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Lanzarote feiert Manrique

Zeit für die Insel

Von Jörg Hahn
 - 17:50
1991 legte der spanische Architekt Cesar Manrique den Kaktus-Garten auf Lanzarote an.zur Bildergalerie

Wie ein schlechter Witz mutet es an, dass schräg gegenüber von César Manriques letztem Wohnhaus in der Lanzarote-Gemeinde Haría eine jener aufgegebenen Baustellen liegt, mit einem verfallenden Rohbau, die er zeitlebens bekämpft hat. Und gegen die seine Stiftung nach wie vor protestiert und prozessiert.

Das Jahr 2019 steht auf der Kanaren-Insel ganz im Zeichen des vor 100 Jahren geborenen Künstlers, Architekten und Umweltaktivisten, dessen Worte auch mehr als zweieinhalb Jahrzehnte nach seinem Unfalltod im September 1992 aktuell sind. „Wann endlich wird sich der Mensch seiner selbstmörderischen, rentablen, aber tödlichen Plumpheit bewusst werden?“, schrieb Manrique in den achtziger Jahren. „In seinem maßlosen Stolz hat er ein System hinfälliger Werte geschaffen, das einzig dazu gedient hat, sein eigenes System zu zerstören.“

Ein Schwarzweißfoto aus jener Zeit zeigt ihn, fast 70 Jahre alt, mit Megafon in der Hand an einem Strand, den er gegen Boden- und Bauspekulation verteidigt. „Tod Lanzarotes“, „Beton-Barbarei“ oder „Mörder der Insel“ – solche Schlagzeilen hat er provoziert, um aufzurütteln. Sehr viel später, nach seinem Tod, hat die Stiftung ein „Manifest der Nachhaltigkeit“ verfasst. Sostenibilidady also Nachhaltigkeit, war sicher kein Wort aus Manriques Wortschatz, er formulierte nie bürokratisch, sondern immer mitreißend empathisch.

Ein unübersehbares Erbe

„Wir, die wir hier geboren sind, kennen deine magischen Kräfte, deine Weisheit, deine Vulkanologie, deine revolutionäre Ästhetik; wir, die wir gekämpft haben, um dich aus deiner geschichtlichen Vergessenheit und der dich immer kennzeichnenden Armut zu retten, zittern heute ob der Feststellung, wie sie dich zerstören und vermassen; und wir begreifen, wie wichtig unsere Proteste und Hilferufe sind, angesichts der Raffgier der Spekulanten und der Tatenlosigkeit der Behörden, die zulassen, dass die Insel, die eine der berühmtesten und schönsten der Erde sein könnte, unwiderruflich zerstört wird.“

Die Wahrheit ist, dass Manriques „verbissener Kampf“, so sah er ihn selbst, nicht vergeblich war. Seit 1974 schon ist das Timanfaya-Gebiet, das Zentrum der Vulkanausbrüche von 1730 bis 1736, ein geschützter Nationalpark. 1993 wurde ganz Lanzarote zum Biosphärenreservat erklärt. Was mit dem bis heute wirksamen Einsatz des Künstlers gegen große Werbetafeln in der Landschaft begann und was sich mit seinen Geboten für „intelligenten Tourismus“ fortsetzte, ermöglicht im 21. Jahrhundert ein Insel-Erlebnis fast ohne Hotel-Hochhäuser (Ausnahme: das Grand-Hotel in Arrecife) und andere Schreckensbilder des globalen Reisens. Die Insel ist erstaunlich sauber, wenngleich der sorglose Umgang mit Plastik und die Verschwendung von Wasser verstörend wirken. Hier hat die Stiftung noch gut zu tun.

An Manriques Vermächtnis kommt man nicht vorbei. Wahrzeichen wie das Monumento del Campesino sind unübersehbar. Und sein erstes Haus bei Tahiche, jetzt Sitz der 1982 von ihm gegründeten Stiftung, ist allein wegen seiner Architektur, die auf spektakuläre Weise fünf Lavablasen einbezogen hat, eine Attraktion. Viele Politiker und Prominente waren hier zu Gast – also auch Boulevard-Fotografen, die Höhlen, Pool, Tanzfläche und Sitzecken so inszenierten, wie man sich in den siebziger Jahren ein Jet-Set-Leben vorstellte. So trug Manrique zum Interesse der Touristen an Lanzarote bei. Wie er die Heimat in seinen ersten künstlerischen Jahren sah, kann man nun wiederentdecken: In Tahiche ist eine über Jahre mühevoll restaurierte Wandmalerei zu sehen, die Manrique im Herbst 1953 für den ersten Flughafen geschaffen hatte.

