Bundesgartenschau in Erfurt

„Wir machen einfach auf“

Von Stefan Locke
22.04.2021
, 22:15
Es wurde gebaggert, planiert und gepflanzt: An diesem Freitag eröffnet in Erfurt die Bundesgartenschau. Trotz Pandemie soll es „keine spürbaren Einschränkungen der Besucherzahlen“ geben.

Erste Gartenfreunde schleichen bereits zwei Tage vor Eröffnung über das Gelände. Mit gezückten Handys halten sie den Baufortschritt fest und fotografieren das bunte Blumenmeer, das sich auf dem Petersberg hoch über den Dächern Erfurts ausbreitet. Anemonen, Tulpen und Stiefmütterchen, Ranunkeln, Veilchen und Hyazinthen recken ihre farblich wohlkomponierten Blüten in die Frühlingssonne. Dazwischen eilen Landschaftsgärtner mit Schubkarren umher, bringen Radlader Sand, um letzte Lücken zu füllen, und der Rasen, der muss natürlich auch noch mal gemäht werden. Ein halbes Dutzend Motormäher dröhnen, so dass man kaum sein eigenes Wort versteht.

Vor fast zehn Jahren bekam Erfurt den Zuschlag für diese Bundesgartenschau, und es ist auch hier wie überall bei Großprojekten: Gearbeitet wird bis zur letzten Sekunde vor dem Start. An diesem Freitag aber soll alles fertig sein, dann öffnet die Leistungsschau des deutschen Gartenbaus ein halbes Jahr lang ihre Tore.

Es wird freilich eine stille Eröffnung werden. Zwar ist die große Bühne aufgebaut, doch muss sie pandemiebedingt ihrer Nutzung harren. „Wir machen einfach auf“, sagt Christine Karpe, die seit Tagen Reporter über das Gelände führt. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) und Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD) werden Reden halten, und dann wollen Buga-Mitarbeiter den ersten Besuchern – in gebotenem Abstand – Blumen überreichen. Das Interesse an der Schau sei schon jetzt enorm, sagt Karpe. Mehr als 30.000 Dauerkarten seien bereits verkauft.

„All das bleibt für die nächsten Jahrzehnte“

Die Deutschen, ein Volk von Gärtnern und Kleingärtnern, genießen nicht nur den Anblick, sondern wollen sich vor allem Anregungen für die eigene Scholle holen. In Erfurt zeigen deshalb nicht nur Gärtner, sondern auch Landschaftsbauer, was sie draufhaben und was in Zeiten des Homeoffice, in denen das eigene Zuhause und auch der Garten an Bedeutung gewinnen, alles möglich ist.

Eine solche Schau ist nie ausschließlich der Gärtnerei gewidmet, sondern auch ein riesiges Infrastrukturprojekt. 180 Millionen Euro hatte Thüringens Landeshauptstadt dafür zur Verfügung. „Eine immense Summe“, sagt Oberbürgermeister Bausewein. „All das bleibt für die nächsten Jahrzehnte und gibt der Stadt ein dickes Plus an Lebensqualität.“

Erfurt hat nicht einfach auf der grünen Wiese eine Blumenschau errichtet, sondern drei Stadtteile entwickelt und aufgewertet. Darunter ist die Geraaue, ein Landschaftspark am Fluss Gera, der mit neuen Radwegen, Sport-, Spiel- und Grillplätzen sowie direkten Zugängen zum Wasser lebenswerter gestaltet wurde. „Davon profitieren täglich rund 70.000 Erfurterinnen und Erfurter, die im Norden der Stadt leben“, sagt Bausewein. „Die Geraaue ist das Geschenk der Buga an die Einwohner der Stadt.“

Die Buga selbst freilich konzentriert sich im Egapark, dem Hauptgelände, das in puncto Gartenschauen eine lange Tradition hat. Vor genau 60 Jahren wurde hier die Iga, die „Internationale Gartenbauausstellung der sozialistischen Länder“, eröffnet, an der in den folgenden Jahren auch kapitalistische Länder teilnehmen durften. Der 36 Hektar große Park mit Springbrunnen, Tropenhaus und Themengärten ist heute ein Flächendenkmal und zählt zu den bedeutendsten Zeugnissen der Gartenarchitektur der sechziger Jahre in Deutschland.

