Biotal in Frankreich

Unter Bibern und Wölfen lebt es sich gut

Von Rob Kieffer
02.12.2020
, 11:26
Ökorebellen, Aussteiger und Lebenskünstler haben aus einem Tal im Departement Drôme die führende Bio-Region Frankreichs gemacht.

Jojo ist ein Vielfraß. Alle paar Meter bleibt der Esel stehen, um beiderseits des Waldpfades an Büscheln und Gestrüpp zu knabbern. „Das nennt man entschleunigtes Wandern mit meditativen Pausen“, sagt Inès de Rancourt und zerrt an den Zügeln, um das behäbige Tier wieder auf Marschtempo zu bringen. Die Mitvierzigerin führt Besucher durch die dichtbewachsene Forêt de Saoû im Departement Drôme. Bei kleineren Touren bekommt Jojo das Picknick aufgesattelt, bei mehrtägigen Trecks Zelte und Schlafsäcke. Inès lotst die Wanderer durch den Wald, der sich bis hinauf zu den tausendfünfhundert Meter hohen, schnabelförmigen Bergspitzen Trois Becs zieht. „Es ist die schönste Synklinale Europas“, sagt Inès stolz und vergleicht die geologische Kuriosität mit einem gewaltigen, von Felsen eingeschlossenen Bootsrumpf, dreizehn Kilometer lang, drei Kilometer breit. Im Schutz von mächtigen Buchen, Eichen und Kastanienbäumen hielten während der Religionskriege die Hugenotten hier verbotene Messen ab, bereiteten im Zweiten Weltkrieg die Maquisards ihre Sabotageaktionen vor und versteckten sich Juden mit Hilfe der Bevölkerung vor den Nazi-Schergen. Diese historischen Wurzeln machen aus der Drôme eine Region von Protest und Widerstand, aber auch von Solidarität und Toleranz.

Doch fast wäre der Wald zum touristischen Rummelplatz verkommen. In den achtziger Jahren wollten die Privateigner das Waldgebiet an Investoren verkaufen, die einen Ferienpark mit künstlichem See und Seilbahn bis hinauf zu den Zinnen der Trois Becs planten. Doch die Anwohner liefen Sturm und brachten das Departement dazu, den Wald aufzukaufen und dessen einzigartige Biodiversität zu schützen. Berittene Ranger wachen jetzt über Königsadler, Murmeltiere und Gemsen, aus Italien eingewanderte Wölfe, die hier mehr Respekt als in anderen französischen Gegenden genießen, durchstreifen das Revier. Und mit etwas Glück kann man das Sommergoldhähnchen dabei beobachten, eine der kleinsten Vogelarten Europas, wie es Orchideen und Gelben Enzian umschwirrt.

Überzeugung und Starrsinn

Der Kampf um die Forêt de Saoû ist charakteristisch für das Natur- und Umweltengagement der Drômois, wie die Bewohner der dünnbesiedelten Landschaft an der Nahtstelle von Voralpen und Provence heißen. Sie sind so streitbar wie der Gallier-Stamm von Asterix und Obelix, wenn es darum geht, ihre Ziele durchzusetzen. Das Epizentrum der grünen Drôme ist die Biovallée, zu deren Pionieren Inès de Rancourt und ihr Ehemann Daniel Gilles zählen; er war in seinem früheren Leben Mechaniker bei Peugeot. Neben dem Agrotourismus mit Eselwanderungen und Ferien auf dem Biobauernhof betreibt das Paar die Ziegenkäserei „La Chèvre qui saoûrit“ am Rande des Dorfes Saoû.

