Zwergwerk

Von STEFAN LOCKE und DANIEL PILAR (Fotos)

03.06.2019 · Meißner Porzellan wurde als Weißes Gold berühmt. Der Rohstoff dafür wird im kleinsten Bergwerk Deutschlands gefördert.

D ie Fahrt geht vom Elbtal hinter Meißen hinauf auf eine Hochebene. Staub wirbelt auf und legt sich auf frühjahrsfrisch grüne Wiesen und blühende Obstbäume. Kurz vor dem Dorf Seilitz biegt ein Weg ab in eine Senke, und bald steht man vor einem vergitterten Tor. Kein Schild, kein Förderturm und keine Grube weisen auf das Geheimnis dieses Orts hin. Fast scheint es, als müsste es auch heute noch bestens gehütet werden, wie vor 300 Jahren. Nur ein Berg weißer Erde, der sich unter einem freistehenden Dach erhebt, kündet von dem Schatz, der hier abgebaut wird. Dahinter liegt zwischen Bäumen ein in die Jahre gekommenes Wohnhaus.

Aus der knarrenden Tür tritt ein großer Mann mit Grubenhelm, im weißen Arbeitsanzug. „Glückauf und guten Morgen!“ Willkommen im Erdenwerk Seilitz, der exklusiven Rohstoffquelle der Porzellanmanufaktur Meißen – Deutschlands kleinstem und Europas ältestem noch in Betrieb befindlichen Bergwerk.

Zurückgekehrt: Steiger Andreas Kawka

Andreas Kawka, der Mann in Weiß, ist Steiger, bergmännisch für Vorarbeiter. Er stellt eine Hälfte des Personals in diesem Bergwerk. Das Team vervollständigt sein Mitarbeiter Steffen Gottschling, er ist Hauer. Wenn sie nicht gerade in der Manufaktur in Meißen aushelfen, nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt, was immer wieder mal vorkommt, fördern die beiden Kumpel hier Tag für Tag das für die Herstellung des Porzellans begehrte Kaolin, das etwa 18 Meter unter der Erde verborgen liegt.

Die Männer erreichen ihren Arbeitsplatz von oben über eine Eisenleiter oder durch einen direkten Zugang über die vierte Sohle des Bergwerks. Sie gehen dafür aus dem Wohnhaus, das ihnen als Büro-, Umzugs-, Pausen- und Lagerraum dient, einmal quer über die Wiese. Von dort führt ein Stollen zur fünften Sohle, auf der die Bergleute nun schon seit vielen Jahren arbeiten. Das ist der tiefste Punkt, an dem hier noch Kaolin zu finden ist, das auch verwendet werden kann.

„Es ist ein einzigartiges Vorkommen“, sagt Kawka, während er gebückt durch den Stollen zu seinem Arbeitsplatz läuft. Die Gänge sind nur gut 1,80 Meter hoch und Meter für Meter mit Holz bewehrt. Je zwei senkrechte Stämme bilden zusammen mit einem darauf liegenden dritten einen Türstock, einige biegen sich bedrohlich, das Holz ächzt unter der Last, die darüber liegt.

Das Holz haben die Männer und ihre Vorgänger persönlich heruntergetragen und eingezogen. So haben sie den Stollen Meter für Meter nach alter Bergbau-Tradition ausgebaut. Und weil das Holz dem feuchten Klima nicht lange standhält, müssen sie die Türstöcke immer wieder erneuern. Oft schon sei erwogen worden, das Kaolin aus Kostengründen einfach aus einer der zahlreichen deutschen Großlagerstätten zu beziehen, sagt Kawka. „Aber die Reinheit hier ist unübertroffen.“


„Es ist ein einzigartiges Vorkommen“ ... „die Reinheit hier ist unübertroffen.“
Andreas Kawka, Vorarbeiter

Abgebaut: Bergmann Steffen Gottschling (rechts) und Meister Andreas Kawka ziehen alte Holzstützen aus der Grube, um einen Hohlraum kontrolliert einstürzen zu lassen.

Anders als andere Porzellane hat das Meißner keinen Gelb-, Grau- oder Blaustich. Deshalb leistet sich die Manufaktur bis heute ihr eigenes Bergwerk. Die Handarbeit, in der das Porzellan nach wie vor hergestellt wird, beginnt in Meißen schon bei der Rohstoff-Förderung.

