Skispringer Granerud infiziert

Die WM und das Virus

Von Klaus-Eckhard Jost, Oberstdorf
03.03.2021
, 17:16
Die Corona-Infektion des Skisprung-Favoriten Halvor Egner Granerud sorgt für Aufsehen. Dennoch wird die WM in Oberstdorf nicht zum Superspreader-Event. Zu verdanken ist das dem intensiven Hygienekonzept.

Sieben Tage lang liefen die Nordischen Ski-Weltspiele ganz im Sinne der Organisatoren. Karl Geiger hatte bei seiner Heim-Weltmeisterschaft in Oberstdorf geglänzt. Zuerst bescherte der 28-Jährige sich und dem deutschen Team mit Silber von der kleinen Schanze die erste Medaille, 24 Stunden später sorgte er mit Gold im Mixed für die nächsten positiven Schlagzeilen, die sich Deutschlands südlichste Marktgemeinde von den Titelkämpfen erhofft. Schließlich sollen die Investitionen von etwa 40 Millionen Euro in die Sportstätten nicht nur reiner Selbstzweck sein, sondern als Magnet für den Tourismus dienen.

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Am Mittwoch überschlugen sich die Meldungen abseits der Schanze am Schattenberg. Zuerst wurde der positive Test eines norwegischen Skispringers gemeldet. Cheftrainer Alexander Stöckl bestätigte: „Es ist Halvor Egner Granerud.“ Der erfolgreichste Springer dieses Winters twitterte: „Ich fühle mich etwas unwohl, aber es geht mir gut. Das bedeutet, dass meine Weltmeisterschaft vorbei ist. Das ist sehr schade.“

Zudem gab es im italienischen Sprungteam positive Tests. Nach zwei Springerinnen, die sich seit Samstag in Quarantäne befinden, folgten am Mittwoch zwei Betreuer. Darauf zog die Teamleitung die komplette Mannschaft zurück.

Angst vor dem Virus

Vor den Weltmeisterschaften in Oberstdorf war die Sorge der Allgäuer groß gewesen. So wie bei Tim Müller und Arthur Götz. Sie genießen im Kurpark die Sonnenstrahlen. Bevor sie mit einem Dritten sprechen, ziehen sie eine Mund-Nase-Maske an. „Viele hier im Ort wundern sich darüber, dass sie wegen Corona nur einen Freund treffen dürfen, gleichzeitig aber tausend Leute aus der ganzen Welt in unseren Ort reisen“, sagen die Teenager unisono, „das passt irgendwie nicht zusammen.“

Damit geben sie das wieder, was auch Jürnjakob Reisigl in der „Allgäuer Zeitung“ kritisiert hat. „Wir haben Schiss, dass wir uns mit der Weltmeisterschaft, von der wir nichts haben, die Seuche ins Dorf holen. Es ist doch pervers, wenn alles stillsteht und wir hier ein Fest des Sports feiern wollen“, beklagte der Inhaber von fünf Hotels in Oberstdorf. „Vom Organisationskomitee, von der Kommune und vom Landratsamt wurde eine Videokonferenz mit allen Hoteliers angeboten, um die Sachlage zu erörtern“, sagt Franz Steinle. Deshalb, so behauptet der Präsident des Deutschen Skiverbandes, seien dies mehr oder weniger vereinzelte Stimmen.

Von ausgelassener Stimmung keine Spur

Trotzdem wird in den Gesprächen mit Einheimischen immer wieder die Sorge vorgebracht, dass nach der Abreise des WM-Trosses aus 60 Nationen das Virus bleibt. Die Gefahr, dass Oberstdorf durch die Titelkämpfe zum Superspreader-Event wird, wird keine Realität. Bis Mittwochnachmittag wurden 17.000 Tests an den 4500 akkreditierten Personen – Sportlern, Trainern, Journalisten, Volunteers – vorgenommen. Lediglich neun davon ergaben ein positives Ergebnis. Dies ist auch dem intensiven Hygienekonzept mit Tests im Zwei-Tage-Rhythmus zu verdanken.

Die 53. Nordischen Ski-Weltmeisterschaften sind besondere Titelkämpfe. Von einer ausgelassenen Stimmung wie beim Championat 2005 keine Spur. Statt der täglich 35.000 Besucher, die unter normalen Bedingungen in der 10.000-Einwohner-Gemeinde erwartet worden waren, herrscht auf den Straßen des Ortes Tristesse. Die wenigen Menschen, die man auf den Straßen sieht, tragen einen blau-roten Anorak samt blauer Skihose – damit wurden die 1400 freiwilligen Helfer ausgestattet. Die Organisatoren in Oberstdorf glauben trotzdem an den Erfolg dieser Großveranstaltung. Und hoffen gleichzeitig auf eine Bonus-WM in absehbarer Zeit. „2027 oder 2029 könnte man ohne größere Investitionen eine Weltmeisterschaft durchführen“, sagt Steinle.

Quelle: F.A.Z.
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