Abfahrt in Kitzbühel

Kontrollierter Wahnsinn auf der Streif

Von Christopher Meltzer, Kitzbühel
23.01.2022
, 16:54
Der Schweizer Urs Kryenbühl auf der diskutierten Strecke der „Streif“.
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Nach dem schweren Sturz des Schweizers Urs Kryenbühl wurde die legendäre „Streif“ entschärft – auch auf Wunsch der Fahrer. Doch so richtig glücklich ist mit dieser Veränderung nicht einmal der Sieger.
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Am Sonntagmittag, über der kleinen österreichischen Stadt Kitzbühel wachen die Wolken, rammt Urs Kryenbühl aus der Schweiz seine Skistöcke in den Schnee. Er spannt die Muskeln in seinem Körper an und schaut durch seine Brille auf die Piste, wo er das erste Tor der Streif sehen kann, der spektakulärsten Skistrecke der Welt. Er atmet ein und aus. Dann stößt er sich mit den Stöcken ab.

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Es ist schon der fünfte Weltcup-Winter in Folge, in dem Kryenbühl, 27 Jahre alt, die Hahnenkamm-Abfahrt, das Königsrennen in Kitzbühel, mitfährt. Er kennt die Geschichten, die man sich über die Streif und das Überleben erzählt. Und seit einem Jahr kommt er in manchen dieser Geschichten selbst vor. An diesem Sonntag ist die Strecke perfekt präpariert – und doch ist sie für Kryenbühl wahrscheinlich so schwer wie noch nie. Er muss, so hat er es in diesen Tagen mehrmals gesagt, an das denken, was vor einem Jahr passiert ist. Als er die Ziellinie überquerte – und danach aus eigener Kraft nicht mehr aufstehen konnte.

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Es ist nun 366 Tage her, seit Kryenbühl in Kitzbühl mit 146,7 Kilometern pro Stunde über die Schlussrampe schoss – und in der Luft das Gleichgewicht verlor. Er knallte mit dem Kopf auf den Boden. Der erste Ski löste sich. Kryenbühl überschlug sich. Der zweite Ski löste sich. Kryenbühl rutschte über die Ziellinie. Sofort sprinteten Sanitäter zu ihm. Er musste danach mit einem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen worden. Die Diagnose: Gehirnerschütterung, Schlüsselbeinbruch, Kreuzbandriss, Innenbandriss. Seitdem weiß er, was mit Überleben gemeint ist.

Diskussion über Sicherheit

Am Sonntag kommt Urs Kryenbühl, der im Dezember wieder in den Weltcup eingestiegen ist, mit Skiern und ohne Sturz ins Ziel. Er braucht für die 3315 Meter eine Minute und 59 Sekunden. Das reicht für den 24. Platz. Auf den ersten und den zweiten fahren seine Landsmänner Beat Feuz und Marco Odermatt. Es sind zwei Schweizer, die die Streif an diesem Tag dominieren. Und es ist auch ein Schweizer, der die spektakulärste Strecke der Welt wahrscheinlich für immer verändert hat.

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Als der Skizirkus die Stadt nach seinem Unfall im Januar 2021 verlassen hat, ist dort mal wieder über Sicherheit diskutiert worden. Die Organisatoren dürften sich an die Fahrer erinnert haben, die schon vor dem Sturz darüber geklagt hatten, dass sie den Schlusssprung mit zu hoher Geschwindigkeit erreichen. Darunter auch Feuz, der die Hahnenkamm-Abfahrt schon damals gewonnen hat. Die Kritik führte dazu, dass die Organisatoren nicht nur diskutierten, sondern auch handelten.

© Eurosport

Sie ließen im Sommer einen Naturhügel entfernen, wodurch sie die Streckenführung an einer Schlüsselstelle – nach dem Sprung über die sogenannte Hausbergkante – entschärfen konnten. Dort, wo der Österreicher Stephan Eberharter mit seiner Sensationsfahrt 2004 eine neue Linie gesetzt hatte. Dort, wo den Fahrern nach mehr als 90 Fahrsekunden langsam die Kraft ausgeht. Dort, wo Geschwindigkeit entsteht, die man kaum kontrollieren kann.

