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Porzellandesign

„Bloß keine Tafel im Einheitslook“

Von Stefanie von Wietersheim
 - 15:15
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Die Tochter einer Österreicherin und eines Franzosen hat mit einem neuen, spielerischen Stil die französische Porzellanszene revolutioniert. Die Mutter von sechs Kindern entwirft handbemalte Mix&Match-Kollektionen mit 64 Farben und stattet auch Yachten, Flugzeuge und Firmen mit individuell entworfenen Einzelgeschirren aus. Zu Interview und Mittagessen empfängt die Pariserin in ihrem Appartement-Showroom im 9. Arrondissement – und spricht in einer charmanten Mischung aus Französisch und österreichisch gefärbtem Deutsch.

Wie deckt die berühmteste Porzellandesignerin Frankreichs ihren eigenen Tisch?

Ich ziehe einen Tisch an wie mich selbst und überlege, worauf ich heute Lust habe: viel Schmuck, wenig Schmuck, Decke, Tischsets oder blanke Tafel? Ich habe natürlich mehrere eigene Geschirrkollektionen hier, aber auch geerbtes Porzellan, mit dem ich spielen kann wie mit meiner Garderobe. Ein Tisch kann sehr lässig aussehen oder sehr überraschend, aber er darf eines nie sein: Alles im gleichen Look! Man darf und muss brechen. Ich liebe es auch, wenn mir die Leute ihre geerbten Porzellane traditioneller Manufakturen mitbringen und wir sie mit neuen Tellern und Tassen von mir zusammenstellen. Wir geben ihnen ein neues Leben, mischen die Dekore. Es ist doch schön, sein familiäres Erbe zu bewahren. Bloß nicht wegwerfen!

Sind Sie immer so lässig, auch wenn viele Gäste kommen?

Gerade habe ich hier in meinem Appartement ein Essen für eine große französische Luxusfirma gegeben, da habe ich wie immer morgens geschaut, was der Blumenhändler hatte, und dann den Tisch intuitiv gedeckt. Und neulich war ich bei einer Londoner Designerin zu einer Präsentation und habe ad hoc einen Tisch gedeckt mit dem, was ich vor Ort gerade gefunden habe: nur ein paar gelbe Osterglocken und etwas Lorbeer. Ich mag es gar nicht, alles vorher steif zu planen. Ob man einen großen, (aber nicht zu großen!) Strauß als Zentrum des Tisches wählt, viele kleine Blumen in Becherchen stellt oder nur Blätter oder Zweige nimmt, das hängt von der Tageslaune ab. Tische müssen leben! Und das Leben spüren die Gäste!

Wie viele Teller braucht der Mensch?

Früher haben sich Paare bei der Hochzeit ein großes Service mit 24 Teilen von jedem Teller, jeder Suppenschale, Tasse und so weiter angeschafft, und die hatten sie bis zum Tod. Ultraklassisch und ultralangweilig. Nach zwanzig Einladungen konnte man es doch nicht mehr sehen, oder? Deswegen haben sich die Leute dann lustige bunte Keramik in Supermärkten oder bei Ikea gekauft, um sich mit dem Tisch zu amüsieren. Das große Porzellan blieb im Schrank und verstaubte.

Und was empfehlen Sie?

Man sollte wenige Stücke für acht oder zwölf Personen kaufen. Wenn Sie wollen, können Sie drei oder vier Dekore und Farben miteinander kombinieren, es sieht toll und immer anders aus: Streifen, Blumen, Tiere, Federn. Am wichtigsten sind große Teller als Basis, man braucht nicht mehr unbedingt doppelt so viele kleine Teller wie große, da es sich einbürgert, die Vorspeise als üppiges Fingerfood zum Aperitif zu nehmen. Sie können auch einen Becher als Trinkgefäß oder kleine Vase verwenden, ein Schälchen als Salzgefäß, Brotkorb, Sushiteller oder Messerbank decken. Lieber wenig, dafür gut. Über die Jahre sammeln. Sie können nicht jeden Tag Ihr Esszimmer umdekorieren, aber den Tisch schon.

Kaufen junge Paare denn heute überhaupt noch teures Geschirr?

Ja natürlich! Ebenso wie die Leute die Nase voll haben von Plastikspielzeug und industriellen Lebensmitteln, so sind sie von handgemachtem Geschirr fasziniert. Wir verkaufen rund um den Globus, das ist kein französisches Phänomen. Meine Kunden finden es ganz schön zu warten, bis ihr Geschirr hergestellt ist oder sie sich noch mehr Teile leisten können. Oft muss ich gar nicht die Frauen, sondern die Jungs bremsen, wenn sie zu uns kommen und sich ihr ganz individuelles Geschirr aus über 60 Farben und vielen Dekoren zusammenstellen.

Ist gemeinsames Essen von handgemaltem Porzellan nicht nur einer kleinen Elite vorbehalten? Wir bestellen uns doch Sushi per Internet und trinken Latte macchiato im Laufen?

Das gemeinsame Essen ist wichtiger denn je! Gute Speisen sind eine Therapie, und ein schöner Tisch umso mehr! Davon bin ich zutiefst überzeugt. Viele wollen heute in Qualität investieren, die andauert. Ich bin von der Wegwerfgesellschaft immer wieder schockiert. Dabei soll ein handgemachtes Porzellan nichts furchtbar Ernstes und Steifes sein, das im Schrank steht, sondern etwas, dass man jeden Tag benutzt, neue Teile dazu kauft, mit Farben und Formen spielt.