Heute erstreckt sich die Biovallée entlang beider Ufer des Flusses Drôme zwischen den Städten Die und Loriol. Hundert Gemeinden mit sechsundfünfzigtausend Einwohnern sind Mitglied in dem Pilotprojekt, das ein eigenes Qualitätslabel eingeführt hat. Überzeugung und Starrsinn der Ökorebellen haben dazu geführt, dass das Tal Frankreichs Vorzeigemodell und europaweite Referenz in Fragen der Biolandwirtschaft und Nachhaltigkeit geworden ist. Mittlerweile werden dort vierzig Prozent der Äcker und Felder biologisch bewirtschaftet, Aprikosen, Oliven, Knoblauch und Melonen im Einklang mit der Natur angebaut, und bis 2040 sollen erneuerbare Energien den Gesamtbedarf des Territoriums decken.

„Alles, was unsere Ziegen fressen, ob Getreide, Rüben oder Kräuter, ist biologisch angebaut“, sagt Daniel, der aus der rohen Milch Picodon-Käse mit einem nussigen, pikanten Aroma macht. „Ich verkaufe nur ab Hof, auf Märkten und an kleine Dorfläden in der direkten Nachbarschaft. Damit fallen keine langen Transportwege an, und wir sparen Energie“, sagt der Käsebauer und fügt hinzu, dass Supermärkte und Discounter in der Drôme ohnehin nicht beliebt seien. Im Restaurant „L’Oiseau sur sa branche“, am südländisch geprägten Dorfplatz von Saoû mit seinem plätschernden Brunnen und den schattenspendenden Platanen, wird Daniels Picodon zu Desserts wie Crême brûlée verarbeitet. Küchenchef und Patron Thierry Chalancon ist ein Förderer regionaler und saisonaler Kost. Fast alle Zutaten für Trüffel-Risotto, geschmorte Rinderkeule oder Kalbsfrikassee stammen von Produzenten gleich um die Ecke. Die Spezialität des Hauses ist die „défarde crestoise“, ein rustikales Gericht aus Lamminnereien, für dessen traditionelle Zubereitung nach jahrhundertealtem Rezept sich eine eigene Confrérie einsetzt. Um derben Humor nie verlegen, bereitet der Koch im Winter köstliche Terrinen zu, deren Fleisch von selbstgeschlachteten Schweinen stammt – die jedes Mal auf den Namen Donald Trump getauft werden.

Heute kann man im Fluss wieder baden

Thierry Chalancon sieht mit seiner weißen Mähne zwar wie ein Druide aus, ist aber trotzdem kein Urgestein der Aussteigerszene der Drôme, deren verwaiste Dörfer schon um 1968 von den ersten Stadtflüchtlingen und Öko-Idealisten mit Latzhosen und Hippie-Frisuren besiedelt wurden. Als Thierry vor mehr als zwanzig Jahren sein Restaurant in Kongo aufgab und in die Heimat zurückkehrte, um die Traditionsgaststätte seiner Familie zu übernehmen und sie mit kunterbunten Utensilien aus Omas Küche, grellen Lampions und selbstgedichteten Sprüchen an den Wänden dekorierte, prophezeite man ihm ein schnelles Scheitern. Als er auch noch an jedem Vollmondabend Jazzkonzerte organisierte, wurde er als verrückter Barde bezeichnet. Doch mittlerweile ist der Lebenskünstler gerngesehener Gast in den Kochsendungen des lokalen Radiosenders, die Jazz-Events sind Kult, und wer bei ihm speisen möchte, tut gut daran, beizeiten einen Tisch zu reservieren. Abends, wenn die Tagestouristen weitergezogen sind, treffen sich die Dörfler im „Bistro utopique“, das dem Restaurant angegliedert ist, palavern bei Thierrys „boissons coquines“, den „frivolen“ Bio-Cocktails, und planen die nächsten Müllsammelaktionen, Klimaschutzprojekte und Bürgerversammlungen.

