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Gesangskunst und Federschmuck

Alle Vögel sind schön da

Von Kai Spanke
 - 21:31
Exotischer Rückkehrer: Inzwischen brütet der Bienenfresser wieder erfolgreich in Deutschland.zur Bildergalerie

Am Straßenrand liegen sie auf der Lauer. Pärchen im Partnerlook, bärbeißige Männer mit Adlerblick und wettergegerbte Rentner, deren bunte Multifunktionskluft eigentlich für Grenzerfahrungstrips gemacht ist. Sie schleppen ein kleines Vermögen mit sich herum: Premiumfernglas, Premiumspektiv, Premiumkamera. Die Jüngeren blättern in einem Bestimmungsbuch, die Älteren haben dessen Inhalt im Kopf. Ein paar von ihnen nehmen auf Klappstühlen Platz und trinken Kaffee aus Thermoskannen – es ist sieben Uhr morgens. Warum versammeln sich diese Menschen in aller Frühe auf einer Straße südöstlich des Neusiedler Sees? Was gibt es auf den Wiesen jenseits der Fahrbahn zu sehen? Braunkehlchen und Grauammern. Sumpfohreulen und Steinschmätzer. Vor allem jedoch: Großtrappen. Und zwar bei der Balz.

All jenen, die sich nicht für die Vogelwelt interessieren, werden diese Beobachter erscheinen wie drollige Abkömmlinge echter Naturburschen. Löwen-Safari – okay. Whale-Watching – selbstverständlich. Aber Großtrappen- Balz? Wer hat überhaupt schon von diesen Vögeln gehört? Eben. Dabei sind sie in jeder Hinsicht beeindruckend. Die Männchen werden bis zu 16 Kilogramm schwer und können ein Alter von 20 Jahren erreichen. Leider sind sie bei uns vom Aussterben bedroht, Rote Liste, Kategorie eins. Abgesehen von derartigen Lexikonfakten ist etwas anderes frappierend: Die Trappen sehen extrem gut aus. Rötlich getönte Brust, blaugrauer Hals, borstenartige Federn am Kinn, die sich dekorativ aufrichten lassen. Der Rücken ist rostbraun und schwarz gebändert. Bei der Balz krempelt der Hahn einen Teil des Gefieders von innen nach außen und verwandelt sich in einen aufgeblasenen Geck. Die Flanken erinnern an geplatzte Kissen, die Rückseite mutet an wie eine Cumuluswolke en miniature.

Wer sich von der Schönheit unserer Vögel überzeugen will, muss allerdings keine Reisen unternehmen, da sich – im Gegensatz zu Reptilien, Fischen oder Säugetieren – etliche Allerweltsarten direkt vor der Haustür tummeln. Sie sind immer einen zweiten und dritten Blick wert. Allzu leicht übersieht man das leuchtend weiße Bürzelfeld des Eichelhähers oder das rote Gesicht des Stieglitzes. Zu den farblich spektakulärsten Vögeln gehört der Bienenfresser. Vor 30 Jahren galt er in Deutschland als ausgestorben, nun ist er zurück. Besonders am Kaiserstuhl in Baden-Württemberg und im südlichen Sachsen-Anhalt fühlt er sich wohl. Seine Unterseite ist bläulich bis türkisfarben, die Kehle leuchtend gelb, Scheitel und Rücken sind rotbraun. Im Gesicht trägt er einen schwarzen Augenstreif, der ihm das Erscheinungsbild eines exotischen Räubers verleiht.

Auffällig dekorative Ornamente

Ähnlich hübsch, doch leider nur als Wintergast bei uns zu sehen, ist der Seidenschwanz. Er hat ein braungraues Gefieder, gelbe Flügelabzeichen, einen schwarzen Kinnfleck und wachsartige rote Hornplättchen auf den Schwingen.

