Kunst für Kinshasa

Fotos von KRIS PANNECOUCKE

29. Oktober 2021 · Zauberfiguren aus Alltagsdingen: Diese Straßenkünstler tragen Kostüme aus Puppen, Drähten oder Dosen. Unser Fotograf hat sie in Kinshasa aufgenommen. Die Künstler aus der kongolesischen Hauptstadt setzen so auch ökologische, soziale und kulturelle Probleme in Szene.

Künstlerin „Sarah“ posiert in Kinshasa in ihrem Kostüm „Kiadi Kibeni“. Das heißt so viel wie „Ich Arme“.

Patrick Kitete in einem Kostüm aus Flipflops, die er in den Straßen von Kinshasa gesammelt hat. Die Künstler der Stadt recyceln mit Vorliebe weggeworfene Alltagsgegenstände.

Arnold Dumbi trägt sein Kostüm „Réveillez-vous“ („Wachen Sie auf“) aus alten Zigarettenschachteln.

Auch das Gesundheitssystem wird aufgespießt: Das Kostüm von Flory Sinanduku vom Farata-Kollektiv besteht aus Spritzen.

In alten Krawatten: Laut Gires Kanda GK wird die Welt von rücksichtslosen, gierigen Männern regiert, die Krawatten tragen und Künstler nicht ernst nehmen.

Aus Schläuchen: Junior Nobiko vom Farata-Kollektiv in seinem Kostüm „Emindemi“

Das waren einmal Energy-Drinks: Der junge Künstler Duda hat sein Kostüm aus Plastikflaschen hergestellt.

„Corona, Corona“, riefen ihm die Kinder hinterher, als er so durch Kinshasa schritt: Also nannte Shaka sein Kostüm „Covid-19“.

Künstler Lioyolo prangert mit seinem Kostüm den Mangel an trinkbarem Wasser in Kinshasa an.

Dieses Kostüm hat Shaka aus menschlichem Haar gemacht. Es sei nicht leicht gewesen, so viel Haar aufzutreiben, sagt er. Viele Kunden beim Friseur wollten ihr abgeschnittenes Haar nicht von ihm einsammeln lassen, weil sie dachten, er wolle sie verhexen.

Falonne Mambu kritisiert die Stromausfälle in den cités, den Slums der Stadt. Wegen der Dunkelheit in den Straßen kommt es oft zu Überfällen.

Pape Noir hat sich ein Kostüm aus Gummi geschaffen.


Collagen von Waldemar Klimenko


Nächstes Kapitel:

Interview mit Kris Pannecoucke – „Auf die Straßen gehen“


„Auf die Straßen gehen“

Fragen von KEVIN HANSCHKE

29. Oktober 2021 · Fotograf Kris Pannecoucke über seine Fotos von Künstlern, die Armut in afrikanischen Städten und die Macht der Phantasie

Herr Pannecoucke, warum steht Kongo im Mittelpunkt Ihres fotografischen Schaffens? 

Ich bin in Kongo aufgewachsen und habe meine Kindheit dort verbracht. Deswegen kenne ich das Land mit all seiner Schönheit und den Problemen. Kongo liefert einem Fotografen eine große Vielfalt an Geschichten. Ich interessiere mich für vieles dort – die Kunstszene, die Luftverschmutzung, das Leben in den Slums.

Im Zentrum der Fotoserie für unser Magazin stehen Bilder, die Künstler des Landes zeigen und soziale Probleme anprangern. Wie ist die Idee für die Serie entstanden? 

Ich habe enge Beziehungen zu Künstlern in Kinshasa. Durch den Film „System K“ bin ich nochmals auf die Kunstszene aufmerksam geworden und die widrigen Bedingungen, mit denen sie umgehen muss. Jeder der Künstler hat eine besondere Geschichte. Das Leben als Künstler in Kinshasa ist schwierig: Es gibt keinen Kunstmarkt, keine öffentliche Förderung. Viele Künstler sind auf der Straße und verkaufen dort ihre Werke. Das bringt nicht viel Geld. Sie leben in bitterster Armut – und halten dennoch an ihren Träumen fest. Ich habe selten so viel Leidenschaft bei Künstlern gesehen. Und ich wollte diesen Künstlern ein Gesicht geben. Mein Wunsch ist es, dass sie Chancen in Europa bekommen, wie etwa Ausstellungen oder Einladungen in Künstlerresidenzen. In Kongo steckt großes künstlerisches Potential. Es sind meine Fotos, aber es ist ihre Arbeit. Ohne das künstlerische Schaffen und den Ideenreichtum der Künstler gäbe es meine Fotos nicht. Sie machen Kunst von und auf der Straße und zeigen, was für Kunstwerke aus Alltagsobjekten geschaffen werden können.

Wie haben Sie Kontakt zu den Künstlern aufgenommen? 

