Buch „Bikepacking“

Vollbepackt mit tollen Sachen …

Von Kais Harrabi
23.09.2021
, 08:08
Mit dem Fahrrad durch die weite Landschaft (Fotografie aus „Bikepacking“)
Mit dem Rad auf Reisen gehen, das ist in der Corona-Pandemie zum Trend geworden. Ein neuer Bildband liefert nun nicht nur Inspiration für die nächste Radtour.

Gefühlt hat während der Corona-Pandemie jeder Zweite einen alten Bus zum Wohnmobil umgebaut und ist damit auf Reisen gegangen. Für die Sommerurlaube war aber auch noch eine ganz andere Reiseart beliebt: die mehrtägige Fahrradtour. Von Prag nach Wien oder von Leipzig an die Ostsee oder von Berlin nach Hamburg, die Ziele waren vielfältig. Das lag auch auf der Hand, denn Radfahren ist in der Pandemie zum regelrechten Trend geworden: Fahrradhersteller und -geschäfte verzeichneten Rekordumsätze und wer sein Rad reparieren lassen musste, musste nicht selten mehr als eine Woche auf einen Termin in der nächsten Fahrradwerkstatt warten.

Das Unterwegssein mit dem Fahrrad, nicht nur im Alltag, sondern vor allem auf Reisen, ist mittlerweile ein regelrechtes Lebensgefühl geworden. Der Gestalten-Verlag hat diesem Gefühl mit „Bikepacking – Mit dem Fahrrad das Land entdecken“ einen schönen neuen Bildband spendiert. Zwar werden 40 Touren durch alle Teile der Erde vorgestellt, das Buch ist aber beileibe kein Reiseführer. Dafür ist es zu groß und zu schwer. Eher ist es was für den Couchtisch an Wintertagen, fürs sehnsüchtige Blättern und Planen der nächsten großen Tour.

Neben den Bildern der Fahrradtouren haben die Autoren auch Tipps für die Verpflegung unterwegs zusammengetragen.
Neben den Bildern der Fahrradtouren haben die Autoren auch Tipps für die Verpflegung unterwegs zusammengetragen. Bild: gestalten Verlag

Die 40 Vorschläge, zusammengestellt von Herausgeber Stefan Amato und Mitautor Tom Hill, haben es in sich. Es gibt spektakuläres Inselhopping entlang der nebelverhangenen Färöer Küste, einen Trip rund ums Atlasgebirge in Marrokko oder eine Reise zu britischen Whiskey-Destillen. In den USA und Asien waren die Autoren ebenfalls unterwegs und selbst eine kleine Tour in Deutschland ist mit dabei. Die ist eine besonders spannende Inspiration: Warum nicht einfach mal eine five-to-nine-Tour machen; nach Feierabend aufs Rad steigen, über Nacht eine große Runde fahren, im Zelt oder Biwak campieren und am nächsten Morgen früh aufstehen und rechtzeitig wieder zurück auf Arbeit sein? Das klingt nach einer schrägen Idee, aber man bedenke, dass es auch Leute gibt, die in der Mittagspause joggen gehen und danach wieder frisch und voller Tatendrang am Arbeitsplatz stehen. Aber klar, „Bikepacking“ ist kein Band für Einsteiger. Die Mitfahrer auf den Touren, die Co-Autor Tom Hill in seinen Texten kurz portraitiert, könnte man allesamt eher als Rad- und Outdoorfreaks bezeichnen. Einige arbeiten für Radzubehörhersteller, andere sind Fotografen, nachhaltige Bio-Bauern oder Mitglieder eines Radlerkollektivs. Wer sonst gerne mal einen Nachmittag um einen See fährt, der könnte dementsprechend mit einer dieser Touren und einem vollgepackten Rad vielleicht etwas überfordert sein.

Inspiration für die nächste Radtour: Routen durch die Alpen
Inspiration für die nächste Radtour: Routen durch die Alpen Bild: gestalten Verlag

Immerhin, in kleinen Zwischenkapiteln bietet der Band wertvolle Tipps und Kniffe, die man in keinem Reiseführer findet. Etwa, wie man eine Tour mit der Familie oder dem Partner angeht, ohne dass sich ab dem zweiten Tag alle auf die Nerven gehen. Oder – besonders wichtig - wie man sich richtig verpflegt. Eigentlich muss man sowas sonst immer auf die harte Tour lernen. Ebenso wie die Reiseerfahrung, welche Ausrüstung man wirklich braucht und wie man sein Rad am klügsten bepackt. All das zeigt Stefan Amato mit schönen, klaren Aquarellillustrationen. Visuell macht der Band allgemein einiges her, denn neben diesen Illustrationen ist „Bikepacking“ vor allem ein wunderschöner Bildband. Da sind Radler vor spektakulärer Naturkulisse auf den Hebriden oder in Slowenien zu sehen, aber die Fotos vermitteln eben auch einen Eindruck davon, was es heißt, auf eine mehrtägige Radtour zu gehen: Abgekämpft und fertig Essen in der Aluschale überm Feuer grillen oder mit dem Campingkocher aufwärmen und manchmal muss das Rad dann halt auch einfach einen Hang raufgeschoben oder auf ein Boot verladen werden, weil es einfach nicht weiter geht.

„Bikepacking“ von Stefan Amato und Tom Hill ist im gestalten Verlag erschienen, 288 Seiten, 39,90 Euro.
„Bikepacking“ von Stefan Amato und Tom Hill ist im gestalten Verlag erschienen, 288 Seiten, 39,90 Euro. Bild: gestalten Verlag

Die Touren sind zum Nachfahren gedacht

Dass Herausgeber Stefan Amato sich mit dem Reisen per Rad bestens auskennt, merkt man dem Buch auf jeder Seite an. Dass er manchmal etwas zu häufig Werbung für sein Unternehmen einstreut, gibt dem ganzen aber ein leichtes Geschmäckle. Klar, das Unternehmen bietet Touren und Equipment feil, aber zwischendrin droht der Band Gefahr zu laufen, zum Advertorial zu verkommen. Die Kurve kriegt er dann trotzdem, weil die Touren allesamt wunderschön kreativ sind und das Buch alle wichtigen Infos liefert, die man selbst zum Nachfahren braucht. So ist am Ende auch immer klar, die Touren hier sind zum Nachfahren gedacht und aufgeschrieben, aber vor allem soll das Buch eine Inspiration sein, selbst eine Tour zu planen.

Es muss ja nicht gleich über Stock und Stein in Tibet gehen, oder quer durch den australischen Outback. Warum nicht von Frankfurt nach Berlin, Leipzig nach Prag oder München an den Bodensee? Das Fahrrad, das wird klar, ist ein wunderbar flexibler Begleiter für jede Reise und macht vor allem auch Spaß, weil man mit eigener Körperkraft von A nach B kommt. Ein Gefühl, das so einmalig ist, dass dieser Band nur eine vage Ahnung davon liefern kann.

Quelle: FAZ.NET
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