Kunststoffhaus fg2000

Als die Zukunft noch aus Plastik war

Von Kira Kramer, Altenstadt
22.03.2020
, 09:35
Auf Zukunft eingestellt: Die Einweihungsparty des Plastikhauses fg2000 im Jahr 1968.
Gemüse bitte unverpackt und Kinderspielzeug lieber aus Holz: Wer heute fortschrittlich sein will, verzichtet auf Plastik. In den Sechzigerjahren sah das anders aus – da versprach ein Haus aus Kunststoff die Zukunft zu sein.
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Von außen Raumschiff, von innen LSD-Trip: Wolfgang Feierbachs Plastik-Bungalow sieht auch mehr als fünfzig Jahre nach seiner Landung im hessischen Altenstadt aus, wie geradewegs der Zukunft entschlüpft. Der weiße Quader mit konkaven Wänden, beidseitiger Schiebefensterfront und psychedelisch-buntem Innenraum wirkt außerirdisch neben Römerkastell und Kloster in der beschaulichen Wetterau. Das Objekt wurde 1968 im Schnellverfahren errichtet: Als morgens um sieben die Handwerker in Altenstadt anrückten, gab es nicht einmal eine Baugenehmigung für das Fertighaus aus Plastik. Zehn Stunden später stand die kühne Wohnvision mit dem futuristischen Namen fg2000. Die Zulassung hingegen ließ weitere fünf Jahre auf sich warten.

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Zusammengesetzt ist das Plastikhaus aus 39 Kunststoffmodulen, die über einem geklinkerten Erdgeschosssockel auskragen. Auf einer Treppe aus, wie könnte es anders sein, Kunststoff gelangt der Besucher ins Loft. Ganz ohne tragende Wände im Innenraum bietet das „moderne Kunststoffhaus für den modernen Menschen“, wie Feierbach es selbst nannte, 160 Quadratmeter frei bespielbare Wohnfläche.

Neben offener Poggenpohl-Küche mit Bartheke und Silent Gliss-Vorhängen an allen vier Wandseiten ist auch das gesamte Mobiliar aus Kunststoff. Die Entwürfe für Badewanne, Bidet und Waschbecken, allesamt scharlachrot, stammen ebenso wie die Sitzmöbel und Schränke aus der Feder Feierbachs. Nur ein Frotteevorhang trennt das Badezimmer vom übrigen Wohnraum. Ein echter Blickfang ist auch das Rundbett – Plastiksockel mit Stoffüberzug –, das mit 14.724 D-Mark teurer war als ein Mittelklassewagen Anfang der Siebzigerjahre.

Der Stoff, aus dem Träume gemacht waren

Mit einem Blick nach oben setzt sich die Zeitreise fort: Die gesamte Decke des Plastiklofts ist mit einem Dralon-Teppich im Swinging Sixties Look behangen; grell und poppig verleiht er dem Innen ein Flair von Schlaghosen und Bubikragen. Die Firma Bayer vertrieb seit den fünfziger Jahren die kuschelige Kunstfaser unter dem Slogan „Eine Faser für Europa“. Nicht weniger als der Kunststoff selbst stand sie für den Optimismus der Nachkriegszeit, den Aufbruch und eine Revolution der Werkstoffe. Passé waren natürliche Fasern wie Schafs- oder Baumwolle und ihre Abhängigkeit von den Launen der Natur. Den goldenen Jahren der Hochkonjunktur konnte es kaum synthetisch genug sein.

Wolfgang Feierbachs Eigenheim aus Kunststoff: „Das moderne Kunststoffhaus für den modernen Menschen“.
Wolfgang Feierbachs Eigenheim aus Kunststoff: „Das moderne Kunststoffhaus für den modernen Menschen“. Bild: Wolfgang Feierbach

Zu dicken Strängen geflochten säumt die Bayer-Faser den gesamten Plafond der Wohnfläche. Der Zahn der Zeit hat vor diesem allerdings nicht Halt gemacht: Das siebenfarbige Muster hat seine Strahlkraft heute eingebüßt. Inzwischen wirken die dicken Stoff-Zotteln eher pastös als pompös. Ganz im Gegenteil dazu hat der glasfaserverstärkte Kunststoff, kurz GFK, aus dem Wände, Decke und das Mobiliar gefertigt sind, alle Erwartungen übertroffen. Zwölf Jahre Lebensdauer attestierten die Gutachter dem Plastikhaus – 52 sind es inzwischen und das extravagante Eigenheim ist bezugsfertig wie eh und je. Seit 2005 steht das Gebäude noch dazu unter Denkmalschutz.