Sein Mittel- oder vielmehr Höhepunkt ist das mit 6000 Quadratmetern größte ornamental bepflanzte Blumenbeet Europas. Seit 1961 werden hier jeweils im Frühjahr und Sommer 150.000 Blumen nach wechselnden Themen arrangiert. Ursprüngliche Intention war es, den in Erfurt traditionsreichen Blumensamenbau zu präsentieren, und auch jetzt im Buga-Jahr stehen auf der Fläche zehn Gärtnereien im floralen Wettbewerb.

Die Buga-Macher knüpfen in Erfurt aber nicht nur an Bewährtes an, sondern stellen sich auch neuen Aufgaben durch den Klimawandel, der den Gartenbau unmittelbar beeinflusst. „Was blüht uns morgen?“, fragen etwa die Gestalter des 4000 Quadratmeter großen Staudenbeets, das mit Blick auf das sich verändernde Klima die Vielseitigkeit dieser Pflanzen zeigt. Angesichts der Herkunft der Stauden und Gräser aus dem Mittelmeerraum und von Prärie und Steppe dürfte manchem Hobbygärtner blümerant werden. Aber die Planer versprechen hier für den Herbst auch einen „Erfurter Indian Summer“ in besonders leuchtenden Farben.

„Nachhaltigkeit ist ein Schwerpunkt der Ausstellung“, sagt Christine Karpe und verweist auf den „Klimawald“, der aus 82 verschiedenen Baumsorten besteht, die gut gegen Hitze und Trockenheit gewappnet sind, die Staub und Stickoxide schlucken, Schatten spenden, für Kühlung sorgen und auch als Anregung für künftiges kommunales Stadtgrün gedacht sind. Zudem sollen 80 Prozent der gestalteten Areale erhalten bleiben, lediglich einige der Wettbewerbsflächen werden später wieder abgebaut.

Den Petersberg im Stadtzentrum wird man auch nach der Buga noch in neuem Gewand erleben können. Die Festungsanlage mit der einst größten romanischen Klosterkirche Thüringens fristete bislang ein Schattendasein und wurde im Rahmen der Buga dauerhaft neu gestaltet. Hier lässt sich eine Zeitreise durch verschiedene Gartenbau-Epochen machen. Streng geschnittene Bäume und akkurate Beete repräsentieren etwa den Barock-, teppichartige bunte Blumenanlagen einen Renaissance- und ein Mix aus Gemüse und Blumen den mittelalterlichen Klostergarten.

Im Festungsgraben schließlich, der über Treppen oder rasant über drei edelstählerne Rutschen zu erreichen ist, wird die Erfurter Gartenbaukultur gefeiert. Dem Erfurter Christian Reichart, einem Pionier oder vielmehr „Rocker“ des erwerbsmäßigen Gartenbaus, wie ihn Christine Karpe nennt, hatte die Stadt im 18.Jahrhundert viel zu verdanken. Die hier gezüchteten Blumen- und Gemüsesamen wurden in alle Welt exportiert, was Erfurt den Beinamen „Blumenstadt“ einbrachte. Nun sind die „Gartenschätze“ in traditionellen Anbauformen, also in Streifenfeldern oder kombinierten Blumen-, Kräuter- und Gemüsefeldern, zu erleben, darunter auch Sorten wie der Blumenkohl „Erfurter Zwerg“, die Buschbohne „Ruhm von Erfurt“, der Kopfsalat „Brauner Trotzkopf“ oder die Puffbohne „Beste Erfurter Volltragende“. Darüber hinaus wurde bereits im September Färberwaid ausgesät, eine blaufärbende Pflanze, die der Stadt einst Ruhm und Reichtum brachte.

Heute wäre die Stadt schon froh, könnte sie immerhin einen Teil der geplanten zwei Millionen Besucher auch empfangen. Vorerst wird der Eintritt nur mit Anmeldung und Zeitticket möglich sein. „Aber wir haben ein ausgeklügeltes Schutzkonzept entwickelt“, sagt Buga-Geschäftsführerin Kathrin Weiß. „So gibt es keine spürbaren Einschränkungen der Besucherzahlen.“ Das Gelände ist weitläufig, und die Macher hoffen spätestens im Sommer auch auf zahlreiche Gäste aus ganz Deutschland.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Locke, Stefan
Stefan Locke
Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot