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Texte gegen Heimweh

Sage und schreibe

Von Christian Meure
 - 19:41
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Die Wölfe waren auch schon da. Ihre Spuren entdeckte Emese Möhrig-Marothi eines Morgens neben ihrem Haus am Ortsrand. Ein ganzes Rudel war hier wohl unterwegs. „Uns war das schon ziemlich unheimlich“, sagt Möhrig-Marothi. Andererseits: Besser hätten es die Tiere kaum treffen können. Denn das vogtländische Walddorf Kottenheide, in der deutschen Literaturgeschichte bislang nur als gelegentliche Zuflucht Reiner Kunzes zu düsteren DDR-Zeiten vermerkt, beherbergt in einem seiner drei Forsthäuser den womöglich emsigsten Sagensammler Deutschlands. Wie einst Jacob und Wilhelm Grimm, Ludwig Bechstein und Johann Karl August Musäus, durchwühlte Wolfgang Möhrig-Marothi jahrzehntelang Archive und befragte Gewährsleute. Allerdings nicht in Kottenheide, sondern in seiner Heimat Johanngeorgenstadt im Erzgebirge, 30 Kilometer entfernt.

Der Einundsiebzigjährige packt im Kachelofenzimmer sein vielbändiges Kompendium auf den Tisch. „Die traditionellen Volkskundler wissen gar nicht, dass sie mit Dynamit arbeiten“, sagt er. Für ihn sind seine Sagenschätze ein „Beleg der tiefen Dimension“, Hinweise auf Übersinnliches und Grenzwissenschaften. Aber sie seien aus Verwurzelung erwachsen – und nicht, wie Fantasy-Esoterik, querbeet aus germanischer Mythologie, keltischem Druidenkult und Elfen- und Engelskitsch.

Im Vorwort des ersten Bands bestimmt Möhrig-Marothi das Schürfgebiet seiner Sondierungen. Es sind „die Territorien folgender westerzgebirgischer Kammsiedlungen (die in der Vorkriegszeit insgesamt etwa 20.000 Einwohner zählten). Auf sächsischer Seite: Johanngeorgenstadt mit Wittigsthal, Jugel und Steinbach; Breitenbrunn mit Breitenhof und Halbmeile; Steinheidel-Erlabrunn; Jägerhaus; Sosa, Wildenthal und Carlsfeld; auf böhmischer Seite: Breitenbach, Platten und Hirschenstand.“

Mittel gegen Heimweh

Das Revier erschloss er sich auf einem Umweg. 1947 in Johanngeorgenstadt geboren und aus einer Fotogeschäfts-Familie stammend, wuchs er DDR-typisch auf. Nach der Mittleren Reife trat er 1964 in Aue eine zweijährige Lehre im Einzelhandel an, erwarb 1966 die Fachschulreife und machte während seiner Tätigkeit als Verkaufsstellenleiter in Eibenstock 1968 nebenher das Abitur. Bis 1975 studierte er Evangelische Theologie in Greifswald und Erfurt, dann stellte er einen Ausreiseantrag. Er konnte die DDR unbehelligt verlassen und siedelte sich in Nürnberg und Bamberg an.

Von 1977 an arbeitete er als Schriftsteller. Weil er so belesen war, setzten ihn Verlage auf Herausgebertätigkeiten an – eine Sammlung etwa von „Hexen-, Zauber- und Spukgeschichten aus dem Blocksberg“ des alten Leipziger Sagensammlers und Rübezahl-Promoters Johannes Praetorius. Außerdem brachte er ein Projekt auf den Weg, das ihm den Dank der Arno-Schmidt-Gemeinde sicherte: eine fünfzehnbändige Werkausgabe des Schmidt-Lieblingsautors Friedrich de la Motte-Fouqué. Fast genauso vielbändig war eine von ihm betreute Bechstein-Werkausgabe. Eine Neuauflage parapsychologischer Werke Justinus Kerners scheiterte mangels Subskribenten, eine Kollektion mit humoristischen Passagen aus dem Werk Sigmund Freuds lehnten die Verlage ab.

Gegen gelegentliches Heimweh im fränkischen Exil griff Möhrig-Marothi zu einem probaten Mittel: Er durchstöberte alle zugänglichen Chroniken, Kirchenbücher und Reisebeschreibungen zu Johanngeorgenstadt – bis zu Schriftstücken wie Christian Lehmanns „Historischem Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten in dem Meißnischen Ober-Ertzgebirge“ von 1699. Und er machte von seinem nunmehr bundesdeutschen Pass Gebrauch, besuchte erzgebirgische Heimatforscher, fuhr in die Tschechoslowakei, um im Grenzland lebende Sudetendeutsche wie den stellvertretenden Bürgermeister von Platten (Horní Blatná) volkskundlich zu befragen.

