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Gletscherschwund in den Alpen

Wenn steigende Temperaturen den Fels freilegen

Von Stephanie Geiger
Aktualisiert am 22.01.2020
 - 06:48
Auf dem Rückzug: Obwohl im vergangenen Winter extrem viel Schnee gefallen ist, schrumpft nach Erkenntnissen Schweizer Wissenschaftler auch der Rhonegletscher weiter.zur Bildergalerie
Die Fotografin Nomi Baumgartl dokumentiert die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gletscher. Es ist ein Rennen gegen die Zeit.

Schweiz, Graubünden, Bernina: „Festsaal der Alpen“, so wird die Bergwelt genannt, die sich um den Piz Bernina schart, den östlichsten Viertausender der Alpen, 4049 Meter hoch. Festsaal deshalb, weil hier alles versammelt ist, was man sich landläufig unter hohen Bergen vorstellt: steile Grate, schnee- und eisbedeckte Gipfel, mächtige Gletscher. Zumindest war das einmal so.

In fast 3000 Metern Höhe fegt an diesem Tag ein heftiger Sturm über die Grate. Von Temperaturen um minus 30 Grad lässt sich Nomi Baumgartl nicht beeindrucken. Sie fotografiert, was von den einst riesigen Eisflächen noch übrig ist: Die Nordostwand des Piz Roseg (3937 Meter), vor 50 Jahren noch eine einzige weiße Fläche, ist aufgrund des Gletscherschwunds heute sichtbar von Fels durchsetzt. Bergsteiger fürchten den massiven Steinschlag in der anspruchsvollen Eistour. Und am Biancograt, der sich zum Gipfel des Piz Bernina hinaufzieht, wird die Eisschneide immer steiler und schmaler und damit für Bergsteiger fordernder. Der Gletscherrückgang in den Alpen geht auch an ihrem Festsaal nicht spurlos vorüber.

Vergänglichkeit festhalten

Nomi Baumgartl, 69 Jahre alt, renommierte Fotografin mit Veröffentlichungen in „Time“, „Life“, „Vanity Fair“ und „Vogue“, für ihre Arbeiten vielfach ausgezeichnet, hatte schon vieles und viele vor der Kamera – Supermodels wie Kate Moss und Tatjana Patitz in New York wie auch Hunger, Krieg und Not in Afrika. Nomi Baumgartl porträtierte die Fotografenlegende Andreas Feininger, der ihr erst Vorbild und später enger Freund war, und sie hielt Papst Johannes Paul II. fest, wofür sich die sonst verschlossenen Türen des Vatikans für sie öffneten.

Ein schwerer Autounfall stellte ihr Leben dann auf den Kopf – und veränderte die Schwerpunkte ihrer Arbeit. Statt der so schillernden wie künstlichen Modewelt rückt Nomi Baumgartl heute die Folgen des Klimawandels in den Fokus. Besonders angetan haben es ihr, weil die Veränderungen dort besonders augenfällig sind, die Gletscher – zuerst in Grönland, wo der Gletscherschwund besonders rapide voranschreitet. Und seit vier Jahren dokumentiert Nomi Baumgartl nun auch die Veränderungen der Alpengletscher.

Bei der Weltpremiere des Films über das von ihr initiierte Grönland-Projekt „Stella Polaris – Das leuchtende Gedächtnis der Erde“ erlebte sie, dass junge Schauspieler in Los Angeles sie fragten, was es denn mit dem Klimawandel nun wirklich auf sich habe. Und als der Arktis-Film und die Fotos dazu in Deutschland gezeigt wurden, war Baumgartls Eindruck, dass die Menschen in Europa zwar eine Vorstellung vom Klimawandel haben, die globalen Zusammenhänge aber zwischen Grönland und Alpen nicht herstellen können. „Ich will zeigen, dass der Klimawandel vor unserer Haustüre sichtbar ist“, sagt sie über ihr aktuelles Kunstprojekt.

„Sterbebegleitung“ der kalten Riesen

Früher, Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, haben Bergmaler wie Edward Compton und Ernst Platz die mächtigen Vorstöße der Gletscher in ihren Bildern gezeigt und unser Bild der Alpen geprägt. Heute zeigen die Aufnahmen von Nomi Baumgartl, wie massiv der Temperaturanstieg den Alpen zugesetzt hat – wie weit die Gletscher sich in den von ihnen geformten Tälern zurückgezogen haben. Steigende Temperaturen legen den Fels frei wie Geier die Knochen eines erlegten Tiers. „Ich konnte bei meiner Arbeit in den vergangenen vier Jahren dem Gletscherrückgang förmlich zusehen und habe manchmal meinen Augen nicht getraut, in welch kurzen Zeiträumen vollkommen neue Bilder entstanden“, sagt Baumgartl. Sie beschreibt ihre Arbeit denn auch als „Sterbebegleitung“.

