Das „Marine One“ in Singapur. Im Inneren wächst ein Dschungel.

Großstadtdschungel

Das „Marine One“ in Singapur. Im Inneren wächst ein Dschungel. Foto: ingenhoven architects / HGEsch

Wie wäre es, wenn man nicht mehr hinausfahren müsste aus der Stadt, um im Garten zu sitzen oder im Wald zu spazieren? Architekten arbeiten an neuen, revolutionären Konzepten, unsere Städte grüner – und zugleich urbaner – zu gestalten. So wachsen die hängenden Gärten der Neuzeit.

11. Juni 2020
Text: CLAUDIUS SEIDL

Unter den vielen schlechten und schädlichen Angewohnheiten, die der moderne Mensch hat und nicht loswird, ist diese hier eine der schädlichsten: Der Mensch, zumal wenn er in der Stadt lebt, hat eine ununterdrückbare Sehnsucht nach frischer Luft. Er will raus, ins Freie, ins Offene; er will Bäume sehen und den Himmel über sich. Er will sich von der Sonne wärmen, vom Wind durchlüften lassen. Er will im Freien sitzen oder liegen, dabei träumen oder sprechen, und das Essen, findet er, schmeckt draußen auch viel besser. Und seit die Tage und Nächte wärmer und die Sommer länger geworden sind dank des Klimawandels, ist die Sehnsucht noch gestiegen.  

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Es gibt, im Prinzip, zwei Wege, diese Sehnsucht zu stillen – und beide führen in die Irre. Man kann, erstens, seine Wohnung in der Stadt behalten und schauen, dass man oft genug hinausfährt, in die Wälder, zu den Seen, was, wo die Wege kurz sind, mit dem Fahrrad geht. Aber je größer die Stadt ist, in der man sich eingesperrt fühlt, desto weiter sind die Wege hinaus, auf welchen dann die Ausflügler im Stau stehen, die Luft verpesten, den eigenen Stress vergrößern; und wenn sie, vorbei an den riesigen Flächen der industriellen Landwirtschaft, endlich angekommen sind an dem See oder auf der Wiese, die ihnen das sogenannte Naturerlebnis versprechen, zerstören sie durch ihre schiere Masse genau das, was sie eigentlich hier herausgelockt hat.  

Wenn es also keine so gute Idee ist, dass es die Städter ständig hinaus ins Grüne zieht, dann muss womöglich das Grüne hineinkommen in die Städte.
Wenn es also keine so gute Idee ist, dass es die Städter ständig hinaus ins Grüne zieht, dann muss womöglich das Grüne hineinkommen in die Städte. Foto: Boeri Studio / Laura Cionci
Wenn es also keine so gute Idee ist, dass es die Städter ständig hinaus ins Grüne zieht, dann muss womöglich das Grüne hineinkommen in die Städte. Foto: Boeri Studio / Laura Cionci

Die andere, noch schlimmere Variante ist die, dass der Städter gleich nach draußen zieht. Dass er also am Rand der Stadt oder in deren sogenanntem Speckgürtel sich ein Haus bauen lässt, was, selbst wenn er Erdwärme nutzt und Solarzellen aufs Dach legt, allein schon wegen des Bauens selbst ein extrem schmutziger Vorgang ist. Und weil halt noch mehr Land versiegelt wird. Und dann stellt der Hausbesitzer sich auf seine Terrasse ein paar sogenannte Lounge-Möbel, schaut seiner Hecke, die ihn vor dem Anblick des Nachbarhauses, das genau wie seines aussieht, schützen soll, beim Wachsen zu, wirft seinen Grill an, wünscht sich einen größeren Garten und einen größeren Grill und wundert sich, warum auch an schönen Tagen kein ferienhaftes Naturgefühl aufkommt. Sondern nur der Horror vor dem Stau am nächsten Morgen, wenn er eine Dreiviertelstunde im Auto hockt auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz.  

Die Vision sind Häuser, die nicht mehr gebaut werden, sondern wachsen, wenn sie gut gegossen und gedüngt werden, Häuser, deren Wände, Böden und Dächer aus lebenden Pflanzen bestehen. So weit sind wir aber noch nicht.

