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Wohnen in Köln

Kalk – steh auf!

Von Nadine Bös, Köln
 - 10:51
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Na klar, hier arbeiten Kreative. Im Eingang des „Büros für Brauchbarkeit“ parken selbstbemalte Fahrräder. Links neben der Tür gibt es eine Ausstellung alter Kassettenrekorder auf einer Turnhallenbank. Schlauchförmig schließt sich dann der Co-Working-Space an, in dem Grafiker, Designer und Programmierer zusammenarbeiten. Unter hohen Altbaudecken tippen sie in ihre Apple-Computer. Alles ist aufgeräumt, klare Formen, viel weiß. „Früher war das hier eine Kölsch-Kneipe und der Konferenzraum hinten eine Kegelbahn“, erklärt die Inhaberin Martina Höfflin. Und wäre das Detail mit dem Kölsch nicht - das Büro würde wirken, als habe man es aus Berlin-Prenzlauer-Berg entführt und hier in Köln-Kalk wieder aufgebaut.

Ein paar hundert Meter weiter ums Eck sitzt in einer Ecke vor dem Bezirksrathaus ein Grüppchen Männer mit fleckigen Jacken und fettigen Haaren. Es ist neun Uhr morgens, doch die Bierflaschen in ihren Händen sind schon fast leergetrunken. Zwei Frauen mit Kopftüchern und bunten Röcken wühlen einen Mülleimer durch. Autos hupen, weil ein Kleinlaster quer vor dem türkischen Supermarkt die halbe Straße blockiert. Ein Mann mit Schubkarre entlädt Granatäpfel und krumme Gurken.

„Warum wir ausgerechnet hier sind?“ Martina Höfflin macht eine Geste in Richtung Fenster. „Weil Kalk der spannendste Stadtteil Kölns ist: authentisch, ehrlich, multikulti.“ Höfflin wohnt und arbeitet hier seit 13 Jahren. Ihre Freunde aus dem Linksrheinischen tuscheln zuweilen, es sei verantwortungslos, ihre 5 und 10 Jahre alten Kinder in Kalk aufwachsen lassen. 60 Prozent der Menschen im Stadtteil haben einen Migrationshintergrund, ein Viertel bezieht Hartz IV. Martina Höfflin bringt das nicht davon ab, die Atmosphäre rund um ihr Büro zu lieben. Neben dem Co-Working-Space gehört auch noch ein Kunstausstellungsraum am anderen Ende des Viertels zum Konzept. Hier zeigen Höfflin und ihre Kollegen zeitgenössische Werke junger Künstler. Das Highlight in diesem Jahr: „Loop“ von Julius Brauckmann, eine Installation, die den Ausstellungsraum in einen Pool mit Sprungbrett verwandelte. „Da standen zeitweise Menschentrauben um das Schaufenster, die Kinder vom marokkanischen Gemüseladen, türkische und italienische Familien, der Kioskbesitzer, kölsche Omis mit Rollator: Und alle haben darüber diskutiert, ob da wohl echtes Wasser drin ist“, erzählt Höfflin. „So viel Aufmerksamkeit hätten wir in Ehrenfeld wahrscheinlich nicht bekommen!“

Alles Schlechte auf der Welt kommt aus Nippes, Kalk und Ehrenfeld, so heißt ein altes Kölner Sprichwort über die eher verrufenen Quartiere der Stadt. Alle drei sind ehemalige Arbeiterviertel. Doch während sich Nippes und Ehrenfeld schon seit geraumer Zeit zu In-Stadtteilen gemausert haben, tut sich in Kalk wenig. Das liegt nicht zuletzt an der Tatsache, dass es auf der als weniger „cool“ gehandelten rechten Rheinseite liegt. Die „Schäl Sick“, also die scheele, „falsche“ Seite gewinnt erst langsam an Attraktivität, seit die Mieten und Immobilienpreise im Linksrheinischen steil nach oben gegangen sind.

