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Skispringen-Kommentar

Der zweite Blick lohnt

Von Marc Heinrich
 - 11:36

Würde Werner Schuster im Fußballvereinsgeschäft Verantwortung tragen, hätte er im vorigen Sommer alle Hebel in Bewegung gesetzt, um einen neuen Mann zu verpflichten. Der Ausfall des wichtigsten Teamplayers vor einer Saison mit jeder Menge Titelentscheidungen kann keinem ehrgeizigen Trainer gefallen, und Schuster gehört zu den ambitioniertesten Vertretern seiner Zunft. Doch einen Transfermarkt kennt das Skispringen nicht. Und sein aus der Not heraus gewählter Lösungsansatz entpuppte sich als nicht die schlechteste Idee: Der Chefcoach der deutschen Weitenjäger entschied sich, all jene Athleten in seinem Kader noch einen Tick intensiver zu fördern, aber auch zu fordern, die sich bis dahin im Schatten von Severin Freund eingerichtet hatten, der durch seinen zweiten Kreuzbandriss bis auf weiteres nicht für die Führungsrolle in Frage kommt.

Und die Mannschaft zeigte die erhoffte Trotzreaktion. Sie rückte zusammen, unterstützte sich in neu zusammengestellten Trainingsgruppen und setzte die Konzepte um, die sich Schuster und sein Betreuerstab beim DSV ausgedacht hatten, um die Entwicklung von unsteten Punktesammlern zu dauerhaften Aspiranten auf die obersten Podiumsplätze voranzutreiben. Richard Freitag stürmte an die Spitze des Weltcups; Andreas Wellingers Formkurve verlief nicht ganz so spektakulär, aber konstant aufwärts; mit Stefan Leyhe und Markus Eisenbichler etablierten sich zwei weitere Athleten in den Top Ten, während der couragierte Teenager Constantin Schmid als nächstes Talent an die Etablierten heranrückte. Auch deswegen kann ihnen allen die erste Zwischenabrechnung des Winters nicht gefallen.

Das Abschneiden bei der Tournee – bei der das Warten auf den ersten deutschen Sieg seit 16 Jahren weitergeht und der zweite Platz Wellingers ein kleiner Trost ist, weil Freitag bis zu seinem Sturz Hoffnungen auf den Gesamtsieg geweckt hatte – ist alles andere als das, was Schuster von den Seinen diesmal erwartet hatte. Aber es lohnt ein zweiter Blick, um die Situation einzuordnen. Das Fundament, auf dem die Deutschen ihre Aufbauarbeit fortsetzen können, ist in den Tagen zwischen Auftakt in Oberstdorf und Finale in Bischofshofen noch einmal tragfähiger geworden. In der Nationenwertung, ein verlässlicher Indikator für Tiefe und Klasse des Kaders, setzten sich die Deutschen an die Spitze, vor ausgewiesenen Wintersportnationen wie Norwegen oder Österreich.

Um in den nötigen „Flow“ zu geraten, wie der ominöse Zustand genannt wird, den jeder Springer als Grundvoraussetzung bezeichnet, um ganz vorne zu landen, reicht mitunter ein einziges Schlüsselerlebnis. Kandidaten, die in (naher) Zukunft dafür in Frage kommen, hat Schuster mittlerweile genug. Nach der Tournee ist vor der Skiflug-WM, vor Olympia sowie der Raw-Air-Serie. Erst dann, im März, wird in dieser extraintensiven Saison endgültig abgerechnet. Und selbst danach gibt es wieder eine neue. Zumindest das ist im Skispringen so wie im Fußball.

Quelle: F.A.Z.
Marc Heinrich
Sportredakteur.
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