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Animalische Mitbewohner

Wenn Wildtiere das Wohnzimmer erobern

Von Stefanie von Wietersheim
 - 11:38

Auf einmal waren sie da, so putzig und hübsch. Sie kletterten die Fassaden auf der Terrassenseite hoch, rutschten die Regenrinnen herunter und schauten uns mit großen, erstaunten Augen an, wenn wir sie aus dem Laubkorb befreiten: eine Familie von Siebenschläfern. Als Stadtmenschen hatten wir zunächst überhaupt keine Ahnung, was für Wesen plötzlich unter unserem Dach lebten. Exotische Eichhörnchen, Mäuse mit buschigem Schwanz, üppig schöne Ratten? Wir lernten schnell, dass unsere nachtaktiven Hausgäste zur Familie der Bilche gehören, recht selten sind und unter Naturschutz stehen – und begannen wie stolze Eltern Fotos von ihnen auf Facebook und Instagram zu posten. Doch im Jahr darauf waren es ab Mai nicht vier, sondern zwei Dutzend dokumentierte Tiere, Dunkelziffer unbekannt. Sie sprangen im Weinkeller auf den Bordeauxflaschen herum, nagten Chipstüten auf, richteten es sich gemütlich im Kartoffelkorb ein und nahmen Verschläge, Zwischenböden und Treppenhohlräume des Hauses in Beschlag. Sie randalierten im Heizungsschrank, bissen die Isolierungen durch, zerfetzten die Putzsachen.

Das Kratzen, Laufen und Polstern ging ja noch, aber der Gestank: bestialisch. Siebenschläfer-Ausscheidungen überall. Auch nach täglichem Scheuern, Benebelung mit Lavendel-Duftkerzen und Lüften roch es daheim wie im Pumakäfig. Wir kauften nach Beratung durch einen Naturschützer eine Lebendfalle, lockten die Tiere mit Apfelstücken an, hörten nachts das metallische Klack der Käfigfalltür, wenn sie reinliefen, holten morgens die Falle raus und stellten die meist schlafenden Tiere neben den Frühstückstisch. Nach Kaffee und Müsli kamen sie mit ins Auto zur Siebenschläfer-Relocation, fuhren im Kofferraum zwanzig Kilometer durch die Lande und wir setzten sie bei Streuobstwiesen und Wäldern aus. Mit der Zeit gehörten die schönen Bilche zum Familienclan, und wir fragten uns, ob manche trotz der zwanzig Kilometer den Weg zurückliefen. Wie liebten unsere Freunde mit den Saugnapffüßen, konnten aber nicht mit ihnen leben.

Die Besuchszeit endet im September

„Siebenschläfer sind mittlerweile ziemlich seltene Tiere, die allerdings auch aufgrund von Wohnraummangel in freier Natur immer öfter die Nähe des Menschen suchen“, berichtet Eva Goris von der Deutschen Wildtierstiftung. So richten sie sich in Garagen, Carports, Schuppen und Dachböden häuslich ein. Zur Paarung oder bei Streitigkeiten kann es bei den nachtaktiven Tieren ab und an etwas lauter werden, der Schaden sei normalerweise übersichtlich. „Da die Tiere zudem streng geschützt sind, sollte man sich freuen, dass die Siebenschläfer den eigenen Garten oder Schuppen als Lebensraum entdeckt haben und sie ansonsten in Ruhe lassen.“ Im September ist die Besuchszeit vorbei. Der Winterschlaf beginnt und kann bis in den Mai andauern. Doch wenn die Tiere überhandnehmen, rät auch sie dazu, sie umzusiedeln.

Dass Wildtiere immer häufiger in die Nähe des Menschen und damit auch in die Städte ziehen, liegt daran, dass sie mit Parkanlagen, Gärten und Friedhöfen im Vergleich zu eher eintönigen Agrarlandschaften mit großflächigen Monokulturen, etwa mit Raps und Mais, zu interessanten Lebensräumen geworden sind. Häufig sind Probleme bei ungewollten Wohngemeinschaften mit Mardern, berichtet Eva Goris. „Es ist wahrlich nicht schön, wenn ein Marder auf dem Dachboden Hochzeit feiert und viel Dreck, Lärm und Zerstörung mit sich bringt, Dämmmaterial und Kabel zerbeißt. Solche Wohngemeinschaften aufzulösen ist nicht einfach.“ Goris rät, Marder von einem Kammerjäger zum Auszug zu überreden, denn die Tiere zu fangen oder gar zu töten ist Laien untersagt; nur Inhaber eines Jagdscheins sind berechtigt, Fallen aufzustellen.