Charles Darwin war der Ansicht, Vögel seien die ästhetischsten Tiere überhaupt. Damit steht er nicht allein. Angehörige verschiedener Naturvölker schmücken sich genauso mit Federn wie Trachtenträger unserer Breiten. Aber auch die Mode weiß, was sie an einem Prachtkleid hat. Im Lebenswerk Alexander McQueens spielen Federn eine tragende Rolle, in der hohen Schneiderkunst der Couture sowieso. Auch in der Sprache hat die Schönheit der Vögel Spuren hinterlassen. Gibt jemand die Verdienste eines anderen als seine eigenen aus, schmückt er sich mit fremden Federn. Kapriziöse Persönlichkeiten mit eigenwilliger Garderobe werden als Paradiesvögel bezeichnet. Wer übertrieben dünkelhaft auftritt, ist stolz wie ein Pfau.

Womit wir wieder bei Darwin wären, denn der zur Familie der Fasanenartigen zählende Arguspfau brachte das ganze Theoriegebäude des Forschers ins Wanken. Wie kann sich ein Vogel, der eine gut anderthalb Meter lange Schleppe mit auffällig schönen Ornamenten hinter sich herzieht, in der Natur behaupten? Wird er nicht von jedem Fressfeind sofort entdeckt? Warum fliegen unscheinbar gefärbte Weibchen auf so flamboyante Männchen?

Letztlich läuft alles auf die Frage hinaus, ob diese sexuelle Selektion nicht ein direkter Widerspruch zur auf Anpassung angelegten natürlichen Selektion ist. Bis heute diskutieren Biologen darüber. Definitive Antworten bleiben sie schuldig, interessante Erkenntnisse haben sie trotzdem zu bieten. So gibt es Vogelweibchen, die zwar adretter daherkommen als ihre Männchen, sich dafür aber gewisse Nachlässigkeiten erlauben. Die Familienplanung etwa ist für sie erledigt, sobald sie die Eier gelegt haben. Den Rest betrachten sie als Männersache. Andersherum gilt: Sieht ein Vogelmännchen besonders protzig aus, darf man davon ausgehen, dass es sich nicht um den Nachwuchs kümmert. Je ähnlicher das Männchen dem Weibchen ist, desto größer seine Hingabe bei der Jungenversorgung.

Schönheit als Kollateralbonus?

Aussehen und Betreuungsdrang sind also nicht voneinander zu trennen, und da die Optik eines Vogels an der Feder hängt, lohnt es, diesen Geniestreich der Natur genauer in Augenschein zu nehmen. Wie unsere Haare und Nägel besteht die Feder aus Keratin. Ein Singschwan bringt es auf mehr als 20.000 Stück, eine Meise auf immerhin rund 1000. Der überwiegende Teil des sichtbaren Kleids setzt sich aus Konturfedern zusammen. An ihrem Kiel entspringen filigrane Äste, von denen noch feinere Bogen- und Hakenstrahlen ausgehen. Sie greifen wie bei einem Reißverschluss ineinander und formen eine feste und zugleich elastische Fahne. Etliche solcher Federn überlagern sich an den Schwingen und bilden eine Tragfläche, die den Flug ermöglicht. Zwischen Feder und Haut liegt ein Bereich, in dem eingeschlossene Luft den Körper wärmt. Wie gut das klappt, kann jeder nachvollziehen, der es sich unter einer Daunendecke gemütlich macht.

Nach wie vor streiten Fachleute über die Entstehung der Feder – am liebsten mit Blick auf das berühmteste Fossil der Naturgeschichte: Archaeopteryx. Der Zoologe Josef H. Reichholf vertritt eine eigenwillige Theorie, die sich nicht auf den 150 Millionen Jahre alten Urvogel stützt, sondern auf den Stoffwechsel. Denn die Feder könnte sich als Mülldeponie gebildet haben, um überschüssiges Eiweiß beziehungsweise die darin vorhandenen Schwefelverbindungen einzulagern und während der Mauser loszuwerden.

Für diese These spricht, dass Vögel zahlreiche intakte Federn abwerfen. Zudem mausern sie genau dann, wenn sie besonders viel fressen, um sich für den Zug oder Winter zu wappnen. Mit anderen Worten: wenn sie über die Nahrung dringend gebrauchtes Fett, jedoch auch unnötiges Eiweiß aufnehmen, das für den Körper schädlich ist. Falls all dies zutrifft, ist die Sache mit der Schönheit lediglich ein nachträglicher Kollateralbonus.

