Der Wandertipp

Jüdisches Erbe verpflichtet

Von Thomas Klein, Hemsbach
Aktualisiert am 05.11.2020
 - 20:56
Gut 1000 Gräber: Der jüdische Friedhof von Hemsbach.
Dunkle Vergangenheit und heiteres Landschaftsbild müssen sich nicht ausschließen. Den jüdischen Gedenkstätten in Hemsbach an der Bergstraße steht die herbstliche Farbenfreude von Weinbergen und Wäldern an der Bergstraße gegenüber.

Sie hießen Ludwig Mai, Jettchen Apfelbaum oder Selma Mayer. Drei von 22 Namen auf den in das Pflaster von Hemsbach an der Bergstraße eingelassenen Stolpersteine, mit denen der Künstler Gunter Demnig bundesweit an deportierte Juden erinnert. Auffallend ist hier der gleichlautende Zielort – das südfranzösische Lager Gurs, in das am 22. Oktober 1940 mehr als 6500 badische und saarpfälzische Juden verschleppt wurden. So sie die Fahrt- und Haftstrapazen überlebten, kamen sie später in den Vernichtungslagern um.

Es waren die letzten biographisch nachverfolgbaren Hemsbacher Juden, einer blühenden Gemeinde von gut 100 Mitgliedern im 19. Jahrhundert. Dass man sich ihrer erinnert, hat auch mit dem materiellen Erbe zu tun. So überdauerten der außergewöhnlich große Friedhof und die spätklassizistische Synagoge von 1847, diese aber nur, weil Anwohner während der Pogromnacht am 9. November 1938 ein Übergreifen der Flammen fürchteten. Die Ausstattung ging vollständig verloren.

Die Rettung der zunehmend ruinösen, lange zweckentfremdeten Synagoge verdankt sich der Zusammenarbeit von Kommune und einem privaten Förderkreis. Ihm obliegt es, das städtischerseits von 1984 an sanierte Gebäude, wobei auch Frauenempore und Mikwe wiederhergestellt wurden, als Gedenk- und Begegnungsstätte zu unterhalten.

Rothschild im toskanischen Stil

In normalen Zeiten gibt es Vorträge und Führungen, auch über den außerhalb angesiedelten Jüdischen Friedhof mit gut 1000 Gräbern. Durch die Hanglage ist er aber auch so gut einsehbar. Auf ganzer Länge begleitet ihn ein Fußweg, von oben, den jüngeren, teils aus Marmor bestehenden Steinen zu den ältesten, halb im Erdreich versunkenen. Das letzte Grab datiert vom 15. April 1941, die früheste Inschrift von 1682.

Überregionales Gewicht erlangte das Gräberfeld vor gut 300 Jahren mit der Aufwertung zum Verbandsfriedhof elf umliegender Gemeinden. Nun musste man nicht mehr nach Worms, mochte der Weg auch steil und beschwerlich sein. Unter den Toten sind bekannte Namen wie Oppenheimer und Mannheimer, nur Rothschild fehlt, obwohl ein Mitglied der weitverzweigten Finanzdynastie die augenfälligsten Spuren hinterließ.

Der 1788 in Frankfurt geborene und später in Neapel ansässige Carl Mayer Rothschild hatte 1839 die Blesen-Villa erworben und im toskanischen Stil samt Park schlossartig erweitert. Großzügig unterstützte er den Bau der Synagoge und half bedürftigen christlichen Kindern, wofür ihm Hemsbach die Ehrenbürgerschaft verlieh. Über den Tag hinaus bewahrt die Stadt sein Erbe, seit sie das Schloss 1925 kaufte und generalüberholt zum Rathaus machte.

Wegbeschreibung

Vom Hemsbacher Bahnhof gelangt man mit dem gelben Punkt und der Bachgasse in den historischen Kern. Abweichend berührt ein Schlenker durch Rück- und Schlossgasse das Rothschild-Schloss mit der Stadtverwaltung. Dort wie am Bahnhof gibt es Parkplätze. Weiter in der Schlossgasse findet die Quergasse zur Rückseite der Synagoge. Ein ungleichmäßiges Dreieck formend, bilden die barocke Pfarrkirche und das Alte Rathaus die Antipoden.

Ausgangs der Bachgasse wechseln wir über die ampelgeregelte Landstraße (B 3) in den Mühlweg und steigen etwa 100 Meter hinan bis zum Auftreten des gelben B; mit ihm links in die Weinberge. Das ist wie häufig an der Bergstraße ein kurzweiligeres Laufen als in reinen Reblagen. Ständig lösen Obstgewächse, Hecken und Bauminseln einander ab, belassen freilich noch viel Raum für changierende Panoramen der Rheinebene.

