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Biathlon in Oberhof

Schaler Triumph eines Russen

Von Claus Dieterle, Oberhof
 - 18:09

Sieger kann man sich nicht aussuchen. Aber auf diesen hätte man getrost verzichten können. Schließlich hat Alexander Loginow eine unrühmliche Vergangenheit als Epo-Sünder, was ihn zwei Jahre Sperre gekostet hat; zudem steht der Russe auf der Liste derer, gegen die die Zentrale Staatsanwaltschaft für die Verfolgung von Wirtschaftsstrafsachen und Korruption in Wien wegen Anwendung verbotener Substanzen beziehungsweise Methoden zum Zwecke des Dopings ermittelt. Das hat er im Dezember beim Weltcup in Hochfilzen schriftlich bekommen. Und so mancher Konkurrent sähe den 26 Jahre alten Skijäger lieber lebenslang gesperrt, als ihm im Biathlon-Zirkus ständig über den Weg zu laufen.

Und jetzt gewinnt Loginow am Freitag vor 12300 Zuschauern in Oberhof ohne Schießfehler den Sprint und schlägt im leichten Schneetreiben dabei sogar Branchenführer Johannes Thingnes Bö, der sich eine Fahrkarte leistet. Und weder der Schwede Sebastian Samuelsson auf Rang drei, noch die beiden Deutschen Benedikt Doll und Arnd Peiffer auf den Plätzen dahinter, können diesen schalen Triumph des belasteten Russen verhindern.

Distanz zum Russen

Der will nicht mehr groß über die Vergangenheit nachdenken. „Ich will nur laufen“, sagt er. Loginow hat sich nach vier Podestplätzen und seinem ersten Weltcupsieg auf Rang zwei im Gesamt-Weltcup festgesetzt und läuft mittlerweile so schnell, dass selbst das norwegische Laufwunder Bö auf dem selektiven Kurs am Oberhofer Grenzadler in der letzten Runde Zeit gegenüber dem Russen verloren hat. Man könnte jetzt meinen, der Weltcup-Spitzenreiter habe keine Chance mehr auf den Sieg gesehen und das Tempo etwas herausgenommen. Aber schließlich hängt am Sprint immer noch die Verfolgung, die an diesem Samstag auf dem Programm steht, und da zählt jede Sekunde Rückstand. „Nein, ich bin so schnell gelaufen, wie ich konnte, aber ich war nicht schnell genug“, sagt Bö auf der Pressekonferenz und würdigt Loginow, der neben ihm sitzt, keines Blickes. Man spürt förmlich die Distanz zu dem Russen, der meist in Abwehrhaltung geht.

Auch Samuelsson, der auf der anderen Seite Platz genommen hat, wahrt deutlich die Distanz. Den Handschlag bei der Siegerehrung hat Loginow aber keiner verwehrt. Auch Peiffer nicht. Obwohl der Niedersachse dem Tatbestand Epo-Missbrauch sehr kritisch gegenüber steht: „Ich bin dafür, die Leute nicht mehr starten zu lassen, aber die Regularien geben das nicht her. Also gilt bei mir die Unschuldsvermutung. Was soll ich auch machen?“

Auch Erik Lesser, der einer von vier Athletensprechern ist, hat zunächst einmal eine ganz persönliche Baustelle im Blick, die ihn schon lange beschäftigt: „Ich bin erst mal froh, dass der Rücken gehalten hat“, sagt der Lokalmatador und räumt angesichts Trainingsrückstands und Platz 17 freimütig ein, „dass ich heute läuferisch eins auf die Nuss bekommen habe“. Aber natürlich beschäftigt ihn die Causa Loginow. Wobei er die Sache eher pragmatisch sieht: „Er hat die Maximalstrafe von zwei Jahren bekommen, die hat er abgesessen. Jetzt ist er wieder mit dabei. Wenn keine positive Doping-Probe in der nächsten Zeit kommt, müssen wir das einfach so hinnehmen. Ob wir ihn jetzt auf der Strecke respektieren, das ist etwas anderes.“

Bitterer Nachgeschmack

Genau das wird Loginow gefragt: Ob er bei den Kollegen wegen seiner Vergangenheit und der laufenden Ermittlungen um Respekt kämpfen müsse. Die beantwortet er ein bisschen ausweichend. „Ich erkläre und beantworte alle Fragen von Angesicht zu Angesicht, wenn einer zu mir kommt.“ Dazu verspürt offensichtlich niemand große Lust.

Selbst Samuelsson, der zu den Hardlinern unter den Biathleten im Anti-Doping-Kampf gehört, ist diesmal außerordentlich milde gestimmt. Der Silbermedaillengewinner von Pyeongchang in der Verfolgung will sich sein erstes Podium im Weltcup nicht von lästigen Doping-Diskussionen vermiesen lassen. Deshalb belässt es der Schwede bei Grundsätzlichem: „Jeder weiß inzwischen, was ich über Doping und Leute denke, die schon mal gesperrt worden sind. Das ist schon eine komische Sache. Aber an so einem Tag will ich mich lieber über mein gutes Ergebnis freuen, als darüber nachzudenken, wer dieses Rennen gewonnen hat. Ich kann nur hoffen, dass der Kampf für einen sauberen Sport weitergeht.“ Die neue Führung der Internationalen Biathlon Union mit seinem schwedischen Landsmann Olle Dahlin an der Spitze arbeitet daran, wartet in Sachen Loginow und drei weiteren russischen Kollegen aber noch auf Informationen seitens der Staatsanwaltschaft. So lange nichts Belastbares vorliegt, darf er weiter siegen.

Das sieht auch IOC-Präsident Thomas Bach so, der als Zaungast den Erfolg des Russen live miterlebt hat. „Ich bin angetreten als Athletensprecher vor vielen Jahren und habe mit großer Überzeugung und Nachdruck eine lebenslange Sperre für Doping-Sünder gefordert. Aber es ist so in unserem Rechtssystem, dass es nicht möglich ist und jeder, wenn er seine Sperre verbüßt hat, wieder starten darf und ihn gleich zu behandeln wie alle anderen auch.“ Ein bitterer Nachgeschmack bleibt trotzdem.

Quelle: F.A.Z.
Claus Dieterle
Sportredakteur.
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