Zwei Umwelt-Ikonen in einer Ausstellung

Näher als im stark umgebauten Anwesen bei Tahiche kommt man seiner Persönlichkeit in seinem Wohnhaus und seinem Atelier in Haría, die nach seinem Tod kaum verändert wurden. Seine Sammlungen von eigenen und fremden Bildern, von Skulpturen, Masken, Kleidung, Alltagsgegenständen, sein Architekturkonzept, seine Lebenseinstellung – all das führen die Räume im Palmental in Haría vor Augen.

Trotz des Studiums in Madrid und erfolgreicher Künstlerjahre in New York blieb er immer ein Kind Lanzarotes, „einer Insel für Meditation und Beschaulichkeit“, wie er schrieb. „Der direkte Kontakt mit dem verbrannten Magma von Timanfaya erzeugt eine Unruhe der vollkommenen Freiheit. Man verspürt die seltsame Empfindung einer Vorahnung von Zeit und Raum.“ Manrique zog seine Lebensenergie aus dieser kargen Insel, in deren dunkler Asche es jedes Leben schwer hat.

Malerei, Bildhauerei, Architektur, Musik, Gartenkunst, Ökologie und Ökonomie – all das hat Manrique beschäftigt. Noch bis zum Jahresende zeigen Ausstellungen, Tagungen und Konzerte diese Vielfalt. Eine Ausstellung in der Casa Amarilla in der Inselhauptstadt Arrecife schlägt einen Bogen von Manrique zu Greta Thunberg, der Umwelt-Ikone von heute. „Wir sind Zeugen eines historischen Augenblicks, und die riesige Gefahr der Zerstörung der Umwelt ist heute so offensichtlich, dass wir im Hinblick auf die Zukunft eine neue Verantwortung zu übernehmen haben.“ Ein Satz, der auch von Greta stammen könnte. Wie andere auch: „Bis heute hat der Mensch die Natur in plumper Weise beherrscht und vergewaltigt; aber die Folgen dieses irrationalen Missbrauchs können nicht mehr weiter fortgesetzt werden, weil das Überleben der Menschen auf dem Spiel steht.“

Manrique wollte den Menschen die Augen öffnen

Das Erinnerungsjahr hat viele Aspekte seines Werks offengelegt. Kaum jemand bleibt an den Orten, die der Künstler und Baumeister erschaffen hat, unbeeindruckt – am Mirador del Rio, einem großartigen Ausguck auf die nördliche Nachbarinsel La Graciosa, im Kakteengarten oder im Kulturzentrum El Almacén in Arrecife. Kubische Bauten, weiß gekalkte Mauern, grün gestrichenes Holz prägen die Dörfer, deren Seitenstraßen oft noch unbefestigt und staubig sind wie eh und je. Trotzdem: Bei rund 140.000 Einwohnern stehen etwa 100.000 Gästebetten bereit. Immerhin rund drei Millionen Urlauber kommen im Jahr auf die Insel.

César Manrique hat von sich gesagt, er habe Schönheit auch dort erkannt, wo andere Menschen nichts gesehen oder gespürt hätten. „Die Natur hat mir großzügig gegeben, was andere weder sahen noch verstanden.“ Also musste er den anderen die Augen öffnen. Daraus hat sich etwas entwickelt, was er vielleicht ohne Ironie als Corporate Identity Lanzarotes bezeichnet hätte: Sein Markenzeichen für die Insel, eine Sonne mit einem schwarzen Kern, findet sich längst auch auf Mietautos. Er war, neben allen anderen Betätigungen, auch ein PR-Experte, in eigener Sache und im Interesse der Insel.

Wie es die Insel von der Heimat armer Fischer und Bauern zum festen Teil des globalen Tourismus geschafft und dennoch als Naturereignis überlebt hat, das ist die spannende Geschichte, die im Jahr des hundertsten Geburtstags des Optimisten und Utopisten nun neu erzählt wird. Als Lehrstück, das weit über Lanzarote hinausreicht.

Quelle: F.A.Z. Magazin
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