So geht es kurven- und abwechslungsreich bis knapp vor Laudenbach. Nach einer Rechtskehre steht man an der bergab weisenden Einfallstraße. Unten ragt der spitze Turm der Martin-Luther-Kirche auf. Per 400-Meter-Abstecher erreicht man den nicht nur wegen der bruchlosen Architektur von der Spät- bis zur Neugotik bemerkenswerten Bau. Eine Gedenktafel erinnert auch daran, dass dort der furchtlose Kämpfer gegen Hexenwahn und Folter, der reformierte Pfarrer Anton Praetorius, 15 Jahre bis zu seinem Tod 1613 wirkte.

Von der Ausgangsstelle an setzen wir die Tour unter anderem Vorzeichen fort – mit dem blauen Zinnenkranz des Burgenwegs rechts in den Wald (das zeitweilig mitlaufende grüne Dreieck ist zu vernachlässigen). Über Serpentinen gewinnt die Markierung an Höhe. Sie tritt nochmals vor die Bäume und führt links neben Reben entlang, um dann endgültig unter herrlichen Buchen zu entschwinden. Weiter oben biegen wir bald nach der Schutzhütte rechts ab für das finale Stück auf den Kreuzberg, eine kleine Wallfahrtsstätte, deren hohes, von gusseisernen Kreuzwegstationen umgebenes Kruzifix seit 1860 an eine 50 Jahre zuvor abgebrochene Pestkapelle erinnert.

Unterhalb heißt es links weiter und nach ausholendem Rechtsbogen gut einen Kilometer später einer Kreuzung entgegen. An der dortigen Hütte wird man rechts in einen holprigen Pfad zum Steinernen Gaul eingewiesen. Dahinter verbirgt sich ein mächtiger Granitblock inmitten ausgestreuter Felsbrocken. Bei etwas Phantasie mag die leicht eingetiefte Formgebung an Pferderücken erinnern, auffallend genug jedenfalls, den Trumm schon in karolingischer Zeit als Grenzmarker zu nutzen.

Weiter abwärts sind Steine zu umkurven, bis man an naturgeschütztem Offenland herauskommt. Über das Sträßchen kann links für das 400 Meter entfernte Restaurant Watzenhof die Hauptroute verlassen werden. Ansonsten rechts und links zum etwas verloren stehenden neugotischen Waldnerturm, niedrig zwar, doch für Sichtschneisen ins Weschnitztal und gen Donnersberg gut plaziert. Mit dem abermaligen Waldeintritt stellen wir uns auf einen Wechsel rechts zum gelben Punkt ein. Schwungvoll geleitet er abwärts bis Hemsbach, nicht ohne den Jüdischen Friedhof zu berühren.

Irritierenderweise zeigt das Zeichen kurz davor scheinbar geradeaus; hier aber links und gleich halbrechts in den etwas verdeckten Pfad entlang des Zaunes. Der Weg mündet in einen Parkplatz, wonach er an der Gartenseite von Eigenheimen seine Fortsetzung findet und in eine Straße übergeht, die vor der bekannten Kreuzung zur Bachgasse endet. Sie weist direkt zum Bahnhof.

Daten

Länge: 12 km
Höhenmeter: 280
Karte: Bergstraße-Weschnitztal (Blatt 8), Maßstab 1:20 000, Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald

Anfahrt

Über die A 5 bis Anschlussstelle Hemsbach. – Öffentliche Verkehrsmittel: stündliche Bahndirektverbindung ab Frankfurt.

Sehenswert

Vorbildgebend bewahrt Hemsbach sein jüdisches Erbe. Hierzu zählen die Synagoge von 1847, zu der auch Mikwe und Schule gehörten, die in den achtziger Jahren restauriert wurde und seither ein Förderkreis unterhält, sowie der Verbandsfriedhof von elf Gemeinden. Er blieb auch nach der letzten Beerdigung 1941 unberührt. Auch mit dem neben der barocken Pfarrkirche und dem Alten Rathaus bedeutendsten Bauwerk, dem seit 1928 als Rathaus genutzten Schloss, verbindet sich ein jüdischer Name: Carl Mayer Rothschild. Er hatte 1839 ein Villenanwesen erworben und im toskanischen Stil samt Park schlossartig erweitert. Nicht zuletzt von geistesgeschichtlicher Bedeutung ist die Martin-Luther-Kirche in Laudenbach. In dem spätgotischen, später erweiterten Gotteshaus wirkte der reformierte Pfarrer Anton Praetorius bis zu seinem Tod 1613. Er bekämpfte Hexenverfolgung, Folter und Prozesswillkür.

Einkehren

Restaurant Watzenhof (montags und dienstags Ruhetage; werktags erst abends) – coronabedingt aktuell nur Außer-Haus-Verkauf.

Quelle: F.A.Z.
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