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Natur auf dem Dach

Alles Grüne kommt von oben

Von Rainer Müller
 - 13:10
Die Initiative „Hilldegarden“ will einen Stadtpark errichten

Auch für Hamburger Verhältnisse ist das hier eine besonders „maritime“ Lage: Mitten in der Hafencity, Blick auf die historische Speicherstadt am Kai eines alten Hafenbeckens, also direkt am Wasser gelegen. Vor eineinhalb Jahren wurden die „Elbarkaden“ eröffnet, ein 200 Meter langes Gebäude, das mit seiner Architektur die Verbindung zwischen Alt und Neu in der Hafencity herstellt. Greenpeace hat hier seine Deutschland-Zentrale, dazu kommen Gewerbe, Gastronomie und Wohnungen. Markenzeichen und Namensgeber ist der Arkadengang, eine überdachte Promenade am Wasser. Spaziergängern und Restaurantgästen im Erdgeschoss bietet er Schutz - den Bewohnern darüber dient das Arkadendach als begrünte Terrasse mit privatem Zugang.

„Gartenwohnen in der Hafencity, das gibt es nur hier“, preist Projektentwickler Georg Nunnemann von Garbe Immobilien das „Alleinstellungsmerkmal“ der Wohnungen. Nicht nur auf der Arkade, auch auf dem Flachdach des Siebengeschossers finden sich Grünflächen für die Bewohner. Überhaupt setzen Garbe und andere Projektentwickler oder Bauherren immer häufiger auf Gründächer - sei es aus Überzeugung, sei es, weil viele Bebauungspläne heute Gründächer für Neubauprojekte vorschreiben.

„Gründächer sind richtige Alleskönner“, ist Hanna Bornholdt überzeugt. „An heißen Sommertagen kühlen sie die Umgebung ab, bei Regen entlasten sie die Kanalisation, und sie tragen zur Naturvielfalt und Biotopvernetzung bei“, listet die Landschaftsarchitektin die Vorteile auf. „Und nicht zuletzt sparen Gründächer Kosten im Unterhalt.“ Viele Städte fördern daher Gründächer. Auch Hamburg hat eine Gründachstrategie verabschiedet und ein Förderprogramm aufgelegt. Hanna Bornholdt ist Projektleiterin dieser Gründachstrategie beim Amt für Landschaftsplanung und Stadtgrün.

Bis zu 60 Prozent der zusätzlichen Baukosten können Bauherren als Zuschuss beantragen. Gefördert werden Neu- und Umbauten, ob als begehbarer Dachgarten mit Rasen, Bäumchen und Sträuchern oder als einfaches, „extensiv“ mit Moosen und Mauerpfeffer bepflanztes Garagendach. Die Bandbreite ist groß und entsprechend verschieden sind Kosten, statische Belastung, Pflegeintensität und Energieersparnis.

Massive Entlastung der Entwässerungssysteme

Mit 17 Euro den Quadratmeter für die einfacheren Varianten rechnet Carsten Wiese, Geschäftsführer der Hamburger Gartenbaufirma Hartwig Zeidler, die das Gründach für die Elbarkaden beigesteuert hat. Bei der intensiven Variante eines begehbaren Dachgartens sind es schon 60 Euro je Quadratmeter. Hinzu kommen in dem Fall die höheren Baukosten eines entsprechend stabilen Betonunterbaus.

Ob der Mehraufwand für Investoren lohnt, müssen diese entscheiden. Für das Klima vor Ort und die Umwelt ist der Nutzen in jedem Fall groß. Grundstückseigentümer sparen für ihre als „teilversiegelt“ klassifizierten Flächen die Hälfte der Abwassergebühr. Die Begrünung wirkt zudem dämmend und vermindert Witterungseinflüsse und UV-Strahlung - was sich günstig auf die Heizkosten und auf die Lebensdauer der Dächer auswirkt. In Frage kommen nicht nur Flachdächer auf Neubauten, sondern auch leicht geneigte Pult- und Satteldächer. Vielfach lassen sich auch Bestandsbauten nachrüsten und extensive Begrünung mit Photovoltaikanlagen kombinieren.

Aus städtischer Sicht besonders interessant: Neue Gründächer können durchschnittlich 60 Prozent des Regenwassers zurückhalten und so die Entwässerungssysteme massiv entlasten. Schätzungen in Hamburg gehen von einem zweistelligen Milliardenbetrag aus, der nötig wäre, um die Kanalisation so umzubauen, dass sie mit „Starkregenereignissen“ fertig wird, die immer häufiger auftreten. Zuletzt standen Anfang Mai ganze Straßenzüge unter Wasser, weil die Kanalisation mit den Wassermassen nicht zurechtkam, die Orkantief „Zoran“ über Norddeutschland abregnete.

In anderen Städten spielen andere Faktoren eine größere Rolle. Stuttgart etwa, das wegen seiner Kessellage oft unter einer Hitzeglocke liegt, setzt auf Gründächer zur Abkühlung des Mikroklimas. Auch in Hamburg gibt es „Wärmeinseln“, dicht bebaute Stadtteile, in denen sich Beton und Asphalt aufheizen und wie solare Kachelöfen wirken. Gerade innenstadtnahe Wohnviertel könnten von zusätzlichen Grünflächen profitieren. Realisieren lassen sich diese am ehesten auf Hausdächern. Das Vorbild Stuttgart gilt als deutsche „Gründachhauptstadt“: 10 Prozent der dortigen Dachflächen sind begrünt. Auch Berlin, Bremen, Hannover und andere Städte sind „oben rum“ grün. Hamburg hat da noch Nachholbedarf. Nur 0,8 der 65 Quadratkilometer Dachflächen sind derzeit Gründächer - nicht mal 1 Prozent.

