<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>

Biennale di Venezia

Von NIKLAS MAAK, Fotos: BARBARA KLEMM

25.09.2019 · Auf der Biennale und in den Kirchen und Museen Venedigs gibt es bis zum Herbst nicht nur Kunst zu sehen: Unsere Fotografin hat die Besucher beim Beobachten beobachtet.

S chaut man sich eine Ausstellung an, dann sieht man vor allem: Kunst. Man sieht aber auch, aus dem Augenwinkel, und oft ohne ihnen größere Aufmerksamkeit zu widmen, die anderen Ausstellungsbesucher. Und wenn man sie sich genauer anschaut, entfaltet sich ein ganzes Theater des Sehens: Hier steht einer schweigend und ergriffen, reglos und schwer atmend vor einem Gemälde; dahinter läuft jemand von einer Skulptur zur anderen, der seiner Partnerin händefuchtelnd Theorien zum Gesehenen vorträgt; hier macht einer Witze auf Kosten des Künstlers; dort meditiert einer mit geschlossenen Augen auf der Museumsbank, das Bild ist jetzt inneren Welten gewichen; noch weiter hinten versucht einer, in der spiegelnden Oberfläche einer Skulptur den Sitz seiner Frisur zu kontrollieren und macht unwillkürlich beim Anblick seiner Gesichtszüge ein photo face. Einer tritt weit zurück und kneift, die Skulptur betrachtend, die Augen ein wenig zusammen; ein anderer tritt, um den Geheimnissen der Malerei auf die Spur zu kommen, so dicht ans Bild, dass der Alarm losgeht.

Lässt mal wieder den Kopf hängen: Baselitz-Werk in der Accademia

Was man im Museum zu sehen bekommt, ist nicht nur Kunst, sondern auch das Sehen selbst. Wenn Barbara Klemm, die langjährige Fotografin dieser Zeitung, Fotos von Kunst macht, dann ist der Betrachter oft mit im Bild. Das war schon so, als sie 1976 nach Venedig zur Kunstbiennale fuhr und dort die berühmte Installation von Joseph Beuys fotografierte: Auf dem Bild, das sich heute in der Sammlung des Städel-Museums befindet, ist nicht nur das Werk, sondern auch ein Herr im weiten Anzug mit Krawatte und dicker Brille zu sehen, der sich von ganz hinten links an die Arbeit heranzupirschen scheint wie ein Jäger an ein gefährliches Tier. Und auch auf den Bildern, die Barbara Klemm in diesem Jahr auf der noch bis zum 24. November laufenden Kunstbiennale und den zahlreichen Nebenschauplätzen machte, spielen die Kunstbetrachter selbst eine wesentliche Rolle. Vor einer wie immer über Kopf gemalten Figur des Malers Georg Baselitz, die jenseits der eigentlichen Biennale in der Accademia gezeigt wird, steht eine Frau leicht breitbeinig und mit verschränkten Armen, als müsse sie der rituellen Stürzerei mit einer besonders festen Standposition entgegentreten. Anderswo scheint das Op-Art-hafte Pulsieren von Kenneth Nolands „Birth“ (1961) in der Peggy Guggenheim Collection das vor dem Bild stehende Paar zu infizieren. Beide nehmen eine leicht kreiselnde Fußstellung an, die Frau schlingt ihren Hals um den ihres Manns – in der Kunsttheorie spricht man von „performativem Nachvollzug“.

Jannis Kounellis: „Untitled, 2011 (Coats, Hats, and Shoes)“, in der Fondazione Prada
Turm mit Streifen: Sean Scullys „Human“ in der Kirche San Giorgio Maggiore

Manchmal, wenn keine Menschen vor den Bildern stehen, dann scheint es in Barbara Klemms Aufnahmen, als würden die gemalten Menschen aus den Rahmen heraus auf die Gegenwartskunst schauen, die man, wie in der Fondazione Prada, zu ihren Füßen ausgebreitet hat.

Was es bei Barbara Klemm nicht gibt, ist Farbe. Und wenn man ihre Aufnahme des Paul-Smith-haft buntgeringelten Turms anschaut, den der Künstler Sean Scully in Palladios Kirche San Giorgio Maggiore hineinstellen durfte, dann versteht man auch, was mit dem Verzicht auf Farbe gewonnen ist: Befreit von der Farbkakophonie, die täglich mit Milliarden von Instagram-Bildern und Uploads über die Bildschirme spült, bekommt man plötzlich ein Gefühl für die Wirkung des Objekts im Raum, der plastischer, schärfer, kontrastreicher und präziser wirkt als im Farbbild.

Der Kunsttheoretiker Wolfgang Kemp, ein Pionier der Rezeptionsästhetik, vertrat schon früh die These, dass Kunstwerke den Betrachter in eine bestimmte Position manövrieren, dass in ihnen die Art, wie man sie erlebt und erfährt, schon angelegt ist. Umgekehrt heißt das, dass der Blick auf die Betrachter sehr viel über das Werk verrät, das sie gerade anschauen.

Umschlungenes Paar vor Kenneth Nolands „Birth“ von 1961 in der Peggy Guggenheim Collection

Zahllose Werke der Kunstgeschichte handeln von den Blicken, die die Gemalten oder die Skulpturen aus dem Bild heraus auf den Betrachter werfen: Die fiktiven Personen aus anderen Jahrhunderten nehmen mit uns im Jetzt Blickkontakt auf, überspringen den Graben der Geschichte und der Fiktion und landen mitten in unserer Welt. Wenige Werke handeln davon, was für eine Zumutung es ist, immer angeschaut, befragt, fotografiert zu werden. Doch das ändert sich im Zeitalter von Gesichtserkennungsprogrammen und dem elektronischen Gesichtsabdruck, der den Fingerabdruck als erkennungsdienstliche Maßnahme bald ablösen wird.

Mit Kopf-Komet: Natascha Sadr Haghighian bespielt den deutschen Pavillon – nur die Sprecherin spricht.

Und es ist kein Wunder, dass Barbara Klemm, deren Bilder auch immer kleine Etüden über das Anschauen und die Wege des Sehens sind, auch ein Foto der Künstlerin Natascha Sadr Haghighian gemacht hat, die in diesem Jahr den deutschen Pavillon bespielt. Sie verweigert jede Sichtbarkeit und trägt deswegen eine Art Stein oder Komet oder Kartoffel aus Pappmaché auf dem Kopf, der den Zweck eines Motorradhelms mit getöntem Visier erfüllt: Das Gesicht, die Augen sind nicht erkennbar. Die Sprecherin neben ihr übernimmt alle Interviews und auch, wie das Foto zeigt, den Blickkontakt. Was man hier sieht, ist ein neuer Schritt in der Theoriegeschichte des eigenen Bildes: physisch da, aber vollkommen unerkennbar, sichtbar und unsichtbar zugleich zu sein.

Quelle: F.A.Z. Magazin

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.