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Interview mit Pflanzenexpertin

„Vor 20 Jahren war Rucola noch Unkraut“

Von Anne-Christin Sievers
 - 11:17
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Keiner will Unkraut im Garten. Warum haben einige Pflanzen so einen schlechten Ruf?

Unkraut macht zum Unkraut, dass wir es so nennen. Das lässt sich nicht an einer bestimmten äußeren Form, Struktur oder Gestalt der Pflanze ablesen. Ackerunkräuter zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Bewirtschaftung von Feld oder Gartenbeet gut überstehen. Gemeinsam ist allen Unkräutern, dass sie robust sind, sich stark ausbreiten und uns in den meisten Fällen stören. Viele Menschen mögen den Begriff Unkraut aber gar nicht, weil im „un“ etwas Abwertendes steckt.

Hat es sich im Laufe der Zeit verändert, was wir als Unkraut bezeichnen und wie wir es bewerten?

Unkraut ist das, was uns auf den Beeten stört. Und ob wir eine Pflanze als lästig empfinden, hängt von vielen Faktoren ab. Bei uns in Mitteleuropa sind die Ackerunkräuter eng mit unserer Kulturhistorie verbunden. Wir betreiben seit der Jungsteinzeit Ackerbau, damals sind viele dieser Arten erst zu uns gekommen. Sie haben sich so sehr unserer Bearbeitung des Bodens angepasst, dass sie inzwischen zu unserer Kultur gehören und man sie positiv betrachtet. In jedem Drogeriemarkt sind auf den Packungen Klatschmohne, Kornblumen und Kamillenblüten zu sehen. In der Kunst spielen Unkräuter, vor allem die farbig blühenden, eine große Rolle.

Wird auch manchmal ein Unkraut zur Nutzpflanze?

Oft hat man eine Pflanze 200 Jahre lang für Unkraut gehalten und dann einen Nutzen entdeckt. So ist der Roggen als Unkraut des Weizens nach Europa gekommen und erst peu à peu hat man gemerkt: Damit kann man etwas anfangen. Eine der jüngsten Kulturpflanzen, die ich noch als Unkraut kenne, ist der Rucola. Diese Art hat es in 20 Jahren von einem Unkraut aus Süditalien zu einer weltweit gehandelten Salatpflanze gebracht, die enorme Wertschöpfung schafft und gesund ist. Auch Hausmittel wie Kamillen- oder Brennesseltee sind Beispiele dafür, dass Unkräuter von ungeliebten zu erwünschten Pflanzen werden können.

Hat nicht in jüngster Zeit auch eine Umwertung des Unkrauts im eigenen Garten stattgefunden? Bis vor ein paar Jahren galt „unkrautfrei“ als Ideal, heute soll der Garten hingegen „naturbelassen“ sein?

Ich glaube, was den Garten angeht, haben Sie recht. Sagen wir mal so: Ich hoffe, Sie haben recht! Weil ich immer dafür plädieren würde, in Haus und Kleingarten den Ball flach zu halten. Man sollte erst mal versuchen, sich am Unkraut zu erfreuen, und so entspannt wie möglich damit umgehen. Das sind interessante Pflanzen, sie entwickeln unglaubliche Überlebensstrategien, und das vor allem durch eine Eigenschaft: Sie sind unberechenbar. Deshalb macht es so viel Spaß, sie zu beobachten.

Solange es nicht überhandnimmt.

Genau. Und wann man das Gefühl hat, dass es überhandnimmt, ist eine sehr individuelle Entscheidung.

Warum ist es überhaupt wichtig, den Wachstum des Unkrauts einzudämmen, welchen Schaden richtet es an?

Unkräuter machen Kulturpflanzen Konkurrenz. Sie nehmen ihnen Nährstoffe, Wasser und vor allem Licht weg. Das ist wie ein Wettrennen: Wächst die Kulturpflanze schnell, bekommt sie viel Sonne ab und gewinnt, sind die Unkräuter schneller, unterdrücken sie die Kulturpflanzen und verringern ihren Ertrag; die Kohlköpfe im Garten werden nur ein Viertel so dick. Sehr langsam wachsende Kulturpflanzen werden bisweilen komplett überwuchert und tragen gar keine Früchte, bei Tomaten kann das passieren. Es gibt außerdem Qualitätsverluste: Mit viel Unkraut werden die Reihen schlechter durchlüftet, nach regenreichen Tagen trocknen Boden und Pflanzen nicht so gut ab, es kommt zu mehr Pilzinfektionen.

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© dpa, Deutsche Welle

Kann das Unkraut im Garten auch von Nutzen sein?

Im Garten bieten Unkräuter in geringen Mengen Schutz für Bodenlebewesen und Insekten, die an der Erdoberfläche herumkrabbeln, und auch Nahrung. Denn gibt es Unkräuter, fressen sie diese als Ersatznahrung und verschonen die Kulturpflanzen. Unkräuter, die blühen, sind darüber hinaus sehr bereichernd für Bestäuber. Auch der Boden wird besser vor Erosionen durch starken Regen oder Wind geschützt, wenn er von Unkraut überwachsen ist und von seinem Wurzelwerk festgehalten wird.