Wie aber kommt sie zustande, die Schönheit? Unterschiedliche Pigmente – Melanine, Porphyrine und Carotinoide –verleihen der Feder ihr Aussehen. Ein Teil des Lichts wird von ihnen absorbiert, ein anderer von der im Gefieder eingelagerten Luft wie ein Prisma gebrochen, so dass Glanz-, Schiller- und Leuchteffekte entstehen. Die Federn einiger Paradiesvögel sind dagegen oft von mattem, geradezu tiefstem Schwarz. Das liegt, wie die Biologinnen Dakota McCoy und Teresa Feo kürzlich herausgefunden haben, an ihrer Struktur, die nicht einmal ein Zehntel so viel Licht reflektiert wie normale schwarze Federn. Unter dem Mikroskop ist zu erkennen, dass die Federstrahlen gezähnt oder gezackt sind. Fällt Licht auf diese Oberfläche, wird es geschluckt, weshalb benachbarte bunte Partien strahlender wirken. Manches Kolorit bleibt uns allerdings verborgen. Während Männchen und Weibchen der Blaumeise für uns fast gleich anmuten, nehmen die Vögel untereinander deutliche Kontraste zwischen den Geschlechtern wahr, da sie Ultraviolett als eigene Gefiederfarbe sehen können.

Eine Art Kulturgut

Die Erscheinung eines Vogels verdankt sich aber nicht nur seiner Farbe, sondern auch seiner Form, der Umgebung, ja selbst dem Wetter. So vermittelt ein Turmfalke, der es sich bei Sonnenschein auf einem Fenstersims im fünften Stock bequem gemacht hat, einen vollkommen anderen Eindruck als sein im Nieselregen über der Magerwiese jagender Artgenosse. Ein Gelbbrauen-Laubsänger, der rastlos durch das Geäst eines Baums huscht, nimmt ständig eine andere Gestalt an: Mal ist nur der weiße Bauch zu erkennen, dann zeigt der Vogel plötzlich seinen hellen Überaugenstreif. Die sekündlich wechselnde Form und die Flüchtigkeit jedes Manövers tragen entscheidend zur Faszination bei.

Oft fügen sich Vögel bestens in die Umwelt (Möwen am Meer, Spechte im Park, Sperlinge im Garten). Interessanter ist es jedoch, wenn sie sich von ihr abheben und als optischer Widerstand ins Auge fallen. Wer in Nordkalifornien Kolibris beobachtet, kann das erleben. Die Gegend ist spröder und schrundiger als der Süden des Bundesstaats. Statt strahlendem Licht trüber Dämmer. Fortwährend wehen Nebelschwaden übers Land. Eine kantenlose Welt, in welcher der Dunst die Konturen verwischt. Mit Glück lassen sich in den Sträuchern am Straßenrand indes Bewegungen ausmachen. Annakolibris nehmen dort ihre Mahlzeit ein. Sie pendeln von Blüte zu Blüte, beschreiben geschmeidige Bögen und tänzeln dann wieder geradezu zackig umeinander herum. Jeder von ihnen ein funkelnder Kontrapunkt zur elbischen, phantasmagorischen Landschaft. Die Kehle der Männchen strahlt für den Bruchteil einer Sekunde in irisierendem Rot, dann erscheinen die winzigen Hornlamellen wieder grünlich-grau. Ein Anblick, den man nicht vergisst.