Der Legende nach ist es einem Zufall zu verdanken, dass die Lagerstätte überhaupt entdeckt wurde. Tatsächlich bezog die Manufaktur unmittelbar nach ihrer von Sachsen-Kurfürst und Polen-König August dem Starken dekretierten Gründung im Jahr 1710 das Kaolin noch aus dem Erzgebirge. Erst gut 50 Jahre später soll ein Mitarbeiter der Manufaktur beim Pflügen daheim weiße Spuren in der Erde entdeckt haben. Es war die Geburtsstunde des Seilitzer Bergbaus. Seit 1764 wird hier ununterbrochen Kaolin ausschließlich für Meißen gefördert. In den ersten Jahren sei das noch im Tagebau geschehen, erzählt Andreas Kawka. Doch unter Regen und Schmutz litt der Weißheitsgrad des Kaolins so stark, dass man von 1825 an zum Tiefbau überging. Seitdem haben die Bergmänner je Sohle bis zu 300 Meter aufgefahren.

Ein steter Luftzug bringt Frischluft unter Tage, die Temperatur auf Sohle fünf liegt jetzt im Frühjahr bei etwa fünf Grad, im Sommer kann es hier unten bis zu 15 Grad warm – und vor allem feucht – werden. „Schwitzen ist dann gar kein Ausdruck“, sagt Kawka. Anders als in Kohle- oder Erzbergwerken wirkt die Umgebung erstaunlich hell, weil Decke und Wände, ja selbst der Boden weiß sind. Das künstliche Licht schlucken sie nicht, sondern werfen es zurück. Kawka und Gottschling haben jeweils einen eigenen Abbauplatz, vor ihnen die weiße Wand, hinter ihnen der Stollen. Zu ihrem Gezähe, dem Werkzeug, zählen Spitzhacke, Schaufel und Bohrhammer.

Kawka setzt den Bohrhammer in Schulterhöhe an. Das Gerät frisst sich ratternd in das bisweilen butterweiche Gestein, das in lehmartigen Klumpen herunterfällt oder an trockeneren Stellen aus dem Berg krümelt. Staub gibt es nicht, im Gegenteil. „Mir als Pollenallergiker bekommt die Arbeit gerade im Frühjahr gut“, sagt Kawka. „Wenn ich hier unten bin, sind die Symptome sofort weg.“
Immer wieder stoßen die Männer beim Vortrieb auch auf gelbe oder ockerfarbene Adern. Die bauen sie mit ab, kippen sie aber später auf die Halde. Beides, Abraum und nutzbares Kaolin, muss erst mal aus dem Berg, und auch das ist, man ahnt es, reine Handarbeit.

D er Begriff Kaolin stammt aus China, wo schon vor 3000 Jahren Porzellan hergestellt wurde. Weißerde oder Weißton hieß der Rohstoff dagegen, als Johann Friedrich Böttger und Ehrenfried Walther von Tschirnhaus Anfang des 18. Jahrhunderts in Dresden im Auftrag Augusts des Starken damit experimentierten. Gold sollten sie herstellen, hatte der Kurfürst gefordert. Doch heraus kam 1708 durch Zufall Europas erstes Hartporzellan. Zwei Jahre später wurde auf der Albrechtsburg in Meißen die Manufaktur gegründet, die nun das „Weiße Gold“ herstellte, das zum Exportschlager wurde und Sachsens Herrschern zumindest damals zuverlässig hohe Einnahmen bescherte. Noch im gleichen Jahrhundert setzte sich dann Kaolin als Bezeichnung für den Rohstoff durch, abgeleitet vom fernöstlichen Gaoling, dem Ort, an dem zuerst die weiße Erde für das chinesische Porzellan gefunden wurde.

Geschafft: Gottschling schiebt den Wagen auf die Halde vor der Grube.
Entleert: Der Hunt wird über der Halde entladen.
Gelagert: Einmal im Jahr bringen Lastwagen das Kaolin in die Manufaktur.

Andreas Kawka schaufelt das gelöste Kaolin in den Hunt, der hinter ihm bereitsteht. Heute ist der Förderwagen, der bis zu 240 Kilogramm fasst, luftbereift und aus Aluminium. Aber wie vor 300 Jahren schiebt Kawka den Hunt mit Muskelkraft durch den verzweigten Stollen zum Ausgang. Immerhin kann er ihn am Ende des Stollens in einem Lastenaufzug parken, der das Kaolin ans Tageslicht bringt. Die Bergleute selbst müssen dagegen die Leiter nehmen, der Aufzug ist nicht für Personen – und Vorschrift ist nun mal Vorschrift.