„Hilldegarden“ soll zum Leuchtturmprojekt werden

Umso größer ist das Potential. In der Gründachstrategie wird für die kommenden fünf Jahre gut ein Quadratkilometer zusätzlicher Gründachflächen angepeilt, davon fast die Hälfte im boomenden Wohnungsbau. Hamburg hat sich das Ziel gesetzt, deutlich mehr Dächer zu begrünen. Mit der Gründachstrategie erschließt die Stadt zugleich neue Freizeit- und Sport- flächen. So wie der Spielplatz und das Gemeinschaftsgrün für die Bewohner der Elbarkaden oder - ganz in der Nähe - das begehbare Gründach mit Gartenmöbeln für die Angestellten der Unilever-Zentrale.

Erste Baugemeinschaften planen nun für nächstes Jahr sogar gemeinschaftliche Dachgärten mit Obst- und Gemüsebeeten in zwei Neubauten der Hafencity. Quasi die „Premium-Variante“ der alternativen Urban-Gardening-Projekte in Szenestadtteilen wie St. Pauli und Ottensen. Das Kulturzentrum „Motte“ im kleinteiligen Ottensen etwa betreibt einen Nachbarschaftsgarten mit Hühnerhof hinter einer alten Schokoladenfabrik - und will jetzt blütentragende Pflanzen und Bienenstöcke auf das Fabrikdach setzen. In St. Pauli gibt es seit ein paar Jahren das „Gartendeck“ auf dem Dach einer Tiefgarage. In Kisten und auf Hochbeeten ziehen hier Anwohner Tomaten, Bohnen und Kräuter, ernten und kochen gemeinsam.

Geht es nach den Plänen einer anderen Initiative aus dem Stadtteil, könnte St. Pauli demnächst sogar ein besonders spektakuläres Gründach bekommen: Auf einem alten Flakbunker neben dem Fußballstadion des FC St. Pauli soll ein „Stadtgarten“ entstehen, ein Park mit Bäumen, Urban Gardening, einem Amphitheater - und phantastischer Aussicht aus 40 Metern Höhe. Unter dem Namen „Hilldegarden“ hat das Vorhaben für Furore gesorgt. Noch diesen Sommer soll der Bauantrag gestellt und möglichst noch in diesem Jahr mit dem Umbau begonnen werden. Für die städtische Gründachstrategin Hanna Bornholdt ein „Leuchtturmprojekt, das wir sehr begrüßen würden“.

Hamburg wie viele andere Städte wächst, und am Boden wird es eng. Auch deshalb werden Dachflächen interessant. „Grün- und Erholungsflächen geraten unter Druck“, sagt Landschaftsplanerin Bornholdt. Ursprünglich am Stadtrand angelegte Kleingartenkolonien liegen längst im Stadtinneren - und müssen heute oftmals Wohnbebauung weichen. Klassische Baulücken werden knapp, und auch bebaubare Industriebrachen sind begrenzt. Selbst Grünflächen und städtische Parks werden „immer häufiger angeknabbert“, formuliert Bornholdt.

Auch Grün- und Erholungsflächen müssen ausgebaut werden

Um mit dem Zuzug nach Hamburg fertig zu werden und den enorm gestiegenen Mietpreisen entgegenzuwirken, hat der Wohnungsbau in Hamburg seit einigen Jahren Priorität. Die politische Marschroute lautet: 6000 neue Wohnungen jedes Jahr. Alle Bezirke müssen sich daran beteiligen und entsprechend Flächen ausweisen. Auch in den bereits hochverdichteten „Wärmeinseln“ wird nun gebaut - und sei es auf Kosten vorhandener Grünanlagen wie dem Alten Elbpark. Der Park oberhalb der berühmten Landungsbrücken ist eine der wenigen Grünflächen für die Stadtteile St. Pauli und Neustadt.

Die Stadt stellt dem Projektentwickler Euroland 285 Quadratmeter des Parks zur Verfügung und vergrößert dadurch die bebaubare Fläche so, dass Euroland 50 Wohnungen errichten kann. Der neue Bebauungsplan schreibt als Ausgleich für Versiegelung und Baumfällungen präzise vor, wie die Dachbegrünung des sechsgeschossigen Gebäudes beschaffen sein muss. Zahlreiche Anwohner protestierten vergeblich gegen den Verlust.

Andy Grote, Leiter des Bezirksamts Hamburg-Mitte, sagt: „Grundsätzlich ist es gerade bei zunehmender Verdichtung und viel neuem Wohnungsbau zwingend notwendig, auch die Grün- und Erholungsflächen zu fördern und auszubauen.“ Dass seine Bauverwaltung den Baubauungsplan jetzt so geändert hat, dass das Gegenteil geschieht, sei „eine absolute Ausnahme“.

Konflikte wie dieser werden in Zukunft zunehmen. Hamburg plant in den kommenden Jahren Zehntausende Wohnungen, insbesondere im Osten und Süden der Stadt. In Visualisierungen haben die städtischen Planer schon mal modellhaft große Neubauten mit grünen Dächern und Fassaden eingefügt.

Quelle: F.A.S.
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