„Kalk ist im Moment einer der spannendsten Stadtteile Kölns“, sagt auch Roland Kampmeyer - und meint es völlig anders als Martina Höfflin. Als Immobilienmakler ist Kampmeyer auf den Raum Köln spezialisiert und hat sich mit seiner jährlichen Analyse des lokalen Marktes einen Namen gemacht. Dafür werten er und seine Kollegen gemeinsam mit dem Institut für innovatives Bauen eigene Zahlen, Daten von Online-Plattformen, Zeitungsanzeigen und Daten der Kommune aus. „Die Qualität des Stadtteils ist zwar noch nicht jedem bewusst“, sagt Kampmeyer. „Weil sie aber von immer mehr Menschen erkannt wird, bewegen sich die Mieten schon heute auf das Kölner Durchschnittsniveau zu. Wer Eigentum kaufen will, kann hier vielleicht noch ein Schnäppchen machen. Aber wie lange noch?“

Die Wohnlage sei „einfach zu gut“, um Kalk längerfristig ungünstiger zu bewerten als andere Stadtteile. „Rechtsrheinisch zu wohnen bekommt für die junge, mobile Mittelschicht ein immer besseres Image.“ Nicht zuletzt, weil viele Berufspendler zum Deutzer ICE-Bahnhof oder zum Köln-Bonner Flughafen müssen. Gleichzeitig liege Kalk sehr zentral. Zwei S-Bahn-Stationen vom Dom entfernt; selbst zu Fuß ist die Innenstadt in 30 Gehminuten erreichbar. „Zugegeben, die soziale Durchmischung ist noch nicht wie in den beliebtesten Kölner Vierteln“, sagt Kampmeyer. Aber das werde sich in den nächsten 10 Jahren ändern. Innerhalb der migrantischen Bevölkerung wohnen schon heute viele Menschen mit Aufsteigerkarrieren in Kalk. Passend zum Namen des Stadtteils: „Kalk!“ heißt auf Türkisch: „Steh auf!“

Potential gibt es vor allem im Neubau - etwa auf den alten Industrieflächen des Bezirks. Auf dem ehemaligen Gelände der Chemiefabrik Kalk (CFK) ist schon vor Jahren ein erstes Neubaugebiet entstanden. Dort stehen heute ein Einkaufszentrum, ein kleiner Park und eine Menge Eigentumswohnungen. Viele Kölner empfinden das Areal aber als misslungen: „Die Architektur ist eintönig, der Shopping-Tempel langweilig, die Grünfläche zu klein“, sagt Boris Sieverts, der sich an der Spitze einer Bürgerinitiative für den Stadtteil engagiert - unter anderem um einen geplanten Hubschrauberlandeplatz direkt neben den Neubauwohnungen zu verhindern. Das Gelände habe „keinen Charme“, es erinnere an ein Gewerbegebiet.

Für das Ehepaar Eva Wulfert und Karim Haisel zählten andere Argumente. 2012, als ihre Tochter zwei Jahre alt wurde, war ihre 60-Quadratmeter-Wohnung in Deutz auf einmal viel zu eng. Charme hin oder her - im Kalker Neubaugebiet bekamen sie vier Zimmer auf 110 Quadratmetern mit kleinem Garten für damals 240 000 Euro. „Das war ein Schnäppchen“, sagt Wulfert. „Heute würden wir etwa 100 000 Euro mehr für einen identischen Neubau hier in der Nachbarschaft bezahlen.“ Die Nähe zum Deutzer Bahnhof ist eines von Wulferts wichtigsten Argumenten: Beruflich muss sie jeden Tag mit dem Zug nach Neuss, wo sie in der Softwareentwicklung arbeitet. Ihr Mann muss zwar nicht pendeln, in Kalk fühlt sich aber auch er sehr wohl. 1993 aus Marokko eingewandert, schätzt er den Multikulti-Charakter im Stadtteil. „Kalk ist nicht so Schickimicki, nicht so geradlinig, nicht so angepasst“, sagt Eva Wulfert. „Das gefällt uns beiden.“ Trotzdem hat sie viele Freunde, die ihre Entscheidung überhaupt nicht verstehen. „Selbst meine Arbeitskollegen in Neuss haben die Nase gerümpft. Und als hier auf der Straße einmal unser Auto aufgebrochen wurde, sagte der Polizist eiskalt: Nun ja, was kaufen Sie sich auch eine Wohnung in Kalk?“