„Immer mal wieder stoßen wir auf riesengroße Felsbrocken, da haben wir mit unseren Elektrohämmern keine Chance und müssen drumrum fahren.“
Andreas Kawka, Vorarbeiter

Oben ziehen sie ihre Wagen aus dem Aufzug und schieben sie über einen schmalen Damm nach links zur Abraumhalde oder nach rechts unter das Dach, wo der weiße Kaolin-Berg wächst. Etwa zehn Hunte schaffen sie täglich aus dem Berg, gut zwei Tonnen Material, rund die Hälfte davon Abraum. Chemisch gesehen ist Kaolin ein Verwitterungsprodukt des Quarzporphyrs, die Lagerstätte entstand vor 100 Millionen Jahren im Tertiär. Als sich das über der Gegend liegende Meer zurückzog, hätte das Wasser das Kaolin eigentlich ausspülen müssen, doch blieb es durch umliegende Gesteinsschichten ausgerechnet hier erhalten.

„Es ist eine Primärlagerstätte, die auch in der Eiszeit nicht umgelagert wurde, erklärt Kawka. Dadurch blieb die Reinheit erhalten, aber auch nicht verwitterter Quarzporphyr. „Immer mal wieder stoßen wir auf riesengroße Felsbrocken, da haben wir mit unseren Elektrohämmern keine Chance und müssen drumrum fahren.“

Kawka kann das alles genau erklären, er hat Bergbau studiert, obwohl das nicht geplant war. 1984 ging er im thüringischen Ronneburg bei der Wismut in die Bergmannslehre. Er hat Uran gefördert für sowjetische Kernkraftwerke und für Atomwaffen. Als Bergmann verdiente er im Arbeiter- und Bauernstaat viel besser als Kollegen mit Studium. Dann kam die friedliche Revolution, und die Verhältnisse kehrten sich um. Während die Wismut abgewickelt wurde und viele Kumpel zur Ruhrkohle AG wechselten, ging Kawka zum Studium an die Bergakademie Freiberg und arbeitete danach in Kaligruben in Sachsen-Anhalt. „Ich habe lange darauf spekuliert, nach Seilitz zu kommen“, sagt er. „Ich wollte zurück in die Heimat, wieder in einem typischen Bergbau arbeiten.“ Andreas Kawka ist viel herumgekommen, er hat gesehen, wie große Gruben heute gefahren werden. „Da sitzt ein Mann am Monitor und steuert drei selbstfahrende Riesenlader. Das ist nichts für mich.“

Vor sieben Jahren kam die Chance: Der Seilitzer Steiger ging in Rente, die Manufaktur suchte Ersatz, auf die Ausschreibung bewarben sich Hunderte Bergleute aus dem Ruhrpott wie aus dem Ausland. Kawka, heute 52 Jahre alt, hatte Glück. Im Kaolinbergbau kehrt er zu seinen Ursprüngen zurück. „Die ganze Optik, das Holz, der Stollen, erinnert mich sehr an die Zeit bei der Wismut.“ Eine Spitzhacke „mit vielen Grüßen von der Wismut“ hängt in seinem Büro.


„Vom Kohlenpott aus Essen zum Porzellanpott nach Meißen!“
Andreas Kawka, Vorarbeiter

Abgeschöpft: Aus den Schlämmbecken holt die Porzellanmanufaktur Meißen nur feinste Kaolin-Partikel.

Steffen Gottschling, der Hauer, wies ihn unter Tage ein. Er arbeitet hier schon seit mehr als 30 Jahren und hat noch die dritte und vierte Sohle mit abgebaut. Früher seien sie mal vier Leute gewesen, erzählt er. Seit den neunziger Jahren fahren sie das Bergwerk zu zweit. Ein Mann allein darf nicht unter Tage, zwei Kumpel sind das Minimum. Um 6.45 Uhr beginnt ihre Schicht, sie hören sich gegenseitig arbeiten, und nur, wenn mal lange Ruhe ist, rufen sie sich: „Steffen?“ – „Andreas?“ Passiert sei bisher nie etwas Ernsthaftes, sagt Gottschling. Nur ein Bandscheibenvorfall war mal schwierig, weil der Bergmann nicht mehr zu transportieren war.