Für die Hausbesitzer heißt es, alle Zuleitungen und kleinen Schächte zu verschließen. „Wildtiere sind Opportunisten, die schnelle Strategien entwickeln, um an Schutz und Nahrung zu kommen. Sie suchen die Nähe des Menschen, weil wir ihnen in der Stadt und am Stadtrand das bieten, was sie suchen. Müll und Komposthaufen sind ein Supermarkt für viele Arten, und sie ziehen von Supermarkt zu Supermarkt.“ So erobern die aus Nordamerika eingewanderten Waschbären zunehmend Stadtränder, genauso wie Füchse den Londoner Großraum und Wildschweine Berlin. „Manche Wohngebiete in Deutschland leiden heute unter einer wahren Waschbärenplage, da die Tiere mit ihren Händen überall hineingreifen können und nicht nur Vogeleier und kleine Vögel jagen, sondern auch Mülltonnen öffnen können“, sagt Wildtierexpertin Goris.

Auf keinen Fall sollte man die Tiere füttern

Wichtig ist ihrer Erfahrung nach, den ungewollten Bewohnern im und am Haus das Nahrungsangebot zu entziehen und sie auf keinen Fall zu füttern, weil sie so nett aussehen. Also: Komposthaufen abdecken und einzäunen, Biotonnen sicher verschließen, keinen Müll liegen lassen. Das gilt auch für alle anderen Tiere. „Wenn in Berlin alte Damen Wildschweinfrischlinge füttern und mit ihnen spazieren gehen, weil sie so süß sind, muss man sich nicht wundern, dass sie immer mehr die Städte bevölkern und selbstbewusst die Straßen überqueren.“

Bei der menschlich-animalischen Kohabitation zeigt sich die große Ambivalenz im Verhältnis von Mensch und Tier: Warum lieben wir Hunde und Katzen wie unsere eigenen Kinder, verknallen uns in Waschbären, bringen aber Mäuse, Ratten oder Wanzen ohne eine Sekunde zu zögern um? In der Rattenhauptstadt Paris leben mehr Nager als Menschen, und Kammerjäger haben neben Hutläden und Patisserien selbstverständlich eigene Boutiquen, in denen statt Macarons und Borsalinos Giftspritzen, Fallen und ausgestopfte Nagetiere hängen. Für den qualifizierten Dog-Sitter jedoch, der morgens um 11 Uhr die Schoßhunde ausführt, zahlen die Pariser Unsummen an Honorar.

Natur hat in Deutschland einen hohen Stellenwert

„Natürlich braucht unsere Natur mit dem dramatischen Artensterben unsere Hilfe, aber ich helfe nicht dem Nashorn, wenn ich daheim den Waschbären füttere“, sagt Wildtierschützerin Goris. Wenn es um Tiere geht, reagierten Menschen sehr emotional, denn Natur habe in der deutschen Gesellschaft einen hohen Stellenwert. „In einem Naturfilm finden wir die Natur wunderbar und schön, aber chemisch gereinigte Igel gibt es nicht, sondern man muss aufpassen, dass sie keine Parasiten ins Haus schleppen.“ Stattdessen solle man andere Tiere wie Wildbienen oder Schmetterlinge bewusst anziehen und Vogelhäuser sauber halten, um Ratten keine Nahrung zu geben.

Wird die Wohnung durch sich schnell fortpflanzende Mäuse und Ratten bevölkert oder findet man in Teedosen, Gewürzen oder Müsli Käfer oder Motten, rät Goris, unbedingt einen Kammerjäger zu rufen oder sich von regionalen Naturschutzgruppen beraten zu lassen. Denn eine Invasion von Vorratsschädlinge kann dazu führen, dass Bakterien und damit Krankheiten durch Kot übertragen würden, warnt sie. Bei aller Liebe zu Tieren müsse man dann handeln. Als Biologin bewundert sie die klugen Strategien der in guten Sozialstrukturen organisierten Ratten, die miteinander hervorragend kommunizieren und sich bestens in urbanen Lebensräumen zurechtfinden. Als Hausbewohnerin möchte aber auch sie nicht mit den Nagern leben und rät: „Wehret den Anfängen!“