Geht es nach Engelbert Schlechtrimen, sind es aber vor allem Familien wie die von Eva Wulfert, die für Kalk den Unterschied machen werden. Schlechtrimen könnte es wissen. Der Traditionsbäcker erlebt in seinen Laden auf der Kalker Hauptstraße täglich die Gegensätze des Viertels. Opi kauft hier sein Mettbrötchen, der Inhaber vom türkischen Kiosk Halal-zertifizierte Brötchen, die Kinderwagen-Mamis vom Spielplatz Kürbiskuchen und Sechskornbrot. „Die Familien fordern ein, was dem Stadtteil seit Jahren fehlt“, sagt Schlechtrimen. „Bessere Bildungsangebote, einen höheren Freizeitwert, mehr Grünflächen. Dann wird Kalk das nächste große Ding in Köln.“

Fast direkt gegenüber von Schlechtrimens Bäckerei sitzt im Bezirksrathaus Markus Thiele und hofft, dass diese Prognose nur eingeschränkt zutrifft. Der SPD-Bezirksbürgermeister sieht sich als Kämpfer gegen die Gentrifizierung, allein das Wort ist ihm ein Greuel. „Vielleicht täten dem Stadtteil noch ein paar mehr Mittelschichtfamilien gut“, gibt er zu. Vor allem aber will er „bewahren, was hier im Moment ist: ein sozial durchmischter Stadtteil, in dem sich auch die weniger gut Betuchten bezahlbaren Wohnraum leisten können.“ Wenn es nach Thiele geht, wird das auch noch lange so bleiben: „Der hohe Anteil an Sozialwohnungen sorgt dafür.“

Gentrifizierung ja oder nein - wer das genauer wissen will, muss Jürgen Friedrichs fragen. Der Soziologieprofessor beschäftigt sich seit Jahren mit den Kölner „Veedeln“. Seine „Kölner Gentrification Study“ hat empirisch untersucht, wie zwei weitere rechtsrheinische Stadtteile, Deutz und Mülheim, über die Jahre ihren Bevölkerungsmix verändert haben. Ergebnisse in Kürze: Erst kamen die Künstler, dann die Studenten und schließlich die Mittelschichtfamilien auf die rechte Rheinseite. Ob Kalk in absehbarer Zeit einen ähnlich großen Sprung machen wird, ist laut Friedrichs aber durchaus offen. Eigentlich spreche viel für einen Gentrifizierungsprozess in Kalk. Vor allem Künstler gibt es schon einige; etwa am Taunusplatz in den frisch zu Ateliers umfunktionierten Hinterhofhallen des Malers Dominik Sartor.

Es hat ein veganes Café im Stadtteil eröffnet, ein weiteres neues Café hat sich in einem ehemaligen kölschen Büdchen niedergelassen und verkauft dort Rhabarberbrause der benachbarten Sünner-Traditionsbrauerei. Durch die nahegelegene Fachhochschule ist der Stadtteil auch für Studenten attraktiv. Das wirklich Interessante an Kalk ist aber laut Friedrichs: „Vieles spricht auch dagegen, dass hier ein neuer In-Stadtteil entsteht.“ Noch immer gibt es in Kalk-Nord monotone Reihen brauner Fünfzigerjahrebauten, in denen zum Teil noch mit Kohle geheizt wird. Die Zahl an schicken, renovierbaren Altbauten ist begrenzt. Ob Kauf- und Mietpreise mittelfristig steigen, hängt laut Friedrichs an der Frage, ob der Bevölkerungsdruck groß genug wird. „Es gibt eine Prognose der Stadt, die ein Bevölkerungswachstum von 50 000 bis 100 000 Menschen in den nächsten 15 Jahren voraussagt. Wenn es auf die 100 000 hinausläuft, werden viele zuziehen, die innerstädtisch wohnen wollen, und dann wird Kalk sich ganz automatisch aufwerten.“ Klar sei aber: „Die sogenannten Pioniere für eine Gentrifizierung sind schon heute da.“