Die Ökoverfechter der Biovallée haben es auch geschafft, dass die Drôme, die im Vercors-Gebirge entspringt und hundert Kilometer weiter westlich in die Rhône mündet, als einer der letzten wilden Flüsse Europas gerettet werden konnte. „Noch in den achtziger Jahren konnte man nicht einmal den Zeh in die Drôme stecken. Sie war eine Kloake, in die Papier- und Wollfabriken ihre Abwässer ungeklärt leiteten“, sagt Jérôme Armand vom Naturreservat Ramières. Die Rettung organisierten Umweltschützer, die sich mit den Anrainergemeinden zusammenschlossen. Sie ließen den einzigen Staudamm am Fluss abbauen, damit das Wasser wieder frei fließen konnte, renaturierten die Uferböschungen, bauten Kläranlagen und Treppen für Fische auf Laichwanderung.

Heute kann man wieder im kristallklaren Fluss, der rund um Inseln aus angeschwemmtem Sedimentgestein mäandert, baden und Kajak fahren. Und der Einzige, der wieder Dämme baut, ist der Biber. „Er ist unser treuer Ökoingenieur im Pelzmantel. Seine Wasserbauten tragen zur Artenvielfalt und zum Hochwasserschutz bei“, lobt Jérôme Armand die Verdienste des Nagers, der einst wegen seines begehrten Fells und Fleisches kurz vor der Ausrottung stand. Da die Kirche den Biber wegen seines schuppigen Schwanzes kurzerhand als Fisch deklarierte, durfte er auch in Fastenzeiten verspeist werden. Nun ist er artengeschützt, und seine Bestände erholen sich.

Die Brauer sind experimentierfreudig

In der Gare des Ramières, dem Empfangszentrum des Reservates, zeigt man in einem Aquarium stolz das Exemplar eines weiteren, unter Schutz stehenden Flussbewohners: der nachtaktive, spindelförmige, auf der Roten Liste stehende Rhône-Streber aus der Barsch-Familie, eine der am stärksten gefährdeten Fischarten in Europa. Auch er hat jetzt gute Chancen zu überleben. Die Bemühungen der Naturschützer blieben nicht unbeachtet: Im Jahr 2005 gewann die Drôme den River Prize, die bedeutendste internationale Auszeichnung für nachhaltiges Flussgebietsmanagement.

Serpentinen führen zum Vorgebirge des Vercors hinauf, vorbei an pastellfarbenen Feldern mit Lavendel, Thymian, Strohblumen und Pfefferminze, hinauf zu den „villages perchés“, den Höhendörfern mit ihren alten Häusern aus Bruchstein und romanischen Kapellen, die sich tollkühn in den Fels krallen. Nachts wird in fast allen Orten die Straßenbeleuchtung abgeschaltet, so dass das schroffe Bergmassiv ein Paradies für Sternegucker ist. In der „Brasserie des Trois Becs“, auf einem traumhaft schönen Hochplateau bei Gigors-et-Lozeron gelegen, übertönen ungewohnte Laute das Gebrumme der Braugerätschaften. Eine Band probt mit Flöten und Tamburinen für einen arabischen Musikabend. Die Brauerei, die häufig multikulturelle Veranstaltungen organisiert, bezeichnet sich als „ferme-brasserie“, als Bauernhof-Brauerei, da alle Zutaten für Stout-, Porter- und Lager-Biere, von der Gerste bis zum Hopfen, an Ort und Stelle angebaut werden, während das Wasser aus einer Quelle im Naturpark des Vercors stammt. Die gesamte Produktion ist biologisch: Anisette, die Eselin, zupft das Unkraut zwischen den Hopfenstauden, auf dem Dach liefern Solarzellen die Energie für den Brauprozess, und im Winter heizen kanadische Holzöfen die Gebäude. Die jungen Brauer sind experimentierfreudig und stolz auf ihre neueste Erfindung, ein bernsteinfarbenes Bier, in dem der Hopfen durch Brennnesseln und Wildkräuter ersetzt wird.

