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Biathlon-Star Fourcade

Machtdemonstration des Herrn der Scheiben

Von Claus Dieterle, Oberhof
 - 18:03

Das war mal was Neues im Triumphgesten-Repertoire von Martin Fourcade. Normalerweise dreht man nach dem Schießen in Laufrichtung ab, um die nächste Runde unter die Ski zu nehmen. Am Samstag, im Verfolgungsrennen vor 21.500 Zuschauern in der Oberhofer Biathlon-Arena am Grenzadler, wählte der Herr der Scheiben nach fünf Treffern im letzten Schießen die andere Richtung. Und er hielt sogar kurz inne, um seinen drei norwegischen Jägern, die noch keinen einzigen Schuss abgegeben hatten, in aller Selbstherrlichkeit noch einmal zu zeigen, wer hier der Boss ist. Ich, Martin, der Große. Es war sein 65. Weltcupsieg.

Natürlich musste Fourcade seine falsche Drehung hinterher erklären. „Ich habe gehört, dass Emil im norwegischen Fernsehen behauptet hat, ich hätte Angst vor den Norwegern. Ich habe viel Respekt vor ihnen, aber Angst habe ich nicht. Das wollte ich damit zeigen.“

Emil Hegle Svendsen, sein alter Rivale, war am Freitag im Sprint Zweiter hinter Fourcade geworden, und hatte die Äußerung halb im Scherz gemacht. Aber kleine Kabbeleien gehören zum Geschäft. Tarjei Bö, am Samstag in der Verfolgung Dritter hinter seinem jüngeren Bruder Johannes, erklärte es so: „Wir Norweger und Martin versuchen eben immer, dem Publikum was zu bieten. Wenn du vor so einer großen Kulisse startest, ist das mehr als Sport, das ist Entertainment. Und keiner nimmt es krumm.“

Das mag stimmen, aber Fakt ist, dass der 29 Jahre alte Franzose seit Jahren – rein sportlich betrachtet – ein Norweger-Problem hat. Und in dieser Saison ist Johannes Bö mit 24 Jahren zum größten Gegenspieler gereift. Mittlerweile fast auf Augenhöhe mit dem zweifachen Olympiasieger von Sotschi. Für seinen Geschmack viel zu oft musste Fourcade nach dem Rennen über seinen jungen Herausforderer Sätze sagen wie: „Heute hatte ich läuferisch keine Chance“ oder: „Er hatte beim letzten Schießen die richtige Antwort, ich nicht.“ Und dermaßen vom norwegischen Tempomacher unter Druck gesetzt, ließ sich der Meister sogar bisweilen zu ungewohnter Hast verleiten.

Der König muss sich wehren

Normalerweise zeichnet es den Franzosen aus, dass er immer nur so schnell schießt, wie es die Situation erfordert. Weil er sich im Zweifelsfall auf seine läuferischen Qualitäten verlassen kann. Außer wenn es gegen den jungen Bö geht. Den hat Altmeister Ole Einar Björndalen schon vor Jahren mit den Worten geadelt: „Johannes ist das größte Talent, das Norwegen je hatte.“ Und weil der schon immer äußerst laufstarke Bursche seit dieser Saison auch am Schießstand trotz Schnellfeuer meist verlässlich trifft, ist die Hierarchie nicht mehr so zementiert. Der König muss sich nach Kräften wehren, um nicht vom Thron gestoßen zu werden.

Und er hat nicht vor, zu weichen. Im Gegenteil: Widerstand reizt ihn nur, spornt ihn an. Im Gesamt-Weltcup behauptet Fourcade dank einer nahezu unheimlichen Konstanz – nie war er schlechter als Rang drei – hartnäckig die Führung, aber nach Weltcupsiegen steht es immer noch 5:4 für den Herausforderer. Es hatte schon etwas von Majestätsbeleidigung, als Bö dem sechsmaligen Weltcup-Gewinner ausgerechnet bei dessen Heim-Weltcup in Le Grand Bornand frech den Sieg in Sprint und Verfolgung vor der Nase wegschnappte. Immerhin hat sich Fourcade dann im Massenstart „gerächt.“

Pikanterweise ist der Mann, dem Johannes Bö seine neue Treffsicherheit verdankt, ein Franzose – Fourcades ehemaliger Trainer Siegfried Mazet, der im Mai 2016 die Seiten gewechselt hat und seitdem die Norwegern die Kunst des Treffens lehrt. Seitdem ist aus der mitunter wilden Ballerei kontrolliertes Schnellfeuer geworden, auch wenn es nicht immer klappt. Manchmal bricht eben bei Johannes Bö noch das jugendliche Ungestüm durch, bisweilen fehlt noch die Erfahrung. So wie in Oberhof. Da wurde der Unterschied zwischen einem ausgefuchsten Strategen wie Fourcade und einem Heißsporn wie Bö deutlich: „Ich habe mir Zeit gelassen, um die Null abzusichern“, sagte Fourcade.

Während Bö erst hinterher schlauer war: „Ich hätte vielleicht ein bisschen mehr auf Sicherheit gehen sollen, aber ich war zu sehr aufs schnelle Schießen fixiert.“ Allerdings man muss auch wissen, wann und wo am Schießstand Eile geboten ist. Oberhof gehört seiner bekannt schwierigen Bedingungen nicht dazu. Fourcade profitiert in solchen Situationen von seinem großen Erfahrungsschatz: „Ich komme jetzt seit neun Jahren nach Oberhof, ich habe hier 25 Wettkämpfe gemacht, und 25 Mal waren es dieselben Bedingungen.“ Wie lange Fourcade den jungen Bö noch in Schach halten kann, ist ungewiss. Und dass sich sein alter Rivale Emil Hegle Svendsen nach drei krankheitsbedingt höchst mittelmäßigen Jahren wieder zurückmeldet, macht die Situation für ihn nicht einfacher. Auf die Frage, ob Fourcade nun Albträume wegen der geballten Norweger-Macht bekomme, hat Svendsen lachend geantwortet. „Nein, das nicht. Jedenfalls noch nicht. Aber ich glaube schon, dass er ein bisschen darüber grübelt, dass wir ihm dieses Jahr ein Stück näher gekommen sind.“ Für ihn ist ohnehin klar, wem die Zukunft gehört. „Ganz sicher Johannes“, sagt Svendsen, Aber Fourcade wird alles tun, um möglichst lange auf seinem Thron zu bleiben.

Quelle: F.A.S.
Claus Dieterle
Sportredakteur.
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