Wenn es also keine so gute Idee ist, dass es die Städter ständig hinaus ins Grüne zieht, dann muss womöglich das Grüne hineinkommen in die Städte. Dann muss es da drinnen, zwischen den Mauern und Straßen, mehr geben als nur ein paar Parks und die Bäume am Straßenrand. Dann braucht es Bäume, Sträucher, Blumen, Gräser in solchen Mengen, dass wir unsere Städte nicht wiedererkennen werden. Nicht bloß ein bisschen „Guerrilla Gardening“ auf verwahrlosten Verkehrsinseln. Nicht bloß bepflanzte Balkons und begrünte Dachterrassen. Sondern eine Architektur und Stadtplanung, die beim Bauen und Umbauen das Grün nicht bloß als Schmuck und Sichtschutz zwischen den Steinen und dem Beton plaziert. Sondern die Bäume, Sträucher, ganze Pflanzungen schon in die Pläne integriert. Die womöglich sogar Wände und Mauern wachsen lässt, statt sie aus Beton zu gießen. Und die auf diese Weise die Grenze zwischen Innen und Außen neu zieht und immer wieder verschwinden lässt: „Hortitecture“ (ein Kunstwort aus hortus, Garten, und Architektur) ist der Begriff, den Almut Grüntuch-Ernst dafür geprägt hat, die Berliner Architektin, die an der TU Braunschweig zum Thema forscht und lehrt. Und einen Sammelband mit ersten Beispielen und Forschungsergebnissen herausgegeben hat.

Stefano Boeris zwei Türme in Mailand („Bosco Verticale“) sind die Gründungsbauten der „Hortitecture.
Stefano Boeris zwei Türme in Mailand („Bosco Verticale“) sind die Gründungsbauten der „Hortitecture. Foto: Boeri Studio /.Dimitar Harizanov
Stefano Boeris zwei Türme in Mailand („Bosco Verticale“) sind die Gründungsbauten der „Hortitecture. Foto: Boeri Studio /.Dimitar Harizanov

Hortitecture ist, einerseits, eine ökologische Notwendigkeit: nicht nur wegen der langen Wege, des Pendelns, das dadurch eingeschränkt oder vielleicht ganz abgeschafft würde, sondern auch weil jede Tonne Beton, die nicht verbaut wird, gut fürs Klima ist. Und Hortitecture könnte das Versprechen auf lebenswertere, menschenfreundlichere Städte sein. Die Gründungsbauten dieser Architektur stehen in Mailand und sind weltbekannt, zumindest unter Architekturexperten. Es sind die Zwillingshochhäuser von Stefano Boeri, „Bosco Verticale“, also senkrechter Wald genannt, zwei Türme, achtzig und hundertzehn Meter hoch, deren Fassaden aus Bäumen bestehen, drei bis neun Meter hoch, die auf Balkons und Terrassen gepflanzt sind und nicht einfach als Schmuckelemente dem Haus einen naturnahen Anschein geben. Vielmehr regulieren die Pflanzen, deren Laub im Sommer das Licht abschirmt und deren kahle Zweige es im Winter durchscheinen lassen, die Temperatur und das Klima in den Wohnungen; sie binden das Kohlendioxid, dämpfen den Lärm der Stadt, speichern Feuchtigkeit. Und, darauf weist Almut Grüntuch-Ernst immer wieder hin: Der Boden, auf dem das Haus steht, wird zwar versiegelt – aber durch die bepflanzten Balkone und Terrassen wird die Versiegelung nicht bloß neutralisiert, sondern gewissermaßen in ihr Gegenteil verkehrt: Die unversiegelte, bewachsene und bepflanzte Fläche hat sich vergrößert.

Und wer davorsteht, vor dem „Bosco Verticale“, der sieht da Größe und Erhabenheit. Was insofern wichtig ist, als man ja gegen die Hortitecture einwenden könnte, das sei ein Projekt zur Verniedlichung unserer Wohnquartiere, ja zur Enturbanisierung der Stadt. Und genau das ist ja auch der Eindruck, wenn man durch die jüngeren Viertel unserer Großstädte spaziert, wo jede freie Ecke von sogenannten Guerrillagärtnern mit Blümchen und Gräsern bepflanzt worden ist. Wenn ihr etwas gegen steinerne Städte habt, möchte man da sagen, dann zieht halt möglichst weit raus, aufs Land, wo ihr euren eigenen Kohl züchten könnt. Denn das Wesen der Stadt ist doch, dass sie Menschenwerk ist, Nichtnatur, Zivilisation, Künstlichkeit. Das Terrain, das der Mensch sich selbst als Habitat geschaffen hat, um der Natur nicht länger ausgeliefert zu sein. Was hier wachsen soll, ist doch nicht pflanzliches, sondern gesellschaftliches Leben.