In Bayern, wo in den vergangenen 200 Jahren die Ausdehnung der Gletscher um mehr als drei Viertel zurückgegangen ist, wird es in naher Zukunft nur noch einen von derzeit fünf Gletschern geben – den Höllentalferner auf der Zugspitze. So geht es aus dem Bayerischen Gletscherbericht hervor. Auf den Zentimeter genau kann der Gletscherforscher Ludwig Braun sagen, wie sich der Temperaturanstieg und damit der Gletscherschwund zuletzt beschleunigt haben. Der gebürtige Schweizer hat bis zu seiner Pensionierung im Rahmen des Glaziologie-Projekts der Bayerischen Akademie der Wissenschaften den Vernagtferner im hinteren Ötztal vermessen. Von 1980 bis zum Jahr 2000 habe er pro Jahr im Mittel einen halben Meter in der Vertikale verloren. Seit 2000 seien es 80 Zentimeter jedes Jahr, sagt Braun. Den meisten Laien sagen bloße Zahlen wenig, das weiß auch Braun. „Um zu erkennen, was sich da verändert, müssen wir unsere Herzen der Natur zukehren“, sagt er. „Das schafft keine Wissenschaft, das schafft nur die Kunst.“ Deshalb unterstützt der Wissenschaftler Baumgartls Projekt als Botschafter.

Die Fotografin kommt vielleicht gerade noch rechtzeitig, um den rapiden Veränderungen ins Auge schauen zu können. Sie tut das nicht mit erhobenem Zeigefinger. Nomi Baumgartl hält den Status quo fest. Es sind keine anklagenden Fotos. Vielleicht gerade deshalb schafft sie es mit ihren Aufnahmen, ein Bewusstsein zu schaffen, das zum Nachdenken über den eigenen Fußabdruck führt.

Rennen gegen die Zeit

Schonungslos nah tritt sie dabei an das schmelzende Eis heran. Die Intimität verleiht den Aufnahmen eine besondere Ästhetik. Wassertropfen kullern wie Tränen vom Gletscher und suchen sich ihren Weg. Der Betrachter wird so nah herangeführt, dass der Anblick all jenen, die Alpengletscher noch als mächtige Eisriesen kannten, fast körperlich wehtut. Baumgartl zeigt aber auch die vergeblichen Versuche der Menschen, das Abschmelzen aufzuhalten, indem sie etwa Eisflächen mit großen weißen Planen abdecken. Sind es Leichentücher? Oder ist es nur ein Sichtschutz, um dem Unabwendbaren nicht ins Auge blicken zu müssen? Der Versuch, Gletschern ein längeres Leben zu verleihen, wird jedenfalls keinen Erfolg haben. Am Schneeferner, einem Gletscher unterhalb des Zugspitzgipfels, wurde die Abdeckung mit Planen schon vor fünf Jahren eingestellt. Es war chancenlos.

Nomi Baumgartl hat ihrem Kunstprojekt den Namen „EagleWings – Protecting the Alps“ gegeben und mit ihren Mitstreitern ein Rennen gegen die Zeit gestartet. Der neun Jahre alte Seeadler Victor, trainiert von dem französischen Falkner Jacques-Olivier Travers, ist dabei ihr Partner. Durch eine Spezialkamera, die zwischen seinen Flügeln befestigt ist, entstehen aus der Luft spektakuläre 360-Grad-Filmaufnahmen. Anfang Oktober flog Victor vom Piz Corvatsch in der Bernina, wenige Tage später zog er seine Kreise am Mont Blanc. Von der Aiguille du Midi flog er hinunter nach Chamonix. Auch an der Zugspitze, am Dachstein und an der Marmolada war er schon im Einsatz. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt steuert Satellitenbilder von den Überresten der Alpengletscher bei und begleitet das Projekt wissenschaftlich.

„EagleWings“ ist Baumgartl ein persönliches Anliegen. „Das Projekt ist mein Vermächtnis.“ Die Frage der Finanzierung war lange offen, Baumgartl kannte das von früheren Projekten. Sie hat sich nicht beirren lassen. Um ihrem Anliegen Aufmerksamkeit zu verschaffen, hat sie mit ihren Partnern und der Schweizer Uhrenmarke Chopard die „EagleWings“-Foundation gegründet. Das ist ein Anfang. Tausende Fotos hat Nomi Baumgartl schon gemacht, Millionen Menschen haben sie bereits gesehen, und doch liegt noch viel Arbeit vor ihr. Je mehr Veränderungen sie wahrnimmt, desto klarer wird für sie: „Wir müssen unseren Lebensstil ändern, dürfen uns nicht von der Natur getrennt sehen. Die Natur braucht uns nicht, aber wir sie.“

Dramatisches Abschmelzen
Gletscher ade!
Quelle: F.A.Z. Magazin
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