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Mit der Streckenkorrektur haben die Organisatoren und der Skiweltverband FIS versucht, den Kontrollverlust zu verhindern. „Wir wünschen uns dadurch auch, dass sich die Geschwindigkeiten, mit denen die Läufer zum Zielsprung kommen, etwas reduzieren, um den Sprung auch problemlos zu passieren“, sagt Herbert Hauser, der Pistenchef der Streif. Jetzt, da die Fahrer seinen veränderten Kurs kennengelernt haben, klagen sie aber wieder.

„Ich weiß nicht, ob es das gebraucht hätte oder man es auch anders lösen hätte können“, sagt Beat Feuz, dem die Geschwindigkeiten zu hoch waren. „Ich bin kein Fan davon, dass man Klassiker verändert.“ Man kann das für heuchlerisch halten – und ihm in einem Punkt dennoch kaum widersprechen. Vor dem Schlusssprung werden auch an diesem Wochenende wieder mehr als 140 Kilometer pro Stunde gemessen. „Es war ja das Ziel, die Geschwindigkeit beim Zielsprung zu reduzieren“, sagt Dominik Paris, der die Abfahrt in Kitzbühel schon dreimal gewonnen hat. „Ich glaube, das ist nicht ganz gelungen.“

Am Sonntag sehen die 1000 Zuschauer in Kitzbühel, die kommen durften, keinen schlimmen Sturz. Und wenn – wie beim ersten Rennen am Freitag – doch mal ein Fahrer ins Fangnetz fällt, kann man sich darauf verlassen, dass der Moderator sofort in sein Mikrofon sagt, wie gut die Strecke abgesichert sei. Am Donnerstag haben auch die deutschen Fahrer Romed Baumann und Josef Ferstl in einer Videopressekonferenz über die Veränderungen gesprochen.

© Eurosport

„Schade, dass eine klassische Abfahrt so weit umgebaut wird, dass der Charakter der Schlüsselstelle ein anderer ist“, sagte Baumann. „Der Charakter von Kitzbühel ist schon ordentlich verändert worden“, sagte Ferstl. Sie verstehen die Kritik ihrer Kollegen – und haben doch auch Verständnis für die Entscheidung der Organisatoren. „Das Material ist um einiges schneller als vor zehn oder fünfzehn Jahren“, sagte Baumann. „Dann wird’s einfach gefährlich.“

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Wenn man an diesem Wochenende aber sehen will, wie gefährlich die Streif noch sein kann, muss man nur in das Gesicht von Ferstl schauen. Auf seiner Nase und seinem Kinn sind Schürfwunden. Und das sind nur die Stellen, die sichtbar sind. Am Mittwoch musste er nach einem Sturz im Training mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden. Am Donnerstag konnte er dann schon wieder mitfahren. Er sagte aber auch: „Ohne Schmerztabletten geht’s nicht.“

Das Durchbeißen von Josef Ferstl deutet an, dass in Kitzbühel die Piste und die Party anders waren als sonst, eines aber nicht: die Faszination der Fahrer für dieses Rennen. „Ich glaube, die Streif ist die einzige Abfahrt, auf der ich nie ganz am Limit war“, sagte Hermann Maier, der in seinem Rennfahrerleben nicht selten über dem Limit war, nun in einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“. Doch die Organisatoren in Kitzbühel haben nun einen neuen Grund geschaffen, warum die Fahrer am Limit fahren wollen. Sie verteilten für die drei Rennen (Hahnenkamm-Abfahrt, Abfahrt, Slalom) insgesamt eine Million Euro. So viel wie noch nie. Und so viel wie nirgendwo sonst im Weltcup.

Ein kleiner Teil davon geht an Urs Kryenbühl. Er hat in den zwei Abfahrten 4350 Euro gewonnen – und noch etwas, was man mit Geld nicht messen kann: den Kampf gegen den eigenen Kopf. Am Mittwoch, dem ersten Trainingstag in Kitzbühel, war er das erste Mal seit seinem Unfall über die Streif gefahren. „Die Befreiung ist groß, nach der geglückten Landung beim Zielsprung ist mir ein riesengroßer Stein vom Herzen gefallen“, sagte er danach und fügte dann noch einen Satz an, der auch im Januar 2022 viel verrät über das wohl immer noch gefährlichste Skirennen der Welt: „Ich bin glücklich und dankbar, dass ich gesund dieses Interview geben kann.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Meltzer, Christopher
Christopher Meltzer
Sportkorrespondent in München.
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