Ebenso großartig ist der Gesang unserer Vögel. Da sie mit seiner Hilfe Partner anlocken und Reviere markieren, lässt sich seine Rolle gar nicht überschätzen. Gleichwohl gibt es Arten, die für sich selbst singen. So ist der Star ein polyglotter Alleskönner, der etliche Motive anderer Spezies und sogar Geräusche aus der Menschenwelt imitiert, um sie zu einer individuellen Komposition zusammenzumixen. Für uns ist der Vogelgesang in erster Linie schön. Wir nehmen ihn vor jeder Reflexion wahr und lassen uns in die von ihm erzeugte Stimmung fallen – nicht umsonst liegen „Stimmung“ und „Stimme“ etymologisch direkt beieinander. Manche Laute haben sich in unserem Bewusstsein längst von der Natur emanzipiert, um eine Art Kulturgut zu werden. Zum Beispiel ist der an ein hölzernes Blasinstrument erinnernde Gesang des Waldkauzes so oft in Horrorfilmen zu hören, dass der Schaudereffekt gleichsam zu seiner ästhetischen DNA gehört.

Meistersänger und verborgene Talente

Weil sich Tonfolgen jeder Semantik entziehen, verwenden wir häufig Metaphern und Vergleiche, um das Empfinden zu charakterisieren, das sie in uns auslösen. Peter Berthold, ehemaliger Leiter des Max-Planck-Instituts für Ornithologie, sagte einmal, die erste singende Kohlmeise im Jahr entfache bei ihm ein Gefühl, als öffneten sich die Himmelspforten. Dabei sind Meisen bodenständige Sänger. Die Besten der Besten gehören zu den Drosseln und Fliegenschnäppern. Eine weich und melancholisch zwitschernde Amsel ergreift den aufmerksamen Zuhörer genauso wie eine Singdrossel, die pointierte Kaskaden und sich wiederholende Lautfolgen abfeuert.

Als unangefochtene Kapazität in Sachen „avifaunistische Opernreife“ gilt die Nachtigall. Sie trillert, schmettert und gurgelt, mal singt sie selbstbewusst und keck, dann traurig und zart. Crescendoartige Flötenmotive beherrscht sie ebenso wie gereihte Doppeltöne. Aufgrund ihrer klagend-sehnsüchtigen Koloraturen sind Dichter und Musiker aller Epochen der Nachtigall verfallen. Sie findet Erwähnung bei Ovid und Shakespeare, John Keats und Percy Bysshe Shelley, Hans Christian Andersen und Theodor Storm.

Vögel bilden Laute im sogenannten Stimmkopf. Dort sitzen vier Membranen, die, in Schwingung gebracht, den Gesang produzieren. Dieser ist häufig so einzigartig, dass ähnliche Arten, etwa Fitis und Zilpzalp, oft am besten anhand der Stimme und nicht des Aussehens zu unterscheiden sind. Deswegen nannte der britische Journalist Simon Barnes eines seiner Bücher „Birdwatching With Your Eyes Closed“. Auch die Rufe vieler Singvögel sind verblüffend ausdifferenziert und werden dazu genutzt, sich über so unterschiedliche Dinge auszutauschen wie Feinde, Absichten oder Futtervorkommen. Und dann gibt es da noch die verborgenen Talente. Der Gimpel gibt in freier Natur ein behutsam vorgetragenes, ziemlich quietschendes, zuweilen regelrecht schräges Lied von sich. In menschlicher Obhut kann er dafür in kurzer Zeit lernen, Volkslieder zu pfeifen. Er korrigiert sogar Töne, die sein Lehrer nicht richtig getroffen hat, weil er intuitiv zu wissen scheint, wie ein Lied „korrekt“ klingen muss.

So gesehen, liegt der Philosoph und Komponist David Rothenberg nicht verkehrt, wenn er sagt, Vögel könnten Musik hervorbringen. Manche Ornithologen haben nicht einmal Halt davor gemacht, Vogellaute in Bestimmungsbüchern mit Hilfe der Notenschrift zu visualisieren. Die Großtrappen am Neusiedler See müssen allerdings als melodische Analphabeten bezeichnet werden. Sie geben kaum einen Mucks von sich. Das gilt auch für die Beobachter, die wie in Trance zu den Hähnen schauen. Dafür kristallisiert sich in den anschließenden Gesprächen ein Konsens heraus: Schönheit liegt hier nicht im Auge des Betrachters, sondern im Objekt der Betrachtung.

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Quelle: F.A.Z. Magazin
Autorenporträt / Spanke, Kai
Kai Spanke
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