Die Sicherheitsübungen halten sie natürlich ein, das Bundesberggesetz unterscheidet nicht zwischen Gruben mit zwei oder 500 Kumpeln. Täglich mit Schichtende um 15.15 Uhr rufen sie in der Manufaktur an, dass sie aus dem Berg raus sind, sonst wird sofort die Grubenwehr alarmiert, die mehr Mitarbeiter hat als das Bergwerk selbst. Kawka und Gottschling wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können, sie verbringen ja auch ihre Frühstücks-, Mittags- und Kaffeepausen miteinander. Ihr Büro, zugleich der Aufenthaltsraum, ist spartanisch eingerichtet: zwei Schreibtische, eine Liege, zwei Meißner Teller an der Wand. Das Befahrungsbuch, begonnen am 1. Juni 1950 nach Rückgabe der Manufaktur durch die Sowjetunion, offenbart eine illustre Besucherschar: Berginspektoren, Parteisekretäre, LPG-Vorsitzende und immer wieder auch Reporter, auch aus dem NSW, dem nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet. Damals erwirtschaftete Meißen begehrte Devisen für die chronisch klamme DDR. Heute können gelegentlich auch Kunden das Bergwerk besichtigen. Ein Gruß aus jüngerer Zeit lautet: „Vom Kohlenpott aus Essen zum Porzellanpott nach Meißen!“

A nders als bei der Kohle machen sie sich in Meißen um die Zukunft keine Sorgen. Zwar hat die Manufaktur – die sich als Handelsmarke mit Doppel-S schreibt, also „Meissen“ – nach den Boomjahren in den Neunzigern zu kämpfen. Sie beschäftigt heute noch ein Drittel der einst 1800 Mitarbeiter, ist aber nach wie vor eine der größten Porzellanmanufakturen Europas. Nach jüngsten Ausflügen zu Möbeln, Kleidung und Schmuck legt die neue Führung des Hauses, das seit seiner Gründung dem Land Sachsen gehört, den Fokus wieder aufs Porzellan. Dazu zählen sowohl Tafelgeschirr als auch Kunst.

Aufgehoben: Dieter Rost hütet das Formen-Archiv der Porzellanmanufaktur.
Geformt: Gerd Rumberger bossiert eine Pfauen-Figur.
Mustergültig: Eine Porzellanmalerin bemalt eine Vase.

Porzellan sei international wieder im Aufwind, sagt Georg Nussdorfer, der vor zwei Jahren von Swarovski zu Meißen kam. „Wir spüren eine Renaissance der Branche, auch weil jüngere Zielgruppen wieder mehr wert auf Nachhaltigkeit und Tradition legen.“ Meißen hat mehr als 700.000 Formen aus 300 Jahren im Archiv, es ist der größte Bestand der Welt - und ein Schatz, mit dem die Manufaktur wuchern kann, den sie immer wieder neu auflegt und interpretiert.

Die Basis für das Porzellan mit dem Markenzeichen der gekreuzten Schwerter aber ist und bleibt das Seilitzer Kaolin. Einmal im Jahr fahren große Lastwagen vor und holen die Abbaumenge, rund 150 Tonnen, auf einmal ab. Sie werden in der Manufaktur gebunkert. Doch letztlich gelangen nur 25 Prozent davon überhaupt in die Porzellanherstellung. Zuvor wird das Kaolin gewaschen oder geschlämmt, wie sie hier sagen: Der Masse wird etwas Quarz entzogen und Feldspat zugegeben, was Reinheitsgrad und Weiße noch steigert. Die Schlämmbecken im Keller tragen Jahreszahlen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Manufaktur von der Albrechtsburg hinunter ins Triebischtal in eigene Gebäude zog. Über mehrere Becken hinweg werden nur feinste weiße Kaolinpartikel abgeschöpft, schließlich gepresst und bei 90 Prozent Luftfeuchte gelagert. Für filigrane Plastiken etwa muss die Masse gut ein Dreivierteljahr ziehen, ehe sie in die Hände der Porzellankünstler gelangt.

Die Lagerstätte in Seilitz reicht noch etwa für fünf Jahre. Doch die Manufaktur hat vorgesorgt und vor langer Zeit ganz in der Nähe ein Grundstück mit einem zweiten großen Vorkommen erworben. Vorerst arbeiten sich die Seilitzer Kumpel weiter vor, jeden Tag rund einen Meter. Zu ihren gefährlichsten Aufgaben gehört es, aufgegebene Stollen kontrolliert zum Einsturz zu bringen. Es ist die einzige Arbeit, die sie ausschließlich zu zweit erledigen: Mit einer Seilwinde entfernen sie einzelne Stützhölzer, so dass die Stollen nach und nach in sich zusammensacken. Das ist auch der Grund, warum die früheren Sohlen nicht mehr begehbar sind und über dem heutigen Abbaugebiet eine Setzungsmulde entstanden ist.

Fünf Jahre noch unter Tage – dann wird Steffen Gottschling in Rente gehen. Andreas Kawka aber freut sich schon heute darauf, den neuen Bergbau mit aufschließen zu können.

Bedeckt: Ein Mitarbeiter glasiert in der Manufaktur die Porzellanfiguren.
03.06.2019
Quelle: F.A.Z. Magazin