Die Pflanzen in ihrer dreidimensionalen Konkretheit, mit ihrer Ortsgebundenheit und der Langsamkeit des Wachstums sind womöglich das perfekte Antidot zur Virtualität und zur Ortlosigkeit der Arbeit am Computerbildschirm.

Stimmt schon, ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn erstens weisen Ökologen seit langem darauf hin, dass selbst unter den heutigen Bedingungen nicht nur die menschliche, sondern auch die pflanzliche und tierische Artenvielfalt in den Städten viel größer ist als auf dem Land, wo Monokultur vorherrscht, wogegen in den Städten die Vielfalt ihre Nischen findet. Und zweitens ist eben auch der Garten ein menschengemachtes Ding, die zivilisierte Form des Pflanzenwachstums – und recht eigentlich ein städtisches Phänomen: Als die ersten Städte gegründet wurden in Mesopotamien, waren draußen Wüste, Steppe, allenfalls bewässertes Ackerland. Und drinnen, hinter den Mauern, pflegten die Menschen ihre Gärten: als irdische Vorformen des Paradieses. Wir wissen nicht viel über die Hängenden Gärten von Babylon. Aber wir wissen, dass, wenn es sie gab, sie nicht niedlich oder dörflich waren, sondern ein Weltwunder.

Und genau darum geht es auch heute: Wunderwerke zu schaffen, nie gesehene Stadtlandschaften zu entwerfen, die hängenden Gärten der Antike zu übertreffen. Was da gerade geschehe, sei eine Revolution des Bauens, vergleichbar der Revolution im späten neunzehnten Jahrhundert, als Stahl, Beton, industriell gefertigte Teile und die Erfindung des Aufzugs das alte Handwerk des Bauens veränderten, glaubt Armand Grüntuch, Ehemann und Partner von Almut Grüntuch-Ernst.

Der Entwurf von Ferdinand Ludwig und Daniel Schönle für ein „Haus der Zukunft“
Der Entwurf von Ferdinand Ludwig und Daniel Schönle für ein „Haus der Zukunft“ Foto: ludwig.schönle

Es ist Hightech und allerarchaischstes Handwerk zugleich; in Indien beherrscht man seit Jahrhunderten die Technik, Brücken aus den Wurzeln von Gummibäumen wachsen zu lassen, und in Deutschland arbeiten die Architekten Ferdinand Ludwig und Daniel Schönle an dem Projekt, lebendes und unbelebtes Material so zu verbinden, dass die Pflanzen tragende Funktionen eines Bauwerks übernehmen können. Seit mehr als zehn Jahren stellen Ludwig und Schönle erst einmal Gerüste auf, an denen entlang dann die Pflanzen in die Höhe wachsen können, was naturgemäß ein langwieriger und offener Prozess ist: Man sieht einem Haus beim Wachsen zu. Zum Architekturwettbewerb für ein Berliner „Haus der Zukunft“ (woraus dann das inzwischen eröffnete und ein wenig enttäuschende Futurium wurde) reichten sie einen Entwurf ein, der einen harten, steinernen Kern vorsah. Und drum herum eine zweite, bepflanzte Struktur, welche nicht nur, bei angenehmen Temperaturen jedenfalls, die Trennung zwischen Innen und Außen aufgehoben, die Klimaanlage ersetzt, die Luft gereinigt hätte. Sondern auch weil sich das Wachstum von Pflanzen nur bedingt steuern und kontrollieren lässt, was das Offene der Zukunft anschaulich gemacht hätte. Ein Haus, das wie die Zukunft niemals abgeschlossen sein würde. Leider war das nur der dritte Preis; gewonnen hat ein Entwurf im gut abgehangenen und bewährten modernistischen Stil.

Und genau das ist das Gebiet, wo die Hortitecture schon am weitesten ist: in der Sphäre zwischen Drinnen und Draußen. Als neulich bekannt wurde, dass es Forschern gelungen sei, das Alphabet des Lebens um ein paar neue Buchstaben zu erweitern, dass eine DNA also nicht nur aus den Buchstaben A, C, G und T bestehen muss – da versprachen die kühneren unter den damit befassten Wissenschaftlern, dass es bald schon möglich sein werde, biologisches Material so zu programmieren, dass es sich zu Mauern, Brücken, ganzen Häusern formen würde. Vorerst aber bleibt es, was die Konstruktion ganzer Gebäude angeht, beim baubotanisch Möglichen: Man kann so einen Pavillon wachsen lassen, ein Dach, eine Wand. Ein ganzes Haus, in dem man sich vor mitteleuropäischen Wintern verstecken kann, das geht noch nicht.