Nachforschungen zur Heimat

Das Ergebnis der Kleinarbeit, sein 1987 begonnenes und im vergangenen Jahr mit dem neunten Band abgeschlossenes Werk „Mirquidis Raunen“, wuchs sich zu einem lokalhistorischen Kolossalgemälde aus – Feldforschung zwischen Metaphysik und Moritatenleierkasten. Schon Georg Agricola, Gründervater der erzgebirgischen Bergbau-Theorie, hatte zu den „Lebewesen unter Tage“ selbstverständlich auch Grubengeister, Bergteufel und Kobolde gerechnet. Daneben spuken mit dem „Faust des Erzgebirges“, dem böhmischen Pater Hahn, dem Wunderdoktor Rölz und dem Räuberhauptmann „Stülpner-Karl“ überzeugende Volkshelden durch die regionale Fama.

Möhrig-Marothis Heimatstadt ist in dieser Hinsicht allerdings kein einfacher Ort. Wegen Stalins Wismut-Uranbergbau ist die unterwühlte Stadt zum Teil abgerissen oder im Wald verschwunden. Teile der früheren Einwohnerschaft zogen fort, dafür kamen Zuzügler aus der ganzen DDR. So lässt sich Möhrig-Marothis Bemühen auch als Versuch sehen, das heimatliche Selbstbild transzendental zu heilen. Dafür listen seine Broschüren nicht nur alle gängigen Belegstellen zu bekannten erzgebirgischen Sagenhelden auf, er ergänzt sie auch um viele zuvor gänzlich vergessene Figuren.

Einer Chronik des Pfarrers Engelschall von 1723 entnahm er beispielsweise den „grauen Mann“, der zunächst zwei Frauen erschien und schließlich „die Jungfrau Möckl verhexte“: „Sie klagte über Gliederschmerzen, krähte wie ein Hahn, hielt Zwiegespräche mit dem Teufel und stand auf dem Kopfe, ohne das ihr die Kleider herunterfielen.“ Das „Wundermädchen zu Johanngeorgenstadt“, die Schustertocher Friedericke Erdmuthe Reinhold, hatte Erscheinungen und kündigte ihre Himmelfahrt für den 11. Mai 1820 an; im letzten Moment wurde sie abgesagt.

Wie der Urgroßvater die Urgroßmutter ärgerte

Manche der Sagen kommen mit zwei Sätzen aus: „Eine Frau hat in ihrer Jugend in Johanngeorgenstadt den Drachen gesehen. In der Dämmerung zog er, feuersprühend, die Henneberger Gasse herab, bog in die Körnergasse ein und verschwand dort in der Esse eines Hauses.“ Manche sogar nur mit einem: „Auf dem Dachboden des 1863 neu errichteten Wittigsthaler Herrenhauses will man riesenhafte Gestalten, die Skat spielten, gesehen haben.“

Der „Johanngeorgenstädter Postkrieg“, der sich zutrug, „nachdem der Stadtrat die Ernennung von Postverwalter Heupel am 26. März 1708 verweigerte“, wird ebenso verewigt wie „Das schwere Sprengstoffverbrechen bei Steinbach am 14. April 1928“. Viele Titel gemahnen an Schauerballaden: „Das erfrorene Schulkind von 1667“, „Der Kindesmord auf dem Himmelfahrter Zechenhaus von 1725“, „Das erfrorene Mädchen bei der Roten Grube 1789“. Und notfalls erweist sich gar die eigene Familie als sagentauglich. „Wenn mein seliger Johanngeorgenstädter Urgroßvater meine selige Urgroßmutter ärgern wollte, dann pflegte er sein Jackett verkehrt – den Rücken nach vorn, die Knöpfe nach hinten – anzuziehen und in dieser unkonventionellen Kostümierung aus dem geöffneten Fenster auf die belebte Straße hinauszuschauen.“

Nicht geheuer waren dem örtlichen Volksglauben, den vier Jahrzehnte DDR-Sozialismus offenbar kaum tangiert hatten, Freimaurer, Spiritisten und Menschen mit bösem Blick. Viele Machenschaften, die ihnen seit der letzten Jahrhundertwende nachgesagt wurden, konnte Möhrig-Marothi noch im Volksmund finden. Der thematische Bogen reichte aber noch viel weiter – bis ins DDR-Ufo-Zeitalter.

Spuk in der Schule

Ein am 24. August 1994 interviewter Johanngeorgenstädter sah angeblich im Oktober 1980 „zwischen 21 und 22 Uhr von der Pachthausstraße aus ein großes Flugobjekt von Nordwest (Kaufhaus) nach Südost (Keilberg) fliegen“. „Das Flugobjekt war deutlich erkennbar und hell erleuchtet, vorn und hinten sowie an den beiden Tragflächen hatte es Positionslichter. Seltsamerweise waren aber keinerlei Motorengeräusche zu hören. Das Flugobjekt wurde von mehreren Johanngeorgenstädtern gesehen, so dass einige Wochen später auch ein Zeitungsartikel darüber erschien, angeblich soll es sich um eine Luftspiegelung aus Ägypten gehandelt haben.“

Als Epos gleich durch mehrere Bände zieht sich der "Spuk von Breitenbrunn" – ein Menetekel, das sich Ende Oktober 1949, gut drei Wochen nach Gründung der DDR, in der Eckstube von Olga Schuster in der alten Schule zugetragen haben soll. Möhrig-Marothi trieb ein Augenzeugen-Protokoll auf und befragte den Chronisten Gottfried Barthel selbst. Demzufolge soll es bei der älteren Frau zunächst an den Fenstern geklirrt haben, „als ob Erbsen dagegen geworfen würden“.