Wie können Hobbygärtner die Unkräuter auf ihrer Scholle außerdem verwenden?

Viele Unkräuter aus dem Garten kann man essen. Man muss etwas vorsichtig sein, es gibt ein paar giftige darunter wie etwa die Herbstzeitlose, aber die meisten lassen sich bedenkenlos verzehren: Löwenzahn im Salat, Portulak, der gekocht wird wie Spinat, Bärlauch fürs Pesto oder ein Leberwurstbrot mit einem schönen Ehrenpreis als Tellerdeko drumherum, wunderbar!

Und wenn es einem buchstäblich über den Kopf wächst? Wie bekämpft man das Unkraut dann am besten?

Seit 3000 Jahren rücken sesshafte Ackerbauern dem Kraut mechanisch zu Leibe. Unter großer Kraftanstrengung hat man mit Hacke und Pflug den Boden umgedreht, um Unkrautsamen von oben nach unten zu packen. Im Garten ist das noch immer das Mittel der Wahl: Wenn die Pflanze schon da ist, sollte man hacken, pflügen und zupfen. Ich finde, ein Garten ist Bewegung und Unkrauthacken eine Art von Sport. Dem Kleingärtner würde ich immer von chemischen Pflanzenschutzmitteln abraten.

Und wie kann man dem Unkrautwachstum vorbeugen?

Das geht auch durch eine geschickte Anbauplanung. Im Garten wachsen 30 bis 50 Unkrautarten, die verschiedene Jahreszeitrhythmen haben. Pflanzt man Kulturpflanzen, die im Frühjahr oder Herbst keimen, etwas versetzt, wechselt man sie immer mal etwas früher oder etwas später, dann legt man eine Art Filter auf den Samenvorrat der Ackerunkräuter im Boden und hält sie im Zaum. Wenn wir das Leben für Insekten, die sich von den fetthaltigen Samen der Unkräuter ernähren, in unserem Garten so schön wie möglich machen und sie sich gut vermehren, breitet sich vorhandenes Unkraut weniger aus. Ganz los wird man es so nie, aber so funktioniert Ökologie auch nicht. Wir können es aber eindämmen.

Welche neuen, ökologisch verträglichen Methoden gibt es noch, um dem Unkraut den Garaus zu machen?

Auf harten Oberflächen wie auf der Terrasse, dem Hof oder Gehweg, aber auch auf Sportplätzen oder Schulhöfen dürfen keine Herbizide eingesetzt werden, weil dort keine Pflanzen kultiviert werden. Um die Fugen unkrautfrei zu halten, gibt es allerlei technische Innovationen, die versuchen, die Chemie zu ersetzen: mit heißem Dampf, mit Laserstrahlen, mit Elektrizität. In der Landwirtschaft geht die Forschung dahin, die Unkräuter gezielter zu finden, zum Beispiel mit Kameraaufnahmen von Drohnen, und zu kartieren, wo welches Unkraut genau steht. Es werden auch sensorgesteuerte Technologien entwickelt, kleine Roboter, die im Feld herumflitzen, Unkräuter auffinden und rausziehen.

Manche Unkrautarten wurden so erfolgreich bekämpft, dass sie kurz vor dem Aussterben stehen. Ist das schlimm?

In Deutschland gibt es ungefähr 300 Arten, die unterschiedlich gut über die Zeiten kommen. Neuere Forschungsergebnisse in der Botanik unterstreichen, dass Unkrautgesellschaften verarmen. Wenn Unkräuter in großem Stile verschwinden, verlieren wir Arten, die einen vielleicht noch nicht erkannten Nutzen für uns haben. Nur weil es weniger Arten gibt, haben wir zudem nicht weniger Unkräuter. Andere Arten nehmen einfach in ihren Mengen zu, die Diversität nimmt ab. Jede Art hat eine Daseinsberechtigung, wir sollten sie möglichst schützen. Insofern finde ich den Artenverlust bei Unkräutern bedauernswert.

Wie halten Sie es denn in Ihrem eigenen Garten mit dem Unkraut?

In meinem Garten wächst ziemlich viel Unkraut, ich verbringe manchen Abend damit, zu hacken, zu zupfen und Wurzelunkräuter auszustechen. Das macht mir Freude. Chemische Mittel habe ich noch nie eingesetzt, ich kann aber auch damit leben, wenn Leute im Vorbeigehen sagen: „Oh Mann, hier sieht’s aber aus!“ Dann denke ich: „Ja, wunderschön sieht’s hier aus!“

Das Gespräch führte Anne-Christin Sievers.

Quelle: F.A.S.
Anne-Christin Sievers
Redakteurin in der Wirtschaft.
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