Dafür blüht eine neue Fassadenarchitektur – und zwar im Wortsinn, wie Almut Grüntuch-Ernst betont: Architekten müssen jetzt lernen, wie welche Pflanzen wachsen, wenn sie in Betonwannen stehen, die vierzig oder fünfzig Meter über der Erde hängen; sie müssen die Vegetationszyklen studieren, die Blüte und die Zeit, in der kein Laub wächst, einbeziehen in ihre Planungen: was nicht nur ein ästhetisches Problem ist, das aber auch. So ein vertikaler Wald ist von weitem sichtbar und wird als Teil des Stadt wahrgenommen; und insofern ist die ästhetische Verantwortung des Architekten gegenüber der Allgemeinheit genauso groß, wie wenn er einfach eine Fassade entwürfe.

Die Biologin Alina Schick forscht an Bäumen, die horizontal wachsen.
Die Biologin Alina Schick forscht an Bäumen, die horizontal wachsen. Foto: Visioverdis GmbH

Es ist klar, dass solche vertikalen Pflanzungen nur als Gemeineigentum funktionieren. Welche Pflanzen und Sträucher dort gut wachsen, welche zur richtigen Zeit ihre Blätter verlieren und das Sonnenlicht durchlassen, welche am besten die Luft filtern und Schatten spenden in der Sommerhitze, das muss, bevor die Arbeit überhaupt losgeht, so genau erforscht werden, dass nicht einfach jeder Wohnungseigentümer den Plan ändern kann, bloß weil er lieber Hortensien vor dem Wohnzimmerfenster hätte. Die Biologin Alina Schick experimentiert schon mit Bäumen und Sträuchern, die waagrecht aus der Fassade wachsen, was ökologisch ganz gut und ästhetisch extrem reizvoll wäre. Der Trick ist, die Pflanze um ihre eigene Achse rotieren zu lassen; sonst wüchse sie nach oben, zur Sonne.

In Paris, auf einer Ödfläche neben dem Boulevard périphérique, nahe der Porte de Montreuil, wird man demnächst ein ganz neues Verhältnis von Wildwuchs und Hightech beobachten können. Hier gibt es nämlich einen Flohmarkt, wo vor allem Migranten aus Afrika ihre Geschäfte abwickeln, einen Ort also, der existentielle Bedürfnisse erfüllt und nicht nur gelangweilten Bewohnern der besseren Viertel zum Wochenendvergnügen dient. Dieser Ort soll jetzt bebaut werden – wobei das Erdgeschoss frei bleiben wird, damit der Flohmarkt weiterbetrieben werden kann. Und auf den terrassenförmig angeordneten Dächern wird ein Garten angelegt, fast schon ein kleiner Park, so dass der soziale Wildwuchs und die zum Garten zivilisierte Natur eine schöne Spannung ergeben. Und nebenbei verweist dieses Projekt darauf, was die langfristige Perspektive der Hortitecture sein könnte: nicht die Verdörflichung der Stadt, sondern das genaue Gegenteil, eine Stadt, die auch in der dritten Dimension zugänglich und erfahrbar wird, eine Stadt, die, wenn man die Pflanzungen auf den Dächern nur mit Brücken und Treppen verbindet, hoch oben, im siebten oder fünfzehnten Stock, den Spaziergang im Grünen bietet, während weiter unten gearbeitet oder gewohnt wird.

Die Blumentopfhäuser in Ho-Tschi-Minh-Stadt von Vo Trong Nghia
Die Blumentopfhäuser in Ho-Tschi-Minh-Stadt von Vo Trong Nghia Foto: Hiroyuki Oki

Pflanzen seien gut für die Seele, sagt der vietnamesische Architekt Vo Trong Nghia, und so hat er in Ho-Tschi-Minh-Stadt, dem ehemaligen Saigon, wo es so wenig öffentliches Grün wie nirgendwo sonst gibt, ein paar Häuser gebaut, die wie riesige Blumentöpfe funktionieren: schlichte Quader mit einer einfachen Holzfassade, zwei Stockwerke, und aus dem dritten wächst ein Feigenbaum. Der riecht nicht nur gut, spendet Schatten und sorgt für ein angenehmes Mikroklima. Er soll auch gut sein für jene Depressionspatienten, die in die Häuser eingezogen sind und die beim Pflegen der Bäume wieder neue seelische Kraft schöpfen sollen.