Sie laden Ihre besten sechs Freunde morgen zu einem Frühlingsdîner ein. Wie decken Sie den Tisch?

Viel Grünes! Und Gelb! Es gibt im Frühling nichts Schöneres als Zweige mit ihren Knospen und kleinen Blüten. Also gehe ich in den Garten – und zack – schneide einfach ein paar Zweige ab, vielleicht Blätter und Moos dazu. Kein großes Zentralbouquet am Tisch, sonst sieht man nichts. Wichtig ist, neben jeden Gast einen Fremden und einen Vertrauten zu setzen. Denn bei einer Einladung geht es doch darum, etwas Neues zu entdecken. Und wenn man bei einer Einladung die Türen des Esszimmers öffnet, müssen die Gäste „Wow!“ sagen, es muss märchenhaft, feenhaft sein. Ich bin keine Vertreterin des Minimalismus bei Tisch!

Gibt es einen besonders französischen Stil, den Tisch zu decken?

Den gibt es schon! Sie werden auf guten französischen Tischen häufig immer noch Silberbesteck sehen, schöne Gläser, die Gänge werden nacheinander von links serviert. Auf der Tafel steht als Basis vor jedem Gast ein großer Teller, dann kommt der kleine Teller mit der Vorspeise darauf. In Frankreich liegt die Gabel mit den Zinken anders als in Deutschland auf der Decke, das liegt daran, dass in Frankreich das Monogramm auf der Rückseite eingraviert ist. Für das Dessert deckt man nur eine Gabel, keinen Löffel, es sei denn, die Speise ist sehr flüssig. Früher hatte jeder Gast eine eigene Wasserkaraffe vor sich stehen, eine schöne Sitte! Sehr wichtig sind auch gute Kerzen.

Sie reisen für und mit Ihrem Porzellan um die Welt. Was für Geschirr kaufen Kunden in anderen Ländern?

Die Japaner lieben zarte Farben und Muster, wenn sie meine Sachen kaufen, das ist ihre Idee von Europa am Tisch. Die Deutschen mögen starke Farben, in New York verkaufe ich viel Schwarz und Grau, sehr zeitgenössische Designs. Wenn wir in die arabische Welt schauen, sehe ich oft getrennte Esszimmer für Frauen und Männer und dann noch Zimmer, in denen mit den Kindern gefrühstückt wird, und für alle drei Speisezimmer stelle ich dann unterschiedliche Geschirre zusammen. Ich liebe es, zu Kunden zu fahren und zu sehen, wie sie leben. Mit Porzellan tritt man in die Intimität einer Familie ein. Die großen Momente des Lebens werden beim Essen am Tisch begangen. Das ändert sich auch nicht in Zeiten, in denen viele Menschen Menüs im Internet bestellen. Wenn es wichtig wird, dann braucht man einen schönen Tisch.

Sie vergleichen Ihre Arbeit mit der Haute Couture: Was haben Mode und Porzellan gemeinsam?

Die Maßkollektion, das Handgemachte. So wie Jackie Kennedy sich von Jean-Louis Scherrer ihre Kleider auf den Leib schneidern ließ, so mache ich meinen Kunden Vorschläge, wie sie ihren Tisch anziehen können. Er wird dann so einzigartig sein wie ein Maßanzug. Das Porzellan geht übrigens wie auch das Interior Design stark mit der Mode, alles hängt zusammen. Ich arbeite mehr und mehr mit Inneneinrichtern, die heute auch das Porzellan in ihr Gesamtkonzept miteinbeziehen. Das war früher nicht so.

Was war der verrückteste Auftrag, den Sie jemals realisiert haben?

Sehr amüsant war ein Auftrag eines Schweizer Kunden, der ein Jagdhaus in Schottland gekauft hatte. Der Modemacher Paul Smith hat für ihn eigens einen Tartan entworfen und ich habe ein Geschirr dazu kreiert. Oder für einen Italiener, für dessen Picknickkorb ich sechs Teller mit Ansichten seines Schlosses zu entwerfen hatte. Er hat sich wirklich en detail damit beschäftigt. Die Großen dieser Welt wie Könige und Feldherren haben in der Geschichte unwahrscheinlich viel Zeit und Liebe in das Entwerfen ihrer Geschirre investiert, es war immer eine amüsante, aber mit Leidenschaft betriebene Spielerei.

Welcher war der eleganteste Tisch, den Sie jemals bei anderen Menschen gesehen haben?

Ich bin immer wieder tief beeindruckt von historischen Tischen, deren Kreateure und Auftraggeber wirklichen Mut bei der Gestaltung und der Kombination von Farben bewiesen in einer Zeit, in der man sich nach der Entdeckung der Rezeptur des Weißen Goldes in Sachsen in Europa zu übertrumpfen versuchte. Man sagt heute, Christian Lacroix mit seiner Kombination von Rot und Pink in der Mode sei mutig gewesen – das haben wir beim Porzellan alles schon lange! Eine Freiheit, knalliges Türkis zu wagen, gebrannte Erde, Rot und Rosa zusammen, Quietschgelb und Gold!

Und wenn Sie nicht Porzellandesignerin wären?

Würde ich Möbel entwerfen und Wände dekorieren. Trompe-l’œils malen, so wie im Landhaus meines Großvaters, der Salons mit wunderbaren bemalten Papieren hatte. Alles ist Malen.

Das Gespräch führte Stefanie von Wietersheim.

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Quelle: F.A.S.
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