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Mit dem Altenstädter Bungalow präsentierte der gelernte Modellschreiner Feierbach der Öffentlichkeit sein Fertigbausystem. Eine ganze Reihe weiterer Häuser sollte die Serie fg2000 umfassen; fg für Fiberglas, die umgangssprachliche Bezeichnung des neuen Baustoffs. Es war der Stoff, aus dem in den Sechzigern Träume gemacht waren: Hatten nur ein Jahrzehnt vor Feierbach die Amerikaner noch Flugzeugteile daraus hergestellt, stürzten sich nun vor allem Künstler und Architekten auf das zugleich äußert robuste wie hochwertige Material.

Peppig: Das Esszimmer des fg2000-Prototypen mit Dralon-Deckenteppich.
Peppig: Das Esszimmer des fg2000-Prototypen mit Dralon-Deckenteppich. Bild: Wolfgang Feierbach

Die Bundesrepublik hatte sich damals als bedeutendster Standort der Kunststoffproduktion etabliert, doch nicht nur hier schossen die Fertigbaukonzepte aus dem Boden. Im gleichen Jahr wie Feierbach stellte auch der finnische Architekt Matti Suuronen sein Kunststoff-Rundhaus Futuro vor. Ein Jahr zuvor hatte schon die amerikanische Monsanto Company – heute eher wegen des umstrittenen Wirkstoffs Glyphosat bekannt – das House of the Future im kalifornischen Disneyland präsentiert. Feierbachs Pläne mit dem Kunststoffhaus in Serie zu gehen, verzögerten sich einzig durch die ausstehende Zulassung.

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Siegeszug des Beton-Brutalismus

Dennoch, als Feierbach seinen Plastik-Bungalow 1968 noch ohne Zulassung der Weltöffentlichkeit vorstellte, war das mediale Interesse enorm. Täglich kamen rund 200 Besucher in die hessische Kleinstadt, um sich ein Bild von der vermeintlichen Zukunft des Wohnens zu machen. Ein Jahr lang diente das Plastik-Ufo als Showroom, bis Feierbach mit seiner Familie im konsequenten Selbstversuch einzog. Die Zeit des Wartens begann.

Nur durch einen Frotteevorhang vom Wohnraum getrennt: Das Badezimmer des fg2000-Prototypen.
Nur durch einen Frotteevorhang vom Wohnraum getrennt: Das Badezimmer des fg2000-Prototypen. Bild: Wolfgang Feierbach

Als das fg2000 nach fünf Jahren schließlich in Serie gehen konnte, war nicht nur die Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit weitestgehend abgeklungen. Während in den Sechzigern die Zukunft noch aus Plastik bestand, trieb die erste Ölkrise 1973 nicht nur den Kunststoffpreis enorm in die Höhe, auch der Beton-Brutalismus hatte längst seinen Siegeszug zum Baustil der architektonischen Moderne angetreten. Dass der von dort an viel genutzte Faserzement ausgerechnet mit der „Wunderfaser“ Asbest durchzogen war, ist wohl eine weitere Laune der Geschichte.

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Insgesamt entstanden so nur vier weitere fg2000-Wohnhäuser. Eines davon in direkter Nähe zum ersten Bungalow: Mit deutlich geräumigeren 395 Quadratmetern Wohnfläche, Innensauna und Pool diente das neue Kunststoffhaus seit 1979 den Feierbachs als Domizil. Ein anderes findet sich heute ebenfalls denkmalgeschützt in Niedersachsen. Die zwei übrigen wurden inzwischen zurück in ihre Einzelteile zerlegt und eingelagert.

Großen Absatz fand das Fertigbausystem aber vor allem in der gewerblichen Nutzung: Als Check-In-Schalter für Flughäfen stehen heute etwa zehntausend Plastikhäuschen rund um den Globus verteilt. Wolfgang Feierbach fand zu Lebzeiten keinen Nachfolger mehr für seine Vision, die das Wohnen revolutionieren sollte. Sein Unternehmen, das fg design, wurde mit dem Tod seines Gründers 2014 aufgelöst und der Prototyp, der vor über fünfzig Jahren das grelle Versprechen einer Utopie aus Plastik gab, steht heute leer.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Kramer, Kira
Kira Kramer
Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.
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