Entwurf für den Balluff-Campus von Grüntuch-Ernst
Entwurf für den Balluff-Campus von Grüntuch-Ernst Foto: Balluff Standort 2022, Grüntuch Ernst Architekten

Pflanzen seien extrem gut für den Kopf, sagt auch Almut Grüntuch-Ernst und empfiehlt die moderne Gartenarchitektur, die Pflanzen in ihrer analogen Dreidimensionalität, ihrem langsamen Wachsen und den gemächlichen Vegetationszyklen, ihrer Unverrückbarkeit und Ortsgebundenheit als Gegengift zur Virtualität, zur Körper- und Ortlosigkeit der Arbeit an den Computerbildschirmen. Und so hat ihr Büro die Entwürfe für einen neuen sogenannten Campus der Hightech-Firma Balluff in Neuhausen bei Stuttgart quasi als Inversion der üblichen Innen-Außen-Verhältnisse angelegt. Es wird sehr große, relativ flache Gebäude geben – und darin, wie Zimmer, in die man durch eine Tür geht, Außenräume mit Pflanzen, Sträuchern und dem offenen Himmel darüber für all die Angestellten, die frische Luft für neue Gedanken brauchen.

Bislang ist Hortitecture vor allem das Projekt für Baulücken, Brachflächen, freie Räume in der Stadt, die man bebauen und doch nicht versiegeln möchte. Und es ist, wie das Christoph Ingenhovens gewaltiges Hochhausprojekt „Marina One“ in der Innenstadt von Singapur zeigt, eine Methode, wie man alle kommerziellen Ansprüche an so eine Anlage befriedigt – und trotzdem in den Atrien, auf Terrassen und Balkonen mehr bepflanzte Fläche schafft, als durch das Bauen verlorengegangen ist. Von außen sieht man fast nur Stahl und Glas. Innen wächst kein vertikaler Wald – es ist fast schon ein vertikaler Dschungel.

Das Projekt „Mille Arbres“ in Paris
Das Projekt „Mille Arbres“ in Paris Foto: Sou Fujimoto Architects + Manal Rachdi Architects – Compagnie de Phalsbourg + OGIC – Morph
Das Projekt „Mille Arbres“ in Paris Foto: Sou Fujimoto Architects + Manal Rachdi Architects – Compagnie de Phalsbourg + OGIC – Morph

Und mit jedem dieser Häuser und Ensembles wachsen nicht nur die Pflanzen; es wächst zugleich auch das Wissen darüber, wie diese neue Balance aus Architektur und Gartenbau am besten funktioniert. Dass Innen und Außen keine fest gegeneinander abgegrenzten Räume sein müssen, das war schon das Versprechen der Architektur im klassischen Griechenland mit ihren Säulengängen und offenen Hallen. Dass der beste Ort für geistige Aktivität, für Gespräche, fürs Nachdenken, fürs Lehren und Lernen nicht ein Zimmer, sondern ein Hain sei, ist allerältestes abendländisches Wissen.

Wenn das Prinzip der Hortitektur nur konsequent angewendet wird, dann regredieren unsere Städte nicht ins Dörfliche, sondern gewinnen eine neue Dimension. Es wird hängende Gärten geben und himmlische Haine.

Wenn die Hortitecture jetzt langsam populär wird, wenn sich dabei Häuser in Gärten, Pflanzen in Wände, Dächer in Parks verwandeln, dann wird das nicht die Regression des urbanen Lebens zu ländlicher Schlichtheit und bäuerlicher Einfachheit sein, sondern das genaue Gegenteil. Mehr Vielfalt, mehr Zivilisiertheit. Und bessere Luft und ein Klima, dem damit geholfen ist.

Und so könnte, wenn nur konsequent alle Brachen und Ödflächen mit Hortitecture bebaut werden, tatsächlich ein urbanes Wunder geschehen: dass unsere Städte viel grüner werden und dichter zugleich. Es gäbe Platz genug auch für private Gärten, wo der Mensch mit seiner Hortensie oder seinen Gästen allein sein kann; es sind, etwa auf den Dächern von Industrieanlagen, ganze Schrebergartensiedlungen denkbar, mit einer Aussicht, wie es sie früher nie gab. So erfüllt sich das Vergnügen, draußen zu sein, ganz ohne Pendlerschmutz und Autoschlangen. Nur den Grill, wenn er unbedingt dabei sein muss, wird man wohl mit Solarenergie befeuern.

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11.06.2020
Quelle: F.A.Z. Quarterly