Markus Puschmann, Vorstand des Deutschen Schädlingsbekämpferverbandes, sieht den Stand der tierischen Mitbewohner auf einem relativ gleichbleibenden Niveau. „Vor rund zwölf Jahren waren Bettwanzen in Deutschland ziemlich neu, aber es ist normal, dass sich generell die Populationen von Schädlingen auf und ab bewegen“, sagt er. Wanzen sind klassische Schädlinge, die in Häuser eingeschleppt werden, da sie die Nähe von Menschen und Fledermäusen suchen. „Als die Menschen die Höhlen verlassen haben, haben sie die Wanzen mitgenommen, Bettwanzen sind verwandt mit in Höhlen ansässigen Fledermauswanzen, beide saugen das Blut aus“, erklärt Puschmann. Wanzen versteckten sich immer in der Nähe des Wirts, in Nähten der Leibwäsche, im Lattenrost und im Bett. „Manchmal warten sie etwa in der Wäsche in einem offenen Koffer, kommen nachts raus, injizieren dem Schlafenden ein Gift, saugen Blut und hinterlassen Bisse auf der Haut, Blutspuren auf der Wäsche und dunkelrote Kotspuren am Bett. Wenn man so zerstochen wird, ist das natürlich eine psychische Belastung“, erklärt der Frankfurter Unternehmer. Er rät, bei nächtlichen Stichen zu beobachten, ob es die einmalige Attacke eines einzelnen Tieres war, das im besten Fall keine Eier legt oder ob zahlreiche Wanzen weiter beißen. Die dunklen Tiere selbst können so groß werden wie ein halber Fingernagel, die Jungtiere sind fast transparent.

Mit Wärmestrahlern lassen sich Bettwanzen bekämpfen

Bettwanzen kann der Kammerjäger mit Gift zu Leibe rücken, außerdem muss die komplette Wäsche bei mindesten 60 Grad gewaschen werden. Bewährt hat sich auch die Methode, den Saugern ohne Gift, mit Wärmestrahlern, die einen Starkstromanschluss brauchen, zu Leibe zu rücken. „Das befallene Zimmer wird so stark erhitzt, dass die kälteste Stelle mindestens 55 Grad warm wird, dann zersetzt sich das Eiweiß in den Wanzen, und sie sterben ab“, sagt Puschmann. Der Wärmeeinsatz schlägt mit rund 1000 bis 1500 Euro zu Buche, der mehrfache Einsatz von Insektiziden kostet 800 bis 1000 Euro. Die Versicherung zahlt das nicht. Oft werden seine Kollegen auch in Küchen gerufen, die von Käfern und Motten befallen sind, die in exotischen Gewürzen oder Tees in Urlaubsgepäck per Flugzeug mit nach Deutschland gereist sind.

Auch Vorratsschädlinge in Müslis kommen oft vor, wenn Körner, Nüsse und Beeren nicht in luftdichten Vorratsdosen aufbewahrt werden. „Wenn Sie Motten in Ihrer Küche sehen, sind nicht die Mottenfalter ein Problem, denn die sterben nach zwei bis drei Wochen, sondern die Eier, die sie in Tüten legen“, erklärt der Experte. „Manche fressen sogar Plastikverpackungen durch und legen ihre Eier hinein, aus denen dann die Larven schlüpfen.“ Besser seien feste Plastik- oder Glasdosen, um Motten in der Küche die Lebensgrundlage entziehen.

Kammerjäger haben in Deutschland einen krisenresistenten Job. „Wir werden sowohl in Privathäusern als auch in Hotels oder Unternehmen immer gebraucht, und es ist schwierig, Nachwuchs zu finden, da der Ausbildungsberuf relativ unbekannt ist“, sagt Verbandschef Puschmann. Leider sei es in Deutschland nicht so wie in den Vereinigten Staaten, wo die Schädlingsbekämpfer mit offiziellen Autos und offensiver Werbung zu den Kunden kommen, da ihre Arbeit dort als wichtige Haushygiene angesehen werde. „In Deutschland haftet der Branche etwas Ekliges an, unsere Arbeit ist oft ein Tabu. Dabei haben fast alle Kunden ganz normale, saubere Wohnungen. Schädlinge können jeden besuchen!“ So wie Siebenschläfer. Unsere sind bis zu diesem Tag nicht wieder aufgetaucht. Und wir wissen nicht, ob wir glücklich oder traurig darüber sind.

Quelle: F.A.S.
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