Swenja Dumrese ist so eine Pionierin, irgendwas zwischen Künstlerin und Mittelschichtmutter. Die gelernte Grafikerin, die als Puppen- und Kostümbildnerin für PR und Werbung arbeitet, ist vor vier Jahren zusammen mit ihrem Mann und ihrer damals drei Jahre alten Tochter aus dem Linksrheinischen nach Köln-Humboldt gezogen, ein kleines Kalker Anhängsel im Süden des Stadtteils. „Wir wohnen hier vor allem, weil die Gegend so viel Seele hat“, sagt Dumrese. „Und weil ich meine Nachbarn kenne und mag.“ Früher lebte die Familie in der Nähe der Kölner Uni, zwischen Innenstadt und Lindenthal. „Wir haben uns dort einfach nicht mehr wohl gefühlt“, sagt Dumrese. „Diese linksrheinische Arroganz wollten wir nicht mehr. Hier gibt es Menschen aus jeder Gesellschaftsschicht, und jeder strahlt dieses Kalker Gefühl aus: leben und leben lassen.“ Ihre mittlerweile vierköpfige Familie hat eine 70-Quadratmeter-Dachgeschosswohnung gemietet mit einem noch einmal fast so großen Dachboden, den sie und ihr Mann für ihre Kunst nutzen - sie malt, er macht Musik.

Wenn sie heute mit ihrer Tochter und mit ihrem anderthalb Jahre alten Sohn auf dem Taunusplatz am Sandkasten sitzt, spürt Dumresse deutlich: „Die Dichte an Mittelschichtfamilien mit gleichaltrigen Kindern hat zugenommen.“ Vor einem halben Jahr hat eine neue Spiel- und Krabbelgruppe für Babys und Kleinkinder aufgemacht. Über einen Whatsapp-Verteiler verabredet sich Dumrese einmal im Monat zum Kalker Mama-Stammtisch. Nur in Sachen Schule bleibt sie kritisch. Mit Eltern in der Nachbarschaft hat sie eine Fahrgemeinschaft, um die Kinder zu einer Grundschule ins Linksrheinische zu bringen. Denn viele fürchten ein zu geringes Niveau in den Kalker Schulen. Dumrese selbst hat sich gar nicht groß darüber informiert. Weil sie ihre Tochter und deren beste Freundin nicht auseinanderreißen wollte, macht sie einfach mit. „Ich könnte mir aber vorstellen, dass ich das anders entscheide, wenn mein Sohn mal in dem Alter ist.“

Wie das Stadtviertel in zehn Jahren aussehen wird? Jürgen Friedrichs tut sich schwer mit einer Antwort. „Wenn ich in die Glaskugel gucken soll, würde ich sagen: Kalk könnte der erste Stadtteil Deutschlands werden, in dem Gentrifizierung stattfindet, ohne dabei zu überdrehen.“ Werden hier wirklich längerfristig Künstler, Arbeiter, Arbeitslose, Studenten, Flüchtlinge, Mittelschichtfamilien und kölsche Senioren in einer seltsamen Mischung koexistieren? „Eine starke These“, sagt Friedrichs. „Aber andererseits: Kalk ist eben der spannendste Stadtteil von Köln.“

Quelle: F.A.S.
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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