, dann motiviert man ihn, mach weiter, halt durch. Ich kann Martin (Schmitt) oder Alex (Herr) nicht reinreden, weil sie sich seit Jahren mit ihren Sprüngen und ihrem Material befassen. Würde ich mich da einmischen wollen, wäre das, als ob ich einen Artikel für die F.A.Z. schreiben müßte.

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Werden Trainer im Skispringen in Ihrer Bedeutung überschätzt oder unterschätzt?

Das Oberhaupt von dem Sauhaufen zu sein, derjenige, der alles zusammenhalten muß, das ist eine schwierige Aufgabe. Da wäre ich nicht der Mann dafür. Cheftrainer kann man nicht hoch genug einschätzen.

Ist Skispringen Team- oder Einzelsportart?

Es ist wichtig, daß das Team zusammenhält in guten und schlechten Zeiten. Sonst geht es nicht. Das sieht man bei anderen Teams. Dann geht es gewaltig in die Hose.

Das war aber doch auch bei der deutschen Mannschaft während der letzten WM in Val di Fiemme der Fall, oder?

Wir hatten einen guten Teamgeist gehabt, bis alles so peu a peu zusammengebrochen ist. Dann ging gar nichts mehr.

Wolfgang Steiert hat dann auch den langjährigen Cheftrainer Reinhard Heß abgelöst. Was ist anders?

Es war einfach ein Wechsel, da ist nicht viel anders. Wolfi war ja schon mein Heimtrainer. Nach der letztjährigen Situation ist der Skiverband den Weg eben gegangen und hat das Trainerteam neu gestaltet. Damit ist frischer Wind reingekommen, ohne daß ich damit schlecht über Reinhard sprechen will.

Sie sollen gesagt haben: Der Heß oder ich. Stimmt das?

Das habe ich nie gesagt. Ich weiß nicht, wer das geschrieben hat, es muß ein Journalist gewesen sein, dem langweilig war oder der keine Ahnung hat. Jeder, der mich kennt, weiß, daß ich so etwas niemals sagen würde. Zumal ich mit Reinhard seit 1997, als bei mir der Knoten aufgegangen ist, große Erfolge hatte: Vierschanzentournee, Olympia, Weltmeisterschaft. Jedenfalls habe ich eine Menge Trouble nach Reinhards Ausscheiden bekommen und sehr darunter gelitten. Viele Fans waren so enttäuscht von mir, und ich konnte mich ja nicht bei jedem entschuldigen oder es richtigstellen. Ich habe den Reinhard sofort angerufen und die Sache klargestellt.

Hat er Ihre Erklärung akzeptiert?

Es ist schwierig in seiner Lage. Wenn ich in seiner Situation gewesen wäre, hätte ich den Anruf gut gefunden, aber vielleicht wäre im nachhinein auch etwas übriggeblieben. Ich hoffe, er glaubt mir.

Haben Sie das Gefühl, Ihr Verhältnis ist wieder in Ordnung?

Ich glaube ja, aber die Zeit wird es zeigen.

Aber die Zeit für einen Wechsel war doch gekommen? Das sahen Sie doch auch so, ohne es beleidigend zu formulieren?

Es stimmt, daß es anhand der Vorkommnisse schwierig gewesen wäre, sich weiter zu motivieren.

In Ihrer Karriere gab es eine Zeit vor RTL und nach der Entdeckung des Skispringens durch das Privatfernsehen: Würden Sie die Zeit gerne wieder zurückdrehen?

Nein. Sicher ist es jetzt stressiger. Aber was RTL aus dem Skispringen macht, ist so genial. Alles hat zwei Seiten. Man kann es nicht super wohl haben und nix dafür tun. Wer hü! sagt, muß auch hott! sagen.

Und das Portemonnaie sagt auch hott?

Ja, aber das ist eher eine Begleiterscheinung. Darum kümmere ich mich nicht. Ich will meinen Sport präsentieren, das geile Gefühl beim Fliegen erleben, der Rest kommt von alleine. Wenn einer sagt, ich bin dabei, weil ich ein tolles Geld mache, dann soll er das tun. Für mich zählt das erst mal nicht.

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Mit RTL kehrte das Popstar-Element ins Skispringen ein: Taugen Sie zum Popstar?

Solange es Popstars gibt, die nicht singen müssen, könnte ich dafür taugen. Popstars, das ist so ein Image, das uns angehängt wird. Ich bleibe nach wie vor normal.

Wie groß ist die Versuchung, weibliche Fans wie Groupies zu behandeln?

Ich weiß, die Fans sind Teil des Erfolges. Es gibt nichts Schlimmeres, als sie von oben herab zu behandeln. Wenn ich jemanden anhimmele, will ich auch nicht, daß ich wie Dreck behandelt werde.

Weil Sie so zurückhaltend waren, wenig mit Mädchen gesehen wurden, wurde Ihnen öffentlich Homosexualität unterstellt. Wie haben Sie das erlebt?

Wenn ich gut trainieren will, bringt es mir nichts, bis vier Uhr früh die Zeit in der Disco zu verbringen und irgendwo rumzugraben. Da ist es mir egal, ob ich den richtigen Ruf habe oder einen falschen. Die Journalisten wußten halt, daß ich keine Freundin hatte. Und wenn manche sich so was dann denken, sollen sie es halt schreiben. Für mich war das nie ein Thema.

Sind Sie damals auch so cool und professionell mit den Schlagzeilen umgegangen?

Soll ich mich für alles entschuldigen? Dann müßte ich aufhören zu trainieren, eine Pressestelle aufmachen und jede Schlagzeile kommentieren: Habe ich gesagt, habe ich nicht gesagt. Das kann man nicht als Sportler oder Mann. Man muß abschalten können.

Das Gespräch führte Peter Heß

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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