Am 27. Oktober 1949 bewegten sich Kommodenschubladen, Waschschüsseln mit Geschirr fielen herunter, einer Frau wurde eine Stuhllehne aus der Hand geschlagen. Chronist Barthel schreibt: „Der Frau Rimpler flog ein Nähkörbchen aus Drahtgeflecht um den Leib. Ein hinter dem Ofen hängender eiserner Tiegel löste sich von der Wand und kam auf Frau Nitzsche zu-geschwebt, traf sie auf die Schulter und im nächsten Augenblick ihre Tochter an das rechte Bein. Der Tiegel hing sodann wieder an der Wand.“

Kontakt nur über Briefe

Ähnliche Vorgänge, herumschwebende Hemden, Zinkwannen, Scheren und Küchenmesser, fanden angeblich nicht nur unter den Augen vieler Ortseinwohner, Gemeindeangestellter und der Bürgermeisterin statt, sondern auch vor der Volks- und Kriminalpolizei. In einer Ergänzung im zweiten Band heißt es: „Von Frau Barbara Kraus, wohnhaft in Johanngeorgenstadt und Breitenbrunn, erfuhr ich inzwischen noch, dass der Spuk in der alten Schule keineswegs erloschen sei, sondern in verminderter Stärke fortdauere, dies sei auch einer der Gründe gewesen, die 1989 ein junges Ehepaar zum Auszug bewogen hätten.“

Eine Erklärung liefert der dritte Band: „In jenem Haus soll einst ein Lehrer ein Kind erschlagen und vergraben haben.“ Das Spukhaus schaffte es in den siebziger Jahren sogar ins DDR-Fernsehen: In einem Kurzbeitrag der Kuriositätensendung „Außenseiter – Spitzenreiter“ wurden Passanten dazu befragt.

Auch Möhrig-Marothi hatte schon einen Auftritt im Fernsehen. Der MDR ließ im Abenddunkel um das Haus mitgebrachte Feuertöpfe lodern und erhoffte sich eine spontane Geisterstunde. Doch nichts liegt dem Privatgelehrten ferner als derartiger Rummel. In seinem verwinkelten Haus mit neun Bücherkammern lebt er ohne Fernseher, ohne Computer, sogar ohne Telefon. „Früher gab es hier im Ort noch eine Zelle, aber seit die von Münz- auf Kartenbetrieb umgestellt wurde, kann ich sie nicht mehr benutzen“, sagt er. Wer Kontakt mit ihm aufnehmen will, muss ihm einen Brief schreiben.

Der Nachschub fehlt

Alle Bände seines oft sprunghaft arrangierten Historien-Potpourris sind im Selbstverlag erschienen. Erst waren es broschierte Fotokopien. Mittlerweile scannt und digitalisiert ein Druckunternehmen in Markneukirchen die Typoskripte. Möhrig-Marothi wirbt mit Zeitungsinseraten. Ist eine Nachauflage fällig, kommt der Drucker zu Kaffee und Kuchen mit dem Karton vorbei. Immerhin hat Emese Möhrig-Marothi inzwischen einen Auswahlband für den regulären Buchhandel zusammengestellt.

Die Aktualität hat im Kottenheider Forsthaus dank reicher Korrespondenz trotzdem ihren Platz. So bekam die CDU-Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann von Möhrig-Marothi mehrmals Post, als sie sich für außerirdisches Leben und unidentifizierte Flugobjekte interessierte. Möhrig-Marothis Briefe an Connemann füllen einen kleinen Ordner. Getippt sind sie, wie alles andere, auf seinem kleinen Schreibmaschinenpark Marke Erika & Co.

Ihn als Kalendermann wie Johann Peter Hebel anzustellen hat sich Johanngeorgenstadt bislang leider nicht einfallen lassen. Als hinterwäldlerisches Idyll sollte man seinen Rückzug in die Einsiedelei trotzdem nicht sehen – eher als konsequente Gegenposition. Mit seiner Entscheidung, so zu leben wie Schriftsteller früher, wähnt sich Möhrig-Marothi auch existentiell tiefer verankert. Im Kampf gegen den Überlieferungsschwund weiß er seine imaginären Dämonen jedenfalls immer hinter sich. „Es ginge ja alles verloren, wenn man's nicht aufschriebe.“

Allerdings – der Johanngeorgenstädter Fundus scheint schon erschöpft. Und in seiner jetzigen Umgebung sitzt er etwas auf dem Trockenen. „Die nähere Umgebung hier“, sagt Wolfgang Möhrig-Marothi, „ist praktisch sagenfrei.“ Aber sicher nicht mehr lange.

Quelle: F.A.Z. Magazin
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