Nicht nur Bierbrauer, auch viele Winzer haben inzwischen auf ökologischen Anbau umgesattelt. „Ich folgte meinem Dickschädel und ignorierte die skeptischen Winzerkollegen“, erinnert sich Jean-Claude Raspail daran, wie er vor zwanzig Jahren Pestizide und chemische Dünger aus seinen Weinbergen verbannte und die Trauben per Hand pflückte. Mittlerweile hat der in Saillans gelegene Generationenbetrieb, der nun von Jean-Claudes Sohn Frédéric geführt wird, zahllose Auszeichnungen für seine Bio-Weine erhalten. Produziert wird hauptsächlich Clairette de Die, ein natursüßer, prickelnder Schaumwein mit fruchtiger Muskatnote, den man als Aperitif, zu Foie gras oder zum Dessert trinkt.

Die Weinberge der Clairette-Appellation reichen bis auf siebenhundert Meter Höhe und gehören zu den höchsten Lagen Frankreichs. Die Weinparzellen des Raspail-Gutes liegen sogar so hoch, dass man von ihnen aus im Osten die Alpen und im Westen das Zentralmassiv erspäht. Man sieht den mittelalterlichen Donjon im Nachbarort Crest, der sich wie ein Speer in den Himmel reckt. Mit einer Höhe von zweiundfünfzig Metern ist der Turm der höchste Bergfried Frankreichs. Er war jahrhundertelang, von der Herrschaft der Grimaldis bis zum Staatsstreich Napoleons III., ein Ort der Unterdrückung. Protestanten wurden dort gefangen gehalten, bis sie ihrem Glauben abschworen, was aber die wenigsten taten. Auch politische Opponenten ließ man im Turm schmoren. Sie drückten ihre Unbeugsamkeit aus, indem sie in die Wände der Kerker noch heute sichtbare Karikaturen ihrer Peiniger und Durchhalteparolen ritzten und schabten – nicht ahnend, wie lebendig ihr Erbe der Aufmüpfigkeit und Unbeugsamkeit an den Ufern der Drôme bis heute sein würde.

Im Tal der Ökorebellen

Unterkunft und Gastronomie: In den Zimmern der Auberge de la Plaine bei Chabrillan gibt es weder Fernsehgerät noch Klimaanlage oder Kühlschrank. Das Landhotel, das in einem restaurierten Drôme-Bauernhof gleich am Flussufer untergebracht ist, hat sich dem Öko-Engagement verpflichtet, betreibt unter anderem eine Pellets-Holzheizung sowie eine Fotovoltaik-Anlage. Das Restaurant ist regional orientiert. Auf der Karte findet man hausgemachte Gänseleber-Terrine, Ravioles von Royans mit Steinpilzen oder geschmorte Entenkeule (Doppelzimmer ab 78 Euro, www.aubergedelaplaine.fr). Auf einem alten Familiengut aus dem siebzehnten Jahrhundert im Ort Mirabel- et-Blacons befindet sich die Domaine de Blacons mit stilecht restaurierten Zimmern (Doppelzimmer ab 98 Euro, www.domainedeblacons.fr). Der benachbarte Camping Gervanne ist auf Familien mit Kindern ausgerichtet und bietet originelle Unterkünfte wie Baumhäuser, Lodge- und Trapperzelte sowie Zirkuswagen (Tagestarif für ein Lodge-Zelt ab 54 Euro, www.gervanne-camping.com). Im Gassengeviert des Künstlerdorfes Mirmande, als eines der schönsten Dörfer Frankreichs ausgezeichnet, befindet sich das Hotel La Capitelle, dessen Restaurant mit einem Bib Gourmand im Guide Michelin ausgezeichnet ist (Doppelzimmer ab 90 Euro, www.lacapitelle.com). • Informationen über das Departement Drôme und die Biovallée: www.ladrometourisme.com. Allgemeine Auskünfte sowie aktuelle Corona-Reisehinweise für Frankreich: Französische Zentrale für Tourismus, www.france.fr.

Quelle: F.A.Z.
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