Ich stehe in engem Austausch mit der Kunsthochschule in Kinshasa, der Académie des Beaux-Arts. Dort kenne ich die Professoren, sie haben mir Künstler empfohlen. Ich hatte selbst schon Ausstellungen in der Stadt. Diese Kontakte sind essentiell. Die Kunstszene dort ist nicht groß, es ist eine kleine Welt. Jeder Künstler geht da zu jeder Ausstellung – man kennt sich einfach.

Der Austausch mit dem Publikum auf der Straße spielt eine große Rolle für die Künstler. Warum ist das so? 

Die Künstler finden es wichtig, auf die Straße zu gehen und mit Menschen über die Fragestellungen zu sprechen, die sie bewegen – soziale und kulturelle Themen. Viele Menschen in Kinshasa interessieren sich nicht für moderne Kunst oder haben Vorurteile. Viele wissen auch nicht, was zeitgenössische Performancekunst ist. Der Kunstbegriff ist in Kongo ein anderer als bei uns: Kunst wird dort mit Musik assoziiert. Malerei und Straßenperformances sind nicht so beliebt.

Sie sagten, viele der Themen seien sozialer, gesellschaftlicher und kultureller Natur. Was sind das für Probleme?

Krieg, Umweltverschmutzung, Gewalt. So setzt sich die Künstlerin Falonne Mambu mit sexueller Gewalt auf den Straßen von Kinshasa auseinander und schildert das harte Leben der Frauen. Eine ihrer Performances stellt elektronische Leitungen in den Mittelpunkt, als Symbol für sexuelle Gewalt. In den Slums von Kinshasa gibt es nachts stundenlange Stromsperren. Es ist stockduster, und das ist für die Frauen, die durch die dunklen Straßen laufen müssen, ein riesiges Problem. Die Straßen sind meist leer, niemand geht mehr raus, es gibt keine soziale Kontrolle, dadurch entstehen Angsträume. Man hört täglich von Vergewaltigungen, Entführungen und Morden. Falonne hat in solchen Vierteln gelebt, und das war Inspiration für ihr Kostüm.

Welches Kostüm, welcher Künstler hat Sie am meisten bewegt? 

Shaka – der Künstler mit den Puppenkostümen. Er ist in Kisangani aufgewachsen, einer Stadt, die vom Krieg zwischen der ruandischen und ugandischen Armee betroffen war, in der viele Menschen ums Leben kamen. Seine Kostüme sind technisch perfekt, aber auch seine Aussagen bewegen mich. Ich habe drei Aufnahmen von ihm gemacht, weil er drei Kostüme angefertigt hat – das eine mit den kaputten Puppen, das zweite mit Zahnpastatuben, das dritte aus menschlichen Haaren. Jedes Kostüm ist mit Symbolik aufgeladen. Er sucht nicht einfach nach Objekten auf den Straßen und macht daraus Kunst – er hat eine klare Aussage und ein Konzept.

Wie ist die Kostümkunst in Kongo entstanden? 

Der Künstler Eddy Ekete, den ich auch fotografieren durfte, war der Pionier dieser Straßenkunstform. Er hat 2015 ein Kunstkollektiv mit dem Namen KinAct gegründet und dafür ein Kostüm aus ausrangierten Getränkedosen gefertigt. Sein Kostüm wurde dann beim Straßenfestival von KinAct gezeigt, als Kritik an der Umweltverschmutzung und dem Einfluss der westlichen Lebensmittelindustrie auf das Land. All die anderen Künstler, die ich fotografiert habe, waren dort und wurden von dem Kostüm inspiriert. Das war der Urknall dieser kongolesischen Kunstform.

Spielt die komplizierte Kolonialgeschichte zwischen Belgien und Kongo eine Rolle in Ihren Fotos?

Ja und nein. Ich adressiere diese Themen indirekt, weil ich mich mit den gesellschaftlichen Problemen in Kongo auseinandersetze, die ihre Wurzeln im Kolonialismus haben. Allerdings denke ich auch, dass wir im Jahr 2021 leben – ich möchte mich mit den zeitgenössischen Fragen des Landes auseinandersetzen. Ich kenne viele kongolesische und belgische Künstler, die sich mit dem Thema intensiver als ich beschäftigen. Viele von ihnen durchkämmen die Archive und verarbeiten das dort gefundene Material. Das ist aber nicht meine Arbeitsweise.

Wann werden Sie das nächste Mal nach Kongo zurückkehren? 

2020 war ich leider nicht da, wegen der Corona-Pandemie, das war ein Ausnahmejahr. Aber normalerweise bin ich zu 50 Prozent des Jahres in Kongo und die andere Hälfte in Belgien. 2013 bis 2016 habe ich ganz in Kinshasa gelebt – ich hatte dort eine Wohnung und meinen Lebensmittelpunkt.

An welchen Projekten arbeiten Sie im Moment? 

Ich werde das „Costume Art Project“ fortführen und bin dafür gerade im Gespräch mit weiteren Künstlern. Insgesamt habe ich 20 Künstler fotografiert. Auch sie arbeiten gerade wieder an neuen Kostümen, die ich ebenfalls aufnehmen möchte. Außerdem drehe ich gerade einen Dokumentarfilm über die Kunstszene in Kongo.


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